Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 21
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- 0:01Kapitel 21 das falsche Ende der Krieg endete an einem Dienstag
- 0:06und Olena erfuhr es nicht aus einer Nachricht, sondern aus der
- 0:10Art, wie die Nachrichten plötzlich anders klangen.
- 0:13Sie hatte 5 Jahre lang gelernt, das Radio zu lesen, wie ein
- 0:16Wetter. Nicht die Worte, den Ton
- 0:17darunter. Und an diesem Dienstag hatte der
- 0:20Ton sich geändert, war schneller geworden, Atemloser, hatte die
- 0:23ruhige Gleichmäßigkeit verloren, mit der man jahrelang von
- 0:26Fronten und Metern und Verlusten gesprochen hatte, als spräche
- 0:30man von einem chronischen Leiden, mit dem das eine Land
- 0:32und die ganze Welt sich eingerichtet hatten.
- 0:35Jetzt war die Ruhe weg. Jetzt überschlugen sich die
- 0:38Stimmen, kamen Meldungen, die einander widersprachen, von
- 0:41Zusammenbruch und Rückzug und von Gebieten, die niemand mehr
- 0:45kontrollierte, von einer Macht im Osten, die nicht besiegt
- 0:48worden war, sondern in sich zusammengefallen wie ein
- 0:51Gebäude, dem man nicht die Wand weggeschossen, sondern das
- 0:53Fundament unter den Füßen weggezogen hat.
- 0:56Sie stand in der Küche, das Messer in der Hand, ein
- 0:59halbgeschnittenes Stück Brot auf dem Brett ihr eigenes
- 1:02Sonntagsangesetzt, weil das gekaufte hier nach nichts
- 1:05schmeckte und weil es die eine Sache war, die sie mitgebracht
- 1:08hatte und die niemand ihr abnehmen konnte und hörte zu und
- 1:11wartete auf das Gefühl. 5 Jahre hatte sie auf dieses Gefühl
- 1:15gewartet, sie hatte es sich ausgemalt in den ersten Monaten,
- 1:20wenn sie nachts wach lag. Den Moment, in dem es vorbei
- 1:23sein würde, die Welle der Erleichterung, das Aufbrechen
- 1:26von etwas, das sich seit März 2022 in ihr zusammengezogen
- 1:30hatte, hart wie eine Faust. Sie hatte geglaubt, das Ende
- 1:34würde diese Faust öffnen, das Ende kam, und die Faust öffnete
- 1:38sich nicht, sie wurde nur kälter.
- 1:41Wenn das, was da im Radio zusammenfiel, war nicht der
- 1:44Feind, der besiegt wurde, sondern eine Ordnung, die
- 1:46zerbrach. Und Olena, die mit dem Auge der
- 1:49Ingenieurin hörte, Verstand sofort den Unterschied, den die
- 1:52euphorischen Stimmen nicht verstanden, dass ein Tragwerk,
- 1:56das einstürzt, gefährlicher ist als eines, das man kontrolliert
- 1:59abträgt, dass unter den Trümmern eines plötzlichen Einsturzes
- 2:03immer Menschen liegen und dass das, was nach einem Einsturz
- 2:06kommt, kein freier Platz ist, auf dem man Neues baut, sondern
- 2:10ein Feld aus. Und Staub und scharfen Kanten,
- 2:13durch das man jahrelang nicht gehen kann, ohne sich zu
- 2:15schneiden. Der Krieg endete nicht in
- 2:17Frieden, er endete in Chaos, in einem Vakuum, in dem schon, das
- 2:22hörte sie zwischen den Zeilen, neue Kämpfe begannen, kleinere
- 2:26Unübersichtlichere, jeder gegen jeden in einem Land, das keine
- 2:30Mitte mehr hatte und mit dem Chaos kam.
- 2:33Das wusste Olena, bevor das Radio es sagte, eine neue Welle.
- 2:38Menschen, die bis zuletzt geblieben waren, weil das
- 2:40Bekannte erträglicher gewesen war als das Unbekannte, brachen
- 2:43jetzt auf, weil das Bekannte aufgehört hatte zu existieren.
