Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Warum so krank, Sachsen-Anhalt?
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- 0:0014,5 Tage, das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen
- 0:04in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das
- 0:10wirklich notwendig? Mit dieser Aussage hat Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang des Jahres
- 0:15eine ziemliche Debatte ausgelöst. Ja, und auch für Verärgerungen gesorgt, und ich
- 0:20finde auch zu Recht, denn erst mal ganz allgemein: Wer schon mal
- 0:23eine ausgewachsene Erkältung hatte, so wie ich mit den Resten, mit denen
- 0:26ich hier zu kämpfen habe, weiß, das kann gut und gerne mal
- 0:30sieben Tage dauern. Und dann liegt man wirklich flach oder sollte zu
- 0:33Hause bleiben, wenn man seine Kolleginnen und Kollegen nicht anstecken möchte. Und
- 0:36da hat man ja schon die Hälfte dieser 14 Tage. Sind ja
- 0:38schon krank. Aber ganz unabhängig davon ärgert mich persönlich tatsächlich,
- 0:43dass hier nur gefragt wird: Ist das wirklich richtig? Als gäbe es
- 0:47ja ein richtig oder falsch. Wir sollten doch lieber fragen: Warum sind
- 0:50denn die Menschen krank? Was macht sie krank, dass sie zwei Wochen
- 0:53im Jahr sich krankschreiben lassen müssen? Und genau das wollen wir heute
- 0:58versuchen. Denn 14,5 Krankentage, darüber würden sich in Sachsen-Anhalt
- 1:02viele freuen. Und damit: Schön, dass ihr wieder mit dabei seid zu
- 1:13Dazwischen mit Marie und Katja. Und heute schon Folge 2. Und ich
- 1:18glaube, ich kann sagen, großer Freude, denn der Release letzte Woche, der
- 1:21war schon auch für uns ziemlich aufregend, oder Marie? Ja, ich war
- 1:24auf jeden Fall aufgeregt, vor allem, weil ich die Sorge hätte, zu
- 1:27groß gesagt. Ich habe mich halt gefragt: Was ist denn, wenn die
- 1:30Leute unsere Folge total blöd finden? Deshalb freue ich mich, dass Christian
- 1:34jetzt hier ist, denn der hat auch den Newsletter mitbetreut und weiß,
- 1:40wie die Folge wirklich ankam bei unseren Hörerinnen und Hörern. Ja, ich
- 1:44freue mich auch, wieder hier zu sein im Studio. Und ich kann
- 1:47schon mal die erste Angst nehmen. Also, die Leute fanden es nicht
- 1:50blöd, und wenn, dann haben sie sich zumindest nicht bei uns gemeldet.
- 1:53Also, das kann natürlich auch sein, dass Leute es blöd fanden, aber ganz
- 1:55im Gegenteil: Die Leute, die sich bei uns gemeldet haben, haben gesagt,
- 1:58dass sie es sehr, sehr gut fanden. Wie sagt man so schön
- 2:01im Internet-Sprech? Wir haben sehr viel Flausch bekommen, also sehr, sehr
- 2:04viele positive Rückmeldungen. Was man auch sagen kann, ist, dass es mittlerweile
- 2:08wirklich, und da bin ich auch sehr dankbar, hunderte Leute sind. Also
- 2:13insgesamt ist der Podcast schon ein paar tausend Mal runtergeladen worden, aber hunderte
- 2:16Leute haben es abonniert. Es gibt irgendwie hunderte Leute, die den Newsletter
- 2:19auch abonniert haben. Also, es ist Wahnsinn! Wir haben ja bei null
- 2:22angefangen am Donnerstag. Jetzt ist ja noch nicht mal eine Woche, also
- 2:25jetzt eine Woche rum. Also, das ist auch für unsere Verhältnisse ein
- 2:29sehr, sehr erfolgreicher Start. Und was man auch sagen kann, und es
- 2:32freut mich natürlich auch, ist: Wir haben sehr, sehr viele Leute in
- 2:34Sachsen-Anhalt erreicht. Viele Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter haben uns geschrieben
- 2:38auf diversen Kanälen, per Mail, soziale Netzwerke und so weiter. Aber auch
- 2:42die Fachöffentlichkeit hat das irgendwie mitbekommen. Also Medienbranchendienste wie DWDL oder Tori2
- 2:48oder Flurfunk oder so haben auch über den Start vom Newsletter und
- 2:51vom Podcast berichtet. Und das heißt ja auch, dass man da irgendwie
- 2:55wahrgenommen wird. Also Dazwischen hat schon mal was ausgelöst. Und um es
- 2:59mal sehr konkret zu machen: Unser Lob, was wir bekommen haben, zum
- 3:03Beispiel hat bei Instagram Janett geschrieben: "Hört da mal rein, ich bin
- 3:06schon Fan." Bei Mastodon gab es viel Lob, übrigens auch viele neue
- 3:10Followerinnen und Follower. Und da heißt es zum Beispiel kurz und knapp:
- 3:13"Die erste Folge ist sehr gelungen, danke!" Oder auch: "Vielversprechende erste Folge."
