Latest / Hinreichend verdächtig / Gewalteskalation im Duisburger Bordell
Transcript
- 0:00Diese Episode von hinreichend verdächtig wird präsentiert von Hörgeräte Wasserfuhr
- 0:05in Solingen und der KKL Klimatechnik Vertriebs GmbH.
- 0:10Und ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der oder dem durch so eine Tat
- 0:17so viel auch von seinem Menschsein, von seiner ganzen Persönlichkeit genommen wurde wie bei ihm.
- 0:23Seine Freunde beschrieben ihn zuvor auch als lebensfroher junger Mann,
- 0:27ist gerne ausgegangen, war gerne unter Menschen.
- 0:30All das ist nicht mehr so und das lag nicht nur an den körperlichen Folgen,
- 0:35die ja auch ganz massiv waren, sondern tatsächlich an seinem Gemütszustand,
- 0:42dass er seine Lebensfreude verloren hat.
- 1:09Hinreichend verdächtig. Der True Crime Podcast der Rheinischen Post und der
- 1:14Staatsanwaltschaft Duisburg.
- 1:18Und damit Hallo zurück bei Hinreichend verdächtig. Mein Name ist Lili Stegner
- 1:22und in diesem Podcast gehen wir nicht nur echten Kriminalfällen auf den Grund,
- 1:25sondern wir tauchen richtig tief ein.
- 1:28Wir beleuchten die Ermittlungen, die zur Anklage geführt haben und wir untersuchen,
- 1:31was die Gesetzestexte dazu sagen.
- 1:34Dafür habe ich immer zwei Gäste hier bei mir. Einmal aus der Staatsanwaltschaft
- 1:37in Duisburg und einmal einen Gerichtsreporter aus der Lokalredaktion.
- 1:42Die Fälle, die wir hier betrachten, sind immer bereits abgeschlossen und damit
- 1:44rechtskräftig entschieden.
- 1:47Wir analysieren, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die Staatsanwaltschaft
- 1:50ermittelt hat, um so am Ende ihre Anklage zu formulieren.
- 1:54Und quasi ganz nebenbei werden wir so auch die juristischen Fachbegriffe diskutieren,
- 1:58die man vielleicht immer mal wieder hört, aber vielleicht nicht immer so ganz
- 2:02genau versteht, was eigentlich gemeint ist.
- 2:05Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig.
- 2:09Heute hier bei mir Melanie Anderhub, Staatsanwältin hier in Duisburg und Alexander
- 2:13Trisch, Redakteur in unserer Lokalredaktion.
- 2:16In dem Fall, über den wir heute sprechen, geht es um eine brutale Körperverletzung,
- 2:20die fast tödlich ausging, begangen im Milieu einem Duisburger Bordell.
- 2:26Wir reden über massive Gewalt, über schwere Schädelverletzungen und über einen
- 2:29Mann, dessen Leben bis heute nicht mehr so ist, wie es einmal war.
- 2:33Wenn ihr also Probleme damit habt, von solchen Taten zu hören,
- 2:36dann hört die Folge lieber nicht allein an.
- 2:39Aber starten wir wie immer erstmal mit der Beschreibung des Falls.
- 2:45Was ist passiert? Es ist die Nacht zum 22. Juli 2025. Duisburg, Vulkanstraße.
- 2:52Ein junger Mann, nennen wir ihn Noah, damals 20 Jahre alt, ist mit ein paar Freunden unterwegs.
- 2:57Sie haben Wein getrunken, nicht so viel, dass er betrunken wäre.
- 3:01Irgendwann landen drei von ihnen, Noah und zwei weitere Freunde,
- 3:04vor dem Eingang eines Bordells. Ein anderer Freund wartet draußen im Auto.
- 3:10Noah besucht eine Prostituierte. Zimmer 707, erstes Obergeschoss.
- 3:15Als er danach das Zimmer verlässt, stellt er fest, sein Handy ist weg.
- 3:20Er glaubt, es im Zimmer vergessen zu haben, will nochmal rein.
- 3:23Die Frau lässt ihn aber nicht.
- 3:25Es entsteht eine Diskussion. Was Noah in diesem Moment nicht weiß,
- 3:29sein Handy liegt im Auto draußen. Er hatte es nie mit nach drinnen genommen.
- 3:34Die Prostituierte setzt über die Hausanlage einen Notruf an den Sicherheitsdienst ab.
- 3:38Den nimmt unten im Büro ein Mann entgegen, den wir hier Viktor nennen werden.
- 3:43Viktor ist zu diesem Zeitpunkt 54 Jahre alt, seit Jahren im Sicherheitsgewerbe,
- 3:48konditioniert auf genau solche Einsätze.
- 3:51Er ist groß, muskulös, betreibt seit vielen Jahren Bodybuilding.
- 3:55Er ruft zwei Kollegen, darunter einen, den wir Markus nennen,
- 3:58und geht mit ihm rauf ins Obergeschoss.
- 4:01Oben angekommen, stellt Viktor den eher schmächtigen jungen Noah zur Rede.
- 4:05Die Situation eskaliert schnell.
- 4:08Viktor schlägt Noah mit der flachen Hand ins Gesicht. Noah schlägt zurück.
- 4:12Und von diesem Moment an verliert Viktor jede Kontrolle.
- 4:16Er schlägt Noah mit solcher Wucht, dass er zu Boden fällt. Dann schlägt er weiter
- 4:20auf den am Boden liegenden jungen Mann ein.
- 4:23Als Markus versucht einzugreifen, wird auch er weggestoßen, angeschrien.
- 4:27Viktor nimmt schließlich den Kopf von Noah in beide Hände und schlägt ihn mehrfach
- 4:31kräftig geräuschvoll gegen den Granitboden.
- 4:35Das Geräusch, Zeuge Markus beschreibt es später wie das Aufschlagen eines Holzstückes
- 4:39auf hartem Untergrund, wird ihm noch lange nicht aus dem Kopf gehen.
- 4:44Noah ist zu diesem Zeitpunkt bereits bewusstlos. Er liegt regungslos, die Augen geschlossen.
- 4:49Viktor aber hört immer noch nicht auf. Er richtet den bewusstlosen jungen Mann
- 4:53auf, lehnt ihn ans Metallgeländer und stößt ihn dann kräftig zur Seite,
- 4:57sodass dieser ungeschützt mit dem Kopf auf den Granitboten aufschlägt.
- 5:01Und dann zieht Viktor sich am Geländer hoch, winkelt die Knie an und springt
- 5:05auf den Brustkorb des Bewusstlosen.
- 5:08Es ist Markus, der in diesem Moment eingreift. Er tritt auf Viktor zu und sagt, lass es, er hat genug.
- 5:14Und tatsächlich, Victor hört endlich auf.
- 5:18Noah liegt auf dem Boden, bewusstlos, aus den Ohren blutend.
