Latest / BZ am Ohr / Der Klimapfarrer von St. Blasien: Wie ein Jesuit zur Letzten Generation kam
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- Ein Protestschild um den Hals, den Blick gerade ausgerichtet und er läuft schnellen Schrittes. Pater Jörg Alt sorgt auch in St. Blasien noch für Aufmerksamkeit. Zusammen mit meiner Kollegin Annika Vorgebacher habe ich den Jesuitenpater Ende Mai 2026 besucht. Jörg Alt ist seit Oktober 2025 Dompfarrer in der kleinen Stadt im Landkreis Waldshut. Wie ist er dort aufgenommen worden und wie geht es ihm heute dort? Denn sein Ruf eilte ihm voraus. Alt war medienbeliebter Klimaaktivist, zeigte sich selbst an, verbrachte mehrere Tage im Gefängnis und ist mit dem Satz, ich bin stolz ein Straftäter zu sein, ja, in St. Blasien dann angekommen. Heute ist er vor allem eins, Seelsorger und das mit ganz viel Leidenschaft. Was ihn antreibt, was ihn zornig macht und warum er glaubt, dass seine Zeit als Klimaaktivist auf der Straße vorbei ist, erzählte er mir im Podcastgespräch. Das haben wir übrigens im Jesuitenhaus in St. Blasien geführt. Danach hat er uns noch den Dom gezeigt. Und wenn ihr noch niemals da wart, das ist wirklich beeindruckend. Schaut es euch an. Das ist jetzt der Podcast von einem nachdenklichen Besuch bei einem Mann, der immer noch Aufmerksamkeit erregt und das auch gar nicht, glaube ich, vermeiden will. Mein Name ist Gina Kuttkatt und ihr hört BZ am Ohr. Ich steige mit fünf kurzen Fragen ein. Die nenne ich jetzt einfach mal fünf Fragen kurz und ehrlich. Und Sie antworten einfach spontan aus dem Bauch heraus. Soziologe oder Seelsorger? Beides. Dreikantschlüssel zum Lebensmittel retten oder Sekundenkleber für die Verkehrswende? Beides. Die Macht der Petition oder die Kraft des zivilen Ungehorsams? Ziviler Ungehorsam. Friedensnobelpreis in Oslo oder Ersatzfreiheitsstrafe in Nürnberg? Ersatzfreiheitsstrafe. Der Lärm der Blockade oder die Stille des Doms in St. Blasien? Beides. Herr Alt, wir treffen uns jetzt Ende Mai 2026 in St. Blasien und Sie sind seit Ende 2025 hier Dompfarrer im Schwarzwald. Wie wurden Sie denn hier als Klimapfarrer von der neuen Gemeinde so aufgenommen? Ach, der badische Mensch ist eher zurückhaltend, deswegen redet er eher im Vorfeld oder hinterm Rücken. Und von daher weiß ich, dass man sich hier sehr gesorgt hat, was für ein linksextremer Straftäter hierher kommt und sich womöglich auch hier irgendwo festklebt. Aber ich glaube, die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt, weil man offensichtlich merkte, dass ich gerne Pfarrer bin und gerne Seelsorger bin. Und ja, ich habe bis jetzt hier noch keine Straftat begangen. Das heißt aber, direkt auf Sie zugekommen ist noch niemand und hat Sie als Klimafahrer, Knastfahrer oder Patexpater beschimpft. Welchen Titel davon mögen Sie eigentlich am liebsten? Titel mag ich eigentlich überhaupt nicht. Und wenn die Leute auf mich zukommen hier, dann meistens, weil sie meine Predigten schätzen, die natürlich dann durchaus radikal sein können und sehr deutliche Sprachen sprechen. Aber ich habe den Eindruck, das mögen die Leute. Sie waren hier, glaube ich, erst als Vertretung hergerufen worden, bleiben jetzt aber noch. Was verbindet Sie denn mit dem Schwarzwald und was mögen Sie an St. Blasien? Also 1986 war ich ja hier schon Erzieher am Kolleg und für ein Jahr habe ich hier eben mich mit Kindern rumgeprügelt. Danach bin ich immer wieder zum Sommerurlaub hierher gekommen, weil ich ja normalerweise in großen