- 2:47Die Bilder, die jetzt kamen, waren nicht die Bilder eines
- 2:50Sieges, keine Fahnen, keine Umarmungen auf Plätzen, es waren
- 2:54die Bilder von 2022, dieselben Bahnhöfe, dieselben Taschen,
- 2:58dieselben Gesichter, nur 5 Jahre später und ohne die Hoffnung,
- 3:01die es 2022 noch gegeben hatte, die Hoffnung, dass es bald
- 3:05vorbei sein würde. Es war vorbei und es war
- 3:08schlimmer. Sie roch es fast durch das
- 3:11Radio, durch 1000 Kilometer, den Geruch, den sie kannte, den
- 3:15Geruch von zerbrochenem Beton, von Staub, der sich in alles
- 3:18legt, von kaltem Rauch und nassem Putz, der Geruch, der für
- 3:22andere nach Katastrophe roch und für sie nach zu Hause, weil ihr
- 3:25zu Hause genau in dem Moment zu diesem Geruch geworden war, im
- 3:28März, als sie es verließ, jetzt würde das ganze Land so riechen.
- 3:33Ein ganzes Land, das in den Geruch ihrer eigenen Flucht
- 3:36zerfiel und die Stimmen im Radio nannten es einen Sieg, weil sie
- 3:40nie in einem Haus gestanden hatten, das diesen Geruch
- 3:42annahm, weil sie Sieg und Niederlage von außen sahen, als
- 3:46Linien auf einer Karte, die sich verschoben und nicht wussten,
- 3:49dass es für die, die drinnen waren, keinen Unterschied
- 3:51machte, in welche Richtung sich die Linie verschob, weil das
- 3:55Haus so oder so zu Staub wurde. Halüna rief an am Donnerstag.
- 4:00Und Olena wusste, als sie die Nummer sah, dass etwas anders
- 4:03war, weil Halina Sonntags anrief, nie donnerstags, und
- 4:07weil ein Anruf außer der Reihe in ihrem Leben nie etwas Gutes
- 4:10bedeutet hatte. Die Verbindung war schlecht,
- 4:13schlechter als je das Land drüben verlor mit seiner Ordnung
- 4:16auch seine Leitungen, und halinas Stimme kam aus großer
- 4:19Ferne, brüchig mit langen Löchern, in denen nur das
- 4:23Rauschen war. Sie sprachen die weiche Sprache
- 4:26und Olena hörte sofort, dass Halina etwas trug, dass sie um
- 4:29etwas herum redete. Über das Chaos, über die
- 4:32Nachbarn, über die Preise. Und Olena ließ sie reden, weil
- 4:36sie ahnte, dass das Reden um etwas herum nur die Art war, in
- 4:39der Halina sich dem näherte, was sie wirklich sagen musste.
- 4:42Der Weg, den ein Mensch nimmt, wenn das Ziel zu schwer ist, um
- 4:45direkt darauf zuzugehen und dann in einem der Löcher nach einem
- 4:49Rauschen kam es. Olena sagte, Halüna und ihre
- 4:53Stimme war auf einmal ganz nah und ganz ruhig.
- 4:56Die unnatürliche Ruhe eines Menschen, der etwas sagt, das er
- 5:00lange geübt hat, um es überhaupt sagen zu können, ich muss dir
- 5:04etwas sagen, jetzt, wo alles auseinanderfällt, kommen Dinge
- 5:07heraus, die vorher niemand wusste, Listen, Namen, Sie
- 5:11finden jetzt Dinge in den Gebieten, die frei werden, eine
- 5:14Pause, ein Rauschen, ein Loch. Taras ist auf einer dieser
- 5:18Listen. Olena stand sehr still, das
- 5:22Messer lag noch auf dem Brett neben dem halben Brot und sie
- 5:26sah es an, das Messer, das Brot, die gewöhnlichen Dinge, und sie
- 5:29hörte ihre Cousine über 1000 Kilometer das eine sagen, dass
- 5:33sie 5 Jahre lang nicht gesagt hatten, keine von beiden in
- 5:36einer stillschweigenden Übereinkunft, die jetzt zerriss,
- 5:39weil das Chaos sie zerriss, weil ein Land, das auseinanderfällt,
- 5:42auch die Gnade des Nichtwissens auseinanderfallen lässt.