- 3:18Und Thomas Giegold schreibt in seinem Blog über Dazwischen: "Das hier ist
- 3:22nicht die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung mit einer Agenda, sondern echter Journalismus." Oh,
- 3:27das geht doch runter wie Öl! Das ist ein ordentliches Lob, ohne
- 3:30Frage. Und neben diesem ganzen Lob und auch dem Flausch gibt es
- 3:33wirklich auch sehr, sehr konkrete Ideen und Anregungen, die uns erreichen. Zum
- 3:37Beispiel auch per Mail. Michael hat uns geschrieben aus Niedersachsen, also auf
- 3:41der anderen Seite, wenn man so will. Und das ist auch das
- 3:44Thema seiner Mail. Er schreibt nämlich: "Ich komme ursprünglich aus Schöningen in
- 3:47der Nähe von Hötensleben, Helmstedt, das sogenannte Zonengrenzgebiet. Daher habe ich zwar
- 3:52mit Baujahr 96 die Teilung nur noch vom Hörensagen mitbekommen, jedoch die
- 3:56tiefen Risse der Menschen vor Ort gesehen und auch gehört. Daher finde
- 4:00ich diesen Podcast hier auch so spannend. Mehr Geschichten über die Landschaft
- 4:03und die Menschen können Sie daher auch die Grenzerfahrungen mit aufnehmen." Das
- 4:07ist also sein Wunsch. Spannender Hinweis! Also ich finde, das hat auf
- 4:11jeden Fall Potenzial für eine eigene Folge. Was mich noch interessieren würde:
- 4:14Christian, wir haben ja auch im Newsletter gefragt: Fühlen Sie sich als
- 4:17Sachsen-Anhalter oder Sachsen-Anhalterin? Was haben die Leute denn geantwortet? Ja,
- 4:21ganz erstaunlich! Ein bisschen anders als die Umfrage von Marie vielleicht so
- 4:25vermuten lassen würde. Es waren doch eine deutliche Mehrheit, fast zwei Drittel
- 4:30irgendwie so zwischen 55 und 65 Prozent schwankte das immer so ein
- 4:34bisschen bei der Umfrage. Aber eine deutliche Mehrheit, das kann man sagen,
- 4:37ist natürlich nicht repräsentativ, aber für so ein erstes Stimmungsbild vielleicht auch
- 4:41ganz interessant. Ja, genauso wenig wie eine Straßenumfrage in dem Sinn repräsentativ,
- 4:46sondern eher der Moment, in dem man da draußen ist. Aber
- 4:48egal, wir freuen uns wirklich, dass gleich bei der ersten Ausgabe
- 4:52des Newsletters auch so viele Menschen bei der Umfrage mitgemacht haben. Und
- 4:57auch, dass wir wirklich so viel Feedback zu unserer ersten Folge erhalten
- 5:02haben, wie du jetzt gerade vorgestellt hast. Also wirklich gerne mehr davon,
- 5:05und zwar egal ob Lob, konstruktive Kritik oder spannende Hinweise. Schreibt uns
- 5:11bitte eine Mail, und zwar an dazwischen@detektor.fm oder beispielsweise
- 5:16im dezentralen sozialen Netzwerk Mastodon. Dort findet ihr uns als dazwischen@social.detektor.fm. Ihr könnt uns aber auch bei Facebook oder Instagram
- 5:22schreiben. Sucht halt einfach nach detektor.fm. Wir haben ja am Anfang
- 5:27Friedrich Merz gehört. Er hat die 14,5 Krankentage kritisiert, die die
- 5:43Deutschen im Durchschnitt haben. Jetzt muss man dazu sagen, er spricht da
- 5:47von Arbeitstagen. Also, wenn man das mal in Werktage übersetzt, sind es
- 5:5119,5. Und vielleicht kannst du mal raten, am Anfang, Marie, wenn
- 5:54wir jetzt in diese Folge einsteigen und in unser Thema: Wie viele
- 5:57Krankentage die Leute in Sachsen-Anhalt im Durchschnitt haben? Okay, du hast
- 6:05ja schon vorne ein bisschen gesagt, Sachsen-Anhalt würde sich wünschen, es
- 6:08wäre nur so wenig. Das heißt, es müssen mehr sein. Wir gehen
- 6:10jetzt von den 14,5 aus. Ja, lass uns von den Werktagen
- 6:13ausgehen: 19,5. Okay, wenn das mehr sind, dann würde ich sagen:
- 6:17Vielleicht 22? Ja, da bist du immer noch sozusagen ein bisschen drunter.
- 6:22Im Schnitt sind es nämlich knapp 26. Also die Zahl schwankt so
- 6:25ein bisschen, je nachdem, mit welcher Krankenkasse, mit welchen Daten man gerade
- 6:28arbeitet. Aber Sachsen-Anhalt hat in ganz Deutschland die meisten Krankentage. Und
- 6:33das wurde natürlich auch vermeldet. Und diese Schlagzeilen, die haben mich irgendwie
- 6:37angestachelt, mir das mal so ein bisschen genauer anzuschauen. Denn was hilft
- 6:40uns das jetzt, diese Schlagzeile an sich? Wir wollen ja verstehen, was
- 6:44ist da eigentlich los? Warum ist das so? Wenn ich aber jetzt
- 6:47so spontan einfach mal drüber nachdenken würde, ist das eigentlich ja gar
- 6:51nicht so überraschend. Sachsen-Anhalt hat den höchsten Altersdurchschnitt von allen Bundesländern.
- 6:57Also auch sehr alte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die vielleicht auch ein paar
- 7:03mehr Krankheiten haben und deshalb öfter mal krankgeschrieben werden müssen. Genau, also
- 7:07da sprichst du schon ein super wichtiges Thema an. Wir sind vor
- 7:10Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen das älteste Bundesland. Und um das jetzt mal
- 7:14ganz konkret zu machen: Der Altersdurchschnitt für Deutschland insgesamt liegt laut
- 7:17Statistischem Bundesamt bei ungefähr 45. Am jüngsten sind natürlich die ganz großen
- 7:22Städte, also Berlin und Hamburg zum Beispiel. Und die Menschen in Sachsen
- 7:26Anhalt, die sind im Durchschnitt 48,3 Jahre alt. Also das ist
- 7:30schon ein ordentlicher Unterschied. Und dieser Altersdurchschnitt erklärt ziemlich viel, aber
- 7:35eben auch nicht alles. Also lass uns mal so ein bisschen tiefer
- 7:37reingehen. An welche Krankheiten denkst du denn, wenn du so an hohes
- 7:46Alter denkst? Rücken. Wobei, wie gesagt, hat man auch mit Anfang
- 7:5130. Verautest du dich? Also auf jeden Fall Rücken. Ich würde sagen,
- 7:55vielleicht auch irgendwelche Gelenkerkrankungen. Genau, das sind die großen Themen, die wir
- 8:00auch in Sachsen-Anhalt sehen. Wir haben also diese durchschnittlich sehr alte
- 8:03Bevölkerung. Und natürlich sind wir eben bei solchen Krankheiten ganz vorne mit
- 8:07dabei. Also wir haben die meisten Fälle von Kniegelenksarthrose in Deutschland. Genauso
- 8:11Rheuma, Osteoporose. Wir belegen Platz 2 bei Hüftgelenksarthrose und eben auch bei
- 8:16Rückenschmerzen. Das sind alles Probleme, die natürlich vor allem im höheren Alter
- 8:21auftreten. All diese Krankheiten fasst man zusammen unter so einer großen Kategorie.
- 8:25Die nennt man Muskel-Skelett-Erkrankungen. Und die sind je nach Krankenkasse
- 8:29für zwischen 14 und 19 Prozent der Fehltage verantwortlich. Also echt nicht
- 8:34wenige. Und ich habe darüber auch mit den Krankenkassen vor Ort gesprochen.
- 8:37Und Steffi Sochan von der Techniker Krankenkasse in Sachsen-Anhalt hat mir
- 8:40dazu Folgendes gesagt: "Zum einen muss man natürlich sagen, ja, wir sind
- 8:44ein Bundesland mit einer sehr alten Bevölkerung. Aber gerade Gesundheit zielt ganz
- 8:49viel auf soziodemografische Faktoren ab. Das heißt, dazu gehört das Einkommen, dazu
- 8:54gehört die Bildung. Und da denke ich mal, haben wir in Sachsen
- 8:58Anhalt halt eine Grundlage, wo wir im bundesweiten Kontext noch Nachholbedarf haben."
