Latest / Hinreichend verdächtig / Ein Mord, der Duisburg spekulieren ließ
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- Er hat dann auch zugegeben, dass er bei Gülay angeklopft hat und dort zur Toilette gehen wollte, weil ihm wohl übel gewesen sei, weil er zu viel Alkohol konsumiert hätte am Vorabend. Und dann sei er auf dieser Toilette eingeschlafen und Gülay hätte ihn dann geweckt und ihn sehr energisch gebeten, das Café zu verlassen. Es sei zum Streit gekommen und in diesem Streit habe sich dann einen Schuss aus der von ihm mitgeführten Waffe gelöst. Und zu dieser Waffe hat er eben beäußert, dass er die immer dabei hätte, um sich vor möglichen terroristischen Angriffen zu schützen. Ja, ich glaube, wenn man sich das so insgesamt anhört, merkt man schon, dass man dem jetzt nicht so wirklich viel Glauben schenken konnte. Und so war es ja letztlich auch. All seine Angaben konnten aufgrund der anderen Beweismittel widerlegt werden. Hallo, zurück bei hinreichend verdächtig. Mein Name ist Lili Stegner. In diesem Podcast gehen wir nicht nur echten Kriminalfällen auf den Grund, sondern wir tauchen richtig tief ein. Wir beleuchten die Ermittlungen, die zur Anklage geführt haben und wir untersuchen, was die Gesetzestexte dazu sagen. Dafür habe ich immer zwei Gäste hier, einmal aus der Staatsanwaltschaft in Duisburg und einmal einen Gerichtsreporter aus unserer Lokalredaktion hier. Die Fälle, die wir hier betrachten, die sind immer abgeschlossen und rechtskräftig entschieden. Wir analysieren dann, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die Staatsanwaltschaft ermittelt und die Anklage formuliert hat. Wir schauen aber auch, was es um diesen Fall drumherum zu sagen gibt. Ganz nebenbei können wir so auch juristische Fachbegriffe diskutieren, die, naja, man vielleicht öfter mal hört, aber nicht immer so ganz versteht. Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig. Möglich macht das Ganze unser Sponsor, das ist Synlab in Leverkusen, die Teil eines weltweiten Labornetzwerkes sind. Heute zu Gast hier habe ich Jill McCuller, sie ist Staatsanwältin hier in Duisburg und Alexander Trisch, er ist Redakteur in unserer Lokalredaktion in Duisburg. Heute geht es mal wieder um einen ziemlich schlimmen Fall, bei dem eine Frau erschossen wurde. Falls euch das emotional belastet, dann hört die Folge lieber nicht alleine an oder überspringt sie ganz. Wie immer starten wir aber erstmal mit einer Beschreibung unseres Falls. Was ist passiert? Wir befinden uns in Duisburg am Innenhafen. Das ist eigentlich eine echt nette Ecke. Es gibt Museen, man kann dort wunderbar flanieren und sich in den zahlreichen Cafés und Restaurants die Zeit vertreiben. Eins dieser Lokale wurde aber zum Tatort. Heute ist dort ein anderes Lokal drin. 2017, zum Tatzeitpunkt, hieß es Café Vivo und wurde betrieben von Gülei. Wie immer haben wir alle Namen in diesem Fall geändert. Gülei ist also die Geschäftsführerin des Cafés und war am Morgen des 3. Mai 2017 schon früh im Betrieb. Das Café war noch nicht geöffnet. Plötzlich kommt ein Mann herein. Er fragt, ob er die Toilette kurz benutzen dürfe. Dass Gülay nur wenige Minuten später tot ist, ahnt sie in diesem Moment nicht. Der Mann, wir nennen ihn hier Benjamin, hatte nicht nur eine Pistole dabei, sondern auch einen Schalldämpfer. Nachdem er von der Toilette zurückkam, schritt er zur Tat. Er erschoss Gülay mit zwei Schüssen, die sich durch ihren Körper bahnten. Nach dem zweiten Schuss brach sie tot zusammen. Benjamin verschwand, bevor die Tat bemerkt wurde. Zurück blieb nur der leblose Körper der Kaffeechefin. Erst die Köchin, die wenig später im Café ankam, entdeckte dann den grausigen Tatort. Lange gab es kaum Hinweise darauf, wer diese Tat begangen haben könnte und vor allem warum. Es gab wilde Spekulationen. Es wurde über nicht gezahlte Schutzgelder gesprochen, über Fremdenhass und Beziehungstaten. Sogar Spekulationen, dass der türkische Geheimdienst damit zu tun haben sollte, standen im Raum. Die Gerüchte verbreiteten sich ebenso schnell wie die Angst vieler Menschen vor dem Täter, der immer noch auf freiem Fuß war. Lange tappten die Ermittler im Dunkeln darüber, wer diesen scheinbar perfekten Mord begangen haben könnte. Erst neun Monate später, im Sommer 2018, kam es dann zu einem Treffer. Benjamin wurde anhand von DNA-Spuren identifiziert, die er bei einem Raub in Berlin hinterlassen hatte. Doch damit wurden die vielen Fragen zu dem Mord noch lange nicht geklärt. Benjamin war niemand, den man zunächst einmal für einen Mörder halten würde. Er war ein junger Mann, zum Zeitpunkt seiner Festnahme 29 Jahre alt, gebildet, ein Globetrotter, gut gekleidet. Er wurde in Venezuela geboren, wuchs in Spanien und Deutschland auf und studierte später auch in gleich mehreren Ländern. Und doch führte sein Leben irgendwann zu dem Mord im Innenhafen, als Täter. Im Prozess, der dann 2019 begann, sprach er von einem Versehen. Bis heute, so viel sei schon mal verraten, gibt es keine wirklich befriedigende Erklärung für diesen grausamen Mord an Gülei, der eher an eine Hinrichtung erinnerte. Ab wann war der Angeklagte verdächtig? Jay, als ihr von der Tat erfahren habt, was waren eure ersten Schritte? Es war ja mitten im Herzen von Duisburg eigentlich stattgefunden. Was habt ihr als erstes getan? Also wie in Tötungsdelikten üblich, haben wir zuerst die Spuren am Tatort gesichert. Und dann war es hier, glaube ich, anders