Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Ein Brief und Ring von Bono
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- Der Star FM Rock Talk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Willkommen zurück, ich bin Wolfi und ich hoffe, du hast eine gewisse Totenhosen-Affinität, sonst bist du hier definitiv falsch. Wir spielen uns in 10 Folgen durch knapp 45 Jahre Totenhosengeschichte, von den Anfängen mit ZK bis zum letzten regulären Studioalbum. Verrückt, dass diese Band fast so alt ist wie ich. Ich habe nur ein paar Monate mehr. Sprich, die ganz frühen Anfänge habe ich jetzt damals nicht unbedingt live erlebt. Aber sie wurden trotzdem ein früher ständiger Wegbegleiter und bei mir persönlich kam das vor allem durch das Kauf-Mich-Album. Das hatte ich meiner Schwester relativ schnell geklaut, nachdem es draußen war und lief dann heimlich bei mir und war so mein persönlicher Einstieg. Wann war das? 95, oder? Ja, müsste passen. Sprich, ich bin bei der Hochzeit der Toten Hosen eingestiegen, als einfach alles funktioniert hat. Gefühl konnten sie damals machen, was sie wollten. Es wurde eher ein Erfolg. Und wenn ich so an die Zeit zurückdenke, ploppen bei mir Bilder von diesen Support Shows auf, die die Hosen für U2 gemacht haben. Ich fand das damals schon wahnsinnig besonders. Und Campino, du ja sicher auch, oder? Ja, das war... Wirklich eine aufregende, spannende Zeit, auch die Einladung, U2 als Special Guest begleiten zu können für ihre Deutschland-Tour, war natürlich eine Ehre irgendwo und gab uns die Gelegenheit, zeitgleich in verschiedenen Welten zu stecken. Wir haben also einerseits in großen Stadien gespielt, haben aber andererseits uns in kleinen Kneipen an den Tagen ausgetobt, an denen U2 sich ausgeruht haben, Pause gemacht haben. Oder wir haben auf Privatfäden gespielt und unsere Magical Mystery Konzerte da durchgezogen. Also es war sozusagen die ganze Palette da, was man so live erleben kann und natürlich auch für uns ein ungeheuerlicher Ritt. Kurzer Mythos-Check. Campino nutzte trotz Verbot von U2-Roadies den Laufsteg ins Publikum, was zu Spannungen aber später zu einer persönlichen Freundschaft mit Bono führte. Das ist in der Tat so gewesen. Ich weiß nicht mehr, in welcher Stadt wir das erste Konzert gespielt haben mit der Band. Jedenfalls kamen wir in die Garderobe und dort stand eine Flasche Champagner und ein Brief, unterschrieben von allen Mitgliedern von U2-Roadies. Und da stand sinngemäß drin, herzlich willkommen, liebe Tote Hosen, wir freuen uns, dass ihr hier seid und das mit uns durchzieht. Wenn es irgendwelche Probleme gibt, zögert nicht, euch bei uns zu melden. Herzlich Bono und die anderen. Und das war erstmal eine sehr, sehr schöne Geste. Aber offensichtlich hatte sich dieser Willkommensgruß oder diese Freude auf uns nicht bei der Crew von U2 rumgesprochen. Und die waren das halt gewohnt, dass die Headliner im Fokus stehen und wer auch immer da vorneweg spielt, der ist nicht so wichtig. Und wir sollten gefälligst auch zusehen, dass wir nur in unserem vorgeschriebenen Raum bleiben. Und man gestand uns auch so zu, dass wir auf der Bühne so ein paar Meter bespielen konnten. Aber sie haben gesagt, bitte geht nicht auf den Laufsteg und nicht nach rechts, sondern nach links und klettert bitte nicht in das Gerüst. Offensichtlich hatte das sich rumgesprochen, dass wir das bei den Rolling Stones mal gemacht hatten. Jedenfalls, ich hatte auf solche Ansagen nie Lust und war eher so, das wäre für mich