- 5:22Gemeinsam mit einem anderen Kollegen bringt Markus den noch immer bewusstlosen Noah nach draußen.
- 5:26Ein Gast des Bordells, der die Situation beobachtet hat, bringt ihn in die stabile
- 5:30Seitenlage. Er ruft den Rettungswagen, Victor geht zurück ins Büro.
- 5:35Als der Notarzt eintrifft, hat Noah einen Glasgow Coma Scale Wert von 3.
- 5:40Das ist ein wichtiger Wert zur Bestimmung des Bewusstseinszustandes.
- 5:44Und drei ist hier der geringstmögliche Wert. Lebensgefahr.
- 5:48Sofortige neurochirurgische Intervention, um ein Blutgerinnsel zwischen den
- 5:52Hirnhäuten zu entlasten.
- 5:53Bruch des rechten Scheitelbeins. Bruch des rechten Schlüsselbeins.
- 5:57Mehrere Tage auf der Intensivstation.
- 6:00Mehrere Tage, an denen niemand weiß, ob er überleben wird.
- 6:04Und doch, er überlebt. Aber sein Leben hat sich massiv verändert.
- 6:08Er hat Gedächtnisprobleme, ist verschlossener, spricht langsamer als früher.
- 6:12Er kann seinen Beruf als Auslieferungsfahrer nicht mehr ausüben,
- 6:16weil er keine schweren Lasten mehr heben kann.
- 6:18Am Kopf trägt er Narben und er befindet sich bis heute in psychologischer Behandlung.
- 6:24Noch in der Tatnacht werden Viktor und Markus vorläufig festgenommen.
- 6:27Am 22. Juli 2025 kommen beide in Untersuchungshaft.
- 6:32Der Prozess beginnt im Januar 2026 vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg.
- 6:43Ab wann war der Angeklagte hinreichend verdächtig? Melanie, die Polizei hat
- 6:47Viktoria noch in der Tatnacht festgenommen. Wie lief das ab?
- 6:50Also was habt ihr in den ersten Stunden schon gewusst?
- 6:53Was war klar, was vielleicht nicht?
- 6:56Die Polizei traf an dem Tatabend fast gleichzeitig mit den Rettungskräften am
- 7:01Tatort ein, nämlich am Hinterausgang der Örtlichkeit. Dort lag der Geschädigte
- 7:07und schwebte in akuter Lebensgefahr.
- 7:10Sie verschafften sich zunächst einen Überblick. Ich erhielt dann auch einen
- 7:14sehr frühen ersten Anruf mit,
- 7:18der Schilderung der Verletzung und bereits zu diesem Zeitpunkt bejahte ich auf
- 7:23dieser Grundlage einen Anfangsverdacht wegen eines versuchten Tötungsdelikts.
- 7:28Die Lage war dann so, dass es eigentlich jeder hätte gewesen sein können,
- 7:32der sich an der Tat Örtlichkeit befand.
- 7:35Also jeder Mitarbeiter und auch jeder Besucher, sodass sich anordnete,
- 7:40dass sämtliche Personalien von den Personen dort aufgenommen werden.
- 7:45Dann war es im weiteren Verlauf so, dass die ersten Zeugen schon angaben,
- 7:49dass es sich bei den Tätern um Security-Mitarbeiter handelte,
- 7:55die sich dann, also Viktor und Markus jedenfalls, im Eingangsbereich aufhielten.
- 8:02Warst du denn dann auch direkt vor Ort an dem Abend? Ich war am Tatort,
- 8:07allerdings erst später mit etwas zeitlichem Verzug, weil ich mir einen Überblick
- 8:12über die Örtlichkeit verschaffen wollte.
- 8:15Das war aber ausreichend, da zu einem späteren Zeitpunkt sich das anzuschauen.
- 8:20Und wann hast du den Angeklagten dann zum ersten Mal zu Gesicht bekommen oder die Angeklagte?
- 8:24Ich habe beide Angeklagte am nachfolgenden Tag zu Gesicht bekommen,
- 8:29nämlich im Rahmen der Haftvorführung, da ich für beide damals noch Beschuldigte
- 8:34Haftbefehlsanträge gestellt hatte, die dann auch antragsgemäß verkündet wurden.
- 8:39Und wie haben die beiden so auf dich gewirkt? Also ich meine,
- 8:42das sind Security-Mitarbeiter gewesen in einem Bordell. Eigentlich sind sie
- 8:45ja dafür zuständig, dass sowas nicht passiert.
- 8:49Also beide haben zunächst einmal, wie es so häufig der Fall ist,
- 8:52von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht vor dem Haftrichter.
- 8:56Beide haben einerseits schon beeindruckt von den Maßnahmen gewirkt.
- 9:02Sie wurden auch in Hand- und Fußfesseln vorgeführt.
- 9:07Gleichzeitig wirkten sie aber auch gefasst. Viktor noch ein Stück weit gefasster als Markus.
- 9:16Ich gehe davon aus, dass das insbesondere auch daran lag, dass ja beide natürlich
- 9:21durch ihre Tätigkeit regelmäßig auch in Kontakt mit der Polizei waren. Ja, das ist zu vermuten.
- 9:27Und du hast es gerade schon gesagt, es war ein bisschen eine unübersichtliche
- 9:32Situation. Es gab mehrere Zeugen. Es gab den Kollegen Markus,
- 9:35der ja auch als Angeklagter vernommen wurde.
- 9:38Es gibt weitere Bordellmitarbeiter, die zugegen waren. Ein Gast,
- 9:41der den Rettungswagen rief.
- 9:43Wie einheitlich war denn das Bild? Also du hast gesagt, es hat sich relativ
- 9:46schnell herausgestellt für dich, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt.
- 9:49Aber viel mehr war da ja wahrscheinlich in der ersten Gemengelage noch nicht
- 9:52so richtig zu durchblicken.
- 9:54Ja, das war auch die Schwierigkeit in dem Verfahren. Es zeigte sich einmal sehr
- 9:57deutlich, dass der Zeugenbeweis zwar das häufigste, aber auch eben das unsicherste Beweismittel ist.
- 10:05Und die Angaben sämtlicher Zeugen divergierten massiv.
- 10:09Das fing an bei der Anzahl der Beteiligten. Einige sagten, es hätten bis zu
- 10:16sieben Personen auf den Geschädigten eingewirkt. Andere sagten, es waren nur zwei.
- 10:21Also zwischen zwei und sieben war alles dabei. Dann wurden die Tathandlungen
- 10:25völlig unterschiedlich beschrieben, von Schlagen übertreten.
- 10:28Dann war auch ein Zeuge, der angab, dass der Geschädigte mit dem Kopf voran
- 10:34die Treppe heruntergezogen wurde und der Kopf auf jeder Stufe aufschlag.
- 10:40Aber es gab eine Gemeinsamkeit und alle Zeugen sagten aus, dass es sich bei
- 10:47den Tätern um Security-Mitarbeiter handelte.