Städten gearbeitet habe und, Eben während meines Urlaubs den Kontrast gesucht habe. Und es stimmt, ursprünglich war ich angefragt als Vertretung und ich bin, wie ich hierher gekommen bin, fest davon ausgegangen, dass ich zum Kommunalwahlkampf in Nürnberg zurück bin. Aber dann hat sich halt die Nachfolgelösung, die ursprünglich angedacht war, zerschlagen und es wurde panisch eine Nachfolgelösung für die Pfarrersstelle hier gesucht. Und dann wurde ich eben gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, hier länger zu bleiben. Das kann ich mir natürlich gut vorstellen. Also Sankt Blasien war tatsächlich auch schon ein Urlaubsort von Ihnen früher gewesen, dann zum Wandern so oder? Ich war regelmäßig hier im Sommerurlaub. 1981 sind Sie in den Jesuitenorden eingetreten und Sie haben dann später in Soziologie promoviert. Das ist ja eine Kombination aus theologischer Ausbildung und soziologischer Forschung. Soziologische Forschung. Ich habe Soziologie nicht studiert. Also ich habe meine ersten soziologischen Wissenschaftler studiert, als ich für die Promotionsprüfung angestanden habe. Der Doktor wurde mir verliehen für die Feldforschung, die ich vorher schon gemacht habe. Und eben nachdem ich das dritte Buch fertig hatte, haben meine Kollegen gesagt, ich soll doch mal Professoren fragen, ob sie mir dafür einen Doktor geben. Ich habe sieben Angebote bekommen, konnte mir das attraktivste aussuchen und habe dann in St. Blasien für meine Doktorprüfung gelernt, unter anderem eben dann Max Weber und Paul Ricoeur gelesen. Und wie hat diese Kombination aus Jesuitendasein und Soziologe bis jetzt so Ihre Sicht auf die Welt geprägt? Vielen Dank. Also nochmals, ich bin kein Akademiker. Ich bin ein Mensch, der Probleme wahrnimmt und sie lösen möchte. Und das war ja eigentlich der Grund, warum ich von meinem Ursprungsgedanken, Professor zu werden, abgerückt bin. Weil ich, als ich 1987 mit Flüchtlingen in Kontakt gekommen bin, mir gedacht habe, Bücher gibt es genug und gute Ideen, aber sie müssen halt umgesetzt werden. Also in der Umsetzung liegt das Problem. Und das war dann der Punkt, wo ich mir gesagt habe, wir brauchen nicht weitere Professoren und Bücher, sondern ich möchte mich dafür engagieren, dass die Welt konkret ein bisschen besser wird. Und das war dann mein Einstieg in den Jesuitenflüchtlingsdienst, der sich vor allen Dingen eben um Asylbewerber und Flüchtlinge in Europa erst einmal gekümmert hat. Und von dort aus ging es dann weiter zu anderen Fragen, eben Entwicklungshilfe, Steuergerechtigkeit und irgendwann dann auch Klimagerechtigkeit. Da kommen wir gleich noch drauf zu sprechen. Ich wollte noch kurz darauf eingehen, was es heute bedeutet, Jesuit zu sein. Können Sie uns mal einen Einblick in den Alltag geben? Es gibt ja die vier Säulen. Was bedeutet das konkret in Ihrem Alltag, dass Sie Jesuit sein? Ja gut, eingetreten bin ich damals wegen einem Beschluss der Generalversammlung von 1974, die eben gesagt haben, dass Jesuit sein heute bedeutet. Neben der Verkündigung vom Glauben auch für Gerechtigkeit einzutreten. Für mich war eben immer wichtig, dass das, was ich predige, auch irgendwie die Welt ein bisschen besser macht. Und das hat sich durchgezogen bis heute und dass jetzt aus diesem einen Satz eben vier apostolische Prioritäten geworden sind, die sich dann auffächern auf Glaubensverkündigung, Jugend, soziale Gerechtigkeit und Ökologie, recht so, da hat sich eigentlich für mich wenig geändert. Was sich natürlich