als in anderen Fällen besonders wichtig, sämtliche Zeugen direkt zu vernehmen. Das heißt, die Zeugin, die Gülay aufgefunden hat, aber auch Zeugen aus der umliegenden Gastronomie oder der Bank, die sich direkt neben dem Café befunden hat. Und nicht weniger wichtig, die Zeugen aus dem Umfeld von Gülay, weil die können uns ja dann Auskunft darüber geben, was war Gülay für eine Person, mit wem hat sie eventuell Streit gehabt und dadurch können sich dann natürlich erste Ansätze ergeben, wer der mögliche Tatverdächtige ist. Ja, ich glaube, man kann sich das ganz gut vorstellen. In so einem Bereich, wo es viele Restaurants und Cafés gibt, ist morgens um neun wahrscheinlich noch nicht so wahnsinnig viel los. Aber die ganzen Betreiber und Angestellten sind ja schon vor Ort. Da liegt es ja nahe, dass vielleicht irgendwer, naja, was gesehen haben könnte. Aber das hat euch nicht so richtig weitergeführt. Also ihr seid nicht so richtig weitergekommen. Welche Richtung habt ihr denn zuerst vermutet? Es gab verschiedene Theorien. Muss man ja sagen, es hat mit der Gastronomie zu tun. Sie wurde in ihrem Café getötet. Dann hat man zuerst mal vermutet, es könnte vielleicht darum gehen, dass der Täter die Bareinnahmen des Cafés an sich nehmen wollte. Das war aber recht schnell vom Tisch, weil wir an der Tatöffentlichkeit Bargeld auffinden konnten, was eben offen umher lag. Also war das, ja, dann konnte man das eben gleich ad acta legen. Weitere Theorie, die es gab, die auch im Zusammenhang mit der Gastronomie steht, sind mögliche Schulden von Gülay oder dass es um Schutzgelder ging. Und letztlich war es ja so, wie eben schon gesagt, dass sich neben dem Café eine Bank befunden hat und wir haben auch überlegt, ob es vielleicht so eine Art missglückter Banküberfall war, dass die Täter also eigentlich eine ganz andere Tat begehen wollten und Güler ihnen irgendwie in die Quere kam oder vielleicht Dinge gesehen hat, die sie nicht sehen sollte und deswegen dann zum Opfer wurde. Aber alles das konntet ihr zumindest am Anfang nicht so richtig bestätigen. Wie geht ihr denn damit um, wenn euch so gnadenlos Informationen fehlen? Es ist ganz schwierig, wenn man so am Anfang gar keinen Anpack hat und dann ist es eben umso wichtiger, dass man keinen einzigen Ansatz und auch kein mögliches Szenario außer Acht lässt und dass man sich auch nicht voreilig auf eine bestimmte Ermittlungshypothese versteift und dadurch dann vielleicht gewisse Anhaltspunkte, die da sind, übersieht oder außer Acht lässt. Aber das ist natürlich besonders arbeits- und zeitintensiv, wenn man sich vielleicht vorstellen kann. Klar, ihr müsst ja dann quasi in ganz viele verschiedene Ermittlungsstränge arbeiten und sonst, wenn es eine konkrete Idee, einen konkreten Hinweis gibt, könnt ihr euch auf quasi einen dieser Zweige beschränken. Richtig, normalerweise kann man sich recht schnell fokussieren und das war eben hier gerade nicht der Fall. Ich habe es ja eben auch schon in der Fallbeschreibung gesagt, es gab wahnsinnig viele Spekulationen drum in der Öffentlichkeit, was da passiert sein könnte, was die Hintergründe sein könnten. Inwiefern beeinflusst das denn auch eure Arbeit, wenn über einen Fall und dessen im Dunkeln liegende Hintergründe so viel geredet wird? Ich würde sagen, dass es das eigentlich gar nicht so sehr beeinflusst. Wir kriegen diese Spekulation natürlich mit, aber in der Regel nehmen wir sie auch als solches wahr, was sie halt eben sind, Spekulationen. Und wenn die sich nicht für uns bewahrheiten, uns da keine Anhaltspunkte für gibt, dann legen wir die schnell zur Seite. Hier war es ja insbesondere so, dass die türkische Presse recht schnell auf den Fall aufmerksam wurde und dann angenommen hat, dass der türkische Geheimdienst irgendwie mit der Tat im Zusammenhang stehen könnte. Da gab es für uns keine Anhaltspunkte, also haben wir das zur Seite gelegt und so gehen wir normalerweise dann auch mit diesen Spekulationen um. Aber wenn ihr von so etwas hört, ihr überprüft es schon mal kurz zumindest, ob das plausibel sein könnte. Auf jeden Fall. Also es gibt ja meistens Gründe, warum solche Spekulationen eben aufkommen und die Theorien in der Bevölkerung eben besprochen werden. Und es ist nicht so, dass wir Scheuklappen aufhaben und sowas dann gar nicht wahrnehmen, das schon. Aber es ist genau so, dass wir auch dann diese Spekulation recht schnell beiseite legen. Ich verstehe. Der Wendepunkt kam ja dann, als Benjamin, unser Täter, wie wir ihn hier nennen, in einem anderen Fall nochmal aufgetaucht ist und ihr so eine Verbindung ziehen konntet. Was ist dann passiert? Also dann waren diese DNA-Spuren hier irgendwie im Raum, ihr hattet einen Verdächtigen und was ist dann passiert? Also das war natürlich für uns der absolute Durchbruch in den Ermittlungen. Es war so, dass wir am Tatort DNA sichern konnten an verschiedenen Stellen an der Tatörtlichkeit und diese DNA letztlich dann Benjamin zugeordnet werden konnte. Und die DNA befand sich an Stellen am Tatort und auch am Opfer, die mit der Tat zusammenhängen mussten. Also es gab gar keine plausible Erklärung, warum sich die DNA von Benjamin ansonsten dort befinden sollte. Und das war der Punkt, an dem wir dann uns auf Benjamin als Täter fokussieren konnten und uns eben auch mit der Frage beschäftigen konnten, was sind denn eigentlich die Hintergründe der Tat und das Motiv von Benjamin. Wozu ja auch gehört, was hat er in diesen