Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 132-136
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- 0:00Unter Kapitel 132 von dem christlichen Erlösungsbedürfnis
- 0:07in diesem Abschnitt beschäftigt sich Friedrich Nietzsche mit
- 0:10einer sehr tiefen Frage. Warum glauben Christen, dass sie
- 0:13erlöst werden müssen? Er nennt dies das
- 0:16Erlösungsbedürfnis damit ist das starke innere Gefühl gemeint,
- 0:20dass man als Mensch mangelhaft oder sündig ist und Hilfe von
- 0:24einer höheren Macht, also Gott braucht, um gerettet zu werden.
- 0:29Nietzsche schlägt vor, dieses Gefühl nicht religiös oder durch
- 0:31Mythen zu erklären, sondern ganz nüchtern durch die Psychologie.
- 0:36Er möchte verstehen, was im Kopf und in der Seele vor sich geht,
- 0:39ohne dabei an echte Wunder oder Götter zu glauben.
- 0:42Nietzsche beschreibt den Vorgang so ein Mensch beobachtet seine
- 0:46eigenen Handlungen, er stellt fest, dass er oft egoistisch
- 0:50handelt, also an seinen eigenen Vorteil denkt, gleichzeitig hat
- 0:54dieser Mensch aber ein Ideal im Kopf, er möchte gerne völlig
- 0:57selbstlos sein. Nietzsche nennt dies
- 1:00Unegoistisch. Das bedeutet, etwas Gutes zu
- 1:03tun, ohne dabei auch nur im Geringsten an sich selbst zu
- 1:06denken. Das Problem ist nun, dass der
- 1:09Mensch merkt, ich kann diesem hohen Anspruch nicht genügen,
- 1:13ich habe immer auch eigene Wünsche und Bedürfnisse.
- 1:16Nun vergleicht sich dieser Mensch mit einem Wesen, das
- 1:19angeblich perfekt und völlig selbstlos ist, mit Gott, Gott
- 1:24dient hier als eine Art Spiegel. Wenn der Mensch in diesen
- 1:28Spiegel schaut, sieht er sich selbst im Vergleich zu Gott als
- 1:31dunkel, verzerrt und schlecht an.
- 1:34Er fühlt sich unzufrieden und bekommt Angst.
- 1:37Dazu kommt die Furcht vor Strafe, der Mensch stellt sich
- 1:40Gott nicht nur als liebevoll vor, sondern auch als einen
- 1:43strafenden Richter, er interpretiert kleine und große
- 1:47Unglücke in seinem Leben als Zeichen dafür, dass Gott wütend
- 1:50auf ihn ist. Er sieht in allem eine Drohung
- 1:53oder sogar schon den Beginn einer Bestrafung wie
- 1:55Peitschenhiebe. Diese Angst steigert sich
- 1:58soweit, dass der Mensch glaubt, er würde für eine Ewigkeit
- 2:01bestraft werden. Was wir als Hölle kennen.
- 2:05Diese Vorstellung ist so schrecklich, dass der Mensch
- 2:07verzweifelt nach einem Ausweg sucht, er braucht einen Arzt für
- 2:11seine Seele aus dieser tiefen psychologischen Not heraus
- 2:14entsteht der Wunsch nach Erlösung.
- 2:17Nietzsche sagt also, das Bedürfnis nach Religion entsteht
- 2:20erst dadurch, dass der Mensch sich selbst falsch bewertet und
- 2:23sich mit einem unerreichbaren Ideal vergleicht.
- 2:27Unterkapitel 133 die Irrtümer über das eigene Wesen in diesem
- 2:34Abschnitt geht Nietzsche tiefer auf die Ursachen ein, warum sich
- 2:37der Mensch so schlecht fühlt. Er sagt ganz deutlich, der
- 2:42Mensch ist nicht wirklich sündig oder schuldig, er ist nur in
- 2:45eine Reihe von Denkfehlern geraten, Nietzsche nennt dies
- 2:48Irrtümer der Vernunft, der erste große Fehler ist der Spiegel
- 2:52selbst, von dem im vorherigen Kapitel die Rede war.
- 2:56Der Mensch hat sich diesen Spiegel, also die Vorstellung
- 2:59eines perfekten Gottes, selbst erschaffen.
- 3:02Es ist ein Werk der menschlichen Phantasie, wenn der Mensch sich
- 3:06darin hässlich vorkommt, liegt das nicht daran, dass er böse
- 3:08ist, sondern daran, dass der Maßstab falsch ist.
- 3:12Nietzsche erklärt, warum das Ideal der völligen
- 3:15Selbstlosigkeit Unsinn ist. Er sagt, ein Wesen, das nur für
- 3:19andere handelt und niemals für sich selbst, ist so
- 3:22unwahrscheinlich wie der Vogel Phönix.
