Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - Vorwort
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- 0:00Ätsche Homo, wie man wird, was man ist.
- 0:03Vorwort Abschnitt 1 Nietzsche beginnt sein Vorwort mit der
- 0:10Vorahnung, dass er schon sehr bald mit einer enorm schweren
- 0:13Forderung an die Menschheit herantreten wird.
- 0:15Es wird die schwerste Forderung sein, die der Menschheit jemals
- 0:18gestellt wurde, weil das so ist, hält er es für absolut
- 0:22notwendig, den Menschen ganz deutlich zu sagen, wer er
- 0:25eigentlich ist. Eigentlich, so meint er, müssten
- 0:29die Menschen das bereits wissen, denn er hat sich mit seinen
- 0:32bisherigen Schriften nie versteckt.
- 0:34Er stellt jedoch fest, dass es ein riesiges Missverhältnis
- 0:37gibt, auf der einen Seite steht die enorme Größe seiner Aufgabe
- 0:41und auf der anderen Seite steht die Kleinheit und Engstirnigkeit
- 0:45seiner Mitmenschen, diese Menschen seiner Zeit haben ihn
- 0:48weder wirklich gehört noch verstanden, er scherzt etwas
- 0:51bitter, dass er eigentlich nur auf Kredit lebt.
- 0:54Damit meint er, dass die Leute vielleicht wissen, dass es einen
- 0:57Autor namens Nietzsche gibt, aber sie nehmen ihn nicht
- 1:00wirklich wahr. Es reicht ihm schon, im Sommer
- 1:02im Urlaubsort Oberengadin mit einem sogenannten gebildeten
- 1:06Menschen zu sprechen, um zu merken, dass er für diese Welt
- 1:09geistig gar nicht richtig existiert.
- 1:11Unter diesen Umständen fühlt sich Nietzsche verpflichtet,
- 1:13etwas zu tun, das eigentlich gegen seine Gewohnheit und gegen
- 1:17seinen tiefen Stolz geht. Er muss laut aussprechen, hört
- 1:21mich an. Denn ich bin genau dieser und
- 1:24jener Mensch und vor allen Dingen verwechselt mich nicht
- 1:28mit jemandem anderen Abschnitt 2.
- 1:34Nietzsche stellt sofort klar, was er nicht ist.
- 1:36Er ist kein Schreckgespenst und auch kein moralisches Ungeheuer,
- 1:40er sieht sich sogar als das genaue Gegenteil von der Art
- 1:43Mensch, die man bisher in der Gesellschaft als tugendhaft und
- 1:46moralisch gut verehrt hat und unter uns gesagt, fügt er hinzu.
- 1:50Ist er auf genau diese Tatsache besonders stolz?
- 1:54Er bezeichnet sich als einen Schüler des Philosophen Dionysos
- 1:58Dionysos, ist in der antiken griechischen Gedankenwelt der
- 2:01Gott des Weines, des Rausches und der Wilden,
- 2:04uneingeschränkten Lebensfreude. Wer dem Dionysos folgt, bejaht
- 2:08das Leben mit all seinen wilden und dunklen Seiten, ohne sich
- 2:11von moralischen Verboten einschränken zu lassen.
- 2:14Nietzsche sagt, er wäre lieber ein Satyr als ein Heiliger.
- 2:18Ein Satyr ist ein Wesen aus der griechischen Mythologie, halb
- 2:22Mensch und halb Ziegenbock, das für ungezügelte Natur und
- 2:25körperliche Instinkte steht. Ein Heiliger hingegen steht für
- 2:28den Verzicht auf das weltliche Leben.
- 2:31Nietzsche wählt also bewusst das wilde, echte Leben anstelle der
- 2:35frommen Verleugnung, er hofft, dass er diesen Gegensatz in
- 2:38seiner Schrift auf eine heitere und menschenfreundliche Art
- 2:41ausdrücken konnte, das letzte, was er den Menschen versprechen
- 2:45würde, wäre, sie moralisch verbessern zu wollen.
- 2:48Er möchte keine neuen Götzen aufstellen.
- 2:51Ein Götze ist ein falscher Gott oder ein Blind verehrtes ideal,
- 2:55das in Wahrheit keinen echten Wert hat.
- 2:58Die alten Götzen sollen durch ihn lernen, dass sie auf
- 3:00tönernen, also auf sehr zerbrechlichen Beinen stehen,
- 3:04sein Handwerk ist es, diese Götzen, womit er falsche Ideale
- 3:08meint, einfach umzuwerfen. Nietzsche wirft der Menschheit
- 3:12vor, dass sie die echte Realität entwertet hat.