Tagen gemacht, in den Tagen vorher? Wie hat er, ich meine, man hat nicht gerade immer unbedingt eine Pistole und einen Schalldämpfer zu Hause rumliegen. Also das sind ja dann alles Dinge, die quasi euer Bild dann nach und nach vervollständigen. Richtig, also wie von eben angedeutet, war es vorher so, dass wir uns sehr auf die Person von Gülay und das Opfer eben fokussiert haben, versucht haben aufzuklären, was ist sie für eine Person, in welchem Umfeld lebt sie und so weiter. Und dann in dem Moment, als wir Benjamin als Tatverdächtigen hatten, konnten wir uns natürlich auf ihn fokussieren und die Frage stellen, was ist eigentlich Benjamin für eine Person. Und wie hängen die beiden zusammen? Und tun sie es überhaupt? Alex, dieser Mord am Innenhafen, wie gesagt, hat ein sehr großes Medienecho auch hervorgerufen. Wir haben gehört, auch die türkische Presse ist schon mit draufgesprungen. Wie seid ihr, beziehungsweise deine Kollegen damals, ich glaube, du warst zum Tatzeitpunkt noch nicht in der Redaktion, wie seid ihr damit umgegangen? Genau, ich war damals noch nicht da und ich habe noch vor der Aufnahme mit einem Kollegen gesprochen, der damals dabei war und auch einer der ersten Journalisten am Tatort und das muss man sich so vorstellen, dass erstmal gar nichts klar war. Also es gab in den ersten Meldungen nur die Information, dass es quasi eine Leiche in diesem Café gab und man auch noch, also die Öffentlichkeit noch gar nicht wusste, dass es sich da um die Betreiberin handelt und die ganze Dimension des Falls war noch überhaupt nicht klar. Also es gab in den ersten Tagen da wirklich kaum Informationen zu und wie wir schon gehört haben, kam ja auch der Hinweis auf den Täter erst viel, viel später. Ja, es muss aber ganz furchtbar gewesen sein und es wurden wohl auch dann Familienmitglieder noch zum Tatort geführt, um die Leiche zu identifizieren. Und das war schon, wie der Kollege gesagt hat, so wirklich eine der schlimmsten Situationen, die er so gesehen hat. Ja, also es war ja auch wirklich zwei Schüsse, die auch mehrfach durch ihren Körper gingen. Also es muss ein erschreckendes Bild gewesen sein, das sich da dargeboten hat. Wir haben gerade schon ein bisschen über die Gerüchte gesprochen, die es rund um diesen Fall gab. Kannst du uns da ein bisschen mitnehmen, was für Gerüchte gab es da? Also es ist ja wahrscheinlich wie immer eine breite Range von einigermaßen plausibel bis völlig an den Haaren herbeigezogen. Was kursierte da so? Also es gab, würde ich sagen, erstmal so halbwegs realistische Gerüchte, weil es auch in den Tagen oder Wochen zuvor, meine ich, einen Raubüberfall in der Nähe gab. Da wurde am Innenhafen ein Geschäft überfallen und dann hat man erstmal kurz gedacht, naja, vielleicht könnte das ja irgendwie der ähnliche Täter sein oder jemand aus dem Umfeld. Ja, dann hatten wir eben ja schon ein bisschen gehört, was sich da alles entwickelt hat an Gerüchten. Wirklich von Schutzgelderpressung mit die Mafia könnte damit irgendwie zu tun haben. Der türkische Geheimdienst könnte das Kaffee irgendwie als Unterschlupf benutzt haben. Da kann man sich auch mal fragen, ob das vielleicht auch irgendwie an dem, ja, aber woran das eigentlich liegt, ob das vielleicht auch sich entwickelt hätte, wenn das jetzt, weiß ich nicht, Martin Müller aus dem Café einen großen Baum gewesen wäre, ob dann jemand gesagt hätte, na, das ist bestimmt Schutzgelderpressung von irgendwelchen Leuten und ja, das lag dann wahrscheinlich irgendwie auch an dem türkischen Namen der Frau und das hat natürlich dann auch in der Folge dazu geführt, dass man dachte, vielleicht kommt es auch aus einer anderen Richtung, dass es irgendwas mit Rechtsextremismus zu tun hat. Fremdenhass als Motiv, ja. Also gab es ja einen großen Fall in Deutschland, wo das jahrelang übersehen wurde, dass Leute mit migrantischen Nachnamen getötet wurden. Und dann hat man irgendwie gedacht, ja, vielleicht hat das dann mit dem NSU zu tun oder mit irgendwelchen Nachfolgerorganisationen. Ja, das war schon sehr mysteriös, wahrscheinlich auch mit der Tatbegehung an sich, dass man lange niemanden gefunden hat. Da wird jemand mit einem Schalldämpfer umgebracht. Das ist jetzt, glaube ich, auch nicht so alltäglich. Ja, das spricht auf jeden Fall für eine große Verwirrung und wie er dann sich am Ende rausgestellt hat, hat sich nichts davon bewahrheitet. Es war weder Mafia, es war weder der türkische Geheimdienst, es war wahrscheinlich auch kein fremdenfeindliches Motiv. Was es war, dazu kommen wir später. Aber mich interessiert noch, wie ihr damit umgeht, wenn so viele Gerüchte in der Welt rumwabern. Also Jill hat ja gerade schon gesagt, man muss sich das alles anhören, man muss das alles zumindest mal in Erwägung ziehen und dann eben entkräften und dann auch nicht beachten. Wie geht ihr journalistisch damit um? Denn auch eure Berichterstattung beeinflusst das ja. Genau, also man kann jetzt natürlich nicht allem hinterherlaufen, was sich da so entwickelt und ich würde sagen, es kommt immer darauf an, wo kommen die Gerüchte her und wie viel davon klingt, wirklich plausibel und wir machen das ähnlich, würde ich sagen, so wie die ermittelnde Seite, dass man schon erstmal den Dingen nachgeht, aber auch sich überlegt, okay, ist das jetzt wirklich realistisch, kann das sein, wer hat das verbreitet, ist das jetzt irgendwie im Internet gewesen, in irgendwelchen Foren oder gibt es vielleicht