- 5:46Seit wann, sagte Olena? Es war keine Frage nach dem
- 5:49wann. Es war die einzige Frage, die
- 5:51ihr Mund formen konnte, während alles andere in ihr nach unten
- 5:54fiel. Lange sagte Halena sie sagen
- 5:58gleich am Anfang, in dem ersten Jahr an der Stelle, wo das
- 6:02Rauschen nahm den Rest und Olena musste es nicht hören, sie
- 6:05wusste, wo an der Stelle, wo die Verbindung abgerissen war.
- 6:09Sie hatte es immer gewusst, an einem Ort in ihr, der tiefer lag
- 6:13als das Wissen, dem sie nie erlaubt hatte zu sprechen.
- 6:16Dass die Verbindung nicht abgerissen war, weil die
- 6:18Leitungen schlecht waren, sondern weil am anderen Ende
- 6:21niemand mehr war, der sie hielt. 3 Jahre lang hatte sie einen
- 6:24Namen, ungefragt, gelassen, lebendig in seinem ungefragt
- 6:28sein die Gnade des nicht gestellten Fragens.
- 6:30Jetzt war das Fragen gestellt von der anderen Seite und der
- 6:33Name, der 5 Jahre lang in der Schwebe gewesen war, fiel und
- 6:37mit ihm fiel etwas in Olena, das sie so lange oben gehalten
- 6:40hatte, dass sie vergessen hatte, dass sie es hielt.
- 6:43Sie weinte nicht, das kam später viel später in der Nacht, in
- 6:46Stößen, die kamen wie Wehen und ohne Vorwarnung in diesem Moment
- 6:51mit dem Telefon am Ohr und dem Messer auf dem Brett weinte sie
- 6:54nicht. Sie spürte nur die Kälte, die
- 6:57von den Fingern aufstieg, hinter das Brustbein, an die Stelle, an
- 7:00der die Verbindung abriss. Und sie spürte, wie der Boden
- 7:03unter ihr sich verschob. Ein 2 Millimeter, nichts, was
- 7:07sein Auge sah, und sie dachte, mit dem Teil von ihr, der nie
- 7:10aufhörte zu rechnen, einen vollkommen klaren, vollkommen
- 7:13sinnlosen Gedanken. Dass die Koordinate jetzt kein
- 7:16zu Hause mehr war und auch kein Schutt, sondern ein Grab, ein
- 7:20Grab ohne Stein irgendwo in einem Boden, den sie nie wieder
- 7:23betreten würde, und dass das das einzige war, was von dem Mann
- 7:27übrig war, mit dem sie ein Haus gebaut, ein Kind bekommen, ein
- 7:30Leben geplant hatte, eine Stelle auf einer Karte, an der man
- 7:33jetzt 3 Jahre zu spät seinen Namen fand.
- 7:36Sie hatte aufgehört, an ihn zu denken, vor langer Zeit, weil
- 7:40das Denken an ihn nicht zu ertragen gewesen war und weil
- 7:43ein Mensch, der Überleben muss, sich verbietet, was ihn
- 7:45schwächt. Aber jetzt, wo der Name gefallen
- 7:48war, kam er zurück, ganz mit allem, was sie sich verboten
- 7:52hatte. Taras, der zu laut lachte, der
- 7:55seine Schuhe nie an die richtige Stelle stellte, der Brücken
- 7:58gebaut hatte, wie sie, nur kühner Leichtsinniger, der
- 8:01gesagt hatte, eine Brücke müsse nicht nur halten, sie müsse auch
- 8:04schön sein, sonst sei sie nur ein Damm mit Aussicht.
- 8:07Sie sah seine Hände, die großen ungeschickten Hände, die ein
- 8:11Kind so behutsam hatten halten können.