- 10:51Verstehe. Und du hast es gerade gesagt, sowohl Markus als auch Viktor haben
- 10:55erstmal von ihrem Zeugnis Verweigerungsrecht Gebrauch gemacht.
- 10:58Hat sich das irgendwann geändert?
- 11:01Es hat sich relativ schnell sogar noch im Ermittlungsverfahren geändert.
- 11:05Markus Verteidiger warnte sich zuerst an mich.
- 11:08Nur wenige Tage nach der Inhaftierung wurde Markus dann sehr ausführlich von,
- 11:15dem Leiter der Mordkommission und mir audiovisuell vernommen.
- 11:20Er schilderte in eigenen Worten sehr, sehr ausführlich den Tathergang aus seiner
- 11:26Sicht, im Wesentlichen so, wie du ihn eingangs auch vorgestellt hattest.
- 11:32Er stand dabei noch sichtlich unter dem Eindruck des Geschehens.
- 11:37Seine Stimme brach mehrfach. Er weinte auch während der Vernehmung.
- 11:44Also er war wirklich sehr beeindruckt von dem Gewaltexzess seines Kollegen.
- 11:50Und es war natürlich für uns auch im späteren Verlauf in der Hauptverhandlung
- 11:56sehr, sehr wichtig, diesen Eindruck eben auch noch in die Gerichtsverhandlung einführen zu können.
- 12:02Weil je mehr Zeit vergeht und je öfter man über so eine Tat spricht,
- 12:06umso mehr gehen natürlich diese Emotionen verloren, die aber für uns natürlich
- 12:09ein wichtiges Indiz für die Glaubhaftigkeit der Aussage waren.
- 12:14Insbesondere die Stelle, wie er uns skizzierte, wie der Kopf immer wieder auf
- 12:19dem Granitboden aufschlug und,
- 12:22welche Geräusche das mit sich brachte und dass eben diese Geräusche waren,
- 12:26die er wortwörtlich, meinte er, nie wieder aus dem Kopf bringen werde.
- 12:31Das sprach natürlich extrem für seine Glaubwürdigkeit.
- 12:35Demgegenüber wurde auch Viktor vernommen, auch schon im Rahmen des Ermittlungsverfahrens
- 12:42in gleicher Konstellation.
- 12:45Bei ihm war es so, dass er in eigenen Worten zwar ein Sachverhalt schilderte,
- 12:50aber keine Nachfragen zugelassen wurden durch die Staatsanwaltschaft oder die Mordkommission.
- 12:57Und damit war natürlich seine Einlassung grundsätzlich schon mal schwächer zu
- 13:02bewerten vom Beweiswert her.
- 13:04Und es war uns natürlich auf dieser Grundlage auch nicht so möglich,
- 13:08die Glaubhaftigkeit dieser Einlassung zu überprüfen.
- 13:12Und er hat sich ja auch inhaltlich ein bisschen anders geäußert,
- 13:15hat den ganzen Sachverhalt ja anders dargestellt als sein Kollege,
- 13:17zumindest später im Prozess.
- 13:20Er hat es ja eher so dargestellt, als sei Markus derjenige gewesen,
- 13:23der auf Noah eingetreten habe.
- 13:26Das Gericht hat das später, ich greife an diesem Punkt mal ein bisschen vor,
- 13:30hat das als Schutzbehauptung gewertet.
- 13:33Wie kam das denn bei euch an? Wie war da so dein Gefühl?
- 13:37Ja genau, also beide haben sich in der Hauptverhandlung dann erneut eingelassen
- 13:42und wenn man das meinerseits schon mal vergleicht, dann war es natürlich so,
- 13:45dass man bei Markus die beiden Einlassungen übereinanderlegen konnte und überprüfen
- 13:52konnte, inwieweit stimmt das überein.
- 13:55Und bei Markus dadurch, dass das sehr kurz war, was er im Ermittlungsverfahren
- 13:59gesagt hatte, war da natürlich die Belastbarkeit so ein bisschen als geringer einzuschätzen.
- 14:05Viktor hat, wie du es schon eingeleitet hast, so ein bisschen die Hauptschuld eigentlich auf Markus.
- 14:14Abgelegt und er hat das auch so dargestellt, als wäre der Geschädigte der Aggressor gewesen.
- 14:21Aggressor, das war seine Wortwahl, in der ich mich auch sehr gestört hatte in der Hauptverhandlung.
- 14:27Und dass er ihn ja mit einem gezielten Kniestoß hätte ausknocken müssen,
- 14:31um für die Sicherheit aller letztlich in dem Bordell zu sorgen.
- 14:36Und seine Einlastung für sich genommen, also isoliert betrachtet,
- 14:40wies schon Widersprüchlichkeiten auf oder Auffälligkeiten, die gegen die Glaubhaftigkeit sprachen.
- 14:51So nannte er im Ermittlungsverfahren die Einwirkung seines Kollegen,
- 14:58also Markus, noch dergestalt, als dass er einmal gegen den Unterbauch getreten habe.
- 15:05In der Hauptverhandlung waren es dann auf einmal mehrere Dritte.
- 15:10Das ist ein klares Zeichen für eine Belastungstendenz und auch ohne die weiteren
- 15:17Beweismittel warft das natürlich schon erste Zweifel auf. Nachvollziehbar.
- 15:25Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung.
- 15:35Eine entscheidende Rolle spielte ja auch der rechtsmedizinische Sachverständige,
- 15:38der da hinzugezogen wurde.
- 15:40Kannst du uns ein bisschen zusammenfassen, was sein Gutachten an Erkenntnissen gebracht hat?
- 15:46Ja, also das Verfahren grundsätzlich, da kann man sich die Beweismittel eigentlich
- 15:50sehr schön wie so einzelne Puzzleteile vorstellen.
- 15:54Und Viktor konnte auch dank einiger Zeugenaussagen überführt werden,
- 15:59die so einzelne Puzzleteile darstellten.
- 16:02Der Rechtsmediziner hat im Rahmen seines Gutachtens dann geholfen,
- 16:08die falschen Puzzleteile auszusortieren.
- 16:11Also beispielsweise das, was ich eben erwähnte, dass der Geschädigte mit dem
- 16:16Kopf voran über die Treppe gezogen worden wäre.
- 16:19Das konnte der Rechtsmediziner so ausschließen, weil korrespondierende Verletzungen
- 16:24hierzu nicht festgestellt werden konnten.
- 16:27Er sagte aber auch klar, dass die Verletzungen sämtlich mit der Einlassung von
- 16:31Markus in Einklang zu bringen sind.
- 16:34Und da erwähnt er beispielsweise, dass die Kopfverletzungen mit einem Schlagen
- 16:41des Kopfes auf einen harten Untergrund zu erklären sind.
- 16:45Und interessant war insbesondere auch der Bruch des Schlüsselbeins.