- 3:15Die Menschen haben den Sinn und die Wahrheit der echten Welt
- 3:17zerstört, indem sie eine ideale, perfekte Welt erfunden und
- 3:22Herbeigelogen haben. Es gibt die angebliche wahre
- 3:25Welt im Jenseits und die angebliche scheinbare Welt hier
- 3:28auf Erden auf gut Deutsch heißt das für ihn, es gibt die
- 3:32Erlogene Welt der Religionen und Ideale, und es gibt die echte
- 3:36Realität, die Lüge dieses perfekten Ideals war bisher ein
- 3:40Fluch für die Realität. Durch diese Lügen ist die
- 3:43Menschheit bis in ihre tiefsten Instinkte hinein falsch
- 3:46geworden. Sie betet Werte an, die genau
- 3:48das Gegenteil von dem sind, was den Menschen eigentlich stark
- 3:52machen und eine gute Zukunft garantieren würde.
- 3:56Abschnitt 3 Nietzsche beschreibt, wie es sich anfühlt,
- 4:01seine Texte zu lesen, wer die Luft seiner Schriften atmen
- 4:04kann, der weiß, dass es die Luft der extremen Höhe ist.
- 4:08Es ist eine sehr starke, kühle Luft.
- 4:11Man muss dafür gemacht sein, diese Luft zu atmen, sonst ist
- 4:14die Gefahr sehr groß, dass man sich erkältet.
- 4:17Das bedeutet, man könnte von seinen harten Gedanken
- 4:19abgeschreckt oder überfordert werden.
- 4:22In dieser Höhe ist das Eis ganz nah und die Einsamkeit ist
- 4:26gewaltig, aber so schwärmt er, wie ruhig liegen alle Dinge im
- 4:30Licht, wie frei kann man atmen und wieviel von der Welt spürt
- 4:34man tief unter sich. Philosophie bedeutet für ihn,
- 4:38freiwillig in diesem Eis und im Hochgebirge zu leben.
- 4:41Es bedeutet, all das Fremde und fragwürdige im Leben
- 4:44aufzusuchen. Er sucht genau die Dinge, die
- 4:47bisher von der herkömmlichen Moral verboten und verbannt
- 4:49wurden. Durch diese lange Erfahrung des
- 4:52Wanderns in verbotenen Gebieten hat er gelernt, die Gründe für
- 4:55Moral und Ideale mit ganz anderen Augen zu sehen, die
- 4:59verborgene Geschichte der Philosophen und die Psychologie
- 5:01hinter ihren großen Namen kamen für ihn ans Licht, für Nietzsche
- 5:06gibt es einen klaren Maßstab für den Wert eines Geistes.
- 5:09Wieviel Wahrheit erträgt ein Geist und wieviel Wahrheit wagt
- 5:13er auszusprechen? Er stellt fest, dass der Glaube
- 5:16an ein Ideal kein simpler Irrtum oder Blindheit ist.
- 5:20Dieser Irrtum ist schlichtweg Feigheit, jeder Fortschritt und
- 5:24jeder Schritt vorwärts in der Erkenntnis entsteht aus Mut, aus
- 5:28Härte gegen sich selbst und aus geistiger Sauberkeit, er macht
- 5:33sich nicht einmal die Mühe, die Ideale klassisch zu widerlegen.
- 5:36Er zieht sich viel mehr Handschuhe an, wenn er mit ihnen
- 5:39umgeht, weil er sie für unrein hält.
- 5:42Er zitiert einen berühmten lateinischen Spruch Nitimur in
- 5:46Vetitum, das bedeutet auf deutsch, Wir streben nach dem
- 5:49verbotenen. Unter diesem Zeichen, so glaubt
- 5:53er, wird seine Philosophie am Ende siegen, denn bisher war
- 5:56grundsätzlich immer nur die Wahrheit verboten.
- 6:00Abschnitt 4 innerhalb seiner eigenen Schriften hebt Nietzsche
- 6:05ein Buch ganz besonders hervor. Sein Werk Also sprach
- 6:09Zarathustra. Er behauptet, dass er der
- 6:11Menschheit damit das größte Geschenk gemacht hat, das ihr
- 6:14jemals gemacht wurde. Dieses Buch hat eine Stimme, die
- 6:18über Jahrtausende hinweg hörbar ist.
- 6:20Es ist für ihn das höchste Buch, das es gibt, das absolute Buch
- 6:24der Höhenluft. Verglichen damit liegt die
- 6:28gewöhnliche menschliche Existenz in ungeheurer Ferne tief unter
- 6:31ihm. Es ist auch das tiefste Buch,
- 6:34geboren aus dem innersten Reichtum der Wahrheit.