- 9:05Ja, das hätte ich jetzt auch so gedacht. Also, dass da der
- 9:08soziale und finanzielle Background eine Rolle spielt. Denn wenn man an medizinische
- 9:13Versorgung denkt und vor allem, wie ich die nutze, auch ganz allgemein
- 9:17wie ich auf meinen Körper achte, da ist ja schon wichtig,
- 9:21klar, einerseits habe ich das Wissen dazu und den Zugang, also befinde
- 9:24ich Dinge in meiner Nähe, aber auch: Kann ich mir das leisten?
- 9:27Kann ich mir die gesunde Ernährung leisten? Kann ich es mir leisten,
- 9:30einen Sportkurs zu besuchen? Oder auch Angebote von Krankenkassen? Weiß ich, dass
- 9:37es die gibt? Und wo gibt es die in meiner Nähe? Ja.
- 9:40Ganz genau. Also je niedriger der sogenannte sozioökonomische Status ist, also es
- 9:44ist so eine Kombination aus Bildung, Beruf und Einkommen, desto höher ist
- 9:48eben auch das Risiko für bestimmte Krankheiten. Wie genau das zusammenhängt, dazu
- 9:52gibt es ganz viele Studien. Und das gibt den Gesundheitsatlas der AOK.
- 9:56Da ist das wirklich super aufgearbeitet. Wer da mal reinschauen will, das
- 9:58ist total interessant. Und da sieht man zum Beispiel: Das Risiko, an
- 10:02Osteoporose zu erkranken oder zum Beispiel auch für Rückenschmerzen, das hängt ganz
- 10:06eng mit dem sozioökonomischen Status zusammen. Und der ist in Sachsen-Anhalt
- 10:11mit Blick auf Deutschland unterdurchschnittlich. Also haben wir da jetzt ja mit
- 10:15dem Altersdurchschnitt quasi schon zwei Faktoren dafür, dass die Krankentage so hoch
- 10:20bei uns sind: Geld und Alter. Genau. Und eigentlich eben auch noch
- 10:24Bildung, das hast du ja eben selber schon gesagt. Und jetzt kommt
- 10:26noch was dazu, was man so unter die große Überschrift packen könnte:
- 10:30Wer krank ist, der wird oft noch kränker. Denn viele Krankheiten befördern
- 10:34sich gegenseitig. Also die klassische Abwärtsspirale. Ja, ganz genau. Also nehmen wir
- 10:39mal zum Beispiel die Rückenschmerzen. Unter denen leiden in Sachsen-Anhalt mehr
- 10:42als ein Drittel aller Leute. Und Rückenschmerzen, die treten sehr häufig bei
- 10:46Menschen auf, die adipös, also übergewichtig sind. Und da habe ich mal
- 10:51gelesen, dass das sogar jede zehnte Person in Sachsen-Anhalt betrifft. Ja,
- 10:54so ist es. Und das ist in Sachsen-Anhalt leider auch ein
- 10:56unguter Platz 1 in Deutschland. Adipositas birgt aber noch ganz andere Gefahren
- 11:01als Rückenschmerzen. Also zum Beispiel Diabetes. Das ist natürlich kaum überraschend, dass
- 11:06Sachsen-Anhalt auch da die meisten Diabetes-Fälle in ganz Deutschland hat.
- 11:10Zumal auch da zusätzlicher Faktor für das Diabetes-Risiko wiederum der sozioökonomische
- 11:14Status. Haben wir eben schon mal drüber gesprochen. Also da dreht sich
- 11:17die Spirale sozusagen mehrfach um sich selbst. Und um diese Spirale jetzt
- 11:22nochmal weiterzudrehen: Viele Menschen mit Diabetes haben dazu auch noch Bluthochdruck. Das
- 11:27wiederum erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Und auch davon hat
- 11:31Sachsen-Anhalt deswegen mit die meisten Fälle. Also danke dafür, Katja. Ich
- 11:36würde sagen, das hat es aus mich, hast du jetzt deprimiert. Ja, ich
- 11:39verspreche, wir bleiben da jetzt nicht stehen. Wir schauen gleich auch nochmal
- 11:42wo man vielleicht auch gut ansetzen kann. Lass uns vorher, auch wenn
- 11:45es weh tut, trotzdem nochmal ganz kurz bei den Depressionen bleiben. Denn
- 11:49Sachsen-Anhalt auch da ganz weit vorne liegt. Ja, tatsächlich sind psychische
- 11:53Erkrankungen eine der Hauptursachen für Krankentage in Sachsen-Anhalt. In einigen Landkreisen
- 11:58sogar die häufigste. Je nach Krankenkasse gehen zwischen 13 und 20 Prozent
- 12:02aller Krankentage im Land auf psychische Erkrankungen zurück. Und da wollte ich
- 12:06zuallererst mal so ein bisschen verstehen, warum das so ist. Steffi Sochan
- 12:10von der Techniker Krankenkasse sagt dazu folgendes: "Wir haben schon im Jahr
- 12:132013 angefangen, unsere Versicherten zu befragen, wie es ihnen geht, wie die
- 12:18psychische Belastung ist. Und da muss man einfach sagen, wenn man das
- 12:22alle paar Jahre durchführt, sieht man: Die Belastung wird immer stärker. Und
- 12:27dann fragen wir uns natürlich: Woran liegt denn das? Und was uns
- 12:30da gespiegelt wird, da ist ein großer Bestandteil die Arbeitsverdichtung im Arbeitsleben.