- 16:51Das bedurfte nämlich einer ganz erheblichen Einwirkung. Ein einfacher Sturz
- 16:55wäre da nicht ausreichend gewesen, da der geschädigte ja noch eine sehr junge Person war.
- 17:00Dementsprechend verfügt er über weichere, flexiblere Knochen als eine ältere
- 17:06Person und da würden einfache Schläge oder Tritte eben nicht ausreichen.
- 17:12Was aber wohl ausreichen würde, war diese letzte Gewalteinwirkung,
- 17:17nämlich dieser Sprung mit angewinkelten Knien.
- 17:21Des Angeklagten Viktor auf eben den Oberkörper des Geschädigten.
- 17:27Und so hat sich das dann alles nach und nach zusammengefügt.
- 17:31Genau, zumal eben gerade keine Verletzungen am Bauch oder Unterbauch, wie
- 17:37Viktor es schilderte, festgestellt werden konnten, die Dritte des Mitangelklagten eben nachweisen würde.
- 17:46Der Vorwurf lautet dann am Ende versuchter Totschlag. Fleißige Hörer wissen,
- 17:50das bedeutet einen bedingten Tötungsvorsatz.
- 17:53Und das ist ja juristisch gar nicht so leicht nachzuweisen.
- 17:56Wie habt ihr denn argumentiert, dass Viktor den Tod von Noah zumindest mal billigend in Kauf genommen hat?
- 18:03Also mindestens bedingter Tötungsvorsatz lag bei dem vorliegenden Verletzungsbild
- 18:10auf der Hand. Deswegen habe ich den auch so schnell bejaht, ohne weitere Kenntnis.
- 18:15Denn, das sagt auch der BGH, bei äußerst gefährlichen Gewalthandlungen gegen
- 18:19empfindliche Körperregionen, wie vorliegend gegen den Kopf, ist es naheliegend,
- 18:25dass man den Tod zumindest billig in Kauf nimmt.
- 18:29Vorliegend sprach dagegen eigentlich nur, also gegen einen Tötungsvorsatz,
- 18:32dass es sich um eine spontane Tat handelte, ohne erkennbares Motiv.
- 18:38Das ist ein vorsatzkritisches Kriterium, das wir entsprechend würdigen müssen
- 18:43im Rahmen der Gesamtschau.
- 18:45Aber dass das Geschehen hier nicht
- 18:47tödlich endete, war letztlich nur einem glücklichen Zufall geschuldet.
- 18:51Insbesondere mit Blick auf die massive fortgesetzte Gewalteinwirkung im Kopf,
- 18:57auch noch im Zustand der Bewusstlosigkeit.
- 19:00Und der Geschädigte war auf diese Weise der vollen Wucht der Gewalteinwirkung
- 19:07schutzlos ausgeliefert.
- 19:09Und man kann als Täter in so einer Situation nicht ernsthaft darauf vertrauen,
- 19:15dass so etwas nicht tödlich ausgeht. Der Tötungsvorsatz war ganz klar zu bejahen.
- 19:21Markus war ja dann am Ende derjenige, der auch eingegriffen hat,
- 19:25der die Gewalt vermutlich gestoppt hat.
- 19:27Wie bewertet ihr als Staatsanwaltschaft das, wenn jemand so dazwischen geht,
- 19:31bei seinem Kollegen auch noch, die ja den ganzen Tag zusammenarbeiten?
- 19:36Markus selber äußerte mehrfach im Rahmen der Vernehmung, dass er sich gewünscht
- 19:41hätte, mehr für den Geschädigten gemacht zu haben, also vehementer eingegriffen
- 19:47zu haben, eher eingegriffen zu haben.
- 19:50Und dieser Punkt sprach auch für seine Glaubwürdigkeit, da er uns an der Stelle
- 19:55einen sehr ehrlichen Einblick in seine Gefühlswelt verschafft hat. Und dieser Umstand hat.
- 20:05Dass er nicht mehr gemacht hat, beschäftigte ihn sehr.
- 20:09Alex, dieser Fall, über den wir hier sprechen, der spielt in einem Modell in Duisburg.
- 20:14Kannst du uns da ein bisschen mitnehmen, wie groß ist dieses Milieu hier in
- 20:18der Stadt? Wie kann man sich das vorstellen?
- 20:20Beschreib das mal so ein bisschen. Also das Milieu in der Stadt ist schon relativ groß.
- 20:25Das ist auch in NRW generell so, weil es natürlich das größte Bundesland ist
- 20:29und damit auch die Zahl an Prostitutionsstätten hier ziemlich hoch ist.
- 20:34Und in Duisburg gibt es nochmal die spezielle Situation, dass in der Vulkanstraße,
- 20:39relativ zentral noch in der Stadt, einfach die größte Bordellmeile hier in der Region ist.
- 20:48Auch aufgrund der Anbindung an die Autobahnen hat sich das so über die Jahre entwickelt.
- 20:53Da gibt es nach Schätzungen allein dort über 300 Prostituierte, die dort arbeiten.
- 20:59So genau weiß man das natürlich nicht, weil viele jetzt auch nicht richtig angemeldet
- 21:03sind. Also es gibt dort legale und illegale Prostitution.
- 21:07Und auch den Fall, den wir jetzt gerade gehört haben, das ist zwar in der Ausprägung
- 21:11ziemlich krass, aber jetzt auch nicht so, als würde da nicht ständig was passieren.
- 21:14Also wir haben da immer mal wieder, dass jemand freier sich streiten.
- 21:19Es kam zu einem Messerangriff kürzlich da auch erst. Es gibt mal Schussabgaben,
- 21:23auch Überfälle. Also das ist jetzt, dass da zu Gewalt kommt, jetzt nicht so selten.
- 21:29Oft überschneidet sich das auch mit der organisierten Kriminalität.
- 21:32Also in dieser Straße gab es oft den Fall vor vielen Jahren,
- 21:36dass die Hells Angels und auch die Bandidos und verschiedene andere Rocker-Gruppierungen,
- 21:40sich die Kontrolle über diese Bordells so ein bisschen erlangt haben.
- 21:44Also die sind dann da so als Security aufgetreten und haben gesagt,
- 21:47wir passen jetzt hier auf, dass nichts passiert und da kriegen wir dann,
- 21:50weiß ich nicht, ein paar hundert, ein paar tausend Euro für.
- 21:53Und dann wurden zum Teil Bordells einfach von so einem unbeschriebenen Blatt,
- 21:58betrieben. Das war dann so ein Geschäftsführer und die Hells Angels haben in
- 22:02Wahrheit eigentlich da die Kontrolle ausgeübt.
- 22:06Ich sehe schon, das ist auch schwierig wahrscheinlich für euch als Reporter.
- 22:11Wie schreibt man über so ein solches Umfeld oder recherchiert, wie ordnet man das ein?