eher eine Aufforderung, genau das zu tun, was irgendwo untersagt war. Und insofern bin ich dann auf diesen Laufstieg gerannt und spüre plötzlich, wie von hinten jemand an meinem Mikrofonkabel zieht. Und der Roadie oder der Bündentechniker von U2 holt mich rein, wie man vielleicht einen Fisch Mit der Angel reinzieht. Es war jedenfalls unglaublich. Also vor ausverkauften Haus, vor 60.000 Leuten zieht mich jemand an meinem Mikrofonkabel zurück auf den Bühnenbereich. Und als ich sozusagen bei ihm war, habe ich ihm einfach nur gesagt, das machst du noch einmal und ich hau dir hier vor allen Menschen so die Fresse voll. Und da war er natürlich ganz entsetzt und lief nach hinten. Wir haben das Konzert erstmal durchgespielt und danach war so klar, Riesenskandal und er behauptete, also die toten Hosen werden jetzt gefeuert und so. So geht das nicht. Ich wiederum habe gesagt, wir werden keinen Millimeter zurückweichen von unseren Forderungen und wir spielen hier, wo wir wollen. Und dann kam es halt zur Aussprache und U2 wurden eben auch dazu geholt. Und dann habe ich diesen Techniker in meinem Bereich nicht mehr gesehen für den Rest der Tournee. Und man hat klargestellt, die Toten Hosen dürfen selbstverständlich da jetzt langlaufen und zwar alles ein riesen Missverständnis und weiter geht's. Das war eben die Geschichte, aber wir waren dadurch sozusagen in Kontakt. Und lustigerweise haben wir dann einen Tag in Stuttgart gespielt und wir, die Toten Hosen, waren im selben Hotel wie U2, das haben wir aber nicht gewusst. Und irgendwann nachts sind wir hungrig geworden und sind so gegen zweieinhalb, drei runter in den Keller, wo wir wussten, da ist die Hotelküche und haben gedacht, vielleicht können wir uns da irgendwie ein paar Brote holen oder irgendwas entdecken. Und wir stellten fest, die Tür zur Küche war tatsächlich einen Spalt weit auf. Wir gehen da rein und wer sitzt da? Die ganze Band von U2. Ohne Begleitung, ohne Manager, einfach nur Bono und seine Kumpels. Die hatten genau dieselbe Idee gehabt. Und so saßen beide Bands und haben da ein paar herrliche Stunden miteinander verbracht und wir haben uns schön an der Küche und an den Getränken bedient, Und das war irgendwo so sensationell, weil es so spontan war. Und dann habe ich mitbekommen, dass Bono ziemliche Stimmprobleme hatte. Er war sehr angeschlagen und sehr besorgt, dass er die Konzerte nicht durchstehen würde. Ich hatte zu der Zeit damals so auch meine Issues mit meiner Stimme. Also das Problem war mir bekannt. Und für den Fall hatte ich immer so einen speziellen Inhalator und den habe ich Bruno dann sozusagen geschenkt und gesagt, pass auf, das musst du so und so machen, hier ist die entsprechende Emulsion, das ist mein persönliches Rezept. Und er hat das dann gerne benutzt und die Tour gut durchgestanden und am Ende der Tournee kam er zu mir und hat mir einen Brief gegeben und in diesem Brief. War ein Ring von ihm als Zeichen der Freundschaft für immer und so sind wir damals dann auseinandergegangen, Haben uns aber öfters wiedergesehen durch verschiedene gemeinsame Konzerteinsätze, Band Aid und so weiter. Mega Geschichte und es sind doch solche Geschichten, oder? Die einem einfach nur dankbar machen lassen, dass man so ein Leben führen durfte, oder? Das ist sehr, sehr schön gewesen. Ich habe diesen Ring, ich weiß genau, wo er ist. Ich habe den behalten bis heute. Ich durfte U2 einmal besuchen, als sie ein Heimspiel hatten in Dublin. Da haben wir auch eine ganz tolle Nacht miteinander