Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 374-379
Transcript
- 0:00Unterkapitel 374 unser neues Unendliches hier führt Nietzsche
- 0:07seine Kritik an einer zu einfachen Weltsicht fort.
- 0:10Er wendet sich gegen die Vorstellung, die Welt sei wie
- 0:13eine riesige Maschine, deren Funktionsweise man nur entdecken
- 0:16müsse, diese Mechanistische Weltdeutung, die alles auf
- 0:20zählen, rechnen und Messen reduziert, hält er für plump und
- 0:24naiv. Für Nietzsche verliert die Welt
- 0:26durch eine solche Betrachtung ihren mehrdeutigen und
- 0:29geheimnisvollen Charakter. Er argumentiert, dass wir die
- 0:33Welt immer nur aus unserer menschlichen Perspektive sehen
- 0:35können, wir können sozusagen nicht um unsere eigene Ecke
- 0:39schauen. Die Annahme, dass unsere
- 0:41menschliche Sicht die einzig richtige oder vollständige ist,
- 0:44hält er für eine Anmaßung, die große, fast schwindelerregende
- 0:48Erkenntnis sei, dass es unendlich viele mögliche
- 0:51Interpretationen der Welt geben könnte.
- 0:54Indem wir die Idee einer einzigen, für alle gültigen
- 0:57Wahrheit aufgeben, wird die Welt wieder unendlich.
- 1:00Sie ist nicht mehr ein begrenztes, lösbares Rätsel,
- 1:03sondern ein unendlicher Raum von Möglichkeiten und Deutungen.
- 1:07Dieser Gedanke löst bei Nietzsche einen großen Schauder
- 1:10aus, es ist beängstigend, weil man den festen Boden unter den
- 1:14Füßen verliert, gleichzeitig empfindet er es aber auch als
- 1:18befreiend, man muss nicht mehr so tun, als könnte man alles
- 1:21wissen. Statt das Unbekannte sofort zu
- 1:24einer neuen Gottheit zu erklären, wie es die Menschen
- 1:27früher Taten, sollen wir laut Nietzsche die vielen
- 1:29Möglichkeiten anerkennen, selbst die Ungöttlichen, also die
- 1:33chaotischen, dummen oder teuflischen Interpretationen
- 1:38Unterkapitel 375 warum wir epikurär scheinen in diesem
- 1:45Kapitel beschreibt Nietzsche die Haltung der modernen freien
- 1:47Denker, zu denen er sich selbst zählt.
- 1:50Er stellt fest, dass sie oft als Epikurär missverstanden werden.
- 1:55Die antiken Epikuräer suchten ein Lustvolles, aber vor allem
- 1:58ruhiges und von schmerzfreies Leben.
- 2:01Außenstehende könnten also denken, dass moderne Skeptiker
- 2:04einfach nur bequem leben und großen Überzeugungen aus dem Weg
- 2:07gehen wollen. Nietzsche sagt, das sei nur die
- 2:10halbe Wahrheit, die Vorsicht der modernen Denker gegenüber
- 2:14großen, endgültigen Wahrheiten hat tiefere Gründe.
- 2:18Zum einen ist es die Haltung des gebrannten Kindes.
- 2:21Damit meint er, dass sie als Idealisten von den großen
- 2:23Heilsversprechen der Vergangenheit, etwa von Religion
- 2:27oder Politik, enttäuscht wurden und deshalb jetzt misstrauisch
- 2:31sind. Zum anderen ist es aber auch
- 2:33eine neue Form von Neugier und Freude, wer einmal aus dem
- 2:37Gefängnis einer einzigen engen Weltanschauung ausgebrochen ist,
- 2:41der genießt nun die Freiheit im unbegrenzten.
- 2:45Man hat Freude daran, die Dinge von verschiedenen Seiten zu
- 2:47betrachten und sich nicht mehr auf eine einzige Wahrheit
- 2:50festlegen zu müssen. Dieser neue Typus Mensch lehnt
- 2:54daher große moralische Worte und einfache Gegensätze ab, sein
- 2:58Stolz liegt in der Selbstbeherrschung, die er mit
- 3:01einem Reiter vergleicht, der seine wilden Pferde im Griff
- 3:04hat, er stürmt nicht blindlings einer vermeintlichen Gewissheit
- 3:07hinterher, sondern zügelt sich und genießt die Fähigkeit, in
- 3:11der Schwebe zu bleiben. Diese Haltung ist für Nietzsche
- 3:14kein Zeichen von Schwäche oder Gleichgültigkeit, sondern von
- 3:17Stärke und geistiger Freiheit. Unterkapitel 376 unsere
- 3:24langsamen Zeiten, dieses sehr kurze und poetische Kapitel
- 3:29beschreibt ein besonderes Lebensgefühl, das vor allem
- 3:31Künstler und schaffende Menschen kennen.