- 22:16Also das Problem ist natürlich häufig, dass man die Informationen nur von einer
- 22:20Seite bekommt in so einem Fall. Also über kriminelle Machenschaften,
- 22:24die da jetzt passieren, erfahren wir dann natürlich von der Polizei und der Staatsanwaltschaft.
- 22:28Und oft kann man die Gegenseite dazu nicht wirklich befragen.
- 22:31Also man kann sich da natürlich ein Bild vor Ort machen und vielleicht mit Leuten
- 22:34ins Gespräch kommen, aber so ein genaues Bild bekommt man ja von denen nicht.
- 22:37Also es gibt ja jetzt keine Rockergruppierung, die da einen Pressesprecher hat
- 22:41oder sich irgendwie an die wenden kann.
- 22:42Also das ist schon alles eher schwierig. Dann ist es sowieso auch kompliziert,
- 22:47dort mit den betroffenen Frauen zu sprechen.
- 22:49Also das machen die dann, wenn auch nur, im Schutz der Anonymität.
- 22:53Und da gab es auch von Kollegen und Kolleginnen so ein paar Reportagen dazu,
- 22:57die da sich mal umgeschaut haben.
- 22:59Ich erinnere mich an einen Fall, dass wir mal versucht haben,
- 23:02in der Pandemie eine Geschichte darüber zu schreiben, wie denn eigentlich die
- 23:06Modells damit umgehen, dass die dann wieder unter Auflagen öffnen durften.
- 23:10Und dann war ich mit einem Kollegen dort und wir hatten uns vorher jetzt nicht
- 23:13angekündigt, dass wir da hinkommen, aber haben dann versucht,
- 23:16da mit den Betreibern zu sprechen und wurden dann mehr oder weniger freundlich
- 23:20gebeten, da wieder zu verschwinden.
- 23:24Also es ist schon nicht so ganz leicht. Verstehe.
- 23:28Welche Reaktionen rufen denn diese ganzen Straftaten?
- 23:31Du hast es gerade eben gesagt, es kommt da immer wieder zu Gewaltvorfällen,
- 23:34vielleicht nicht unbedingt in so einer massiven Art wie hier vor.
- 23:38Aber was ruft das bei der Bevölkerung so hervor? Ist das dann eher Mitleid?
- 23:45Ist das Häme? Also ich glaube, das kommt sehr stark darauf an,
- 23:47wer da genau das Opfer wird.
- 23:50Also in unserem Fall jetzt hier würde ich schon sagen, da überwiegt eher die
- 23:54Häme, dass man sagt, naja gut, wenn man dann da irgendwie.
- 23:58In solche Etablissements geht es in einer Straße, wo man weiß,
- 24:01das ist ja eh alles gefährlich und dann legt man sich da noch mit den Security-Leuten an.
- 24:06Das ist ja total blöd. Also ist man ja irgendwie selber schuld.
- 24:09Also das gibt es sehr häufig. Bei den Frauen sieht es dann natürlich anders
- 24:13aus, weil das ja oft auch an der Grenze zum Menschenhandel ist.
- 24:17Das ist dann schon eher klarer. Oft haben wir aber auch, was so diese Machenschaften
- 24:23von Rocker-Gruppierungen angeht, so ein bisschen dieses Gefühl so,
- 24:27ja, ist ja uns auch egal, was sie da eigentlich machen.
- 24:30Also das hatten wir jetzt kürzlich auch, weil es eine größere Razzia gegen die Hells Angels gab.
- 24:36Und da wurden Leute befragt, die dann gesagt haben, naja, also wenn die uns
- 24:39nichts tun, ist das ja egal, was die da machen.
- 24:42Also das kommt schon stark darauf an, wie genau die Geschichte jetzt war.
- 24:47Stützt so ein bisschen das Bild der Parallelgesellschaft.
- 24:52Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung.
- 25:01Was macht das auf? Melanie, Viktor hat ja im Laufe des Verfahrens auch 10.000
- 25:06Euro Schmerzensgeld an Noah gezahlt und sich über seinen Anwalt,
- 25:10aber auch persönlich entschuldigt.
- 25:11Noah hat das Geld dann angenommen, aber klargestellt, dass das für ihn jetzt
- 25:14keine Wiedergutmachung bedeutet.
- 25:17Wie bewertest du als Staatsanwältin solche Gesten vor Gericht?
- 25:22Spielt das dann auch am Ende tatsächlich eine echte Rolle in der Strafzumessung
- 25:25oder ist das mehr Augenwischerei?
- 25:28Also ich gehe da ganz sachlich an so eine Fragestellung heran und überlege mir,
- 25:34ob im Rechtssinne ein Täter-Opfer-Ausgleich nach § 46a.
- 25:39StGB vorliegt, der dem Gericht die Möglichkeit einer besonderen Strafmilderung gibt.
- 25:48Die Voraussetzung hierfür wäre dann, dass ein kommunikativer Prozess zwischen
- 25:52dem Täter und dem Opfer stattgefunden hätte, der auf einen umfassenden,
- 25:58friedensstiftenden Ausgleich der Tatfolgen gerichtet sein muss.
- 26:03Und das Verhalten des Täters müsste dann Ausdruck der Übernahme von Verantwortung sein.
- 26:10Und bei schweren Gewalttaten gehört dazu, so der BGH, auch regelmäßig ein Geständnis.
- 26:16Und davon kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Und so bin ich da auch in die Sache rangegangen.
- 26:22Es mangelte nicht nur an einem Geständnis, sondern darüber hinaus schob der
- 26:28Angeklagte die Mitschuld ja auch noch auf den Geschädigten.
- 26:31Der bezeichnete ihn ja regelmäßig als Aggressor und nicht nur auf den Geschädigten,
- 26:36sondern auch auf den Mitangeklagten, der seiner Auffassung nach ja hier die
- 26:41Haupttatbeiträge begangen haben soll.
- 26:45Sodass im Ergebnis nicht von der Strafmäterung Gebrauch gemacht wurde und da
- 26:50auch entsprechend meiner rechtlichen Würdigung von der Kammer gefolgt wurde.
- 26:55Und das hat ja auch das Gericht am Ende so gesehen. Es wurde kein minderschwerer Fall angenommen.
- 27:01Was wäre denn so etwas gewesen, was da die Waagschale deutlich in die andere
- 27:06Richtung geworfen hätte? Du hast gerade gesagt, das Geständnis wäre ein großer Teil gewesen.
- 27:10Gibt es denn sonst noch was, was Viktor da hätte tun können?
- 27:14Also in jedem Fall wäre das Geständnis der wichtigste Punkt gewesen,
- 27:19die Schuld auf sich zu nehmen, damit die Opferrolle auch anzuerkennen.
- 27:24Also ich bin schuldig, ich habe einen Fehler gemacht und das wäre,
- 27:28glaube ich, auch die schlauste Art gewesen, sich da entsprechend zu verteidigen
- 27:34bei dem Sachverhalt, denn.