jetzt im Moment geändert hat, ist, dass ich eben nicht mehr im politischen Geschäft drin stecke, sondern jetzt erst einmal Seelsorger bin. Bis ich für mich klarbekommen habe, wie es weitergehen kann, nachdem eben alle klassischen Kampagnen und Advocacy-anwaltschaftlichen Arbeiten versagt haben, den Klimawandel oder die Anliegen der jungen Generation voranzubringen. Und mir im Moment eben jetzt auch nichts einfällt, was man eben machen kann, um da tatsächlich noch was zu drehen. Und bis das soweit ist, bin ich jetzt glücklicher Pfarrer im Schwarzwald. Dann lassen Sie uns mal über diese Klimagerechtigkeit sprechen. Sie sind, glaube ich, 2019 mit den Aktivisten von Fridays for Future zuerst in Kontakt getreten und waren erst so ein bisschen skeptisch. Wie hat sich denn dann das Blatt gewendet? Ich war nicht skeptisch, sondern ich war verärgert, weil natürlich diese jungen Leute mehr oder weniger meine Generation angeklagt haben, dass sie die Zukunft verbocken, weil wir eben zu wenig gegen den Klimawandel tun. Die Boomer-Generation. Genau. Und das ist natürlich eine Zumutung gewesen, weil ich natürlich die Frage von Umweltverschmutzung oder Klimawandel schon auch in meiner Arbeit immer drin hatte. Aber ich habe bis zum Kontakt mit den Fridays eben nie verstanden, was Kipppunkte sind. Das war ein Konzept, was diese jungen Leute mir beigebracht haben. Und der Kontakt eben dann mit den Hungerstreikenden vor der Bundestagswahl 2021, aus dem sich die letzte Generation entwickelt hat, von diesen jungen Leuten habe ich die schwindenden Zeitschienen gelernt, dass uns auch die Zeit davonläuft, um überhaupt noch irgendetwas verändern zu können. Und das war dann der Punkt, wo ich geschluckt habe und gesagt habe, könnte tatsächlich sein, dass ich tatsächlich ausverbockt habe und ja, was nun? Und dann haben sie sich irgendwie irgendwann dazu entschlossen, da mitzumachen. Also ich glaube, die erste große Aktion war das Containern. Also bei den Fridays for Future habe ich damals, also die Fridays wollten ja auch wirklich eben mit Argumenten und Konzepten überzeugen und wir haben damals für den Kommunalwahlkampf in Bayern ein Konzept erarbeitet, zusammen mit den Scientists for Future, mit denen Nürnberg bis 2030 hätte klimaneutral werden können. Und in einer der letzten Veranstaltungen vor dem Corona-Lockdown haben wir mit OberbürgermeisterkandidatInnen in Nürnberg darüber gesprochen, die alle gesagt haben, wie richtig und wichtig und wie sie sich dafür einsetzen werden. Ja, also dieses Konzept, ich habe es immer noch unten liegen, es ist wirklich genial, es wäre machbar und es würde unglaublich viel bewirken. Aber natürlich hat sich nichts getan danach. Also es war einfach deprimierend. Und wenn in diese Situation dann eben ein Hungerstreik kommt, der nur deswegen stattfindet, weil eben in dem Wahlkampf nur über Corona, Wirtschaftswachstum und die schwarze Null gesprochen wird, aber nicht über das Sterben im globalen Süden und die Gefahren für die jungen Generation, ist das tatsächlich ein Punkt, wo auch ich sagen muss, da fehlt was. Und wie kann man diese Anliegen des globalen Südens und der jungen Generation in die Öffentlichkeit bringen und diesem Anliegen Gehör verschaffen? Und deswegen mein Engagement eben zunächst einmal bei dem Hungerstreik, dass tatsächlich die KanzlerkandidatInnen der damaligen Wahlkämpfer sich dazu verhalten haben. Und ja, nachdem dann eben tatsächlich eben in dem Gespräch zwischen Lea Bonasera, Henning Jeschke