- 3:34Nietzsche nennt sie die Menschen der Werke, er beobachtet, dass
- 3:38solche Menschen ihr Leben oft in Abschnitten empfinden.
- 3:41Die jeweils mit der Vollendung eines Werkes enden, wenn ein
- 3:44Werk fertiggestellt ist, fühlen sie sich selbst reif.
- 3:48Sie haben das Gefühl, nun in Frieden sterben zu können, weil
- 3:51etwas zur Vollendung gebracht wurde.
- 3:54Dieses Gefühl ist aber keine müde Erschöpfung, Nietzsche
- 3:57vergleicht es vielmehr mit der herbstlichen Sonnigkeit und
- 4:01milde, es ist eine warme, zufriedene Ruhe, die aus der
- 4:05Vollendung erwächst. In solchen Momenten verlangsamt
- 4:08sich das Tempo des Lebens. Es wird dick und Honigflüssig
- 4:12die schaffenden glauben dann an die lange Fermate eine Fermate
- 4:16ist in der Musik ein Haltezeichen, das eine Note oder
- 4:19eine Pause verlängert. Auf das Leben übertragen
- 4:22bedeutet das, den Glauben an einen Moment des Innehaltens,
- 4:25der tiefen Ruhe und des Genusses, bevor der nächste
- 4:28Lebensabschnitt beginnt. Es ist die Fähigkeit, die
- 4:31Früchte der eigenen Arbeit auszukosten und den Moment der
- 4:34Vollendung als einen Wert an sich zu sehen.
- 4:38Unterkapitel. 377 wir Heimatlosen.
- 4:44Dies ist eines der zentralen Kapitel, in dem Nietzsche sich
- 4:47und die freien Geister seiner Zeit charakterisiert.
- 4:50Er nennt sie heimatlose, Heimatlos sind sie, weil sie
- 4:55sich in der modernen Welt nirgendwo mehr zugehörig fühlen,
- 4:58sie passen in keine der alten Schubladen, sie sind weder
- 5:02national gebunden, noch gehören sie einer bestimmten politischen
- 5:05Ideologie oder Religion an. Sie sind Kinder der Zukunft, die
- 5:09spüren, dass die alten Ordnungen und Gewissheiten, die alten
- 5:12Realitäten, brüchig geworden sind.
- 5:15Nietzsche beschreibt sich und diese Heimatlosen als eine
- 5:17Kraft, die das Eis der alten Wahrheiten zum Schmelzen bringt.
- 5:21Sie sind keine Liberalen und arbeiten nicht für den
- 5:24Fortschritt im üblichen Sinne, weil sie den
- 5:26Zukunftsversprechungen des Marktes und der Politik
- 5:29misstrauen, Parolen wie gleiche Rechte oder freie Gesellschaft
- 5:34locken sie nicht. Sie glauben nicht, dass ein
- 5:36Reich der Gerechtigkeit auf Erden zu einer besseren Welt
- 5:39führen würde, sondern eher zu einer Vermittelmäßigung, die er
- 5:42spöttisch Chineserei nennt. Sie sind gute Europäer und
- 5:47lehnen den aufkommenden Nationalismus und Rassenhass
- 5:49scharf ab. Diese patriotische
- 5:52Selbstbeweihräucherung empfinden sie als verlogen und
- 5:55unanständig, die Wurzel ihrer Heimatlosigkeit sieht Nietzsche
- 5:59im Christentum selbst. Das Christentum habe die
- 6:02Rechtschaffenheit und den unbedingten Willen zur Wahrheit
- 6:05gelehrt. Die freien Geister seien
- 6:07diejenigen, die diese christliche Tugend der
- 6:10Wahrhaftigkeit so ernst genommen haben, dass sie am Ende sogar
- 6:13den Glauben an Gott selbst als Unwahrhaftig überwinden mussten.
