Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 1: Warum ich so weise bin. 6-7
Transcript
- 0:00Echse homo, wie man wird, was man ist unter Kapitel 1.
- 0:05Warum ich so Weise bin Abschnitt 6 Nietzsche beginnt diesen
- 0:14Abschnitt mit einem Gedanken über eine bestimmte seelische
- 0:17Haltung, die er Ressentiment nennt.
- 0:20Das Wort Ressentiment stammt aus dem französischen und bedeutet
- 0:23so viel wie ein tiefer heimlicher Groll, eine bittere
- 0:26Feindseligkeit oder eine versteckte Rachsucht.
- 0:29Die meistens aus einem Gefühl der eigenen Machtlosigkeit und
- 0:32Schwäche entsteht. Nietzsche sagt, dass er seiner
- 0:35langen und schweren Krankheit sehr dankbar ist, weil sie ihm
- 0:38geholfen hat, dieses Ressentiment zu verstehen und
- 0:41sich davon zu befreien. Er erklärt, dass ein Kranker
- 0:44oder schwacher Mensch ganz besonders gefährdet ist, dieses
- 0:47giftige Gefühl zu entwickeln, wenn man krank ist, verliert man
- 0:51seine natürliche Fähigkeit, sich gegen äußere Reize zu wehren.
- 0:55Alles tut weh, Menschen und Dinge kommen einem unangenehmen
- 0:58nah. Und jedes kleine schlechte
- 1:00Erlebnis trifft einen viel zu tief.
- 1:04Die Erinnerung daran wird dann wie eine eiternde Wunde, die
- 1:07nicht heilen will. Für Nietzsche ist das Kranksein
- 1:10selbst fast schon eine Form von Ressentiment gegen diesen
- 1:13schädlichen Zustand gibt es für den Kranken laut Nietzsche nur
- 1:16ein einziges großes Heilmittel, er nennt es den russischen
- 1:21Fatalismus Fatalismus bedeutet, dass man sein Schicksal
- 1:25bedingungslos annimmt, ohne sich dagegen aufzulehnen.
- 1:28Nietzsche vergleicht das mit einem russischen Soldaten, der
- 1:31in einem viel zu harten Feldzug einfach aufgibt, sich in den
- 1:34Schnee legt und sein Schicksal akzeptiert, ohne noch zu
- 1:38kämpfen. Im übertragenen Sinn meint
- 1:40Nietzsche damit, man darf einfach nichts mehr an sich
- 1:42heranlassen, nichts mehr in sich aufnehmen und vor allem auf gar
- 1:46nichts mehr reagieren. Diese Art der absoluten
- 1:49Passivität ist für Nietzsche eine Form von großer Vernunft,
- 1:53sie dient dazu, unter lebensgefährlichen Umständen am
- 1:56Leben zu bleiben. Es ist wie ein Winterschlaf, bei
- 1:59dem der Körper seinen Stoffwechsel, also die
- 2:01Verbrennung von Lebensenergie, stark herunterfährt.
- 2:04Wenn ein ohnehin schon erschöpfter Mensch noch auf
- 2:06alles reagieren würde, würde er sich viel zu schnell verbrauchen
- 2:10und zugrunde gehen, sich zu ärgern, krankhaft verletzlich zu
- 2:13sein oder Rache zu planen, ist für einen erschöpften Menschen
- 2:17die allerschlechteste Reaktion, es verbraucht extrem viel
- 2:21nervenkraft und führt zu körperlichen Reaktionen, wie zum
- 2:24Beispiel, dass einem sprichwörtlich die Galle in den
- 2:26Magen fließt. Deshalb ist dieser heimliche
- 2:28Groll das Ressentiment für den Kranken absolut verboten und
- 2:32sein größtes Übel, auch wenn er natürlich stark dazu neigt.