und Olaf Scholz nichts außer heißen Luft rausgekommen ist, das war dann der Punkt, wo ich tatsächlich gedacht habe, jetzt bei diesem. Diese Aktion Essen retten, Leben retten, da solltest du eigentlich mitmachen, weil es natürlich auch ein Anliegen ist, wo Jesu in dem globalen Süd oder Papst Franziskus sich immer schon dazu geäußert hat, ohne dass es jemand groß gejuckt hat. Also wieder eben diese Erfahrung, dass klassische Mittel der Bewusstseinsbildung oder der Kampagnenarbeit einfach nichts bewirken und ich einfach auch mal testen wollen, wie es ist, wenn man tatsächlich als Priester in zivilen Ungehorsam geht. Und eine Straftat begegnet. Und wie ist es? Diese Aktion war ja extrem erfolgreich. Also es war, glaube ich, sowohl der Öffentlichkeit als auch den Medien, als auch der Politik völlig klar, dass hier Missstände sind und dass man etwas tun müsste. Aber Fakt ist ja eben auch, dass sich nichts, aber auch gar nichts getan hat. Also die Grünen und die SPD wären natürlich bereit gewesen, tatsächlich an diesen Lebensmittelgesetzen etwas zu verändern. Aber die FDP hat das natürlich verhindert, weil Artikel 14.1 natürlich in 2. Absatz die Sozialpflichtigkeit von Eigentum betont, was auch das Bundesverfassungsgericht angemahnt hat hinsichtlich der Lebensmittelrettungsgesetzgebung. Aber Artikel 14.1 sagt eben, Eigentum ist absolut geschützt und natürlich die FDP Angst hatte, wenn man mal anfängt, bei Lebensmitteln hier die Sozialpflichtigkeit zu betonen, dann könnte der radikale Pateralt vielleicht irgendwann draufkommen, dass ja auch Impfstoffe ein globales Gemeingut sind und das wäre natürlich dann von den Profitmargen absolut inakzeptabel gewesen. Ich glaube, Frankreich macht es da ein bisschen besser, was dieses Lebens... Frankreich und viele andere Länder, ja. Und dort ist überall das gesellschaftliche, wirtschaftliche System nicht zusammengebrochen. Also diese Aktion, diese Containeraktion hat für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sie haben sich dann ja auch bewusst selbst angezeigt. Das andere blieb mir nicht übrig, weil wir natürlich gehofft haben, wenn wir diese geklauten Sachen vor dem Supermarkt verteilen, dass der Supermarkt die Polizei ruft und sagt, also hier schaffen uns die Leute vom Hals, die zerstören unser Geschäftsmodell. Aber der Supermarktsleiter und die Angestellten standen nur hinter dem Fenster und klatschten Beifall. Und auch die erste Reaktion der Polizei, die gekommen ist, war, ja, das ist eine tolle Sache, die Sachen sollte man nicht wegwerfen. Es ist doch gut, was sie hier machen, aber wo ist jetzt der Diebstahl und wo wir uns jetzt einschalten sollten? Wie macht man das eigentlich konkret? Ruft man dann bei der Polizei an und sagt, ich möchte mich gerne selbst anzeigen? Ich habe die Polizei angerufen, gesagt, also hier wird gerade Diebstgut vertrieben. Also das müssen sie unterbinden. Und das haben sie natürlich dann unterbinden wollen. Aber dass ich derjenige war, der das getan hat und dass das Essen, das Diebsgut ist, das hat sie so irritiert, dass sie erst einmal ihre Vorgesetzten informiert haben, was sie denn jetzt tun sollten. Kurze Werbepause, aber die lohnt sich. 80 Jahre BZ, das feiern wir mit dir. Und jetzt kommt das Beste. Hol dir jetzt ein BZ-Digital-Premium-Abo und sichere dir ein Samsung Galaxy Tab A11 Plus für 0 Euro. Dazu gibt es eine passende Schutzhülle und den Online-Kurs Was dein Tablet alles kann, damit du sofort durchstarten kannst. Bestelle jetzt