- 6:17Sie sind also das Ergebnis einer Selbstaufhebung des
- 6:19Christentums, ihr Weg führt sie aus allen alten Sicherheiten
- 6:23hinaus aufs offene Meer, dieses Wagnis ist ihr neuer Glaube
- 6:29Unterkapitel. 378 und werden wieder hell.
- 6:35Dieses sehr kurze Kapitel ist ein poetisches Bild für die
- 6:38seelische Widerstandskraft der freien Geister, die Nietzsche im
- 6:41vorigen Kapitel beschrieben hat. Er vergleicht sie mit offenen
- 6:45Brunnen an der Straße, das bedeutet, sie sind Freigebig mit
- 6:49ihren Gedanken und Erkenntnissen, jeder kann aus
- 6:52ihnen schöpfen, aber das hat auch eine Kehrseite, man kann
- 6:57sich nicht dagegen wehren, dass die Zeit, in der man lebt.
- 6:59Ihren Unrat und ihr kleines und großes Elend in einen
- 7:03Hineinwirft. Die freien Geister werden also
- 7:06zwangsläufig von der Kleinlichkeit, der Hässlichkeit
- 7:09und dem Schmutz ihrer Umgebung getrübt und finster gemacht.
- 7:13Doch dann kommt die entscheidende Wendung.
- 7:15Nietzsche betont, denn Wir sind tief, ihre geistige Tiefe
- 7:20ermöglicht es ihnen, diesen Schmutz nicht nur zu ertragen,
- 7:23sondern ihn zu verarbeiten, sie vergessen ihn nicht im Sinne von
- 7:27Verdrängung, sondern nehmen ihn in sich auf.
- 7:29Lassen ihn auf den Grund sinken und werden dadurch wieder hell.
- 7:33Es ist ein Bild für einen Prozess der geistigen und
- 7:36seelischen Selbstreinigung, die Tiefe des Geistes wirkt wie ein
- 7:40Filter, der es ermöglicht, sich mit den negativen Aspekten der
- 7:44Welt auseinanderzusetzen, ohne dauerhaft von ihnen beschmutzt
- 7:47oder vergiftet zu werden. Es ist ein Ausdruck von großer
- 7:50Resilienz und der Fähigkeit zur Transformation Unterkapitel 379.
- 7:58Zwischenrede des Narren hier lässt Nietzsche eine seiner
- 8:03lieblingsfiguren sprechenden Narren, der oft eine
- 8:07unkonventionelle, aber tiefere Wahrheit ausspricht.
- 8:10Der Narr stellt klar, dass der Verfasser dieses Buches kein
- 8:13Menschenhasser, kein Misanthrop ist.
- 8:16Er erklärt, dass der alte, totale Menschenhass, wie ihn
- 8:19etwa der antike Timon von Athen praktizierte, heute zu teuer
- 8:23sei. Um so tief und umfassend hassen
- 8:26zu können, müsste man auf etwas viel Feineres verzichten, auf
- 8:29die Verachtung. Und gerade diese feine
- 8:32Verachtung, dieser geistige Abstand sei es, was dem modernen
- 8:35Menschen seine Freude, Geduld und sogar seine Güte gebe.
- 8:39Verachtung ist für ihn eine Kunst und eine Tugend der
- 8:42Furchtlosen, der Unterschied zwischen Hass und Verachtung ist
- 8:46für Nietzsche entscheidend, Hass stellt einen auf die gleiche
- 8:49Stufe mit dem gehassten und ist oft mit Furcht verbunden.
- 8:54Verachtung hingegen entsteht aus einem Gefühl der Überlegenheit
- 8:57und Distanz. Man fühlt sich durch das
- 8:59Verachtete nicht mehr bedroht oder persönlich angegriffen.
- 9:02Die geistigeren Menschen unserer Zeit, so der Narr, leben ohne
- 9:07Furcht, sie sind Künstler der Verachtung, ihr Umgang mit den
- 9:11Menschen ist von einer gewissen Kühle und Distanz geprägt, die
- 9:15sie aber nicht hasserfüllt, sondern frei macht, sie finden
- 9:19ihre Freude in der Flucht vor den Menschen, im Spott über sie.
- 9:22Oder sogar im Spott über sich selbst?
- 9:25Diese Haltung ist keine Ablehnung des Lebens, sondern
- 9:28eine Form, um in einer als oberflächlich empfundenen Zeit
- 9:31geistig Überleben zu können.