- 3:24Der Phönix ist ein Fabelwesen, das es in der Realität nicht
- 3:28gibt. Genauso gibt es keine Handlung,
- 3:30die komplett frei von eigenem Bezug ist.
- 3:33Nietzsche verweist hier auf andere Denker wie Lichtenberg
- 3:36oder La Roche Foucault. Er erklärt, wenn wir sagen, dass
- 3:40wir jemanden lieben oder etwas Gutes tun, dann tun wir das
- 3:43immer, auch, weil es uns ein angenehmes Gefühl gibt.
- 3:46Wir lieben das Gefühl, dass die andere Person in uns auslöst.
- 3:50Das ist aber nichts Schlechtes, sondern etwas ganz Natürliches.
- 3:54Es ist unmöglich, etwas zu tun, ohne dass das eigene ich daran
- 3:57beteiligt ist. Wenn man diese Einsicht hat,
- 4:00fällt der Grund für die Selbstverachtung weg.
- 4:03Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Geschichte mit dem freien
- 4:05Willen. Die Religion redet dem Menschen
- 4:08ein, er hätte sich freiwillig für das Böse entschieden und sei
- 4:12deshalb schuldig. Nietzsche aber vertritt eine
- 4:15philosophische Sichtweise, die man Determinismus nennt, das
- 4:19bedeutet, alles, was wir tun, ist notwendig.
- 4:22Es passiert, weil es passieren muss.
- 4:24Basierend auf unserem Charakter und den Umständen.
- 4:28Wir sind gar nicht so frei, wie wir denken, wenn wir begreifen,
- 4:31dass unsere Handlungen notwendig sind und wir gar nicht anders
- 4:34handeln konnten, dann gibt es auch keine Sünde mehr im
- 4:37religiösen Sinne, es gibt nur noch Handlungen, die vielleicht
- 4:41gegen menschliche Gesetze oder Sitten verstoßen, aber keine
- 4:44Handlungen, die das ewige Heil der Seele gefährden.
- 4:48Nietzsche sagt, Wenn der Mensch diese Erkenntnis wirklich tief
- 4:51in sich aufnimmt. Dass er nicht verantwortlich ist
- 4:54im metaphysischen Sinn und dass seine Handlungen natürlich sind.
- 4:57Dann verschwinden die Gewissensbisse, die Wunde heilt,
- 5:01weil man aufhört, sich selbst für etwas zu verurteilen, was
- 5:04ganz menschlich ist. Unterkapitel 134 der Umschwung
- 5:11zur Gnade hier beschreibt Nietzsche, was passiert, wenn
- 5:16ein Christ, der sich zuvor so schlecht und sündig gefühlt hat,
- 5:19plötzlich wieder glücklich ist. In der christlichen Sprache
- 5:23nennt man das Gnade oder Erlösung.
- 5:26Nietzsche aber entlarvt dies als ein Missverständnis der eigenen
- 5:29Gefühle. Der Vorgang ist folgender, der
- 5:33Christ hat sich durch falsche Gedanken in eine tiefe
- 5:35Traurigkeit und Selbstverachtung hineingesteigert, aber kein
- 5:39Gefühl hält ewig an, irgendwann lassen die Spannung und der
- 5:43Schmerz nach, es kommen Stunden, in denen man sich wieder freier
- 5:47fühlt, vielleicht einfach, weil man sich erholt hat.
- 5:50Oder weil der Körper neue Kraft geschöpft hat.
- 5:53Plötzlich spürt der Mensch wieder Lust am Leben und an sich
- 5:56selbst. Er fühlt sich wohl da der Christ
- 5:59aber gelernt hat, alles religiös zu deuten, versteht er dieses
- 6:03natürliche Wohlgefühl falsch, er denkt nicht, ah, meine Stimmung
- 6:07hat sich gebessert, sondern er denkt, Gott hat mir verziehen,
- 6:11Gott ist gnädig zu mir, er projiziert seine eigene neue
- 6:14Selbstliebe nach außen auf Gott. Er glaubt, dass eine göttliche
- 6:19Liebe auf ihn herabstrahlt dabei ist es in Wahrheit seine eigene
- 6:23Liebe zu sich selbst, die zurückkehrt.
- 6:26Nietzsche sagt spöttisch, das ist keine Erlösung durch Gott,
- 6:29das ist eine Selbstbegnadigung oder Selbsterlösung.
- 6:34Der Mensch deutet also nicht nur seine schlechten Taten falsch
- 6:37als Sünde, sondern auch seine guten Erlebnisse als göttliche
- 6:41Gnade, ein zufälliges, schönes Ereignis wird zum Wink Gottes.
- 6:46Eine fröhliche Stimmung wird zum Beweis für Gottes Güte.