einen Nachbarn, der wirklich irgendwie noch mehr hat, außer dieses Gerücht. Und wirklich das irgendwie belegen kann und einen konkreten Hinweis hat. Wahrscheinlich kann man so sagen, je größer der Fall ist, desto mehr Leute tauchen dann auch auf und erzählen uns irgendwas. Es gab da auch letztes Jahr einen Fall, ich glaube Jill, du hast den auch betreut. Da gab es einen Mann, der getötet wurde im Duisburger Norden und anschließend wurde seine Leiche zerteilt. Und dann hat sich in dem Stadtviertel auch das Gerücht so rumgesprochen, ja, das hat jetzt irgendwas mit Kannibalismus zu tun. Das war dann auch direkt in den Medien und es gab wirklich, meine ich, überhaupt keinen Hinweis darauf. Und das ist dann schon irgendwie auch für die Beteiligten und für die Hinterbliebenen irgendwie auch ein bisschen traurig und verrückt, dass dann die sich mit sowas beschäftigen müssen, wo wirklich ja nichts dran ist. Also es ist immer so eine Waage zwischen Menschen ernst nehmen, aber auch nicht auf jeden Spekulationszug aufspringen und Gerüchte verbreiten, die, naja, hinterher sich als nicht wahr herausstellen. Und jetzt eine kurze Pause. Vielleicht mit etwas Werbung. Ja. Music. Was macht das auf? Was ich an dem Fall faszinierend finde, ist, dass es so keine offensichtliche Verbindung zwischen Täter und Opfer gibt. Wie oft passiert das denn, dass so zufällige, randomisierte Verbindungen plötzlich da auftauchen in so einem doch krassen Mordfall? Tatsächlich ist es eher selten der Fall. Ich würde sagen, die üblichen Fälle, die wir so auf dem Tisch haben, Da ist es so, dass die sich im Nahbereich abspielen und dass wir allein dadurch schon recht schnell auf einen möglichen Täter kommen. Und selbst wenn es mal nicht der Fall ist, dann ist es so, dass die ersten Ermittlungen in Form von Überprüfung der Kommunikation des Opfers zum Schluss uns recht schnell auch auf eine gewisse Spur bringen, die dann eben doch verdeutlicht, dass da irgendeine Art von Verbindung zwischen Täter und Opfer besteht. Das war hier ja gar nicht der Fall und ich würde meinen, es ist wirklich höchst selten. Also es war wirklich ein Zufalls. Absolutes Zufallopfer, ja. Du hast ja Benjamin dann auch später gesehen, mitbekommen, ihn so ein bisschen erlebt. Wie hast du ihn denn wahrgenommen? Was war der für ein Typ? Also ich fand es sehr interessant, dass seine Persönlichkeit, wie sie auch von einem psychiatrischen Sachverständigen später beschrieben wurde, sehr gut auch in seinem Verhalten in der Sitzung zum Ausdruck kam. Als Beispiel, seine Eltern wurden als Zeugen vernommen und haben auch Angaben gemacht und er hat ihnen auch Fragen gestellt und sie dabei mit sie anstatt mit du angeredet und hat von ihnen dann auch als die Zeugin oder der Zeuge gesprochen. Also Benjamin war sehr empathielos, gefühllos und auch gegenüber den Personen in seinem persönlichen Nahbereich emotional total flach. Anders kann man das glaube ich kaum beschreiben. Ja, es ist schon, also die eigenen Eltern zu siezen und als die Zeugin der Zeuge zu bezeichnen, das klingt seltsam. Hatte Benjamin denn Vorstrafen? Also ist er irgendwie durch so eine Spirale abgerutscht, die ihn dann zum Mörder gebracht hat oder war das völlig unvorhersehbar? Du hast es vorhin ja schon angesprochen, er hatte eigentlich einen recht bemerkenswerten Lebenslauf, würde ich sagen. Also seine Vita unterscheidet sich schon von der Vita, der Anneklag, mit denen wir es sonst so zu tun haben. Er hat ja erfolgreich ein Studium absolviert, hat in mehreren Ländern gelebt und dann auch seine erste Stelle angetreten und ab da ging es so ein bisschen bergab. Er ist dann da gekündigt worden und hat in der Branche, in der er eben studiert war, auch nicht richtig Fuß fassen können. Er hat dann Gelegenheitsjobs wahrgenommen, hat sich in Neuseeland und Australien aufgehalten und diese Aufenthalte mit Krediten finanziert. Und nach seinen eigenen Äußerungen ist es so, dass er diese Kredite mit falschen Angaben sich erschlichen hat, was dann wiederum zu Schulden geführt hat. Also das war dann schon so eine gewisse Abwärtsspirale, wobei man jetzt sagen muss, dass er zum Zeitpunkt der Verurteilung auch noch keine Vorstrafen hatte. Also nichts, was irgendwie rechtskräftig gewesen wäre. Es war vielleicht alles ein bisschen sketchy, aber nicht. Genau, es gab wohl mehrfache Anzeigen auch gegen ihn, aber es war eben zu dem Zeitpunkt, und das ist ja für uns nur relevant, keine rechtskräftige Verurteilung. Hat er sich denn im Prozess geäußert? Du hast gerade gesagt, er hat seinen eigenen Eltern als Zeugen noch Fragen gestellt. Also hat er teilgenommen am Prozess? Er hat teilgenommen, er hat auch sich umfassend selbst eingelassen, er hat Angaben zu seiner Person gemacht und zu seinem Werdegang und auch zu der Tat hat er Angaben gemacht, was ja auch eher selten vorkommt. Er hat geschildert, dass er am Tag der Tat und auch am Tag davor sich im Innenhafen befunden hat, als Grund dafür hat er aber hingegen angegeben, dass er auf Wohnungssuche gewesen sei. Das war recht wenig plausibel, denn er hatte keinerlei Bezug zu Duisburg, er hatte keine Arbeit in Duisburg, er hatte keine Aussicht auf Arbeit in Duisburg und der Innenhafen war jetzt auch nicht unbedingt eine Gegend, die sein finanziellen Verhältnis entsprochen hätte, sodass man das schon eher abtun konnte. Er hat dann auch zugegeben, dass er bei Gülay angeklopft hat und dort zur Toilette gehen wollte, weil