- 2:36Nietzsche verweist hier auf Buddha, er nennt ihn einen
- 2:39tiefen Beobachter der körperlichen und seelischen
- 2:42Abläufe, einen Physiologen Nietzsche sagt, dass man die
- 2:46Lehre Buddhas besser nicht als Religion bezeichnen sollte, um
- 2:49sie nicht mit dem von ihm abgelehnten Christentum zu
- 2:51verwechseln, Buddhas Lehre sei vielmehr eine Art geistige
- 2:55Gesundheitslehre. Eine Hygiene Buddha machte den
- 2:59Sieg über das Ressentiment zur wichtigsten Voraussetzung für
- 3:02die Heilung Buddhas Lehre beginnt mit dem Satz, dass
- 3:05Feindschaft nicht durch Feindschaft beendet wird,
- 3:08sondern nur durch Freundschaft. Für Nietzsche spricht hier nicht
- 3:12einfach die Moral, sondern die reine biologische Vernunft.
- 3:16Nietzsche fasst zusammen, für den Schwachen ist das
- 3:19Ressentiment pures Gift, für den Starken hingegen, der aus einer
- 3:23inneren Fülle lebt. Ist es einfach ein überflüssiges
- 3:26Gefühl, wenn ein starker Mensch Herr über seine Rachegefühle
- 3:30bleiben kann? Beweist er damit nur seinen
- 3:32inneren Reichtum? Nietzsche erzählt, dass er in
- 3:35der Zeit seines tiefsten körperlichen Verfalls, die er
- 3:38als Décadence bezeichnet, also als Zustand des Niedergangs,
- 3:43sich das Ressentiment streng verboten hat, weil es ihm
- 3:46geschadet hätte, als er später wieder gesund und stark war,
- 3:50verbot er es sich ebenfalls, aber diesmal.
- 3:53Weil er es als unter seiner Würde empfand.
- 3:56Er wendete diesen schützenden Fatalismus damals in der Praxis
- 3:59an, er hielt jahrelang stur an unerträglichen Situationen,
- 4:03schlechten Wohnorten und schlechter Gesellschaft fest.
- 4:06Sobald er einmal durch Zufall in einer solchen Lage war, blieb er
- 4:10dort, das war für ihn besser, als zu versuchen, die Dinge zu
- 4:13ändern, er wollte nicht das Gefühl haben, dass die Dinge
- 4:17veränderbar sind, weil jeder Versuch, sich aufzulehnen, ihn
- 4:20zwingend Energie gekostet hätte, er.
- 4:23Aus dieser Starre aufgeweckt zu werden, empfand er damals als
- 4:26tödlich gefährlich. Sich selbst einfach wie ein
- 4:29unabänderliches Schicksal hinzunehmen und nicht anders
- 4:32sein zu wollen, war für ihn in dieser Krankheitsphase die
- 4:35höchste Form der Vernunft. Abschnitt 7 in diesem Abschnitt
- 4:41wechselt Nietzsche das Thema und spricht über das genaue
- 4:44Gegenteil der eben beschriebenen Passivität, er spricht über den
- 4:48Krieg und das Kämpfen. Er stellt fest, dass er von
- 4:51Natur aus kriegerisch ist und dass es zu seinen tiefsten
- 4:54Instinkten gehört, anzugreifen. Die Fähigkeit, überhaupt ein
- 4:58Feind sein zu können, setzt für Nietzsche eine sehr starke Natur
- 5:01voraus, eine starke Natur braucht Widerstände, um wachsen
- 5:05zu können, und deshalb sucht sie sich diese Widerstände ganz
- 5:09gezielt, die Lust am Angriff gehört für ihn zur Stärke
- 5:12genauso dazu wie das Gefühl der Rache zur Schwäche gehört.
- 5:16Schwache Menschen seien rachsüchtig und leicht reizbar,
- 5:18weil sie eben schwach sind. Die Stärke eines Angreifers
- 5:22zeigt sich darin, dass er ein Gegenüber braucht, man kann das
- 5:25Wachstum eines Menschen daran messen, dass er sich immer
- 5:28gewaltigere Gegner oder Probleme sucht.