verbracht. Also es war immer mit Bono ein sehr, sehr feiner Austausch. Er ist ja auch mit Wim Wenders gut befreundet, der wiederum ein dicker Freund von mir ist, auch der Patenonkel meines Sohns. Und insofern sind wir immer in Berührung geblieben. Und das fühlt sich irgendwie gut an. In den 90ern habt ihr ja auch euer eigenes kleines Universum aufgebaut. Die eigene Konzertagentur gab es da, glaube ich, schon. Dann kam das eigene Label dazu. Du arbeitest seit vielen Jahren mit einem festen Stamm an Leuten. Was war so der ausschlaggebende Punkt, sich in die Richtung zu entwickeln? Warum wollte man diese Unabhängigkeit? Manchstgeblich für diese Entwicklung war unser Manager Jochen Hülder, der leider vor elf Jahren verstorben ist. Aber er ist die Triebfeder für diese ganzen Entwicklungen gewesen. Und er war derjenige, der gesagt hat, Leute, wir müssen es mal zusammensetzen und besprechen. Es sieht folgendermaßen aus. Die Plattenfirmen geben uns, wir haben einen Bandübernahmevertrag, wir geben immer das fertige Produkt ab zur Plattenfirma, aber die tun nicht wirklich was für uns. Das, was die machen, das kriegen wir auch alleine hin. Und ich frage mich die ganze Zeit, warum wir denen ständig das Geld geben, das wir behalten könnten, wenn wir das alles selbst machen. Und dann hat er uns eine Idee vorgeschlagen, wie er diese neue Plattenfirma gründen könnte und wie so ein Konstrukt aussehen könnte. Und ich bin einer der Ängstlichen da gewesen. Ich habe gesagt, ey Jochen, uns geht es doch hier so gut bei Virgin, wir haben große Erfolge und willst das wirklich alles riskieren. Ich bin dann überstimmt worden von der Band, Gott sei Dank und wir sind unseren eigenen Weg gegangen, haben die Plattenfirma JKP gegründet, also Jochens kleine Plattenfirma. Und haben sozusagen einen Vertriebsdeal mit der Firma EastWest unterschrieben. Und ich glaube, dass wir die erste deutsche Band waren, die in der Form mit Plattenfirmen umgegangen ist. Und in der Branche hieß es, das ist das Ende. Also die Totenhosen unterlaufen das System. Und man hat sich große Sorgen gemacht, dass sozusagen die Zukunft der Plattenfirmen in Gefahr war. Weil da jemand versucht hat, die Gewinne umzuleiten und in die richtigen Taschen zu lenken. Am Ende wart ihr Vorreiter, oder? Am Ende waren wir mit dieser Position Vorreiter, sind dann deutlich mehrere Bands denselben Weg gegangen. Die Ärzte nach ihrem Comeback, ich glaube, die Fanta 4 haben so ein Modell gefahren. Also es war dann häufiger zu sehen. Es ging auch ohne. Und ich glaube, wir haben das auch mit einer Berechtigung gemacht. Die Plattenfirmen haben damals selten Zeit gehabt, sich wirklich um eine Band oder um einen Act zu kümmern. Im Grunde lief da alles nach Plan B. Also diese Woche kommt Boy George, nächste Woche die Toten Hosen. Wir checken die alle ins selbe Hotel ein. Wir machen dieselbe Plakatierung. Wir gehen zu denselben Radiosendern. Das war alles so auf Verwaltungsmodus. Das war alles nicht mit Leidenschaft oder so. Da hat niemand irgendwie verstanden, wie die Toten Hosen wirklich funktionieren. Und deshalb war das besser, die Sache alleine in die Hand zu nehmen. Hat euch als Familie Toten Hosen wahrscheinlich auch nochmal ein ganzes Stück enger zusammengebracht? Man spricht ja gerne oder liest zumindest gerne immer das Wort Familie, wenn es um die Band und alle drumherum geht. Das waren wir tatsächlich immer. Ich weiß nicht, ob dieser Schritt uns noch so viel näher ranrücken konnten wir ohnehin nicht. Aber wir