- 12:36Das empfinden die Menschen zunehmend als Stress. Es gehört mit dazu auch
- 12:40die Unsicherheit in der Gesellschaft, die Unsicherheit um die eigene Existenz, wenn
- 12:45es um den Verlust von Arbeitsplätzen geht oder dass es schwer ist,
- 12:49einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Und natürlich auch insgesamt, das trifft dann
- 12:56noch mehr auf Sachsen-Anhalt zu: die familiären Belastungen. Ich will da
- 12:59bloß mal andeuten das Thema Pflege. Wenn Angehörige im Pflegefall jemanden pflegen,
- 13:05ist das ein hohes Stresspotenzial. Also man hört ja schon so ein
- 13:09bisschen raus: Es gibt jetzt nicht die eine Antwort. Da spielen also
- 13:12schon viele Faktoren mit rein. Fakt ist aber, es ist in Sachsen
- 13:15Anhalt wirklich ein riesiges Problem. Und das geht so weit, dass Sachsen
- 13:19Anhalt auch die höchste Suizidrate in Deutschland hat. Und weil das ein
- 13:23ziemlich sensibles Thema ist, packen wir euch mehr Infos, Hilfsangebote, Kontaktmöglichkeiten in
- 13:30die Show Notes. Genau. Und was für mich an diesem Thema schon
- 13:33ziemlich fatal ist: Es gibt in Sachsen-Anhalt sowieso schon eine eher
- 13:37schlechte psychotherapeutische Versorgungslage. Jetzt kommen ja ganz aktuell diese Honorarkürzungen
- 13:43bei den Psychotherapeutinnen dazu. Und das hat neben den finanziellen Auswirkungen auf
- 13:47die Therapeutinnen auch eine Signalwirkung. Das hat mir die Psychologin Christina Goye
- 13:52von der Uniklinik in Magdeburg erzählt. Und solche Entwicklungen wirken dem aus
- 13:56meiner Sicht gesellschaftlich entgegen, weil sie ein Signal setzen. Ein Signal im
- 14:01Psychotherapeut, der sowieso schon der schlechtest bezahlteste Facharzt in Deutschland ist oder
- 14:05Fachcommunity. Das ist ein Signal, was da bundesweit gegeben wird, was sicherlich
- 14:11nicht dazu führt, dass sich Menschen mit psychischen Erkrankungen oder eben auch
- 14:14mit suizidalen Gedanken gesehen fühlen oder das Gefühl bekommen, sie sollten damit
- 14:20offen umgehen. Was ich im Gespräch mit Christina Goye total spannend fand:
- 14:25Sie sagt, das mit der mentalen Gesundheit in Sachsen-Anhalt, das ist
- 14:28schon extrem lange ein Problem. Und das hat für mich einen sehr
- 14:32erstaunlichen Zusammenhang zu unserer letzten Folge hergestellt. Hör mal, wir befinden uns
- 14:36in Mitteldeutschland, wir befinden uns auf preußischem Boden. Hier war die Suizidrate
- 14:40auch schon immer erhöht oder schon sehr viel länger. Also es ist
- 14:44nicht Sachsen-Anhaltinisch seit 1991. Wow, also ich bin ein bisschen sprachlos,
- 14:50weil ich finde, das ist wahnsinnig spannend und gleichzeitig auch eine extrem
- 14:54erschreckende Aussage. Ich frage mich, ob sie dir da noch ein bisschen
- 15:00mehr sagen konnte, warum das so ist. Denn ich hätte jetzt so mit
- 15:03meinem laienhaften Wissen die Theorie oder den Gedanken, dass ich
- 15:08weiß, dass psychische Erkrankungen oder bestimmte ja auch familiär weitergegeben werden können
- 15:13und daher das vielleicht kommt, dass sich das über Generationen weitergetragen hat.
- 15:19Genau, also bei Traumata zum Beispiel weiß man das ja, dass Epigenetik
- 15:22da tatsächlich eine Rolle spielt. Das wird hier ein Faktor sein, aber
- 15:25es gibt eben ganz, ganz viele, die da eine Rolle spielen. Ich
- 15:28wollte die Aussage vor allem mitbringen, weil ich das so in Bezug
- 15:30auf unsere letzte Folge so spannend fand. Und wenn ihr die noch
- 15:32nicht gehört habt, dann hört da unbedingt mal rein. Da haben wir
- 15:35nämlich versucht zu erklären, wie Sachsen-Anhalt eigentlich zu dem Bundesland geworden
- 15:38ist, das es heute ist. Aber jetzt lasst uns noch mal von
- 15:41den Ursachen zu den Auswirkungen kommen. Also Patientinnen und Patienten mit Depressionen
- 15:47haben zum Beispiel, das habe ich glaube ich vorhin schon mal
- 15:49angedeutet, auch häufiger Rückenschmerzen. Und da fängt dann die Spirale eben wirklich
- 15:54schon wieder von vorne an. Okay, also wir haben jetzt ganz viel
- 16:03darüber gesprochen, was mögliche Ursachen und Krankheiten sind, weshalb eben die Krankentage
- 16:10in Sachsen-Anhalt so besonders hoch sind. Bitte, Katja, ich hoffe, du
- 16:13hast doch ein paar positive Sachen mitgebracht. Wie kommen wir da raus?
- 16:18Lass uns doch vielleicht mal darauf schauen, was die Menschen
- 16:20in Sachsen-Anhalt selber tun könnten. Also ein Faktor war ja das
- 16:24Alter und die Altersstruktur. Daran können sie selbst sehr wenig machen. Ja.
- 16:29Und selbst wenn man jetzt zum Beispiel mehr junge Menschen ins Land
- 16:32holen würde oder vielleicht auch halten könnte, dann würde das zwar den
- 16:36Durchschnitt verändern in Sachsen-Anhalt, aber besser ging es den einzelnen Menschen
- 16:40dann natürlich trotzdem nicht. Also der Altersdurchschnitt spielt aber tatsächlich eine ganz
- 16:44große Rolle, vor allen Dingen auch im doppelten Sinne. Denn der spielt
- 16:47ja nicht nur bei den Patientinnen und Patienten eine Rolle, sondern auch
- 16:50eben bei den Ärzten und Ärztinnen. Es gibt nämlich auch dort einen
- 16:53ganz großen Anteil an älteren Menschen, die teilweise schon bald in Rente
- 16:57gehen oder manchmal sogar schon über das Rentenalter hinaus arbeiten. Und das
- 17:01stellt natürlich auch die Gesundheitsversorgung vor Ort vor große Herausforderungen. Wir haben
- 17:06jetzt schon teilweise wirklich so absurde Fahrtwege von 90 Minuten bis zum
- 17:10nächsten Facharzt. Und das bedeutet im Zweifel natürlich auch, dass Menschen bestimmte
- 17:15Vorsorgeuntersuchungen nicht machen, dass dann Krankheiten erst sehr spät diagnostiziert werden. Also
- 17:20da muss die Politik ran an dieses Thema, weil das wirklich einen
- 17:23Unterschied macht. Steffi Sochan von der TK sagt auch: "Patientinnen und Patienten
- 17:28können selber etwas tun, um das System zu entlasten. Das Problem, was
- 17:33wir in Sachsen-Anhalt natürlich haben durch diese hohe Krankheitslast, ist natürlich
- 17:38auch die entsprechende Versorgung eine Herausforderung, sodass wir schauen müssen: Wie können
- 17:44wir den Bedarf tatsächlich auch in allen Bereichen anbieten? Wir müssen aber
- 17:48darauf appellieren, sagen: Das System steht schon an der Grenze der Finanzierbarkeit.