- 6:37Er vergleicht es mit einem unerschöpflichen Brunnen, wenn
- 6:40man einen Eimer hinablässt, kommt er immer randvoll mit Gold
- 6:43und Güte wieder herauf, hier spricht kein gewöhnlicher
- 6:46Prophet, und hier spricht auch nicht eine jener unheimlichen
- 6:50Gestalten, die aus einer Mischung von seelischer
- 6:52Krankheit und Machtwillen bestehen und die man gemeinhin
- 6:56Religionsstifter nennt. Um Zarathustra nicht bitter
- 6:59unrecht zu tun, muss man vor allem den Tonfall richtig hören,
- 7:03der aus seinem Mund kommt. Nietzsche nennt es einen
- 7:06halkionischen Ton, das Wort Halkionisch leitet sich von
- 7:10einer antiken Sage ab und beschreibt eine absolut
- 7:12friedliche, heitere und stille Atmosphäre, in der selbst die
- 7:16wildesten Stürme ruhen. Nietzsche zitiert sich selbst.
- 7:20Es sind die stillsten Worte, die den Sturm bringen, und Gedanken,
- 7:23die leise wie mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.
- 7:27Er benutzt ein weiteres wunderschönes Bild.
- 7:30Zarathustras Lehren sind wie reife, süße Feigen, die von den
- 7:34Bäumen fallen, und weil sie so reif sind, reißt beim Fallen
- 7:38ihre rote Haut auf. Zarathustra selbst ist wie ein
- 7:41frischer Nordwind, der diese reifen Feigen zu den Menschen
- 7:44herabbläst er ruft seine Freunde auf den Saft und das süße
- 7:49Fleisch dieser Lehren zu trinken, es ist ein Gefühl von
- 7:52einem reinen, klaren Herbstnachmittag.
- 7:55In diesem Buch wird nicht gepredigt.
- 7:57Wie es ein Fanatiker tun würde. Und es wird von niemandem
- 8:01verlangt, einfach blind zu glauben.
- 8:04Die Worte fallen langsam und zärtlich, Tropfen für Tropfen
- 8:08aus einer unendlichen Fülle von Licht und Glück.
- 8:10Ein solches Sprechen erreicht nur die auserwählten Menschen,
- 8:13es ist ein riesiges Vorrecht, hier überhaupt zuhören zu
- 8:16dürfen, denn nicht jeder Mensch hat die richtigen Ohren für
- 8:19Zarathustra. Nietzsche stellt dann die Frage,
- 8:22ob Zarathustra bei all dem nicht doch ein Verführer ist.
- 8:26Um das zu beantworten, schaut er darauf, was Zarathustra sagt,
- 8:29als er sich zum ersten Mal von seinen Anhängern verabschiedet,
- 8:32um in seine Einsamkeit zurückzukehren.
- 8:35Zarathustra sagt genau das Gegenteil von dem, was ein
- 8:38typischer weiser Mann, ein Heiliger, ein sogenannter
- 8:41Welterlöser oder ein anderer schwächlicher, niedergehender
- 8:44Mensch sagen würde. Zarathustra fordert seine Jünger
- 8:48auf, ihn zu verlassen und von nun an alleine weiterzugehen, er
- 8:52wehrt sich dagegen, dass sie ihn blind verehren.
- 8:56Errät ihnen sogar, sich vor ihm zu hüten und sich seiner zu
- 8:59schämen, da er sie vielleicht betrogen haben könnte.
- 9:03Ein Mensch der echten Erkenntnis muss nicht nur seine Feinde
- 9:06lieben können, sondern er muss auch in der Lage sein, sich von
- 9:09seinen Freunden zu trennen, man belohnt einen Lehrer sehr
- 9:12schlecht, wenn man immer nur der brave Schüler bleibt,
- 9:16Zarathustra fragt seine Zuhörer, warum sie nicht anerkennen
- 9:19wollen, dass eine blinde Verehrung eines Tages auch
- 9:22umstürzen kann. Er warnt sie davor, dass sie von
- 9:25der Statue ihres eigenen Vorbildes erschlagen werden
- 9:28könnten. Er sagt Ihnen, ihr sagt, ihr,
- 9:30glaubt an mich, aber was ist schon ein Glaube wert, wenn ihr
- 9:34euch selbst noch gar nicht gesucht und gefunden habt, so
- 9:38machen es alle blinden Gläubigen, deshalb fordert
- 9:41Zarathustra seine Anhänger auf, ihn zu verlieren und sich selbst
- 9:44zu finden, erst an dem Tag, an dem alle ihn verleugnet haben,
- 9:48an dem sie sich also von ihm als Autoritätsfigur befreit haben.
- 9:52Erst dann will er als ihr wahrer Freund zu ihnen zurückkehren.