- 27:37Auf der anderen Seite waren natürlich die Folgen der Tat zu berücksichtigen,
- 27:41die extrem strafschärfend ins Gewicht fielen.
- 27:45Ich habe den Geschädigten heute noch vor Augen, wie er den Gerichtssaal betrat.
- 27:51Man hatte so das Gefühl, als hätte jemand eine Zeitlupe angestellt.
- 27:57Er ging wirklich extrem verlangsamt, er war ein junger Mensch und alles,
- 28:04was er machte, war langsam, ob er sprach, ob er ging.
- 28:08Und das Schlimmste war aber darüber hinaus, dass er nicht mehr in der Lage war,
- 28:14eine Gefühlsregung zu zeigen.
- 28:17Also sein ganzes Verhalten wies keine Mimik und keine Gestik mehr auf und das,
- 28:24obwohl das ja eigentlich ein extrem emotionales Geschehen war,
- 28:29über das wir da sprachen, über das wir verhandelten und ich habe noch nie einen
- 28:33Menschen gesehen, der...
- 28:36Oder dem durch so eine Tat so viel auch von seinem Menschsein,
- 28:41von seiner ganzen Persönlichkeit genommen wurde, wie bei ihm.
- 28:45Seine Freunde beschrieben ihn zuvor auch als lebensfroher junger Mann.
- 28:49Ist gerne ausgegangen, war gerne unter Menschen. All das ist nicht mehr so.
- 28:54Und das lag nicht nur an den körperlichen Folgen, die ja auch ganz massiv waren.
- 29:00Sondern tatsächlich an seinem Gemütszustand, dass er seine Lebensfreude verloren hat.
- 29:08Was mich bei dem Fall auch oder was ich bemerkenswert fand bei dem Fall,
- 29:12Viktor war schon jahrelang als Sicherheitskraft tätig, zuletzt eben hier in diesem Modell.
- 29:18Also ein Gewerbe, dessen ureigener Job es ja ist, Gewalt und Eskalation zu verhindern.
- 29:24Wie schaut die Justiz denn auf solche Menschen, deren Job das eigentlich ist
- 29:28und die dann trotzdem manchmal gewalttätig werden? Gibt es da so eine Art besondere
- 29:33Verantwortung oder ist das wie bei jedem anderen Menschen im Prinzip auch?
- 29:38Ja, das muss man, glaube ich, von zwei Seiten sehen. Auf der einen Seite ist
- 29:41es natürlich so, dass solche Menschen öfter mit kritischen Situationen und gegebenenfalls
- 29:47auch Straftaten in Berührung kommen.
- 29:49Also es ist ganz natürlich, dass gegen solche Personen sicherlich mehr Strafverfahren
- 29:54anhängig sind als gegen andere Personen, die in einem anderen Bereich arbeiten,
- 29:58dass einerseits, andererseits,
- 30:00ist es aber natürlich auch Strafschärfen zu berücksichtigen,
- 30:04dass jemand, der für die Sicherheit,
- 30:06zuständig ist, diese Position so sehr missbraucht und so eine schwere Gewalttat begeht.
- 30:13Kannst du dir irgendwie erklären, was Victor in diesem Moment so hat ausrasten lassen?
- 30:18Also in seinem Job, wie du es gerade schon gesagt hast, ist er ja oft in solchen
- 30:22Situationen und sollte eigentlich, naja, gewöhnter daran sein,
- 30:27dass es brenzlige Situationen gibt, die eskalieren können.
- 30:31Ja, also Viktor war eine Erscheinung. Er hatte eine bestimmte Aura.
- 30:37Wenn er den Raum betrat, hat man ihn wahrgenommen. So eine Person war er und,
- 30:43er wird sich in den vielen Jahren, in denen er diesen Beruf ausübte,
- 30:48auch einen gewissen Ruf erarbeitet haben.
- 30:51Und in dem Milieu ist es ja auch klar, Alex, du hast es auch gerade so anklingen
- 30:55lassen, dass man sich nicht mit Security-Mitarbeitern anlegt.
- 31:00Ich vermute, dass als der Geschädigte zurückschlug, da äußerte Viktor nämlich,
- 31:08jetzt hast du einen Fehler gemacht.
- 31:10Und meine Vermutung ist daher, dass diese Tat eine Reaktion darauf war,
- 31:15dass der ihm körperlich ja auch so unterlegene Geschädigte, es wagte sich zu
- 31:20wehren, also es wagte und zurückschlug.
- 31:24Aber du hattest gerade auch das Wort Ausraster benutzt und auch ich habe das
- 31:31das eine oder andere Mal in der Hauptverhandlung in den Mund genommen,
- 31:34aber eigentlich finde ich ist es nicht die richtige Begrifflichkeit,
- 31:38denn es war meines Erachtens eine kontrollierte und eine überlegte Tatausführung.
- 31:47Das schließt sich daraus, dass er, als die Polizei ankam und ihn ansprach,
- 31:53seine Handflächen vorhielt, vorzeigte und äußerte, ich habe doch gar keine Verletzung,
- 31:59ich kann es nicht gewesen sein.
- 32:02Und zu meiner Überzeugung schlug Viktor ganz bewusst nur mit der flachen Hand,
- 32:07und nutzte den Boden auch als Gegenstück, um die Gewalteinwirkung zu maximieren,
- 32:13ohne gleichzeitig Spuren an seinen Händen durch Faustschläge zu hinterlassen.
- 32:18Und wer so vorgeht, der rastet nicht nur aus. Das war kontrolliert.
- 32:24Der weiß auch währenddessen noch, was er tut, zumindest zu großen Teilen.
- 32:28Davon bin ich überzeugt, ja.
- 32:31Das Urteil hat auch am Ende eine besondere Vollendungsnähe festgestellt.
- 32:37Kannst du uns das vielleicht nochmal genau erklären, was das juristisch bedeutet
- 32:41und was das für eine Rolle spielt in so einem Gerichtsverfahren?
- 32:45Ja, Vollendungsnähe bedeutet letztlich nichts anderes als wie knapp war es,
- 32:49dass der Geschädigte überlebt hat und versuchter Totschlag kann letztlich auch
- 32:55in den Fällen bejaht werden, in denen,
- 32:58nach der Tatausführung ein Pflaster angebracht wird und man dann nach Hause fährt ohne weiteres.
- 33:04Hier war der Fall ja aber ganz anders. Und wir hatten alle in der Tatnacht Sorge,
- 33:10dass der Geschädigte nicht überleben wird, dass wir jederzeit den Anruf bekommen,
- 33:15aus dem Operationssaal, dass er verstorben ist.
- 33:19Und die akute Lebensgefahr bestand ja auch trotz dieser Notoperation noch über mehrere Tage fort.
- 33:26Er befand sich über Wochen im Krankenhaus und wurde auch mehrfach operiert.