- 17:52Und wenn dann die Erwartungshaltung ist: Egal, wie ich mit meiner Gesundheit
- 17:56umgehe, das System wird schon retten. Von diesem Standpunkt müssen wir als
- 18:01Gesellschaft runter." Mich hat das so ein bisschen an diese Corona-Zeit
- 18:04erinnert, wo wir ja auch immer schon viel über die Belastbarkeit des
- 18:08Systems Gesundheitsversorgung gesprochen haben. Und Steffi Sochan sagt eben: "Wir müssen da
- 18:12auch selber eigenverantwortlich handeln und besser auf unsere eigene Gesundheit achten, weil
- 18:17dieses Versorgungssystem eben schon so am Rande der Belastbarkeit steht." Bei dieser
- 18:22Eigenverantwortung, da spielt ja dann doch aber auch wieder der sozioökonomische Status
- 18:26rein. Denn es braucht, wie du ja vorhin auch erklärt hast, sowohl
- 18:29Bildung als auch ein entsprechendes Einkommen, damit ich mich eben auch gesund
- 18:34verhalten kann oder eben alle Angebote nutzen. Ja, genau. Das ist eine
- 18:37super wichtige Aufgabe, weil beides, was du gerade angesprochen hast, wirklich ganz
- 18:42direkte Auswirkungen auf sowohl die Lebensqualität, aber auch die Lebenserwartung der Menschen
- 18:47hat. Also wo man vielleicht am meisten Spielraum hat oder wo ich
- 18:50das Gefühl habe, da könnte man am ehesten dran arbeiten, ist die
- 18:53Bildung. Denn Sachsen-Anhalt hat im Moment die Situation, dass jeder zehnte
- 18:58Schüler ohne Hauptschulabschluss die Schule verlässt. Das ist, finde ich, wirklich eine
- 19:01erschreckende Zahl. Und natürlich ist das ein Thema für sich, weil es
- 19:05hat natürlich auch viel mit Strukturen zu tun. Wir haben einen Lehrermangel,
- 19:08und da, wo wenig Lehrer sind, kann man schlechter individuell fördern. Das
- 19:13ist sozusagen ein ganz eigener Themenbereich, wo jetzt auch die Krankenkassen nicht
- 19:16viel machen können. Aber da passiert dann eben Folgendes: Da gehen Leute
- 19:20eben nicht nur mit weniger Gesundheitswissen raus, sondern eben auch mit fehlenden
- 19:24Schulabschlüssen. Das bedeutet im Normalfall eben auch Jobs, die jetzt
- 19:28vielleicht nicht super gut bezahlt sind. Also wirklich niedriger sozioökonomischer Status. Und
- 19:33damit steigt dann auch das Risiko, krank zu werden. Genau, das haben
- 19:37wir ja schon besprochen. Und da braucht es unbedingt ganz
- 19:40schnelle Ideen. Und zusätzlich ist jeder Einzelne gefragt. Denn es gibt mindestens
- 19:45zwei Bereiche, da könnte jede und jeder direkt anfangen, zumindest alle, die
- 19:49es betrifft. Zum einen Raucher. Das sind in Sachsen-Anhalt 27 Prozent
- 19:53der 18- bis 64-Jährigen. Und beim Rauchen, da denken wir
- 19:56ja immer vor allem so an Lungenkrebs. Aber tatsächlich erhöht Rauchen das
- 20:00Risiko für fast alle Krebsarten. Und Sachsen-Anhalt ist deswegen bei der
- 20:03Häufigkeit auch immer auf den ersten Plätzen. Und es befördert eben auch
- 20:07so Krankheiten wie Osteoporose. Also niedrigere Raucherquote, das würde auf jeden Fall
- 20:12einen Unterschied machen. Jetzt nur aus der Sicht der Wissenschaft. Ich will
- 20:15ja jetzt gar nicht so eine persönliche Wertung mit reinbringen. Und lass
- 20:18mich raten: Der zweite Bereich, der betrifft Alkoholkonsum. Ja, genau. Und auch
- 20:23hier will ich jetzt gar nicht so den Zeigefinger heben. Es geht
- 20:25jetzt auch nicht um das Feierabendbierchen oder das eine Glas Wein. Aber
- 20:29in Sachsen-Anhalt sind überdurchschnittlich viele Menschen alkoholsüchtig. Und das befördert neben
- 20:34Leberschäden auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und eben auch psychische Probleme. Alles
- 20:39Dinge, die in Sachsen-Anhalt leider eine große Rolle spielen. Und dann
- 20:42so als dritter Bereich vielleicht noch, den wir alle besser kontrollieren könnten, kommt eben noch der Zuckerkonsum dazu, der direkten Einfluss hat auf Adipositas
- 20:47auf Diabetes. Also ja, das sind eben so drei doch relativ große
- 20:51Bereiche. Und ich finde, da kann man jetzt auch nicht nur so auf das Verhalten der Leute pochen. Da muss man eben auch politisch
- 20:58nachsteuern. Und das sagt auch Steffi Sochan von der TK: "Wir müssen
- 21:01einfach auch schauen, dass der Zucker, der Alkohol und auch der Tabakkonsum
- 21:05entsprechend begrenzt wird." Es deckt sich ja auch mit den Empfehlungen, die
- 21:11wir diese Woche von der Expertenkommission der Bundesregierung gehört haben. Ganz konkret
- 21:15macht das René Bethke von der AOK Sachsen-Anhalt. Die AOK ist
- 21:19ja auch sehr aktiv, fordert die Zuckersteuer. Und das muss man einfach
- 21:26angehen. Und da ist aber auch die Diskussion ja immer unter einem
- 21:29vollen Gange. Die ist bis zum Bundestag inzwischen eingezogen. Bei der Tabaksteuer
- 21:34sieht man das ja schon, dass dort auch an der Schraube
- 21:38gedreht wurde. Und ich bin der Meinung, wenn jetzt zum Beispiel eine
- 21:41Zuckersteuer oder eine Tabaksteuer erhoben wird, dann wäre mir eigentlich am liebsten, dass
- 21:46dieses Geld nicht ins Staatshaushalt geht, sondern wie genau dafür eingesetzt wird,
- 21:50dort zu forschen, dort auch was zu unternehmen, um dort auch wieder
- 21:55in vielen Jahren bessere Lösungen hinzukriegen. Ich wiederhole mich: Einige Länder zeigen,
- 22:00dass man da auch einen guten Stellhebel hat. Und damit sind wir
- 22:06schon mittendrin in den Dingen, die aus Sicht der Expertinnen und Experten
- 22:09passieren müssten. Aber natürlich muss man auch sagen: Bei so komplexen Gesamtgemengelagen
- 22:14da dauert das natürlich auch, bis man die ersten Ergebnisse sieht. Es
- 22:17gibt sehr konkrete Ideen und Projekte, um das Problem von mehreren Seiten. 00:22:20.000 --> 00:22:25.000 anzugehen. Das eine ist natürlich die Versorgungslage vor Ort. Damit Menschen sich
- 22:25um ihre Gesundheit kümmern können, muss es Ärzte, Fachärzte und Krankenhäuser geben. Und
- 22:30das ist in vielen Regionen schon ein großes Problem. Da gibt es
- 22:34doch aber zum Beispiel schon seit einer Weile die Landarztquote, wo eben
- 22:40Menschen Medizin studieren können, die nicht das Top-Abitur haben, den NC,
- 22:44den Numerus Clausus, den man eigentlich braucht, wenn sie sich verpflichten, danach
- 22:48eben zehn Jahre in unterversorgte Regionen zu gehen. Genau, die hat man
- 22:522020 eingeführt. Da hat man bisher auch schon so 130 Studierende dafür
- 22:57gewonnen. Aber so ein Medizinstudium, das dauert ja auch ein bisschen. Wir
- 23:01werden also erst noch sehen, wie erfolgreich die jungen Ärzte und Ärztinnen
- 23:04dann wirklich in den Regionen ankommen. Das betrifft ja aber vor allem
- 23:08die Hausärzte. Wenn du mal an die Notfallversorgung denkst, dann ist es
- 23:12natürlich schon richtig schlimm, wenn wie zum Beispiel in Havelberg ein Krankenhaus
- 23:15schließen muss. Stimmt, das ist auch schon ein Weilchen her. Ja, das
- 23:19war auch 2020. Und das finde ich irgendwie so beeindruckend. Da wird
- 23:24dann eben auch aus der Not eine Tugend gemacht. Es gibt da
- 23:27in Havelberg den Verein Pro Krankenhaus, und der hat seit 2020 dafür
- 23:31gekämpft, dass es trotz dieser Krankenhausschließungen eine medizinische Grundversorgung in Havelberg gibt.