- 8:14Sie sah die letzte Nacht im März in der Wohnung, die es nicht
- 8:17mehr gab, in der Stadt, die es nicht mehr gab, wie er gesagt
- 8:20hatte. Geh, nimm den Jungen, ich komme
- 8:22nach und wie sie beide gewusst hatten, dass dass ich komme nach
- 8:25eine Brücke war, die nicht hielt, ein Satz, den man baut,
- 8:28damit der andere gehen kann und der einstürzt, sobald man ihm
- 8:31den Rücken zukehrt. Sie war gegangen, sie hatte den
- 8:34Jungen genommen und war gegangen, und sie hatte ihm den
- 8:37Rücken zugekehrt und er war ihr nicht nachgekommen, nie und 5
- 8:40Jahre lang hatte sie sich erlaubt zu glauben.
- 8:43Das nie sei nur ein noch nicht, weil ein offenes Nichtwissen
- 8:46leichter zu tragen war als eine geschlossene Gewissheit.
- 8:49Jetzt war die Gewissheit geschlossen, er war nicht
- 8:52nachgekommen, weil er gleich danach in den ersten Wochen an
- 8:55der Stelle gestorben war, wo die Verbindung abriss, und sie hatte
- 8:595 Jahre lang mit einem Toten telefoniert, der nie ans andere
- 9:03Ende gegangen war. Danielo nahm es anders auf, als
- 9:06sie gefürchtet hatte, und das andere war schlimmer.
- 9:10Sie sagte es ihm am Abend in der weichen Sprache, weil manche
- 9:13Dinge nur in der Sprache gesagt werden können, in der man einen
- 9:16Menschen geboren hat. Und sie sah, wie es ihn traf,
- 9:19sah, wie der Junge, der so hart geworden war, der die Schultern
- 9:23zurücknahm und die fremde Geringschätzung trug, wie eine
- 9:26Jacke für einen Moment wieder das Kind war, das er gewesen
- 9:29war, mit einem Gesicht, das aufbrach.
- 9:32Aber dann schnell schloss sich das Gesicht wieder härter als
- 9:36zuvor, und er sagte auf Deutsch mit einer kalten, erwachsenen
- 9:40Stimme, die Olena fremd war. Dann ist es jetzt sicher,
- 9:43wenigstens weiß man's jetzt und ging in sein Zimmer und Olena
- 9:48allein in der Küche mit der Nachricht und dem kalten Brot,
- 9:51verstand, dass ihr Sohn seinen Vater zweimal verloren hatte,
- 9:55einmal, als er ging und einmal jetzt, wo er aufhörte,
- 9:58vielleicht noch am Leben zu sein und endgültig tot wurde und.
- 10:02Und dass Danielo den zweiten Verlust mit der Sprache und der
- 10:05Härte abwehrte, die er sich von der Bewegung geliehen hatte.
- 10:08Dass er sich in die fremde Kälte flüchtete, weil die eigene
- 10:11Trauer zu groß war, um in ihr zu stehen.
- 10:14Sein Vater war in dem Land gestorben, das Danielo vergessen
- 10:17wollte für eine Sache, die Danielo hinter sich lassen
- 10:20wollte, und je größer der Schmerz darüber war, desto
- 10:22fester würde der Junge sich an das hier Klammern, an das
- 10:25Deutschsein, an die Jungs mit den Aufklebern, an alles, was
- 10:28nicht nach dem Land roch, in dem sein Vater unter Schutt lag.
- 10:32Olena sah es kommen und konnte es nicht aufhalten, so wenig wie
- 10:35sie irgendetwas aufhalten konnte in diesem Sommer, in dem alles,
- 10:38was sie gebaut hatte, von 2 Seiten zugleich einriss.
- 10:42Sie trauerte nicht vor ihm, das war die Disziplin, die ihr von
- 10:46der Mutterschaft geblieben war, die letzte, dass man vor dem
- 10:49Kind nicht zusammenbricht, dass man die eigene Trauer
- 10:52einschließt, solange das Kind zusieht, weil das Kind einen
- 10:55Boden braucht, auf dem es seine eigene Trauer abstellen kann,
- 10:59und ein Boden, der bebt, trägt nichts.
