Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 11 - Das Grablied
Transcript
- 0:00Unterkapitel 11 das Grablied in diesem Abschnitt des Buches
- 0:05nimmt uns Zarathustra mit auf eine seelische Reise in seine
- 0:08eigene Vergangenheit. Die Szene beginnt damit, dass
- 0:12Zarathustra über das Meer fährt, sein Ziel ist die sogenannte
- 0:15Gräberinsel, eine Stille und schweigende Insel, dorthin
- 0:19möchte er einen immergrünen Kranz bringen, der das Leben
- 0:21symbolisiert. Diese Gräberinsel ist jedoch
- 0:24kein echter Friedhof aus Steinen und Erde, sie ist ein starkes
- 0:28inneres Bild. Auf dieser Insel liegen die
- 0:31Gräber seiner Jugend begraben. Das bedeutet, hier ruhen seine
- 0:35alten Träume, seine frühen Hoffnungen, seine jugendlichen
- 0:38Visionen und seine ersten reinen Ideale.
- 0:42Zarathustra spricht diese Erinnerungen direkt an, er nennt
- 0:45sie seine göttlichen Blicke und seine geliebten Toten, er
- 0:49trauert sehr tief darum, dass diese wunderbaren bunten und
- 0:53wildgewachsenen Träume seiner Jugend so schnell sterben
- 0:56mussten. Gleichzeitig spürt er aber auch
- 0:59einen süßen, tröstenden Geruch von diesen Gräbern aufsteigen,
- 1:03obwohl er diese Ideale verloren hat, nennt er sich selbst den
- 1:06reichsten und beneidenswertesten Menschen.
- 1:09Er war zwar sehr einsam, aber er ist reich, weil er diese
- 1:13wunderschönen Gefühle und Hoffnungen überhaupt einmal
- 1:16besitzen durfte, er sieht sich als den Erben dieser vergangenen
- 1:19Liebe, doch dann ändert sich die Stimmung des Liedes aus der
- 1:24wehmütigen Trauer wird plötzlich eine bittere Anklage.
- 1:27Zarathustra wendet sich in seinen Gedanken an seine Feinde.
- 1:31Er wirft ihnen vor, dass sie seine Jugendlichen Träume und
- 1:34Visionen ermordet haben. Wenn Nietzsche hier von Feinden
- 1:38spricht, meint er damit nicht unbedingt bestimmte Menschen mit
- 1:41Namen, er meint damit die harte, oft hässliche Realität der Welt,
- 1:46die strengen gesellschaftlichen Regeln, die herkömmliche Moral
- 1:49und die Engstirnigkeit der breiten Masse der Menschen.
- 1:52Diese äußeren Einflüsse haben zarathustras reine, verletzliche
- 1:56Jugendideale zerstört. Zarathustra beschreibt diese
- 1:59Zerstörung durch seine Feinde sehr ausführlich und nutzt dafür
- 2:02verschiedene eindrückliche Bilder.
- 2:04Er sagt, die Feinde haben ihm seine Singvögel der Hoffnung
- 2:07erwürgt, sie haben genau auf das gezielt, was ihm am heiligsten
- 2:11war, sie haben das Vertrauen und die Reinheit seiner Jugend
- 2:15getroffen. Er erzählt, dass er einst nach
- 2:18glücklichen Zeichen suchte, aber seine Feinde schickten ihm ein
- 2:21unheimliches Eulenungeheuer über den Weg.
- 2:24Das bedeutet, wann immer er nach etwas Gutem und hellem strebte,
- 2:28zeigte ihm die Welt ihre dunkle, deprimierende Seite.
- 2:31Er berichtet, dass er sich vorgenommen hatte, allem
- 2:34ekelhaften aus dem Weg zu gehen, doch die Feinde verwandelten
- 2:38seine Mitmenschen, bildlich gesprochen, in eitrige Beulen,
- 2:42als er wie ein Blinder auf guten Wegen gehen wollte, warfen sie
- 2:45Schmutz auf seinen Weg. Das steht dafür, dass seine
- 2:48positiven Absichten und sein Glaube an das Gute im Menschen
- 2:51immer wieder durch die Boshaftigkeit und Heuchelei der
- 2:54Gesellschaft enttäuscht und beschmutzt wurden.