- 23:37Und seit Ende letzten Jahres gibt es dort nun ein medizinisches Versorgungszentrum,
- 23:41wo man jetzt eben nach und nach verschiedene Fachärzte dafür gewinnen will.
- 23:45Ja, das mit den Wartezeiten für Fachärzte ist ja auch ein Problem,
- 23:48auch in vielen Städten schon lange. Und dafür muss ich eben gar
- 23:52nicht mal so weit aufs Land rausfahren. Ich habe das schon in
- 23:55Leipzig erlebt, wo ich ja seit einer ganzen Weile lebe. Aber ich
- 23:58höre das eben auch von meiner Familie aus Dessau oder von Freundinnen
- 24:01und Freunden, die in anderen Regionen in Sachsen-Anhalt leben. Genau, und
- 24:04in den ländlichen Regionen gibt es eben nicht nur diese Wartezeiten. Da
- 24:08kommen teilweise auch noch so absurde Fahrwege mit dazu. Auch hier gibt
- 24:12es ein ganz spannendes Projekt: Ein Forschungsverbund der Uniklinik Magdeburg und der
- 24:16Otto von Gericke Universität. Die versuchen, Forschung, Praxis und regionale Akteure an
- 24:22einen Tisch zu kriegen, um dann wirksame Lösungen für die Gesundheitsversorgung in
- 24:26Sachsen-Anhalt zu implementieren und umzusetzen. Spannend, aber wie arbeitet denn dieser
- 24:31Verbund? Die haben drei Teilbereiche. Der erste beschäftigt sich mit Notfall
- 24:36und Intensivmedizin. Der zweite mit psychosomatischer Medizin. Ich erkläre gleich nochmal, was
- 24:41das ist. Und der dritte macht Kohortenforschung, befragt also Bürgerinnen und Bürger
- 24:46in Sachsen-Anhalt: Wie geht es ihnen und wie zufrieden sind sie
- 24:50eben mit der medizinischen Versorgung? Und im Prinzip versucht man in allen
- 24:54Bereichen vor allem erstmal die aktuelle Situation und den Bedarf zu erfassen
- 24:58und dann eben zu schauen, welche wissenschaftlich schon erprobten Methoden würden hier
- 25:02helfen, um eben die Versorgungslage zu verbessern. Okay, Forschung finde ich immer
- 25:06super. Wichtig ist aber das, was dann da rauskommt. Gibt es schon
- 25:10Ergebnisse? Ja, da sprichst du sozusagen einen ganz wichtigen Punkt an. Dieser
- 25:13Forschungsverbund arbeitet quasi in der Implementierungsforschung. In den USA gibt es das
- 25:17schon ziemlich lange, hier ist es relativ neu. Und in diesem ganz
- 25:21konkreten Projekt muss man jetzt sagen, die haben im letzten Jahr erst
- 25:24angefangen. Das heißt, man steht hier noch ziemlich am Anfang. Aber sie
- 25:27haben zum Beispiel schon in mehreren Städten wie zum Beispiel Thangerhütte, Salzwedel,
- 25:32Havelberg, Stendal und Gadelingen Gruppendiskussionen und auch so Workshops gemacht, um eben
- 25:37rauszukriegen, wie es den Menschen vor Ort geht und wo sie Lücken
- 25:40in der medizinischen Versorgung wahrnehmen. Außerdem ist jetzt gerade eine Bürgerbefragung gestartet.
- 25:44Da gibt es so 10.000 Teilnehmende, also es ist schon eine
- 25:47relativ große Zahl, um dann nochmal so ein bisschen in die Tiefe
- 25:50zu gehen. Und die Hoffnung ist halt, dass man in den nächsten
- 25:52Jahren wichtige Daten sammeln kann. Dann würde ich sagen, fragen wir im
- 25:57nächsten Jahr auf jeden Fall mal nach. Ja, also ich bleibe da
- 25:59auf jeden Fall in Kontakt, weil ich das wirklich auch richtig spannend
- 26:01finde, was sie da machen. Es gibt innerhalb dieses Forschungsverbundes noch ein
- 26:05Pilotprojekt mit dem Krankenhaus in Stendal. Da will man ein sogenanntes psychosomatisches
- 26:11Telekonsil einfügen. Das ist ein relativ schwieriges Wort. Einfügen, aber Psychosomatik vielleicht mal
- 26:15einfach erklärt bedeutet, dass ich körperliche Symptome habe, aber aufgrund von einer
- 26:21psychischen Erkrankung oder von psychischer Belastung. Und das ist so eine Fachrichtung,
- 26:25die man halt in vielen Krankenhäusern überhaupt nicht hat. Und deshalb hat
- 26:29man sich überlegt, man möchte so ein psychosomatisches Telekonsil einführen. Und was
- 26:34genau das ist, das hat mir Christina Goyer aus diesem Forschungsverbund mal
- 26:38erklärt. Also für die, die es gar nicht kennen: Konsildienst bedeutet ja,
- 26:41ich bin in einem Krankenhaus wegen irgendeiner somatischen Geschichte und dann kann
- 26:47ich Konsildienst anfordern von allen anderen Fachrichtungen. Und das gibt es genauso
- 26:51für die Psychosomatik. Deswegen ist das ein psychosomatischer Konsildienst. Und das Tele
- 26:57besagt einfach, wir befinden uns dann in Krankenhäusern im Norden von Sachsen
- 27:01Anhalt, wo eben nicht in diesen Krankenhäusern eine psychosomatische Abteilung existiert, dass
- 27:08die Leute ein Tablet kriegen. Also die Behandler sagen: Hey, ihr braucht
- 27:13ein Konsil. Oder der Patient, die Patientin sagt es selber. Und dann
- 27:17über ein Tablet findet das Konsil statt, was sonst face to face stattfindet.