- 33:30Und das zeigt die Spannbreite des Versuchsstadiums, also vom Pflaster bis zur Notoperation,
- 33:38ist da eben alles drin und letzteres fällt dann im Ergebnis strafschärfend ins
- 33:43Gewicht und das meint die Vollendungsnähe.
- 33:48Alex, welche Rolle spielt denn der Ort des Geschehens für die öffentliche Wahrnehmung?
- 33:53Wir haben es eben schon so ein bisschen angesprochen.
- 33:56Was glaubst du, wie wäre die Berichterstattung anders verlaufen,
- 34:00wenn dieselbe Tat auf der Straße oder vielleicht vor einer Diskothek oder so passiert wäre?
- 34:05Ja, ich glaube ganz eindeutig ja. Letztendlich ist der Fall ganz am Anfang nur,
- 34:10ja sehr rudimentär über die Medien gelaufen und ich glaube, es ist ganz entscheidend
- 34:16für die öffentliche Empörung, wo Straftaten eigentlich passieren,
- 34:19weil sich die Menschen und die Leser auch die Frage stellen,
- 34:23hätte mir das jetzt auch passieren können?
- 34:25Und dann wäre es total was anderes gewesen, wenn der Noah jetzt auf offener
- 34:29Straße dem Victor begegnet wäre, am besten noch in einem etwas gut betuchteren
- 34:34Viertel, die hätten sich gestritten und dann hätte er ihn verprügelt.
- 34:37Also dann hätte es auf jeden Fall eine andere Berichterstattung gegeben.
- 34:41Weil man dann auch weiß, ja okay, das hätte ich sein können,
- 34:44das hätte mein Sohn sein können, dann ist so diese Straftat ganz nah plötzlich an jemandem dran.
- 34:49Es ist aber auch nicht immer so. Also wir sehen das auch bei Straftaten,
- 34:54die so ganz spektakulär aufgeladen sind, schon so fast so filmig irgendwie wirken.
- 34:59Also alles, was mit der Mafia oder Rockern oder anderen kriminellen Organisationen
- 35:06zu tun hat, da würde ich jetzt sagen, haben so die allermeisten Menschen nichts
- 35:10mit zu tun, kriegen das auch nicht mit, sind da gar nicht involviert.
- 35:13Es wird aber trotzdem total viel gelesen und es gibt ein hohes Interesse.
- 35:17Also es ist nicht immer so, dass das jetzt total uninteressant für die Leute
- 35:22ist, wenn das in so einem Milieu passiert.
- 35:26Melanie hat es auch gerade gesagt,
- 35:28es gab eigentlich nicht so richtig ein Motiv am Anfang dieses Falls.
- 35:31Also es gab keine Vorgeschichte. Es ging eher um einen, ja, zeitlich zumindest,
- 35:36relativ kurzen Moment, ohne lange Vorbereitung, ohne komplexe Strukturen dahinter,
- 35:41aber eben um eine extreme Gewalt in diesem kurzen Moment.
- 35:44Wie erlebt ihr den Umgang mit solchen Fällen, die ja wirklich nicht jeden Tag,
- 35:49Gott sei Dank, vorfallen?
- 35:50Also das ist auf jeden Fall viel schwieriger, sich journalistisch damit zu beschäftigen
- 35:55und das aufzuschreiben, weil
- 35:56man irgendwie gar keine richtige narrative Struktur daraus ableiten kann.
- 36:01Weil wir stellen uns halt häufig die Frage, warum ist eine Tat passiert?
- 36:06Wie kam es dazu? Wie können wir das erzählen?
- 36:08Und wenn die Antwort jetzt ist, ja, wir wissen nicht, warum das passiert ist
- 36:11und so genau kann man das auch gar nicht sagen, dann ist das natürlich erstmal schlecht.
- 36:17Und dann geht es dann ganz häufig darum nur noch, ja was steht denn eigentlich
- 36:22in den medizinischen Gutachten, ist das jetzt wirklich Totschlag oder gibt es
- 36:26vielleicht noch einen Anwalt, der das irgendwie auf gefährliche Körperverletzungen
- 36:30runter verhandeln kann und,
- 36:32dann zerfasert so eine Berichterstattung, obwohl das am Anfang eigentlich,
- 36:35ich sag mal in Anführungszeichen, interessant klang.
- 36:38Kommt man dann nicht so wahnsinnig viel weiter, weil einfach dieses Motiv gar nicht da ist. Stimmt.
- 36:44Melanie hat es gerade sehr eindeutig geschildert, Noah, das Opfer hier in dem
- 36:47Fall, ist schwerst gezeichnet von dieser ganzen Tat. Er hat seinen Beruf verloren,
- 36:52er kämpft psychisch mit den Folgen.
- 36:55Und gerade solche Langzeitfolgen finden manchmal nicht ganz so viel Beachtung
- 36:59wie die Unmittelbaren und die Tat selbst.
- 37:02Welche Hilfsangebote gibt es denn da auch langfristig gesehen für Opfer von solcher Gewalt?
- 37:07Also erstmal muss man natürlich sagen, dass der Noah ja zivilrechtliche Ansprüche wahrscheinlich hatte.
- 37:13Also er hat ja dann Schadensersatz bekommen in Höhe von 10.000 Euro.
- 37:17Wahrscheinlich, wenn man das richtig durchgesetzt hätte, wäre vielleicht auch
- 37:19noch mehr möglich gewesen.
- 37:21Es gibt Möglichkeiten zur Berufsunfähigkeit, dass man sich da versichern kann.
- 37:25Und wahrscheinlich das Allerwichtigste in dem Fall, was viele auch nicht wissen,
- 37:29ist, dass es so eine Opferentschädigung gibt, die auch staatlich garantiert
- 37:33ist, dass wenn man Opfer einer psychischen oder körperlichen Gewalttat wird,
- 37:38dass man Anspruch auf soziale Entschädigung hat.
- 37:41Und man kann dann medizinische Behandlungen oder Therapien darüber bezahlen.
- 37:45Man kann sich im schlimmsten Fall monatliche Renten auszahlen.
- 37:49Und ganz viel Hilfe gibt da auch der weiße Ring.
- 37:53Also die helfen einem dabei, wie man das alles beantragt, wie man diese ganzen.
- 37:58Dokumente bei den Behörden einreicht und einfach weiß, wie man vorgehen muss. Dankeschön.
- 38:09Wie geht es aus? Melanie, wie lautete denn am Ende das Urteil?
- 38:14Viktor wurde wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung
- 38:18zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.
- 38:23Und Markus wurde antragsgemäß vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen.
- 38:30Wie würdest du das einordnen?
- 38:33Der Strafrahmen war angelegt von zwei Jahren bis maximal elf Jahren, drei Monate.
- 38:39Das Urteil findet sich damit in der Strafhöhe am oberen Rand ein und das achte
- 38:46ich als sehr angemessen und die Kammer ist auch nur sehr geringfügig unter meinem Antrag geblieben.