- 11:01Also hielt sie sich vor ihm gerade ruhig mit der ruhig
- 11:05gehaltenen Hand über dem rasenden Inneren, und sie sah,
- 11:08dass er es genauso tat, dass Mutter und Sohn einander
- 11:11gegenüber saßen und beide dasselbe Taten.
- 11:14Beide hielten beide vor dem anderen die Fassung waten, die
- 11:17sie allein nicht gehabt hätten, und dass dieses gegenseitige
- 11:20sich zusammenreißen das einzige war, was sie noch verband über
- 11:24die fremde Sprache hinweg, über die Aufkleber hinweg, über alles
- 11:27hinweg, was sich zwischen sie geschoben hatte, dass sie
- 11:30einander einen Boden gaben, in dem.
- 11:31Einer vor dem anderen einbrach, denn während sie trauerte,
- 11:35drehte sich draußen die Stadt. Es geschah schnell, schneller,
- 11:38als Olena es für möglich gehalten hätte, und es geschah,
- 11:41das war das perfide, ohne dass jemand etwas Böses tat, das
- 11:45Mitgefühl von 2022, dass sie damals empfangen hatte, die
- 11:50offenen Türen, die Spenden, die Schilder in den Fenstern, die
- 11:54freundlichen Gesichter, dieses Mitgefühl kippte fast über Nacht
- 11:58in etwas anderes. Es kam eine neue Welle, größer
- 12:02als die erste, ärmer, verzweifelter und mit der Welle
- 12:05kam die Angst und mit der Angst kam der Ton, den Olina schon
- 12:09kannte, den kalten Ton, der seit der Wahl in der Luft gelegen
- 12:12hatte und der jetzt im Chaos laut werden durfte.
- 12:15Im Radio sprachen sie nicht mehr von Schutz, sondern von
- 12:18Belastung, von Kapazitätsgrenzen, von der
- 12:21Frage, ob der Krieg nicht nun, da er vorbei sei, auch das Ende
- 12:25des Schutzes bedeute, den man den Geflüchteten gewährt hatte.
- 12:29Als wäre ein Land, das in Trümmern und im Chaos lag, ein
- 12:32sicherer Ort, in den man Menschen zurückschicken könne,
- 12:35nur weil keine Fahne mehr darüber wehte, die man nicht
- 12:37mochte. Sie spürte es zuerst in den
- 12:39kleinen Dingen, wie immer aber. Am Amt, wo der Ton sich änderte,
- 12:43wo aus. Sie haben Anspruch ein, das Wirt
- 12:45derzeit geprüft wurde, ein die Rechtslage ist im Fluss an einem
- 12:48Brief, der kam unter ihren Status, der 5 Jahre lang
- 12:51gegolten hatte, plötzlich vorläufig nannte, vorbehaltlich
- 12:55der europäischen Entscheidungen in der glatten Sprache, an der
- 12:58die Hand abrutschte. An der Warteliste für die
- 13:01größere Wohnung, die sie und Daniolo gebraucht hätten und auf
- 13:04der sie weiter nach unten rutschten, leise, mit einer
- 13:07Begründung, die keine war. Derselben Begründung, die Irina
- 13:10den Kitaplatz gekostet hatte. Regionale Verankerung,
- 13:13nachrangige Einstufung. Die Maschine, die die ganze
- 13:17Stadt sortierte, rechnete sie und ihren Sohn jetzt offener
- 13:20nach unten als zuvor, weil das Chaos draußen die Hemmung
- 13:23weggenommen hatte, die noch im Frühling da gewesen war.
- 13:26Und weil eine Regierung, die einen Sturm bekam, ihn benutzte.