- 27:22Und wir können eine erste Einschätzung machen, eine erste Diagnostik fachärztlich. Sollte
- 27:28dieser Mensch sich in der Ambulanz vorstellen? Sollte der zu uns kommen,
- 27:32um doch vielleicht was Tagesklinisches oder eine stationäre Behandlung anzuschließen? Verweisen wir
- 27:38an ambulante Psychotherapeuten und so weiter. Aber das ist erst möglich, wenn
- 27:42wir dieses Konsil stellen und eine Diagnostik vornehmen. Und das ist sozusagen
- 27:47das Ziel, den Menschen zu ermöglichen, in den Krankenhäusern im Norden
- 27:51Sachsen-Anhalt, wo das bisher nicht stattfinden kann. Ja, und damit eben
- 27:56auch die psychologische Versorgung vor Ort zu verbessern. Ja, und cool ist
- 28:00ja dann auch, wenn diese grundlegende Infrastruktur einmal aufgebaut ist, kann man
- 28:05das ja dann auch mit allen Fachärzten machen. Genau, also das wäre
- 28:08in kleineren Krankenhäusern oder vielleicht sogar in Hausarztpraxen in den ländlichen Regionen
- 28:13echt ein riesiger Gewinn. Du hast ja mit verschiedenen Krankenkassen vor Ort
- 28:18gesprochen. Was machen die denn, um dem hohen Krankenstand in Sachsen-Anhalt
- 28:22entgegenzuwirken? Die Ideen und Ansätze sind da total vielfältig und beginnen schon
- 28:27bei den ganz Kleinen. Dazu vielleicht nochmal Steffi Suchanke von der TKA
- 28:30und René Bethke von der AOK. Für uns ist natürlich jede Krankheit,
- 28:34die wir verhindern, immer die beste Variante. Wir legen den Fokus auf
- 28:39Gesundheitsförderung und Prävention. Wir müssen sowohl in den Kitas, in den Schulen
- 28:44aber auch am Arbeitsplatz und auch später letztendlich auch bei den Senioren
- 28:48vermitteln, dass es wichtig ist, Gesundheit als eigenverantwortliches Thema zu bedienen. Wir
- 28:54starten mit über 1500 Maßnahmen in Kindergarten, Schule, Hort, wo wir die Kinder
- 29:00auch schon abholen wollen, dort letztendlich sich richtig zu ernähren. Wir haben
- 29:04einen sehr guten Ansatzpunkt über die Landfrauen gefunden, wo wir wirklich zwei
- 29:08Themen angehen. Wir gehen regionale Ernährung an in Verbindung mit Nachhaltigkeit. Bei
- 29:13der AOK setzt man sich außerdem über die Landesvereinigung Gesundheit sehr stark
- 29:17dafür ein, dass das Schulfach Gesundheit eingeführt wird, um eben die Gesundheitskompetenz
- 29:22schon bei Schülerinnen und Schülern zu erhöhen. Das finde ich auch total
- 29:25spannend. Das zielt dann ja wahrscheinlich aber vor allem auf Themen wie
- 29:29gesunde Ernährung und Bewegung ab. Wir haben heute ja aber auch sehr
- 29:33viel über psychische Erkrankungen gesprochen. Wie sieht es denn da aus? Ich
- 29:37war ehrlich gesagt überrascht, auf wie vielen Ebenen das schon eine Rolle
- 29:40spielt. In der AOK ist man allein in Sachsen-Anhalt jährlich mit
- 29:431500 Firmen in Kontakt, wo man Stress-Screenings unter den Angestellten durchführt
- 29:47und eben auch so ganz individuell schaut, wie kann man für Mitarbeitende
- 29:52zum Beispiel mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen oder eben auch aus ganz
- 29:56anderen Gründen den Stress reduzieren. Die schauen zum Beispiel in ihre Daten,
- 29:59in welchen Firmen die Krankenstände sehr hoch sind und gehen dann direkt
- 30:02in den Kontakt und bieten zum Beispiel Führungskräfteseminare an, um eben auch
- 30:07dafür zu sensibilisieren, dass Chefs und Chefinnen für die psychische Gesundheit der
- 30:11Mitarbeitenden verantwortlich sind. Und bei der Techniker Krankenkasse gibt es ganz viele
- 30:15niederschwellige Angebote zu dem Thema im Netz. Also wir haben zum Beispiel
- 30:20auch auf unserer Internetseite dann Angebote, wo man einen entsprechenden Fragenkatalog mal
- 30:26durchgeht und dann für sich sagt: Was kommt denn da raus? Ist
- 30:29da eine Empfehlung? Du müsstest vielleicht mal einen Arzt aufsuchen oder mach
- 30:33mal ein paar Entspannungsübungen. Das heißt, erstmal ein Bewusstsein dafür zu entwickeln,
- 30:38bin ich hier auch gefährdet, von meinem Stress in eine psychische Erkrankung
- 30:44abzudriften oder habe ich jetzt vielleicht nur ein Gefühl, dass mir es
- 30:49nicht gut geht? Also allein schon mal den Test. Man kennt das
- 30:52ja aus vielen anderen Medien. Man kann anhand von Fragebögen sich selber
- 30:56mal gegenproben. Dann gibt es Möglichkeiten, die wir auch online anbieten, wenn
- 31:02es zum Beispiel darum geht, wenn schon jemand mal eine psychische Erkrankung
- 31:06hatte, dass man immer wieder intervenieren kann und dass man das auch
- 31:10online bei uns tätigen kann. Das heißt, der Zugang oder die Hemmschwelle
- 31:14des Zugangs ist relativ gering und man hat die Möglichkeit, einfach auch
- 31:19mal vorher schon Begleitung zu bekommen. Was gibt es für Angebote auch
- 31:24in der normalen Regelversorgung? Viele können aufgrund der Komplexität des Systems gar
- 31:30nicht erkennen, wo er mit seinen Sorgen auch richtig aufgehoben ist. Und
- 31:33da sind wir ein relativ guter Wegweiser mit unseren Angeboten, auch im
- 31:37Online-Format. Ja, also klingt erstmal super niedrigschwellig. Ich glaube trotzdem, dass
- 31:43bei solchen Angeboten die Offenheit der Person, die das nutzen soll, eine
- 31:48große Rolle spielt. Denn zumindest habe ich das oft erlebt, gibt es
- 31:51schon auch in gewissen Generationen die Haltung: Bei uns kommt so etwas
- 31:55nicht vor. Und wenn ich nicht offen bin zu suchen oder selbst
- 32:00wenn ich nicht suchen muss, wenn mir jemand das gibt, ich werde
- 32:02es nicht nutzen, wenn ich nicht bereit dafür bin, mir vielleicht einzugestehen,
- 32:05dass ich da mal was testen sollte oder Hilfe annehmen sollte. Also
- 32:10da sind wir wieder bei dem Punkt Eigenverantwortung. Genau, und da sehe
- 32:13ich eben auch solche Ansätze, wie in die Firmen reinzugehen und eben
- 32:16auch Führungskräfte wirklich zu sensibilisieren, dass sie mit drauf schauen, dass du
- 32:21eben nicht immer alle komplette Verantwortung auf Individuen abschiebst, sondern eben auch
- 32:25guckst, wie kann ich die Strukturen verändern. Deswegen finde ich diesen Ansatz
- 32:28so spannend, den man da bei der TK zum Beispiel, aber auch
- 32:31in anderen Krankenkassen wählt. Ich will ein letztes Projekt nicht unerwähnt lassen,
- 32:36weil wir haben ja schon drüber gesprochen, viele Menschen in Sachsen-Anhalt
- 32:38mit Rückenschmerzen zu kämpfen haben. Die AOK hat gemeinsam mit der Uniklinik
- 32:43Magdeburg ein Versorgungsprogramm für Langzeit-Rückenschmerz-Patienten gegründet. Das muss man
- 32:48sich so vorstellen, dass da Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten und auch Schmerztherapeuten gemeinsam
- 32:53eben aus allen möglichen Blickwinkeln auf die Patienten schauen. Und das finde
- 32:57ich total spannend und irgendwie auch zielführend. Und von solchen Zentren gibt
- 33:01es nur ganze vier in Deutschland. Also das finde ich schon irgendwie
- 33:05spannend, dass es sowas eben auch in Magdeburg gibt. Klingt fast so,
- 33:08als müssten wir uns auch das mal in einer eigenen Folge anschauen.