ihm wohl übel gewesen sei, weil er zu viel Alkohol konsumiert hätte am Vorabend. Und dann sei er auf dieser Toilette eingeschlafen und Gülay hätte ihn dann geweckt und ihn sehr energisch gebeten, das Café zu verlassen. Es sei zum Streit gekommen und in diesem Streit habe sich dann ein Schuss aus der von ihm mitgeführten Waffe gelöst. Und zu dieser Waffe hat er eben beäußert, dass er die immer dabei hätte, um sich vor möglichen terroristischen Angriffen zu schützen. Ja, ich glaube, wenn man sich das so insgesamt anhört, merkt man schon, dass man dem jetzt nicht so wirklich viel Glauben schenken konnte. Und so war es ja letztlich auch. All seine Angaben konnten aufgrund der anderen Beweismittel widerlegt werden. Das heißt, dieser Streit, der da entstanden ist, dafür gab es keine Anhaltspunkte. Es gab also dafür, dass man eine Pistole braucht, um sich vor Terrorismus zu schützen, gibt es auch wenig Anhaltspunkte, muss man jetzt mal so sagen. Das heißt, Benjamin war insgesamt eine... Ja, positiv ausgedrückt vielschichtige Person, aber irgendwie hatte er ja auch ganz viele Hintergründe, die nach und nach bei euch rausgekommen sind. Also Internetrecherchen, die er vorher gemacht hat, zur Herstellung von Chloroformen zum Beispiel, sehr explizite Notizen. Ich habe auch gelesen von Saftfläschchen, die er aus irgendwelchem Grund dabei hatte an diesem Tattag und in dem Toilettenraum verteilt hat. Kannst du uns da ein bisschen erzählen, wie er das alles in einen Zusammenhang bringen wollte? Ich glaube, am interessantesten war, dass mit diesem beruflichen Misserfolg auch so eine persönliche Veränderung einherging, die sich darin geäußert hat, dass er dann sich von Menschen immer mehr zurückgezogen hat und auch für die Gefühle anderer Menschen überhaupt gar nicht mehr zugänglich war. Und das Ganze ist gegipfelt in sehr konkreten Tötungsfantasien und die hat Benjamin auch verschriftlicht und diese Notizen konnten wir eben auch finden und das war insgesamt natürlich mehr als erschreckend. Er hatte Tötungsfantasien, die sich auch insofern konkretisiert haben, als dass er bestimmte Tötungsarten, ich sag jetzt mal, bevorzugt hat. Zum Beispiel hat er da auch von Enthauptung gesprochen. Diese Tötungsfantasien bezogen sich auf konkrete, real existierende und ihm auch bekannte Personen. Was natürlich auch insofern ja einen ein bisschen erschreckt zurücklässt, weil man natürlich die Gefahr wittert, dass er diese Tötungsfantasien in die Tat umsetzen wollte. Und dafür spricht auch, dass er sich eine Agenda gemacht hat, in der er eben aufgezählt hat, welche Punkte er vor der jeweiligen Tötung noch zu erledigen hat. Also insgesamt war das schon sehr konkret, was er da formuliert hat. Und ja, letztlich hat er dann eine dieser Tötungsfantasien ja in die Tat umgesetzt. Aber eben nicht an einer Person, die er kannte, sondern die quasi zufällig in seinen Tagesablauf gepasst hat. Richtig. Ich muss nochmal zurückkommen zu diesen Saftfläschchen. Kannst du uns einmal noch ein bisschen was erzählen, was er damit vorhatte oder was er damit gemacht hat, was er vorhatte, können wir wahrscheinlich nicht ganz beantworten. Da muss ich sagen, das war bis zum Schluss nicht wirklich geklärt. Es gab da viele Theorien, die auch die Kammer formuliert hat, aber wie es letztlich war, kann man nicht sagen. Das Einzige, was klar ist, er hat sich diese Saftfläschchen vorher in einem Drogeriemarkt besorgt und mit zum Tatort genommen und dann... Er irgendwie auf der Toilette trappiert, hat teilweise die Flüssigkeit ausgeschüttet. Es ist aber auch klar, dass er sie ausgeschüttet haben muss und sich dann nicht mehr in der Toilette befunden hat, weil da eben keine Spuren mehr, Wissspuren zu erkennen waren. Was es genau aber damit auf sich hat, ob er jetzt irgendwie auch vielleicht die Ermittlungsbehörden auf eine falsche Spur bringen wollte, das konnte man überhaupt nicht aufklären. Es klingt alles in allem so, als ob er immer mehr in seiner komplett eigenen Welt gelebt hätte, in der er sich irgendwie alles so zurechtgesponnen hat und Dinge vor sich selber vielleicht auch gerechtfertigt hat. Also hier nochmal diese Aussage, dass er sich mit der Pistole vor terroristischen Akten schützen will. War bei ihm denn so eine psychische Störung feststellbar? Also das klingt ja schon alles fast psychotisch. Wie gesagt, es war so, dass Benjamin durch einen psychiatrischen Sachverständigen, was in unseren Verfahren ja auch üblich ist, begutachtet wurde. Und der kam eben zu dem Schluss, dass Benjamin voll schuldfähig ist. Ich muss sagen, dass für mich das auch insofern plausibel ist, ohne dass ich jetzt natürlich selbst psychiatrische Sachverständige wäre. Aber man hat ja festgestellt im Urteil, dass er die Tat sehr lange auch geplant hat, beziehungsweise diese Tötungsfantasien schon hatte. Und zumindest auch am Tag vorher im Innenhafen war, sich Gülay als sein Opfer ausgesucht hat und dort dann auch beispielsweise sehr umsichtig geschaut hat, wo Überwachungskameras sind, auf denen er am Vortag noch zu sehen war. Am Tag der Tat selbst jedoch nicht. Das bedeutet, er ist diesen Kameras ganz bewusst aus dem Weg gegangen. Man hat auch feststellen können, dass er einen Fußweg gewählt hat, der deutlich länger war, als den jede andere Person nehmen würde, damit er gerade nicht auf diesen Kameras zu sehen ist. Und das alles ist ja ein sehr, sehr planvolles Vorgehen. Und da muss man sagen, dass