- 5:30Ein philosophischer Denker, der kriegerisch ist, fordert große
- 5:34Probleme quasi zum Zweikampf heraus, es geht ihm nicht darum,
- 5:38irgendwelche kleinen Hindernisse zu überwinden, sondern nur
- 5:40solche, bei denen er seine ganze Kraft, seine Geschicklichkeit.
- 5:44Und seine geistigen Waffen einsetzen muss.
- 5:47Eine ganz wichtige Voraussetzung für einen ehrlichen Kampf ist
- 5:50für Nietzsche die Gleichheit vor dem Feind.
- 5:53Das bedeutet, man muss seinen Gegner respektieren, wenn man
- 5:57jemanden verachtet, kann man keinen echten Krieg mit ihm
- 6:00führen, und wenn man jemandem Befehle erteilen kann oder ihn
- 6:04unter sich sieht, führt man ebenfalls keinen Krieg.
- 6:08Nietzsche fasst seine persönlichen Regeln für das
- 6:10Kämpfen in 4 Sätzen zusammen, erstens.
- 6:13Greift er nur Dinge an, die siegreich und stark sind,
- 6:17erwartet unter Umständen sogar absichtlich, bis eine Sache
- 6:20stark geworden ist, bevor er sie angreift.
- 6:23Er tritt niemals gegen Schwache an, zweitens greift er nur Dinge
- 6:27an, wenn er dabei ganz alleine steht und keine Verbündeten
- 6:30findet, er tut dies nur dort, wo er sich selbst in Gefahr bringt
- 6:35und seinen eigenen Ruf aufs Spiel setzt, für ihn ist die
- 6:38Bereitschaft sich selbst angreifbar zu machen, der beste
- 6:41Beweis dafür, dass er das Richtige tut.
- 6:44Drittens greift er niemals einzelne Personen aus
- 6:47persönlichen Gründen an, wenn er die Namen von Personen nennt,
- 6:51benutzt er sie nur wie ein starkes Vergrößerungsglas, er
- 6:54nimmt eine Person als Beispiel, um damit einen allgemeinen
- 6:58versteckten Notstand in der Gesellschaft sichtbar zu machen,
- 7:01zum Beispiel erklärt er, dass er den Schriftsteller David Strauß
- 7:04nur angegriffen hat, um an ihm zu zeigen, wie schwach und
- 7:08fehlerhaft die damalige deutsche Bildung war.
- 7:11Genauso hat er auch seinen ehemaligen Freund, den
- 7:13Komponisten Richard Wagner, angegriffen.
- 7:16Ihm ging es nicht um Wagner als Privatperson, sondern er
- 7:19benutzte Wagner, um die Falschheit der Kultur zu
- 7:22entlarven. Diese Kultur habe nicht mehr
- 7:24zwischen echten geistigen Größen und Menschen unterschieden, die
- 7:27nur raffiniert oder reich sind. Viertens greift er nur Dinge an,
- 7:32bei denen es überhaupt keinen persönlichen Streit oder
- 7:35schlechte Erfahrungen im Hintergrund gibt, im Gegenteil.
- 7:39Für Nietzsche ist das Angreifen ein Zeichen von Wohlwollen und
- 7:42manchmal sogar von Dankbarkeit. Er ehrt eine Sache oder eine
- 7:46Person, indem er seinen eigenen Namen im Kampf mit ihr
- 7:49verbindet. Ob er dabei für oder gegen die
- 7:52Sache ist, spielt für ihn keine Rolle, er bringt das Beispiel
- 7:56seiner großen Feindschaft gegen das Christentum, er greift das
- 7:59Christentum fundamental an, aber er betont, dass er dies tun
- 8:03darf, weil er persönlich nie schlechte Erfahrungen mit
- 8:05Christen gemacht hat, im Gegenteil.
- 8:08Die ernsthaftesten Christen seien ihm immer sehr freundlich
- 8:10gesinnt gewesen. Er sieht sich als
- 8:13pflichtbewussten Gegner des gesamten christlichen Systems,
- 8:15aber er ist weit davon entfernt, einem einzelnen Christen das
- 8:18vorzuwerfen, was er als das Verhängnis von Jahrtausenden
- 8:21betrachtet.