dein Angebot unter mehr.bz.deal, aber nur bis zum 30.06. Und nur solange der Vorrat reicht. Werbung Ende. Dieser Aktion, das öffentliche Containern, da folgen ja noch ein paar andere Aktionen. Ich habe es hier mal gesammelt. Aktuell gibt es gegen sie noch zwölf Strafermittlungsverfahren. Sieben Verfahren wurden eingestellt. Es gab zu dieser Zeit noch sechs Gerichtsverhandlungen, fünf Gefährderansprachen, fünf Strafbefehle. Gegen alle wurde Einspruch eingelegt. Vier Verfahren wegen Verstoß gegen Allgemeinverfügung. Fünf offizielle Verfahrenseinstellungen. Zwei Gebührenbescheid in Höhe von 240 Euro, ein Platzverweis und ein Bußgeld wegen Verstoß gegen Allgemeinverfügung. Das hat ja alles auch relativ viel mediale Aufmerksamkeit bewirkt. Wie haben denn so Ihre Mitbrüder und Vorgesetzten im Jesuitenorden darauf reagiert? Gab es da auch mal Kritik oder wurden Sie mal ermahnt, ruhiger zu sein? Ich habe ja jede einzelne Tat mit Billigung meiner Vorgesetzten getan. Und mir sind auch Sachen verboten worden, wo sie gesagt haben, also das passt jetzt nicht so besonders gut. Aber der Punkt war ja, dass ich am Anfang auch skeptisch war, ob die Straßenblockaden wirklich der Sache dienen, weil absehbar gewesen ist, wenn man dem Deutschen ins Auto geht, dann wird er giftig. Aber es waren letzten Endes ja die Jesuiten aus dem globalen Süden, die gesagt haben, tolle Sache, denn Klimawandel bei uns ist de facto eine Unterbrechung des Alltags. Ob das jetzt Starkregen ist oder Erdrutsche oder Stromausfall oder Nahrungsmittelausfall, es ist Unterbrechung des normalen Lebens. Und ihr im globalen Norden, die ihr das Problem verursacht, ihr kriegt das alles gar nicht mit, weil euch geht es einfach zu gut. Und wenn da eben junge Leute sich auf die Straße setzen und den Alltag wirklich wenigstens mal für ein paar Minuten unterbrechen, ist das ein fantastisches Symbol. Und macht da mit. Der Punkt ist natürlich nur, dass wir den Widerstand tatsächlich unterschätzt haben, der gegen uns ins Felde geführt wurde. Nehmen Sie uns mal mit in so eine Straßenblockadensituation. Das würde mich interessieren. Also was haben Sie da alles erlebt? Meine erste große Blockade war ja der Protest gegen den Gesetzesbruch von Volker Wissing. Und es war ja damals so, dass nach dem Klimagesetz die Bereiche, die gegen ihre Emissionssenkungsverpflichtungen verstoßen, ein Sofortprogramm hätten vorlegen müssen, um diese Kürzungsvorschriften einzuhalten. Und Missing hat halt keinen Bock drauf gehabt und hat sich dieser Sache entzogen. Da wurde natürlich gegen geklagt, aber für mich war der Punkt gekommen, dagegen eben mit einem Gesetzesbruch meinerseits zu protestieren, weil ein wichtiges Vorhaben der letzten Generation war ja gewesen, dass sie eine rechtskonforme Klimapolitik einlösen wollten. Also macht eine Klimapolitik, die dem Pariser Vertrag, dem Klimagesetz, der höchstrichterlichen Rechtsprechung entspricht und wir sind weg von der Straße. Und wenn da eine Regierung eben ihre eigenen Gesetze und Vorhaben nicht einhält, das war dann der Punkt, wo die letzte Generation gesagt hat, dagegen, also gegen diesen vorhergegangenen Gesetzesbruch, protestieren wir unserseits mit Gesetzesbruch. Das sollte eben auch in dieser ersten Blockade nochmal deutlich gemacht werden. Und zugleich wollten wir natürlich auch bei dieser Blockade des Nürnberger Altstadtrings nochmal zeigen, also. Das Problem ist der Individualverkehr, nicht der öffentliche Nahverkehr, wo natürlich auch Busse mit Diesel oder mit Flüssiggas fahren. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist der Individualverkehr. Und wie schön es doch wäre, wenn wir uns in Städten auf den öffentlichen Personennahverkehr konzentrieren könnten, während eben die Straßen der Gemeinschaft zurückgegeben werden. Also hinter unserer Blockade haben wir ein Wohnzimmer auf dem Altstadtring ausgerichtet mit Klavier und Sitzgelegenheiten, mit Cocktails und so weiter. Also das wollten wir eben veranschaulichen. Wir haben vorher gewarnt und haben eine Pressemitteilung rausgegeben, die gesagt hat, nächste Woche wird eine Straßenblockade mit massiven Störungen stattfinden. Benutzen Sie bitte öffentlichen Personennahverkehr. Und klar, Ort und Zeit genau haben wir nicht bekannt gegeben, aber das war alles bekannt. Und das Lustige war auch dann gewesen, als wir uns dann tatsächlich dorthin gesetzt haben, also die Autofahrer haben in der ersten Linie mit den Augen gerollt und gesagt, na scheiße, mich hat es jetzt erwischt, aber es war wirklich nicht so, dass eben eine aggressive Stimmung geherrscht hat, weil die Leute natürlich dann auch zum großen Teil gesagt haben, ja, das ist jetzt blöd, aber natürlich habt ihr recht, das Problem liegt ganz woanders Oder dass Leute dann tatsächlich gesagt haben, ja, können wir mal einen Schirm über euch halten, weil es gerade so heiß ist oder wollt ihr was zu trinken und danke, dass ihr das für unsere Kinder macht. Also es ist nicht so, dass tatsächlich eben bei jeder Straßenblockade die Leute wutentbrannt auf die Aktivisten zugerannt sind, sie geschlagen, angespuckt und von der Straße reisen wollten. Also es war meistens nicht so schlimm, wie die Medien immer transportiert haben, aber natürlich ist eine gute Nachricht keine Nachricht und deswegen haben die Medien sich dann auch immer dankbar auf die Nachricht. Ein paar gestürzt, die dann tatsächlich eben wüste Sachen gegen uns gerufen haben. Ja, das war die erste Blockade. Damals hatte die Polizei noch nicht allzu viel Übung, uns von der Straße zu beseitigen. Es ist uns tatsächlich damals gelungen, den Altstadtring für 45 Minuten stillzulegen. Das war eine massive Störung gewesen des öffentlichen Lebens. Aber eben der öffentliche Personennahverkehr konnte weitestgehend unbeeinträchtigt weiterlaufen. Die Polizei hat die Straßenbahn gesperrt, obwohl die Stadtwerke gesagt haben, dazu besteht keine Notwendigkeit. Aber das war dann eben auch nicht unser Problem, sondern das Problem der Polizei. Ja, und dann irgendwann wurden wir halt von der Straße gepflückt, in den Polizeigewahrsam gebracht, wo wir dann eben stundenlang erkennungsdienstlich behandelt und befragt und wo die Ermittlungsverfahren dann gegen uns eingeleitet worden sind. War das eigentlich bei der letzten Generation und dem zivilen Ungehorsam auch so, dass Sie erst gesagt haben, das kann doch nicht die Lösung sein? Oder sind Sie da quasi immer Schritt für Schritt weiter mit den Aktivisten in Kontakt gekommen und haben dann einfach gedacht, das ist die letzte Möglichkeit ziviler Ungehorsam? Naja, ich habe ja seit 1986 politische Arbeit gemacht, mit all den Mitteln, die man uns jetzt auch wieder empfiehlt, ja, gründe deine Partei, macht Petitionen, Diskussionen, Publikationen. Also, ich habe es ja versucht, 40 Jahre lang die Dinge in die richtige Richtung zu bewegen. Und wenn jetzt sogar die Wissenschaft sagt, also der wissenschaftliche Konsens ist zu 99,9 Prozent, also so und so wird es kommen, ja. Keinen