eine hochpsychotische Person, die eben unter einer Schizophrenie oder ähnlichen psychiatrischen Erkrankungen leidet. Dass man davon ausgehen muss, dass die eben dazu gar nicht in der Lage wäre, so was zu tun. Also das ist ja schon... Wusste, was er tat in dem Moment. Ja, es ist erschreckend, aber es gibt natürlich auch Menschen, die psychisch nicht krank sind, aber aus unserer Sicht in Anführungszeichen kranke Dinge tun, weil das ist es natürlich, aber es ist halt eben nicht im Sinne pathologisch, genau, richtig. Alex, du hast vorhin schon gesagt, du warst damals noch nicht in der Redaktion, aber dein Kollege war mit Sicherheit auch beim Prozess dabei. Weißt du, wie er das damals wahrgenommen hat? Also es war schon insgesamt alles sehr merkwürdig, das haben wir ja gerade schon gehört. Der Benjamin kam unter anderem ja auch mit Anzug und Krawatte ins Gericht, das ist jetzt für einen Mörder auch eher nicht so gewöhnlich und hat dann wie gesagt seine Eltern gesiezt und das perfide war halt, dass er da diese Version aufgeticht hat von der Notwehr, dass es da irgendwie zu einem Gerangel gekommen sei und sich da irgendwie dieser Schuss aus seiner Waffe gelöst hat. Also der Kollege meinte, das ist jetzt ein Zitat, es wäre ein völlig verstrahlter Typ gewesen. Das passt ja ein bisschen zu dem, was wir bisher gehört haben, dass er sehr in seiner eigenen Welt gelebt haben muss. Wie würdest du denn Benjamin so aus heutiger Sicht, ohne ihn gesehen zu haben und vielleicht auch mit ein bisschen Abstand, den einschätzen? Also was glaubst du, was war das für ein Typ? Also das ist jetzt natürlich sehr küchenpsychologisch, aber als Angeklagter in so einem Fall ist der natürlich schon total ungewöhnlich. Allein schon von der ganzen Familiengeschichte her. Ich meine, der Vater arbeitete auch in der Entwicklungshilfe in Berlin und war da im Bundestag angestellt. Und der Benjamin selber war auch gar nicht in Deutschland geboren, sondern auf so einer Auslandsreise seiner Eltern in Venezuela. Er hatte eine Weltreise vorher gemacht. Er hat in Berlin als DJ gearbeitet und sich da so ein bisschen auch in Alkohol und Drogen verloren. Also das ist schon... Das ist schon total, total irre, würde ich sagen. Also dass man dann so diesen Absturz erlebt, dass man am Ende für einen Mordfall vor Gericht sitzt, den man nicht mal so wirklich erklären kann, wie das jetzt eigentlich, warum das jetzt passiert ist, das ist schon extrem merkwürdig. Und auch sehr einzigartig. Also es ist ja beide schon gesagt, passiert nicht so häufig, dass das so sich entblättert. Als Benjamin dann als zunächst noch mutmaßlicher Täter identifiziert wurde, was hat das denn mit diesen ganzen Gerüchten gemacht, die im Umlauf waren? Waren die dann verstummt? Hat sich die Öffentlichkeit dann damit zufrieden gegeben, dass da ein Täter gefunden wurde? Also überwiegend schon. Das war ja dann relativ schnell eindeutig, dass das mit Schutzgeld und dem türkischen Geheimdienst alles nichts zu tun hatte, weil sich Opfer und Täter ja auch überhaupt nicht kannten. Es gibt aber eine Theorie, die bis heute gar nicht so richtig abgeklungen ist und das ist so das Thema Misogonie und Frauenhass. Da kann man sich jetzt auch mal fragen, war das denn Zufall, dass das Opfer eine Frau war und eine Geschäftsfrau, die es im Leben zu was gebracht hat und was erreicht hatte und damit ja genau das Gegenteil von Benjamin, der aus diesem eigentlich erfolgreichen Leben, was er hätte haben können, total abgerutscht ist. Und es gab ja bei weitem noch viel mehr Cafés und Restaurants am Innenhafen. Also warum war es jetzt ausgerechnet dieses und dann wurde später ja auch festgestellt, dass er sich so ein bisschen auch in diese in diese Pickup Artist Szene verloren hatte und da auch so ein paar frauenfeindliche Inhalte aufgetaucht sind, mit denen er sich da identifiziert hat. Ich hatte auch gelesen, er wurde mal wegen sexuellem Missbrauch in Australien gesucht, Also dieses Thema wurde nie so richtig abgeräumt. Man hat da, glaube ich, keine wirklichen belastbaren Hinweise gefunden, dass das jetzt genau der Grund war. Aber da gab es dann schon auch noch in den Jahren danach viele Theorien. Jill, hast du sowas in die Richtung wahrgenommen bei ihm? Hat er sich dazu geäußert im Prozess? Tatsächlich war es ja so, dass, so erschreckend es auch ist, das Motiv recht deutlich am Schluss war, nämlich, dass er eine Person sterben sehen wollte und daran Freude hatte und alle anderen Motive konnten ausgeschlossen werden. Also ein persönliches Motiv ja ohnehin, weil die Tat ja geplant war, Zufallsopfer kannten sich nicht und es war auch so, dass ein finanzielles Motiv ausgeschlossen war und aber auch eben ein fremdenfeindliches Motiv. Benjamin war ja jemand, der auch im Ausland gelebt hat, war sehr weltoffen. Und es hat wirklich überhaupt gar keine Anhaltspunkte dahingehend gegeben, dass er irgendwie fremdenfeindliche Tendenzen hat und er sich deswegen Gülei ausgesucht hat. Sondern so wie das im Prozess rauskam, war es wirklich der reine Zufall. Es waren die Gegebenheiten, die günstig waren. Und letztlich war das dann eben Güleis Unglück. Also diese misogynen Tatmotive konnte man ihm auch nie wirklich nachweisen. Dafür gab es keine Anhaltspunkte. Es war schon so, das hat Alex ja gerade eben auch angedeutet, es gab wohl Anzeigen von Frauen wegen sexueller Belästigung und so und er scheint wohl, so haben das auch Freunde von ihm, die