Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 142-151
Transcript
- 0:00Buch 3 Unterkapitel 142 Räucherwerk in diesem sehr
- 0:06kurzen Aphorismus stellt Nietzsche eine Aussage von
- 0:09Buddha, einem typischen Verhalten im Christentum
- 0:11gegenüber. Buddha sagt Schmeichle deinem
- 0:15Wohltäter nicht, das bedeutet, man soll jemandem, der einem
- 0:19Gutes tut, nicht aus reiner Berechnung oder Unterwürfigkeit
- 0:22schmeicheln. Nietzsche meint, wenn man diesen
- 0:25Satz in einer christlichen Kirche aussprechen würde.
- 0:28Würde er sofort die ganze Luft reinigen?
- 0:31Er kritisiert damit die oft unterwürfige und schmeichelnde
- 0:33Haltung vieler Gläubiger gegenüber Gott.
- 0:36Gebete und Lobpreisungen erscheinen ihm oft nicht als
- 0:39ehrlicher Ausdruck von Dankbarkeit, sondern als ein
- 0:42Mittel, um sich bei einer höheren Macht beliebt zu machen.
- 0:46Buddhas Spruch steht für eine Aufrichtigere, Stolzere und
- 0:50reinere Haltung, Buch 3, Unterkapitel 143.
- 0:56Größter Nutzen des Polytheismus hier entwickelt Nietzsche einen
- 1:02seiner überraschendsten und wichtigsten Gedanken.
- 1:05Er lobt den Polytheismus, also den Glauben an viele Götter, und
- 1:09kritisiert den Monotheismus, den Glauben an nur einen Gott.
- 1:13Früher, so Nietzsche, galt es als die größte Sünde, wenn ein
- 1:17einzelner Mensch sich sein eigenes Ideal schuf und daraus
- 1:20seine eigenen Gesetze und Freuden ableitete.
- 1:23Die Gesellschaft verlangte, dass sich alle einer einzigen Norm
- 1:26unterwerfen. Der Polytheismus war hier ein
- 1:29entscheidender Fortschritt, indem er viele verschiedene
- 1:32Götter mit unterschiedlichen Eigenschaften und Werten
- 1:34erlaubte, schuf er die geistige Voraussetzung für
- 1:37Individualität, er erlaubte es den Menschen, unterschiedliche
- 1:41Ideale zu verehren und damit auch selbst unterschiedliche
- 1:45Wege zu gehen. Der eine Gott war nicht die
- 1:47Leugnung des anderen. So wurde das Recht des
- 1:50Einzelnen, anders zu sein, zum ersten Mal geachtet.
- 1:54Der Monotheismus hingegen ist für Nietzsche die größte Gefahr
- 1:57für die Menschheit, er stellt eine starre Norm für alle auf,
- 2:01einen einzigen Gott und damit ein einziges richtiges Ideal für
- 2:05den Menschen. Alle anderen Götter sind falsche
- 2:08Lügengötter diese Denkweise führt zu einem Stillstand,
- 2:13ähnlich wie bei Tiergattungen, die sich nicht mehr
- 2:15weiterentwickeln, der Polytheismus hingegen.
- 2:19Hat die Freigeisterei und Vielgeisterei des Menschen
- 2:22vorbereitet und ihm die Kraft gegeben, sich immer wieder neue
- 2:26Augen und neue Horizonte zu schaffen.
- 2:30Buch 3 Unterkapitel 144 Religionskriege Nietzsche
- 2:37betrachtet Religionskriege aus einer ungewöhnlichen
- 2:39Perspektive, er sieht sie nicht nur als Katastrophe, sondern
- 2:43auch als einen paradoxen, größten Fortschritt der Massen.
- 2:47Warum? Weil Religionskriege beweisen,
- 2:50dass die breite Masse der Menschen angefangen hat, Ideen
- 2:53und Begriffe mit Ehrfurcht zu behandeln.
- 2:56Zum ersten Mal in der Geschichte waren abstrakte Konzepte wie die
- 3:00richtige Auslegung einer heiligen Schrift für die
- 3:02einfachen Leute so wichtig, dass sie bereit waren, dafür zu
- 3:06kämpfen und zu sterben. Solche Kriege entstehen erst,
- 3:10wenn die allgemeine Vernunft durch die feinen Streitigkeiten
- 3:13von Theologen und Gelehrten geschärft wurde.
- 3:16Plötzlich nimmt sogar der Pöbel, also die ungebildete Masse,
- 3:20theologische Kleinigkeiten wichtig und glaubt, dass das
- 3:23Ewige Heil der Seele von diesen Unterschieden abhängt.