interessiert es. Also was kann man dann noch tun, um die Menschen zu zwingen, hinzuhören? Darum ging es ja. Es ging ja nicht darum, dass wir Leute ärgern, sondern wir wollten eine symbolische Unterbrechung des Alltags, um die Menschen zu zwingen, auf die Botschaft der Wissenschaft zu hören und entsprechend eben zu sagen, also so kann es nicht weitergehen. Aber das Einzige war gewesen, so kann es nicht weitergehen, dass ihr die Straße blockiert und den hart arbeitenden Menschen den Weg versperrt. Also völlig hirnrissig, weil wir auch immer gesagt haben, also den hart arbeitenden Menschen wird der Weg noch ganz anders versperrt werden, wenn der Klimawandel losschlägt. Also engagiert mich doch bitte bei dem Problem, auf das es ankommt. Und es war ja auch wirklich nicht so, dass nur die letzte Generation, also junge Leute und Aktivisten die Straße blockiert haben. Es gab ja auch wirklich berufsgruppenspezifische Blockaden, also durch Lehrer, durch Notfallsanitäter, durch Theologen oder eben... Die Blockade, die auch in München also den allergrößten Durchbruch hatte, dass wir mit Wissenschaftlern den Stachus blockiert hatten vor dem Justizministerium. Das waren höchstkarätige Wissenschaftler aus Max-Planck-Institut, Fraunhofer-Institut, aus der Privatwirtschaft oder eben ich auch als Migrationssoziologe, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Klimawandel ja auch Folgen hat für die Ernährung oder eben in meinem Fall für die Migration. Also wenn wir uns jetzt schon über 20 Millionen Flüchtlinge weltweit aufregen, was machen wir denn, wenn in 50 Jahren drei Milliarden Menschen ihre Heimat verlieren werden, weil sie dort nicht mehr wohnen können, wo sie jetzt sind? Ungefähr vor einem Jahr, im April 25, haben Sie eine 25-tägige Ersatzfreiheitsstrafe in der JVA Nürnberg angetreten. Es ging darum, Sie wollten eine Geldstrafe nicht zahlen. Und Sie haben darüber auch einen umfangreichen Bericht geschrieben. Was wollten Sie erstmal mit diesem Gang ins Gefängnis erreichen und was haben Sie da erlebt? Oder was hat Sie da am meisten geschockt? Ich habe mich geweigert, die Geldstrafe zu bezahlen, weil sie auf eine absurde Weise zustande gekommen ist. In den entscheidenden Verhandlungen vor dem Landgericht hat die Richterin unsere Beweisanträge als wahr unterstellt, also dass eben der Klimawandel real ist und die Politik zu wenig dagegen tut und dass eben Straßenblockaden. Dann, wenn alle anderen Mittel versagen, eine geeignete Protestform ist. Das hat sie als wahr unterstellt. Und wenn man Beweisanträge als wahr unterstellt, dann ist das eigentlich als Entlastung gegen den Angeklagten zu werten. Aber das Einzige, was sie entlastend gewährt hat, war, dass sie mir 30 Tagesetze gekürzt hat, also mich trotzdem schuldig gesprochen hat. Und das war dann der Punkt, wo ich gesagt habe, das kann ja wohl nicht sein. Also, dass man auf der einen Seite sagt, okay, ich verstehe, was du machst Und ich finde es irgendwie auch korrekt, also angemessen, sowohl des Problems als auch eben der Methode gegenüber, weil auch die Richter immer wieder betont haben, ja, natürlich sind die Autos das Problem, aber eben, dann kam immer das große Aber. Und das war der Punkt, wo ich gesagt habe, nö, akzeptiere ich nicht, zahle ich nicht und dann sperrt mich halt ein. Und es wurde natürlich dann versucht, auch von Seiten der Staatsanwaltschaft, mich auf Ratenzahlung, auf gemeinnützige Arbeit und so weiter festzulegen, aber da war ich dann bockig. und. Das