- 2:57Besonders schmerzt es ihn, dass die Feinde seine Tugenden
- 3:00ausgenutzt haben, wenn er großzügig war und seinen besten
- 3:04Honig verschenkte, schickten sie ihm unverschämte Bettler, wenn
- 3:08er tiefes Mitleid empfand, nutzten das die schamlosen
- 3:11Menschen aus, um ihn auszunutzen, so haben sie seinen
- 3:13Glauben an das Gute fast zerstört.
- 3:16Eines der wichtigsten Bilder in diesem Teil ist der Tanz.
- 3:20Zarathustra sagt, er wollte einst über alle Himmel hinweg
- 3:23tanzen, in Nietzsches Philosophie ist der Tanz ein
- 3:26sehr wichtiges Symbol, tanzen steht für absolute Innere
- 3:30Freiheit, für Leichtigkeit, für geistige Beweglichkeit und für
- 3:34die uneingeschränkte Bejahung des Lebens.
- 3:36Doch genau in dem Moment, als er zum besten Tanz bereit war,
- 3:40überredeten die Feinde seinen liebsten Sänger, ein schauriges,
- 3:43dunkles und trauriges Lied zu spielen.
- 3:46Sie zerstörten seine Lebensfreude mit ihrer eigenen
- 3:48Schwermut und ihrem Pessimismus. Nach all diesen schweren
- 3:52Vorwürfen und dem Rückblick auf diese tiefen Wunden stellt sich
- 3:56Zarathustra eine entscheidende Frage, wie konnte er das alles
- 4:00überhaupt ertragen, wie konnte er diese Schmerzen überstehen,
- 4:04ohne daran zugrunde zu gehen, wie ist seine Seele aus all
- 4:07diesen Gräbern wieder auferstanden?
- 4:09Die Antwort, Die Zarathustra gibt, ist der absolute Höhepunkt
- 4:13dieses Kapitels. Er erkennt, dass es in ihm etwas
- 4:16gibt, das unverwundbar ist und dass man niemals begraben kann.
- 4:21Dieses etwas kann sogar Felsen sprengen, er nennt es seinen
- 4:25Willen, in der Gedankenwelt von Nietzsche ist dieser Wille der
- 4:29sogenannte Wille zur Macht, das ist nicht der Wunsch, andere
- 4:33Menschen politisch zu unterdrücken, es ist vielmehr
- 4:36die grundlegende innere Lebenskraft, es ist der Drang in
- 4:40uns zu wachsen, uns selbst immer wieder neu zu erfinden.
- 4:43Alte Grenzen zu überschreiten und selbst aus dem tiefsten
- 4:47Schmerz noch neue Stärke zu schöpfen.
- 4:50Zarathustra stellt fest, dass dieser Wille schweigend und
- 4:53unverändert durch die Jahre schreitet.
- 4:55Der Wille ist hart und kann nicht verletzt werden, er hat
- 4:59Zarathustra durch all das Leid getragen, mehr noch, in diesem
- 5:03Willen lebt das Unvollendete seiner Jugend weiter, der Wille
- 5:07sitzt voller Hoffnung auf den Trümmern der Vergangenheit.
- 5:10Das Grablied endet also nicht in Verzweiflung, sondern mit einem
- 5:13starken, fast jubelnden Ausruf. Zarathustra preist seinen
- 5:18Willen, er erkennt, dass dieser Wille alle Gräber zertrümmert,
- 5:22er versteht nun, dass Neues nur dort entstehen kann, wo Altes
- 5:26vergangen ist. Nur dort, wo es Gräber gibt,
- 5:29also wo wir schmerzhafte Verluste erlitten und alte
- 5:32Vorstellungen zu Grabe getragen haben, kann es auch eine echte
- 5:35Auferstehung geben. Das Leiden und der Verlust der
- 5:38jugendlichen Naivität waren notwendig, damit sein Wille
- 5:41stärker werden konnte und er geistig neugeboren werden
- 5:44konnte.