- 13:29Und dann kam das, was die anderen kleinen Dinge zu
- 13:31Kleinigkeiten machte. Sie hörte davon, zuerst im
- 13:34Radio, in der Ladenzeile zwischen 2 Fliesenreihen, und
- 13:38sie hörte es mit halbem Ohr, wie man Nachrichten hört, die andere
- 13:41betreffen. Ein Eckpunktepapier, eine
- 13:44Ankündigung, Kabler natürlich, es gehe um den Arbeitsmarkt, um
- 13:47Vorrang für einheimische Bewerber, eine Prüfung, ob eine
- 13:50Stelle nicht auch anders zu besetzen sei, bevor man sie an
- 13:53jemanden ohne deutschen Pass gebe.
- 13:55Es klang nach Verwaltung, es klang nach nichts, sie brauchte
- 13:58bis zum Abend, um zu begreifen, dass es sie meinte, nicht die
- 14:02Wohnung, nicht den Kitaplatz, nicht die Warteliste, ihre
- 14:05Stelle die. Die eine Sache, die sie in 5
- 14:08Jahren aus dem Nichts gebaut hatte.
- 14:10An einem Schreibtisch in einer Halle, in der man ihren Namen
- 14:13sagte und ihre Auftragsfolge benutzte und in der eine Frau,
- 14:16die keine Komplimente machte, einmal zu ihr gesagt hatte, sie
- 14:19könne rechnen. Es war das Einzige, was ihr
- 14:22gehörte, und es sollte künftig davon abhängen, ob sich für
- 14:25dieselbe Arbeit auch jemand fände, dessen Großeltern schon
- 14:28hier gewohnt hatten. Carla sagte, als Olena sie 2
- 14:31Tage später darauf ansprach, sehr knapp und ohne Aufzusehen,
- 14:34dass sie sich das gern schriftlich geben lasse und dass
- 14:37sie in 30 Jahren keine Woche erlebt habe, in der jemand für
- 14:40diese Arbeitsschlange gestanden hätte und dass sie den Betrieb
- 14:43führe und nicht Herr Kabler. Es war so nah an einem Trost,
- 14:47wie Carla es konnte, und Olena nahm es und trug es den ganzen
- 14:51Tag mit sich, aber sie wusste, was sie wusste.
- 14:54Ein Betrieb, der einen Landesauftrag hat und eine Bank
- 14:57im Nacken und eine Klausel auf dem Tisch ist ein Betrieb, den
- 15:00man an vielen Stellen anfassen kann.
- 15:03Es würde nicht nötig sein, ihr zu kündigen, es würde reichen,
- 15:06Karla so lange an so vielen Stellen anzufassen, bis eine
- 15:09Stelle in einer Halle am Stadtrand die billigste Stelle
- 15:11zum Nachgeben wäre. So war es mit der Wohnung
- 15:14gewesen, so war es mit dem Status gewesen, niemand hatte je
- 15:18etwas verweigert, es war nur jedes Mal ein bisschen enger
- 15:21geworden, bis es nicht mehr passte.
- 15:23Sie erinnerte sich an 2022, an die ersten Wochen, an die Frau,
- 15:28die ihr am Bahnhof eine Tüte mit Windeln und Keksen in die Hand
- 15:31gedrückt hatte, ohne ein Wort, nur mit einem Blick, der sagte,
- 15:35Du bist sicher, hier passiert dir nichts.
- 15:37Sie erinnerte sich an die Schilder in den Fenstern, an die
- 15:40Sonnenblumen, an die Wärme, die echt gewesen war.
- 15:43So echt wie alle Wärme und sie verstand jetzt mit der Kälte
- 15:46dessen, der zweimal dasselbe Volk gesehen hat, dass diese
- 15:50Wärme nie ihr gegolten hatte, nicht ihr als Mensch.
- 15:53Sie hatte einem Bild gegolten, dem Bild der unschuldigen
- 15:56Geflüchteten aus dem nahen Krieg, die bald wieder gehen
- 15:58würde, solange sie in das Bild passte, war sie willkommen, aber
- 16:03das Bild hatte ein Verfallsdatum.
- 16:05Es galt für die Dauer des Mitleids und das Mitleid war ein
- 16:08Vorrat, der sich erschöpfte. Und als er sich erschöpfte,
- 16:11blieb von der willkommenen nur die Fremde übrig, die zu lange
- 16:15geblieben war, die Wohnung brauchte und Schule und einen
- 16:18Platz auf einer Liste, der einem anderen fehlte.