Gefängnis selbst, ich hatte natürlich Angst, dass man mich für einen Kinderschänder hält, weil natürlich katholische Priester, die ins Gefängnis gehen, vor allen Dingen deswegen eingesperrt werden. Aber die Sorge war völlig unbegründet, weil auch die Gefangenen und die Wärter wussten, wer ich bin aus den Medien. Und mein erster Hofgang begann schon dann damit, dass hinter mir die Leute geflüstert haben, boah, das ist doch der Klimapfarrer, ja, Digga, wir haben einen Promi bei uns. Und die Tatsache, dass ich ganz offensichtlich auch Beziehungen zu den Medien habe, war dann eben auch der Punkt, wo die Gefangenen auf mich zukamen, mich gebeten haben, über die bayerischen Haftbedingungen etwas zu schreiben. Und genau das war der Punkt, wo auch Vollzugsbeamte auf mich zugekommen sind, ob ich denn nicht draußen was über die Haftbedingungen in bayerischen Gefängnissen schreiben könnte. Und was für ein Echo hatte dieser Artikel, den Sie verfasst haben? Ja, keine. Man hat es zur Kenntnis genommen, es rauschte mal im Blätterwald und das war es dann. Sind Sie jetzt, Sie haben ja auch schon gesagt, Ihr aktivistisches Engagement ist vorerst beendet. Der Bericht hatte kein Echo. Fühlt sich das jetzt für Sie wie so eine Niederlage an? Sind Sie da frustriert? Was sind das für Gefühle? Ja, da denke ich oft drüber nach. Frustriert bin ich natürlich, weil es war ein unglaublicher Kraftakt gewesen. Aber das Einzige, was dabei rausgekommen ist, und das tut mir vor allem für die jungen Leute leid, die haben ihre Zukunft zerstört und ihre Gesundheit und ihre finanziellen Lebensbedingungen, weil die müssen unter der Armutsgrenze leben. Alles, was drüber ist, wird wegen den Strafen abgeschöpft. Und das finde ich so traurig, weil das Problem ist ja nicht gelöst. Es wird immer schlimmer und... Ja, nach wie vor interessiert es keinen. Aber ich bin auch zornig. Also zornig vor allen Dingen eben auf die Industrie, die dieses Problem verursacht. Und das ist ja seit Jahrzehnten bekannt, weil die fossile Industrie ja schon vor 40 Jahren Gutachten in Auftrag gegeben hat, die erforschen sollte, was ihr Geschäftsmodell für Risiken und Nebenwirkungen haben könnte. Und es wurde vor 40 Jahren schon relativ zuverlässig vorhergesagt, was das ist. Und diese Studien wurden weggeschlossen. Die Forscher wurden zum Schweigen verurteilt und jetzt kommt das alles erst so allmählich raus. Und trotzdem gelingt es diesen Leuten immer noch, Subventionen abzugreifen und fette Boni zu verteilen. Das macht mich richtig wütend. Die gehören eingesperrt und nicht wir. Wütend sein, wäre das so eine Botschaft, die Sie jetzt der jungen Generation mit auf den Weg geben würden? Ja gut, Love and Rage ist der Slogan der Klimaaktivisten ohnehin schon. Und natürlich als Priester habe ich immer gesagt, ja bitte mehr Love als Rage, aber je länger man dabei gewesen ist, umso mehr hat man verstanden, wie gesund eigentlich diese zwei Flügel des aktivistischen Lebens sind. Auf der einen Seite wirklich die Liebe zu dem, was noch ist und auf der anderen Seite wirklich Zorn und Wut auf das, was hier gerade verursacht wird, ohne dass man dagegen vorgeht. Oder was im Moment halt wirklich nochmal schlimmer ist und Kanzler Merz und Katharina Reich, dass selbst kleine Fortschritte, die unter der Ampel möglich gewesen sind, wieder abgewickelt werden und keiner sich darüber aufregt. Danke, Pate Alt, dass Sie bei uns im Podcast zu Gast waren. Und ja, vielen Dank für das Gespräch. Gerne, Ihre Zeit wieder.