- 3:27Auch wenn die Kriege furchtbar sind, zeigen sie für Nietzsche,
- 3:30dass die Macht der Ideen begonnen hat, die gesamte
- 3:33Gesellschaft zu durchdringen. Buch 3 Unterkapitel 145 Gefahr
- 3:40der Vegetarianer. In diesem Aphorismus stellt
- 3:44Nietzsche eine eigenwillige Verbindung zwischen Ernährung
- 3:47und Denken her. Er argumentiert, dass eine
- 3:50einseitige Ernährung zu einseitigen Narkotischen Denk
- 3:54und Gefühlsweisen führen kann, sein Beispiel ist der übermäßige
- 3:58Genuss von Reis oder Kartoffeln, so wie der Kartoffelgenuss zum
- 4:02Branntwein treibe, so führe ein starker Reisgenuss zur Anwendung
- 4:06von Opium und anderen betäubenden Drogen, aber nicht
- 4:10nur das. Eine solche Ernährung fördere
- 4:12auch Denkweisen, die selbst eine Narkotische, also betäubende und
- 4:16weltflüchtige Wirkung haben. Deshalb sunnitsche Preisen jene
- 4:21indischen Lehrer, die solche betäubenden Philosophien
- 4:24verbreiten, oft eine rein pflanzliche Diät, sie wollen
- 4:28damit in den Menschen genau jenes Bedürfnis nach Weltflucht
- 4:31und Betäubung erzeugen und verstärken, dass ihre Lehren
- 4:34dann befriedigen können. Buch 3 Unterkapitel 146.
- 4:40Deutsche Hoffnungen hier spielt Nietzsche mit der ursprünglichen
- 4:45Bedeutung von Völkernamen, die oft als Schimpfnamen begannen.
- 4:49Er erwähnt die Tataren, deren Name die Hunde bedeute, dann
- 4:54kommt er zu den Deutschen. Dieser Name, so erklärt er,
- 4:57bedeutete ursprünglich die Heiden, die bereits zum
- 5:01Christentum bekehrten Goten nannten so ihre noch heidnischen
- 5:04Stammesverwandten. Aus dieser Worterkunft leitet
- 5:08Nietzsche eine ironische Hoffnung ab.
- 5:11Wäre es nicht möglich, dass die Deutschen sich nachträglich
- 5:14einen Ehrennamen aus diesem alten Schimpfnamen machen, sie
- 5:17könnten dies tun, indem sie das erste bewusst unchristliche Volk
- 5:21Europas werden, damit würden sie, so Nietzsche, das Werk von
- 5:25Martin Luther vollenden. Luther hatte die Deutschen
- 5:28gelehrt, Unrömisch zu sein und sich von der Autorität der
- 5:32katholischen Kirche zu lösen. Der letzte Schritt wäre nun,
- 5:35sich vom Christentum insgesamt zu lösen.
- 5:39Buch 3 Unterkapitel 147 Frage und Antwort dieses extrem kurze
- 5:48Kapitel ist eine scharfe Provokation.
- 5:50Nietzsche stellt die Frage, was wilde Völkerschaften von den
- 5:53Europäern als erstes annehmen, seine Antwort Branntwein und
- 5:57Christentum. Beides bezeichnet er als die
- 6:01europäischen Narkotiker, also als Betäubungsmittel.
- 6:05Dann stellt er die zweite Frage, woran gehen diese Völker am
- 6:08schnellsten zugrunde? Die Antwort ist dieselbe an den
- 6:12europäischen Betäubungsmitteln, damit setzt er Alkohol und die
- 6:17christliche Religion auf eine Stufe, beide sieht er als Gifte,
- 6:21die ursprüngliche wilde Kulturen schwächen und letztendlich
- 6:25zerstören. Buch 3.