- 33:10Ja, ich sehe schon, ich werde jetzt hier die Gesundheitsbeauftragte im Podcast.
- 33:14Katja, vielen, vielen Dank für die ganzen Infos, für die Zahlen, die
- 33:18du mitgebracht hast. Ich fand es total interessant. Ich habe voll viel
- 33:21mitgenommen, vor allem über diese vielfältigen Projekte. An der Stelle aber auch
- 33:25von uns gesagt: Gesundheit funktioniert auch nur mit einem gut funktionierenden Gesundheitssystem.
- 33:30Und da erleben wir ja gerade, dass da einiges im Argen liegt.
- 33:34Die Frage der Finanzierung ist ein Riesenproblem, steigende Beiträge, die die Menschen extrem
- 33:39belasten. All das ist für uns aber ein ganz eigenes Podcast
- 33:43folgendes Thema. Deshalb sind wir an dieser Stelle nicht ganz so stark
- 33:46darauf eingegangen. Genau, also hier ging es ja eher darum zu schauen,
- 33:49wo haben die Menschen in Sachsen-Anhalt selbst Anknüpfungspunkte, um sozusagen Dinge
- 33:53vielleicht auch im Kleinen zu verändern. Und mir hat es auch viel
- 33:56Spaß gemacht. Ich liebe das ja, mich in Zahlen reinzufuchsen. Also es
- 33:59war total spannend, sich mal die ganzen Gesundheitsdaten für Sachsen-Anhalt anzuschauen.
- 34:08Hier im Podcast werden wir in jeder Episode neben unserem großen Thema
- 34:12der Woche ja immer auch noch etwas detaillierter in die einzelnen Regionen
- 34:17Sachsen-Anhalt schauen. Wir stellen euch zum Beispiel Helden und Heldinnen des
- 34:21Alltags vor, die also bei sich vor Ort etwas Besonderes für den
- 34:26Ort und die Gemeinschaft geschaffen haben. Es kann aber auch ein Lieblingsort
- 34:29von euch Hörerinnen und Hörern sein, sozusagen als Tipp, wo wir unbedingt
- 34:33mal hin müssen, wenn wir da noch nicht gewesen sind. So wie
- 34:37letzte Woche der Tipp von Annette aus Halle. Oder wir haben so
- 34:40wie heute Veranstaltungen aus der Region für euch. Marie, was hast du
- 34:43mitgebracht? Ja, ich habe passend zum Thema etwas mitgebracht, und zwar einen
- 34:48Tipp aus der Region Dessau-Anhalt Wittenberg. In Aaken an der Elbe
- 34:52gibt es nämlich einen Kneipp Wasser- und Gesundheitspark, und dort wird
- 34:55am Samstag, 4. April, die Saison eröffnet. Start ist 10 Uhr mit
- 35:00einem gemeinsamen Ankneipen, und im Anschluss gibt es noch eine geführte
- 35:04Radtour. Also wer möchte, 40 Kilometer durch die Elbauenlandschaft mit Fährüberquerung, habe
- 35:10ich gelesen. Also ich finde, das klingt total schön für so einen
- 35:13Samstag. Manche schwören ja auch aufs Kneippen. Hast du das schon mal
- 35:17gemacht? Ehrlich gesagt, trifft man mich eher in Kneipen als beim Kneippen.
- 35:21Hätte ich jetzt mal vorsichtig so formuliert. Aber ich finde auch, das
- 35:26mit der Radtour, das klingt doch nach einem netten Ostersamstag. Und das
- 35:30Wetter soll ja auch ein bisschen besser werden am Wochenende. Und natürlich,
- 35:32du sagst es, es ist Ostern, und das bedeutet in ganz vielen
- 35:36Regionen Osterfeuer und überhaupt ganz viele verschiedene Osterveranstaltungen. Und ausgewählte Highlights findet
- 35:44ihr in unserem Newsletter. Habt ihr Hinweise, Tipps oder vielleicht auch Lieblingsorte
- 35:49für uns, dann wollen wir das unbedingt wissen. Oder noch viel besser:
- 35:52Hört uns also gerne Audios. Die könnt ihr ganz leicht per
- 35:55Sprachnachricht aufnehmen und dann versenden an dazwischen@detektor.fm. Und wenn
- 36:01ihr noch tiefer in Sachsen-Anhalt eintauchen wollt, dann abonniert auch unsere
- 36:05Newsletter, denn dann bekommt ihr jede Woche noch mehr Geschichten und Facetten
- 36:09aus Sachsen-Anhalt direkt in euer Postfach. In dieser Woche lest ihr
- 36:13da beispielsweise natürlich ganz viele Veranstaltungstipps für das Osterwochenende. Nächste Woche Donnerstag
- 36:18gibt es hier im Podcast dann eine neue Folge von Dazwischen, und
- 36:22da geht es nach Dessau-Roslau, in die Stadt, in der ich
- 36:26aufgewachsen bin. Ich bin dort im Mitmachlokal verabredet. Was das ist, wie
- 36:31das funktioniert und warum es Orte wie diesen eigentlich überall braucht und
- 36:35warum das auch noch gut für unsere Demokratie und unser Miteinander sein
- 36:39kann, das alles erfahrt ihr in der nächsten Folge am Donnerstag. Bis
- 36:43nächste Woche.