- 38:53Das Gericht hat in seiner Würdigung auch betont, dass die Tat nur durch einen
- 38:56glücklichen Zufall, also das Einschreiten und das Hinzukommen des Gastes,
- 39:00nicht tödlich geändert hat.
- 39:02Welche Bedeutung hatte das denn für die Strafzumessung? Damit ist im Ergebnis
- 39:06auch wieder die sogenannte Vollendungsnähe gemeint, die sich strafschärfend ausgewirkt hat.
- 39:12Außerdem hat das Gericht eine Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angenommen,
- 39:17also das Merkmal der das Leben gefährdenden Behandlung.
- 39:20Kannst du uns nochmal erklären, was das genau bedeutet und warum das hier angewendet wurde?
- 39:26Ja, also versuchter Totschlag ist ja auch möglich, ohne dass jemand überhaupt verletzt wird.
- 39:31Wenn jemand beispielsweise auf jemanden schießt, in der Absicht,
- 39:35diese Person zu töten, das Ziel
- 39:38aber verfehlt, handelt es sich trotzdem um einen versuchten Totschlag.
- 39:43Die tateinheitlich hier angenommene gefährliche Körperverletzung verdeutlicht,
- 39:48dass hier nicht nur ein Tatbestand versucht wurde, also der Totschlag,
- 39:53sondern ein weiterer eben auch vollendet wurde.
- 39:56Nur so wird das hier verwirklichte Unrecht auch deutlich und gefährlich ist
- 40:04die ausgeurteilte Körperverletzung,
- 40:07weil es sich nicht um eine einfache Körperverletzung handelt,
- 40:10sondern weil hier auch akute Lebensgefahr bestand,
- 40:14wobei zur Verwirklichung dieses Tatbestandsmerkmals, also eines lebensgefährten
- 40:19Behandlungs, auch bereits eine,
- 40:22potenzielle Lebensgefahr ausreichend gewesen wäre.
- 40:26Auch immer relevant und auch darüber haben wir in vergangenen Folgen schon gesprochen,
- 40:30ist ja hier auch ein möglicher Rücktritt vom Versuch, der ein Thema sein könnte.
- 40:35Das Gericht hat den hier abgelehnt.
- 40:37Ich frage jetzt mal so ketzerisch, warum? Victor hat ja irgendwann aufgehört.
- 40:42Das ist richtig und auch Gott sei Dank hat er aufgehört, aber bloßes Aufhören
- 40:46war hier eben nicht mehr ausreichend, weil er bereits alles zur Vollendung Erforderliche getan hat.
- 40:52Juristisch spricht man in diesen Fällen von dem beendeten Versuch in Abgrenzung
- 40:57zum unbeendeten Versuch.
- 40:59Und es war eine Frage der Zeit, bis der Geschädigte hier an Ort und Stelle verstorben
- 41:05wäre, nämlich ohne geeignete Rettungsmaßnahmen.
- 41:09Um das zu verdeutlichen, nachdem der Geschädigte vor der Tür abgelegt wurde,
- 41:15musste er sich übergeben im Zustand der Bewusstlosigkeit.
- 41:19Hätte also der Zeuge, der Ersthelfer ihn nicht in die stabile Seitenlage gebracht,
- 41:24kann sich jeder vorstellen, was passiert wäre. Der Geschädigte wäre dort bereits
- 41:28erstickt, jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit.
- 41:31Es war einfach unheimlich knapp und Viktor hätte aktiv Rettungsbemühungen unternehmen müssen.
- 41:39Was er zwar behauptete, was aber im Ergebnis widerlegt werden konnte.
- 41:43Weil er zum Beispiel weder den Rettungswagen alarmiert hat, noch irgendwie sichergestellt
- 41:49hat, dass Noah überleben könnte. Richtig.
- 41:52Alex, wie wurde denn das Urteil in der Öffentlichkeit aufgenommen?
- 41:55Gab es überhaupt Reaktionen darauf? Du hast schon gesagt, gerade am Anfang wurde
- 41:59nicht sonderlich viel über diesen Fall bekannt.
- 42:02Also es gab dazu ehrlich gesagt wenig Reaktionen. Es gab halt diesen Klassiker,
- 42:07dass das Urteil eigentlich zu lasch sei, weil man könnte theoretisch auch 15
- 42:12Jahre, glaube ich, gehen und dass das nicht genug wäre.
- 42:17So ein bisschen gemischt mit etwas Victim-Blaming. Der Mann hat sich da ja selber
- 42:21irgendwie in diese Streiterei geworfen mit dem Viktor und dazu vielleicht auch
- 42:27noch, was ich ein bisschen erschreckend fand.
- 42:28Das hatten wir jetzt gar nicht thematisiert, aber der Noah ist ukrainischer Staatsbürger.
- 42:33Das wurde natürlich auch direkt aufgegriffen, obwohl er jetzt natürlich damals
- 42:38einer Arbeit nachgegangen ist.
- 42:40Hieß es dann direkt, naja, jetzt gehen die Ukrainer noch mit unserem Geld ins Bordell quasi.
- 42:45Also das fand ich ein bisschen sehr merkwürdig. Also ja, da hat man sich eigentlich,
- 42:50wenig konstruktiv geäußert. Also alles übel aus der Kommentarspalte hier zusammengeführt.
- 42:56Was eigentlich, vielleicht kann ich dazu was sagen, was eigentlich auch so schlimm
- 42:59ist, denn ein Detail, das vielleicht noch mit entscheidend ist,
- 43:04wie es überhaupt zu dem Bordellbesuch kam. Sie waren mit mehreren Freunden vor Ort.
- 43:11Können mir nicht viele männliche Mitbürger erzählen, dass sie das in ihrer Jugend
- 43:16im jungen Erwachsenenalter nicht auch mal gemacht hätten sie haben dann Schnick
- 43:20Schnack Schnuck gespielt haben zusammengelegt 50 Euro und,
- 43:26er war eben derjenige, der dieses Spiel gewonnen hat und so kam es zu dem Besuch,
- 43:31das macht die ganze Sache besonders tragisch am Ende.
- 43:36Ich danke euch beiden für die Einblicke in diesen wirklich bemerkenswerten Fall,
- 43:41und auch ein Dankeschön an euch zu Hause, an unsere Zuhörer,
- 43:44für eure Aufmerksamkeit an dieser Stelle.
- 43:46Wenn ihr Gedanken habt zu unseren Folgen, zu unserem Podcast,
- 43:50dann könnt ihr die sehr gerne mit uns teilen und zwar unter podcasts.reinische-post.de,
- 43:55oder in den Kommentaren auf der Podcast-App eures Vertrauens.
- 43:59Ich bin Lili Stegner und ich freue mich, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder
- 44:02dabei seid, wenn wir neue Fälle aufklären.
- 44:05Bis dahin. Tschüss. hinreichend verdächtig.