- 6:29Unterkapitel 148 wo die Reformationen entstehen
- 6:35Nietzsche stellt hier eine überraschende These über die
- 6:38Reformation auf. Sie entstand seiner Meinung nach
- 6:41in Deutschland nicht, weil die Kirche dort besonders korrupt
- 6:44und verdorben war, sondern im Gegenteil, weil sie dort am
- 6:48wenigsten verdorben war. Der Grund dafür liegt in der
- 6:51tiefen Frömmigkeit der Deutschen zurzeit Luthers, sie waren, so
- 6:56Nietzsche. Vielleicht das christlichste
- 6:58Volk Europas. Ihre christliche Kultur stand
- 7:01kurz vor einer prächtigen Blüte, eben weil sie so tief im Glauben
- 7:05verwurzelt waren, empfanden sie schon die ersten Anzeichen von
- 7:08Verderbnis in der Kirche als absolut unerträglich, in anderen
- 7:13Ländern, wo die Korruption viel weiter fortgeschritten war,
- 7:16hatte man sich vielleicht schon daran gewöhnt, in Deutschland
- 7:20aber brachte schon eine Nacht den Sturm, der allem ein Ende
- 7:24machte, Buch 3. Unterkapitel 149 Misslingen der
- 7:30Reformationen Nietzsche kehrt hier seine Perspektive um,
- 7:36während das Gelingen der Reformation in Deutschland für
- 7:39ihn ein Zeichen von kultureller Einfachheit war, ist das
- 7:42Misslingen solcher Bewegungen ein Zeichen für eine höhere
- 7:45Kultur. Als Beispiel nennt er die alten
- 7:48Griechen schon in frühen Zeiten scheiterten dort immer wieder
- 7:52versuche, neue einheitliche Religionen zu gründen.
- 7:56Etwa durch Pythagoras oder Platon.
- 7:59Das spricht für Nietzsche dafür, dass die griechische
- 8:02Gesellschaft schon damals sehr vielfältig war, es gab zu viele
- 8:06verschiedene Arten von Menschen mit unterschiedlichen
- 8:08Bedürfnissen, als das eine einzige religiöse Formel für
- 8:11alle hätte passen können. Solche Versuche führten daher
- 8:15nur zur Gründung kleinerer Sekten, nicht aber zu einer
- 8:18Massenbewegung. Daraus leitet er eine allgemeine
- 8:21Regel ab. Wo eine Reformation eines ganzen
- 8:24Volkes misslingt und nur Sekten entstehen, ist das ein Zeichen
- 8:28dafür, dass dieses Volk schon sehr vielschichtig und
- 8:31individuell ist. Es hat die einfachen
- 8:33Herdeninstinkte hinter sich gelassen.
- 8:36Dieser Zustand, der oft als Sittenverfall beschimpft wird,
- 8:39ist für Nietzsche in Wahrheit ein Zeichen für das Reifwerden
- 8:42einer Kultur. Buch 3 Unterkapitel 150 zur
- 8:48Kritik der Heiligen. Hier übt Nietzsche Kritik an
- 8:53einer bestimmten Art von Tugend, wie er sie bei christlichen
- 8:56Heiligen sieht. Er fragt, ob man Tugend wirklich
- 8:59in ihrer brutalsten Gestalt haben muss, was er brutal nennt,
- 9:04ist eine Tugend, die so extrem und übermenschlich ist, dass sie
- 9:07bei normalen Menschen nur noch ein Gefühl der eigenen
- 9:10Schlechtigkeit und Verachtung hervorruft, die christlichen
- 9:15Heiligen, so Nietzsche, wollten genau das.
- 9:19Sie ertrugen ihr Leben nur mit dem Gedanken, dass ihr Anblick
- 9:22jeden anderen dazu bringen würde, sich selbst zu verachten.
- 9:26Eine Tugend, die eine solche Wirkung hat, ist für Nietzsche
- 9:29keine erstrebenswerte Tugend, sie erhebt nicht, sondern drückt
- 9:33nieder. Buch 3 Unterkapitel 151 vom
- 9:40Ursprünge der Religion. Nietzsche widerspricht hier dem
- 9:45Philosophen Schopenhauer, der meinte, die Religion entstehe
- 9:48aus einem metaphysischen Bedürfnis, also aus dem tiefen
- 9:52Wunsch des Menschen nach einer Erklärung für die Welt und einer
- 9:55anderen Welt hinter der sichtbaren.
- 9:58Für Nietzsche ist dieses metaphysische Bedürfnis nicht
- 10:00der Ursprung, sondern nur ein späterer Nachschößling der
- 10:04Religion, die ursprüngliche Annahme einer anderen Welt in
- 10:08den Urzeiten der Menschheit war viel einfacher und basierte
- 10:11nicht auf einem tiefen Bedürfnis.
- 10:13Sondern auf einem Irrtum. Es war ein Fehler bei der
- 10:17Interpretation von Naturvorgängen eine Verlegenheit
- 10:21des Intellekts. Menschen sahen zum Beispiel
- 10:24Träume oder Echos und konnten sie sich nicht erklären aus
- 10:28solchen intellektuellen Missverständnissen heraus
- 10:30entstand die Idee von einer zweiten, unsichtbaren Welt, der
- 10:34philosophische und tiefe Wunsch nach einer solchen Welt, wie
- 10:37Schopenhauer ihn beschreibt, entwickelte sich erst viel
- 10:40später auf dem Fundament dieser ursprünglichen Irrtümer.