vernommen wurden als Zeugen, geschildert, dass er wohl, sagen wir mal, noch nicht ausgedrückt, Frauen gegenüber sehr offen war auch, was so seine Bedürfnisse sind. Und manche Frauen das dann vielleicht auch zu Recht als ein bisschen übergriffig empfunden haben und deswegen gab es diverse Anzeigen gegen ihn. Das hat er auch nie bestritten, das hat er auch immer offen so kommuniziert. Aber dass es tatsächlich eine Art Frauenhass war oder eine Frauenfeindlichkeit, da gab es keine Anhaltspunkte für. Kann man ihm nicht nachweisen. Genau, oder so, ja. Alex, gab es denn auch Menschen, die durch dieses ganze Gerüchte schüren, Und was ja über eine sehr lange Zeit ging. Ich meine, waren Monate zwischen der Tat und der Festnahme von Benjamin. Gab es Menschen, die darunter gelitten haben, auch unter diesen ganzen Gerüchten, abgesehen natürlich von den Angehörigen von Gülei? Also so genau wissen wir das natürlich nicht. Für die Familie ist das natürlich immer total schrecklich, weil jetzt muss man sich auch vorstellen, dass von der Tat selber bis zu dem Prozess ist ja auch einige Zeit vergangen. Und so als Angehöriger in so einem Fall will man dann natürlich Antworten haben und wissen, was ist da alles passiert. Und dann... Liest man ja auch die Dinge, die im Internet stehen, die geschrieben werden. Und wenn da wenig kommt erstmal und man sich da mit diesen ganzen Theorien und Verschwörungserzählungen da irgendwie beschäftigen muss, dann ist das natürlich schrecklich und sicherlich verzichtbar auch für die Angehörigen. Absolut. Wie geht es aus? Wie lautet denn das Urteil gegen Benjamin? Benjamin wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wegen Mordes und die Kammer konnte hier zwei Mordmerkmale feststellen. Einmal die Mordlust und Heimtücke. Was nicht festgestellt werden konnte, war die besondere Schwere der Schuld. Das hatten wir ja schon mal in einem anderen Fall besprochen. Es ist ja so, dass wenn zwei Mordmerkmale verwirklicht sind, das ein großes Indiz ist, dass hier auch die Schuldschwere anzunehmen ist. Aber die Kammer hat über diesen Punkt eben, dass es zwei Mordmerkmale gibt, die verwirklicht wurden, keine anderen Punkte in der Persönlichkeit oder der Tat gefunden, um eben die besondere Schwere der Schuld anzuordnen. Kannst du uns noch mal ein bisschen was zu diesen Mordmerkmalen sagen? Also einige haben wir ja schon in anderen Folgen besprochen, aber Mordlust war glaube ich noch nicht dabei. Genau, Mordlust ist auch eines der Mordmerkmale, die besonders selten vorkommen oder ich würde wirklich sagen so gut wie nie. Ich kann mich an keinen anderen Fall erinnern in den letzten Jahren, in denen eben dieses Mordmerkmal auch festgestellt werden konnte. Wie ich eben schon gesagt habe, ist es so, dass Mordlos immer dann vorliegt, wenn der Täter eine andere Person sterben sehen will und das auch wirklich der einzige Grund ist, warum er sie tötet, weil er daran eben Freude hat, einem anderen Menschen beim Sterben zuzuschauen. Und hier war es eben so, dass erstens mal andere Motive ausgeschlossen werden konnten und die Tötungsfantasien, die Benjamin ja auch verschriftlicht hatten. Uns dann recht deutlich gemacht haben, dass das eben genau der Grund für die Tötung war und Gülay eben auch ein reines Zufallsopfer war, um seine Fantasien zu verwirklichen. Wie hat Benjamin denn auf das Urteil reagiert? Benjamin war, das hat ja Alex eben auch schon mal angedeutet, eine recht schillernde Persönlichkeit in vielerlei Hinsicht. Das Urteil hat er völlig regungslos hingenommen. Er hat sonst im Prozess auch zu manchen Stellen einfach unpassend gelacht und was auch verdeutlicht hat, dass ihm, glaube ich, die Ernsthaftigkeit des Ganzen nicht so bewusst war und er das Ganze wie so ein Spiel hingenommen hat. Das Urteil selbst, da hat er gar keine Reaktion gezeigt. Also sehr stoisch hingenommen einfach. Richtig. Waren denn die Hinterbliebenen von Gülei bei dem Prozess dabei und wie haben die das aufgenommen, falls sie da waren? Die haben sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen. Der Ehemann von Gülei hat auch als Zeuge im Prozess ausgesagt. Aber ansonsten muss ich sagen, dass da keine besonderen Reaktionen von der Seite aus erfolgt sind. Sondern natürlich war wahrnehmbar, wie schrecklich das für alle Hinterbliebenen ist. Aber darüber hinaus gab es keine besonderen oder bemerkenswerten Reaktionen. Und wie Alex eben sagte, wahrscheinlich war den Hinterbliebenen auch hauptsächlich wichtig, Antworten zu kriegen und zu wissen, was passiert ist. Und das war ja dann nach dem Prozess immerhin der Fall. Genau. Du hast gerade gesagt, sie standen als Nebenkläger auch im Prozess mit. Was bedeutet das denn genau? Das ist, glaube ich, wieder eine dieser Dinge, die man vielleicht öfter hört, aber sich gar nicht bewusst darüber ist, was das für eine Auswirkung hat. Also Opfer von Straftaten oder auch die Hinterbliebenen, sofern eben die Opfer verstorben sind, können sich dem Prozess als Nebenkläger anschließen und haben dann eben gewisse Rechte, die sie wahrnehmen können. Ein Recht ist, dass sie am Prozess auch teilnehmen können die ganze Zeit. Selbst jetzt zum Beispiel, wenn man mal Güleis Ehemann nimmt, der hat jetzt als Zeuge ausgesagt und normalerweise ist es so, dass Zeugen dem Prozess eben vor ihrer Aussage nicht beiwohnen dürfen, damit ihre Aussage natürlich nicht beeinflusst wird. In dem Fall, wenn er ein Nebenkläger ist, hat