standen natürlich schon ganz anders da als eigene Plattenfirma. Vor allen Dingen. Menschen außerhalb unserer Bubble haben das beobachtet und auch anerkannt, dass wir sozusagen den Mut hatten, diesen Schritt zu gehen und dass das dann geklappt hat. Ich glaube, das Album vor diesem Schritt, das letzte, was dann nicht unter dem eigenen Label rauskam, war Kauf mich. 1993, wieder eine Art Konzept-Album für viele und ich sehe das auch so, eines eurer Besten. Wie siehst du es? Ich war da immer glücklich mit. Es gibt ein, zwei Stimmen in der Band, die sagen, dass der Sound da auch wieder zu viel Hall hatte und hätte ein bisschen besser knallen können. Aber wir haben da sehr gute Songs, glaube ich, abgeliefert. Wenn man sich überlegt, dass alles aus Liebe, Wünsch dir was. Das sind also eine ganze Menge Lieder, die wirklich geblieben sind im Live-Set bis heute. Und das ist eigentlich immer ein guter Indikator, dass da tolle Sachen drauf waren. Niemals einer Meinung sein ist dabei. Es gibt ein Lied, das heißt Gewissen. Also wir haben uns da auch schon musikalisch angeschaut. Wirklich in alle Richtungen bewegt und ausgereizt, was da war. Und weil du es ansprichst, alles aus Liebe, steht auch als Überschrift hier von dieser Folge. Eine waschechte Ballade, manche sagen sogar Schnulze. Waren sich da alle fein mit, dass die Toten Hosen auch so klingen dürfen? Innerhalb der Band gab es da überhaupt nie ein Problem. Wir haben alle geglaubt, ich zumindest, dass das ein wirklicher Hit ist. Ich habe wirklich gedacht, jetzt haben wir es. und wir sind da derzeit ein bisschen, voraus gewesen oder es hat eben doch nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich glaube, über die Jahre gehört dieser Song einfach zu den Toten Hosen. Das ist einer der zehn Titel, die sein müssen oder die man mit uns verbindet. Aber in den Single Charts konnte sich das Lied nie groß durchsetzen. Vielleicht auch wegen dieses Endes mit den Schüssen oder so, dass die Radiosender gesagt haben, das können wir nicht spielen. Ich habe den Kitschfaktor, den man dem Song unterstellt hat, ich konnte den nicht nachvollziehen, weil auch hier wieder eine selbsterlebte Geschichte der Auslöser des Textes war. Und ich hatte nicht die Reife, mich sozusagen aus dieser Geschichte hinaus zu bewegen und das Lied zu lesen ohne Subtext. Und weil ich aber diese Erfahrungen gemacht hatte, habe ich mit dem Lied eben echten Schmerz empfunden und keine Plattitüde oder einfach nur so einen Spruch, weil es sich so schön anhört. Sondern ich hatte das mit dem Refrain so gemeint. Und da war für mich kein Platz für Kitsch. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino über die Geschichte der Toten Hosen. Haben wir dir in der Caption verlinkt. In der nächsten Folge sprechen wir unter anderem über die erste Nummer 1 Single der Hosen. Ja genau, Zehn kleine Jägermeister und vor allem auch über Campinos Zeit im Kloster, die, wenn man mal ehrlich ist, eigentlich hätte dafür sorgen können, dass das Lied Zehn kleine Jägermeister einen anderen Titel bekommen hätte. Jetzt, wo du das sagst, der Gedanke ist mir noch nie gekommen. Das ist insofern schon verrückt, als dass ausgerechnet dieses Kloster und dieser Abt, der einzige ist außerhalb der Familie Underberg, der das Rezept für den Underberg-Schnaps hütet. Das ist ja ein Riesengeheimnis. Und eigentlich hätte ich über Underberg die Musik machen sollen, um diesem Kloster gerecht zu werden. Fällt mir jetzt aber erst auf, ein bisschen spät. Für ein, Halleluja.