- 16:21Dieselben Menschen, die ihr die Windeln gegeben hatten, sahen
- 16:24jetzt weg, und es war nicht, dass sie schlecht geworden
- 16:27wären. Sie waren nur müde geworden und
- 16:29die Müdigkeit hatte ein Tor geöffnet, durch das der kalte
- 16:32Ton hereinkam und der kalte Ton wusste genau, was er mit der
- 16:35Müdigkeit anfangen konnte. Der kalte Ton hatte in diesem
- 16:39Sommer ein Gesicht und das Gesicht war überall, Olena sah
- 16:42es im Wartezimmer der Praxis in der aufgeschlagenen Zeitung
- 16:46eines Mannes, der ihr gegenüber saß, sie hörte es aus dem Radio,
- 16:50das in der Ladenzeile lief, während sie die Fliesen wischte,
- 16:53sie sah es abends auf dem kleinen Bildschirm über der
- 16:56Kasse im Supermarkt. Kabler kündigte eine Stabsstelle
- 16:59an, so hieß es Stabsstelle ein Wort wie ein Möbelstück und dazu
- 17:03einen beauftragten und ein Konzept und eine Frist.
- 17:06Und was die Stabsstelle tun sollte, sagte er in einem Satz,
- 17:09den Olena so oft hörte, dass sie ihn schließlich mitsprechen
- 17:12konnte, ohne es zu wollen. Dass man nun endlich anfange,
- 17:15konsequent zu handeln. Sie verstand die Sprache gut
- 17:18genug, um zu wissen, dass darin nichts stand.
- 17:21Und Karla, bei der sie in derselben Woche in der
- 17:23Glaskanzel saß, sagte es ihr trocken und mit der Verachtung
- 17:27einer Frau, die Fristen einhalten muss.
- 17:29Das könne er gar nicht, Aufenthalt sei Bundessache,
- 17:32dahinter stehe europäisches Recht, ein Land könne dazu
- 17:36Papiere schreiben, so viele es wolle, es ändere nichts, das
- 17:39wüssten seine Juristen, und er wisse es selbst.
- 17:42Der baut eine Kulisse, hatte Karla gesagt, und war zum
- 17:45Fenster gegangen und hatte hinunter in die Halle gesehen.
- 17:49Und solange alle auf die Kulisse gucken, läuft hinten die Anlage.
- 17:53Olena hatte genickt und nichts gesagt, sie wusste, dass Carla
- 17:56Recht hatte, und sie wusste zugleich, dass es keinen Trost
- 17:59bedeutete, denn eine Kulisse ist unwirksam nur für die, gegen die
- 18:03sie sich nicht richtet. Kabler konnte niemanden außer
- 18:06Landes bringen, aber er konnte einen Ton in eine Stadt legen
- 18:10und der Ton wirkte sofort und brauchte keine Rechtsgrundlage.
- 18:13In den Blicken im Treppenhaus, in der Art, wie die Frau am
- 18:16Schalter jetzt ihre Papiere nahm, in dem, was Kinder auf
- 18:19einem Schulhof zu einem Jungen sagten, dessen Zunge an einem
- 18:22Wort hängen blieb. Der Beauftragte würde nie einen
- 18:25einzigen Menschen abschieben, er hatte längst etwas anderes
- 18:28geschafft und danloo dachte sie, danloo, stand mitten darin auf
- 18:32der falschen Seite seiner selbst.
- 18:34Die Bewegung, in deren Wärme er sich geflüchtet hatte, war jetzt
- 18:37die, die am lautesten von Belastung sprach, von denen, die
- 18:40wieder gehen sollten. Die Jungs mit den Aufklebern,
- 18:44die ihn aufgenommen hatten, weil er blond war und deutsch sprach
- 18:47und fast durchging, sie würden bald das Wort, das Danielo über
- 18:51andere benutzt hatte, über Menschen wie Danielo benutzen,
- 18:54und der Tag würde kommen, an dem einer von ihnen genau hinsah,
- 18:57woher der Junge kam, dessen Vater gerade in den Trümmern des
- 19:00falschen Landes gefunden worden war.