- 6:49Nietzsche fasst es so zusammen, der Mensch liebt sich eigentlich
- 6:53selbst, aber er traut sich nicht, das zuzugeben, also macht
- 6:57er einen Umweg über die Vorstellung von Gott, um sich
- 6:59wieder gut fühlen zu dürfen. Unterkapitel 135 das Ende des
- 7:06Christentums durch Psychologie dieses sehr kurze Unterkapitel
- 7:11zieht die Schlussfolgerung aus den vorangegangenen
- 7:14Überlegungen. Nietzsche stellt fest, damit
- 7:17jemand überhaupt ein Christ werden kann und das Bedürfnis
- 7:20nach Erlösung verspürt, braucht er eine ganz bestimmte
- 7:22Voraussetzung. Diese Voraussetzung ist eine
- 7:25falsche Psychologie, das heißt, der Mensch muss seine eigenen
- 7:29Gefühle, Motive und Erlebnisse falsch verstehen und falsch
- 7:33deuten, er muss Fantasiegebilde und Unvernunft zulassen, um sich
- 7:37Sündig zu fühlen und dann auf ein Wunder zu hoffen.
- 7:41Die Konsequenz daraus ist für Nietzsche klar und radikal.
- 7:45Sobald ein Mensch einsieht, dass diese psychologischen
- 7:47Mechanismen am Werk sind, sobald er durchschaut, dass wundpo
- 7:51Sünde und Baltil und Gnade nur Missverständnisse der eigenen
- 7:55Seele sind, hört er auf, ein Christ zu sein mit der Einsicht
- 7:59in diese Irrtümer der Vernunft und der Fantasie löst sich das
- 8:02Christentum auf, man braucht keine Erlösung mehr, weil man
- 8:06begriffen hat, dass man nie wirklich verdammt war,
- 8:10Unterkapitel 136. Über die christliche Askese und
- 8:15Heiligkeit in diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit 2
- 8:20großen Themen der Religion, der Askese und der Heiligkeit.
- 8:25Askese bedeutet, dass ein Mensch streng verzichtet, sich
- 8:28selbstkastheit und auf weltliche Genüsse wie Gutes Essen oder
- 8:31Bequemlichkeit verzichtet. Heiligkeit bezeichnet den
- 8:35Zustand eines Menschen, der als moralisch vollkommen und Gott
- 8:38besonders nahe gilt. Nietzsche stellt fest, dass
- 8:42viele Denker in der Vergangenheit diese Phänomene
- 8:44als etwas wunderbares angesehen haben.
- 8:47Sie meinten, Askese und Heiligkeit seien Dinge, die man
- 8:50mit dem normalen Menschenverstand gar nicht
- 8:52erklären kann. Es galt fast als eine Sünde oder
- 8:56ein Frevel, also eine Respektlosigkeit, wenn man
- 8:59versuchte, diese Dinge nüchtern und vernünftig zu untersuchen.
- 9:03Doch genau diese Behauptung, dass es unerklärlich sei,
- 9:06verleitet die Menschen dazu, es erst recht zu bewundern.
- 9:10Es gibt einen starken Drang im Menschen, gegen solche
- 9:12scheinbaren Wunder zu protestieren.
- 9:15Die Wissenschaft, so sagt Nietzsche, versucht, die Natur
- 9:17nachzuahmen und zu verstehen, sie darf und muss gegen die
- 9:22Behauptung Einspruch erheben, dass es Dinge gibt, die man
- 9:25nicht erklären darf oder kann. Bisher ist es der Wissenschaft
- 9:29jedoch noch nicht ganz gelungen, diese religiösen Phänomene
- 9:31vollständig zu enträtseln, das freut natürlich die religiösen
- 9:35Menschen, die das Wunderbare lieben.
- 9:38Sie fordern, dass das Unerklärliche unbedingt
- 9:40übernatürlich sein muss. Nietzsche setzt dem eine
- 9:43nüchterne Wahrscheinlichkeit entgegen, er vermutet, dass die
- 9:47Natur der Askese und der Heiligkeit einfach nur sehr
- 9:50kompliziert ist. Er glaubt nicht an Wunder, er
- 9:53glaubt, dass es sich um eine Mischung aus vielen
- 9:55verschiedenen natürlichen Antrieben und Bedürfnissen
- 9:58handelt, überall in der Welt, ob in der Physik oder in der Moral
- 10:02oder. Hat man bisher immer
- 10:03festgestellt, dass das scheinbar wunderbare in Wahrheit nur etwas
- 10:06kompliziertes und vielfältiges war, dass man entwirren konnte.
- 10:10Deshalb schlägt Nietzsche vor, die einzelnen Antriebe in der
- 10:13Seele eines Heiligen oder Asketen zu isolieren, also
- 10:16einzeln zu betrachten und sich dann vorzustellen, wie diese
- 10:19Antriebe ineinander verwachsen sind.