er aber die Möglichkeit, von Anfang an dabei zu sein und die ganze Zeit das Verfahren zu verfolgen. Das ist zum Beispiel ein Recht. Natürlich hat man dann auch ein Fragerecht und kann insofern eben selbstständig auch nochmal Fragen an Personen, an Zeugen oder auch den Angeklagten selbst stellen. Und man wird in der Regel dann von einem Nebenklagevertreter, von einem Rechtsanwalt vertreten, der dann eben auch die Rechte des jeweiligen Hinterbliebenen eben ausübt. Das heißt, es macht einen zu einem Teil des kompletten Prozesses und nicht nur diesen Teiles, wo man sonst in seiner Funktion beiwohnen würde. Genau, ansonsten wäre man ja in der Regel entweder Zeuge oder Zuschauer letztlich. Und so ist man ein Verfahrensbeteiligter, so wie die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung ist man dann ein dritter Verfahrensbeteiligter. Was glaubst du denn heute mit ein bisschen Abstand zu dem ganzen Fall? Wir haben gerade schon gesagt, das deutet alles darauf hin, dass Gülay zwar ein Zufallsopfer war, aber glaubst du, das hätte auch der Beginn einer ganzen Mordserie sein können, nach dem, was ihr in seinen Unterlagen gefunden habt? Du hast von ziemlich konkreten, auch auf personenbezogenen Handlungen gesprochen. Ich glaube, das zu behaupten wäre wirklich spekulativ. Natürlich kann man sagen, da waren viele konkrete Tötungsfantasien dabei, die sich auch auf ihm bekannte Personen bezogen haben. Aber ob es wirklich dann auch dazu gekommen wäre, dass er das in die Tat umgesetzt hat, kann man schwer sagen. Bei Gülay war es eben so, er hat sich, und das hat die Kamera auch festgestellt, kurz vor der Tat entschlossen, wenigstens mal eine seiner Tötungsfantasien tatsächlich in die Tat umzusetzen. Und hat sich dann eben auf die Suche nach einem geeigneten Opfer gemacht, was er dann im Innenhafen in Gülay auch gefunden hat. Und das wurde dann halt Gülay letztlich zum Verhängnis, dass sie dann da zur falschen Zeit am falschen Ort waren und aus Benjamins Sicht, die Gegebenheiten eben günstig waren, um die Tat auszuführen. Ob er da noch weitere Taten begangen hätte, ist wirklich schwer zu sagen. Man muss ja zumindest sagen, dass er nicht direkt im Anschluss weiter gemordet hat. Denn bis er letztlich festgenommen wurde, sind ja auch noch einige Monate vergangen. Und das könnte man vielleicht als Anhaltspunkt dafür nehmen, dass er das auch nicht weiter in die Tat umgesetzt hätte. Und sich sein Fokus irgendwie ein bisschen auf andere Dinge gerichtet hat. Alex, der Fall ist ja einer, der über Duisburg hinaus auch ziemlich viel Aufsehen erregt hat. Und noch heute, glaube ich, können sich viele Duisburger oder Menschen, die damals zumindest in der Stadt gelegt haben, daran erinnern. Ist das so einer dieser Fälle, der so zum Kanon der wichtigsten Fälle in Duisburg in den letzten paar Jahrzehnten gehört? Ja, auf jeden Fall. Also weil die Art und Weise ist natürlich total ungewöhnlich und den Innenhafen muss man sich ja jetzt auch als einen Ort vorstellen, der relativ harmlos ist und wo da solche Fälle eigentlich nicht passieren. Und dann natürlich noch von jemandem, der mit den ganzen Gegebenheiten da gar nichts zu tun hat, aus Berlin kommt und hier einfach aufschlägt und jemanden umbringt. Und dann mit diesen ganzen Sachen, die noch im Prozess passiert sind, ist das natürlich schon irgendwie einzigartig und gehört dann schon zu den Fällen, die die Leute hier in Duisburg sicherlich alle kennen. Wie hat denn die Öffentlichkeit auf das Urteil reagiert damals? Generell würde ich sagen, hat die Öffentlichkeit sehr positiv reagiert, auch weil man, weil das Gericht diese, diese Erzählung von dieser Notwehr auch durchschaut hat und es sich da hat nicht, nicht austricksen lassen. Es gab natürlich. Wie ich ja eben schon angedeutet habe, in den Jahren danach immer noch weitere Spekulationen, ob das nicht vielleicht noch irgendwelche anderen Hintergründe gehabt haben könnte und hat dann natürlich wieder zu dieser Debatte geführt, wurde die jetzt extra ausgesucht, weil sie eine Frau und einen migrantischen Namen hat. Aber da gab es natürlich keine Beweise für, aber das hat natürlich die Öffentlichkeit dann noch ziemlich lange beschäftigt. Und ich meine, er hat eine lebenslange Freiheitsstrafe bekommen, also viel mehr wäre da ja auch nicht gegangen. Wie ging es denn mit dem Café weiter? Also ich meine, der Innenhafen ist auch heute noch ein Ort, an dem man flanieren kann. Ja, also rund ein Jahr später hat ein neues Café dort aufgemacht in dem Gebäude. Also das stand bis dahin erstmal leer. Dann wurde 2020 aus diesem Café eine Weinbar, also der Eigentümer hat das dann quasi nochmal neu aufgemacht. Jetzt wird es aber ab Mitte Oktober schließen und dann gibt es ein benachbartes Wirtshaus, das wird da so eine Event-Location draus machen. Also auch da, es kommt immer was nach. Ich danke euch beiden mal wieder für die Einblicke in diesen ziemlich komplexen und ungewöhnlichen Fall auch. Ein Dankeschön möchte ich auch an unsere Zuhörer richten. Danke für eure Aufmerksamkeit, danke fürs Zuhören. Wenn ihr Gedanken habt, Lob, Kritik, neue Fälle, die wir mal bearbeiten könnten, dann schreibt uns gerne an podcastseitrheinische-post.de oder schreibt es uns in die Kommentare. Mein Name ist Lili Stegner und ich freue mich, wenn ihr auch beim nächsten Mal dabei seid, wenn wir wieder neue Fälle hier bearbeiten. Bis dahin, alles Gute euch. Hinreichend verdächtig. Music.