- 19:03Olena sah den Tag kommen wie einen Riss, der sich durch eine
- 19:05Wand zieht, langsam von einer Ecke aus, und sie wusste, dass
- 19:09sie ihn nicht würde aufhalten können, dass sie nur würde
- 19:12daneben stehen und zusehen können, wie ihr Sohn an die
- 19:14Stelle geriet, die sie ihm 5 Jahre lang zu ersparen versucht
- 19:17hatte. Die Stelle, an der das Gewicht
- 19:19zusammenläuft und das Bauwerk bricht, sie war nicht
- 19:22abgeschoben worden, niemand hatte ihr befohlen zu gehen, das
- 19:26war es nicht, die Gefahr hatte kein Gesicht und keinen Befehl.
- 19:30Die Gefahr war, dass der Boden unter ihr, der 5 Jahre lang
- 19:33gehalten hatte, dünn wie Eis, jetzt von unten weggerechnet
- 19:37wurde, Stück für Stück höflich papierförmig, dass ihr Status im
- 19:41Fluss war und ihre Wohnung nachrangig und ihre Zukunft
- 19:44vorbehaltlich, und dass sie die gelernt hatte, Lastpfade zu
- 19:47lesen, sah, wohin das Gewicht lief, weg von ihr, Weg von
- 19:51Daniolo. Hinzu der Frage, ob es für
- 19:54Menschen wie sie hier überhaupt noch einen Platz gab, jetzt, wo
- 19:57der Krieg, der sie hergebracht hatte, vorbei war.
- 20:01Sie saß am Küchentisch in der Nacht, als das Weinen endlich
- 20:04kam, in Stößen und durch die Tränen sah sie die kleine Küche,
- 20:08die fremde, Geruchlose, in der sie sich eine Existenz gebaut
- 20:11hatte, dünn wie Eis. Und sie dachte an die
- 20:14Koordinate, die jetzt ein Grab war und an den Boden hier, der
- 20:18unter ihr Wegrechnete und sie verstand, dass sie zwischen 2
- 20:21Orten stand, von denen der eine sie nicht mehr aufnehmen konnte
- 20:24und der andere sie nicht mehr aufnehmen wollte.
- 20:27Die Heimat, ein Grab, die Fremde ein Eis, das brach, es gab kein
- 20:32drittes Land, in das man hätte fliehen können vor diesen
- 20:34beiden. Sie hatte es einmal gewusst.
- 20:37In den ersten Tagen, dass eine Flucht ein Weg ist von einem
- 20:40Ort, der einen tötet zu einem Ort, der einen aufnimmt.
- 20:44Und sie Verstand. Jetzt, 5 Jahre später, dass
- 20:46diese einfache Geometrie nicht mehr galt, dass es Zeiten gibt,
- 20:50in denen alle Orte sich zugleich verschließen, in denen der, der
- 20:53flieht, nirgends ankommt, weil das Ankommen einen Ort braucht,
- 20:57der bleibt und kein Ort mehr blieb.
- 21:00Sie war eine Frau ohne Boden geworden, im wörtlichen Sinn,
- 21:03den nur eine Ingenieurin ganz versteht.
- 21:05Ein Tragwerk ohne Fundament, das eine Weile steht, weil die alten
- 21:09Lasten sich noch halten und das Feld, sobald eine neue
- 21:12dazukommt. Und irgendwo im Nebenzimmer lag
- 21:15ihr Sohn, der seinen Vater zum zweiten Mal verloren hatte und
- 21:18sich davor in die Arme derer flüchtete, die ihn am Ende
- 21:21hinauswerfen würden. Und Olena, die Ingenieurin, die
- 21:25wusste, wo ein Bauwerk reist, lag wach in dem ihren und hörte
- 21:28es reißen, überall zugleich leise, ohne einen Knall an allen
- 21:32Stellen, die niemand prüfte.