Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Drittes Hauptstück - 108-109
Transcript
- 0:00Unterkapitel 108 der doppelte Kampf gegen das Übel in diesem
- 0:06Abschnitt beschäftigt sich Friedrich Nietzsche mit der
- 0:08Frage, wie der Mensch mitleiden, Schmerzen und Problemen umgeht.
- 0:12Dingen, die er hier als übel bezeichnet.
- 0:15Nietzsche stellt fest, dass es grundsätzlich 2 Wege gibt, um
- 0:19gegen solche Übel zu kämpfen, der erste Weg ist die Ursache
- 0:22des Übels zu beseitigen, wenn man zum Beispiel Schmerzen hat,
- 0:26sucht man nach dem Grund dafür. Und versucht, diesen Grund
- 0:29abzuschaffen. Dies ist der Weg, den wir heute
- 0:32oft als den wissenschaftlichen oder praktischen Weg bezeichnen
- 0:35würden. Der zweite Weg ist ganz anders,
- 0:39er versucht nicht, die Ursache in der Außenwelt zu ändern,
- 0:42stattdessen versucht dieser Weg, die Wirkung des Übels auf unsere
- 0:46Gefühle zu verändern, das bedeutet, das Übel bleibt
- 0:49bestehen, aber wir deuten es um, damit es sich nicht mehr so
- 0:53schlimm anfühlt oder wir es sogar als etwas Gutes empfinden.
- 0:57Nietzsche erklärt, dass Religion und Kunst auf diesen zweiten Weg
- 1:00wählen. Sie versuchen, unsere Empfindung
- 1:03zu ändern. Ein Beispiel dafür ist der
- 1:06religiöse Satz Wen Gott lieb hat, den Züchtigt er, hier wird
- 1:11das Leiden nicht beseitigt, sondern es wird ihm ein neuer
- 1:14Sinn gegeben, der Schmerz wird als ein Zeichen der Liebe Gottes
- 1:18gedeutet, dadurch fühlt sich der Leidende besser, obwohl die
- 1:22Ursache des Leidens immer noch da ist, auch die Kunst.
- 1:25Besonders die Tragödie im Theater nutzt diesen Weg.
- 1:29Sie macht aus dem Leiden ein Schauspiel, das wir betrachten
- 1:32und an dem wir sogar eine gewisse Lust empfinden können.
- 1:35Man nennt dies auch eine Ästhetisierung des Leidens.
- 1:39Nietzsche kritisiert diesen zweiten Weg deutlich, er sagt,
- 1:42es handelt sich dabei um eine Art Narkotisierung, also eine
- 1:47Betäubung, wenn man Schmerzen nur betäubt oder Umdeutet,
- 1:50kümmert man sich nicht mehr darum, die eigentliche Ursache
- 1:53zu beseitigen. Wer sich einredet, dass sein
- 1:56Leiden einen tiefen positiven Sinn hat, wird faul darin, die
- 1:59echten Probleme in der Welt zu lösen.
- 2:02Er vergleicht dies mit einem Menschen, der Zahnschmerzen hat
- 2:05und sich nur tröstende Worte anhört, anstatt den kranken Zahn
- 2:08behandeln zu lassen. Nietzsche beobachtet, dass die
- 2:11Macht der Religionen und diese Art von Kunst abnimmt, die
- 2:15Menschen wollen heute lieber die echten Ursachen der Übel
- 2:18beseitigen, anstatt sie nur schönzureden oder zu betäuben,
- 2:22das hat folgen. Zum einen wird es schwieriger
- 2:25für Dichter von Tragödien, weil die Menschen das Schicksal nicht
- 2:28mehr als unabänderlich hinnehmen wollen.
- 2:31Zum anderen ist es schlecht für Priester.
- 2:33Priester lebten bisher davon, das menschliche Leiden religiös
- 2:36zu deuten und zu betäuben, wenn die Menschen nun anfangen, ihre
- 2:40Probleme selbst praktisch zu lösen, werden Priester in ihrer
- 2:43alten Funktion überflüssig wichtige Begriffe narkotisierung
- 2:48ein Begriff aus der Medizin für Betäubung.
- 2:52Nietzsche meint hier, dass Religion und Kunst wie eine
- 2:54Droge wirken, die den Schmerz nur verdeckt, aber nicht heilt.
- 2:58Tragödie, eine Form des Theaters, in der das Scheitern
- 3:02und Leiden von Helden dargestellt wird.
- 3:04Nietzsche meint, dass wir dieses Leiden früher Genossen haben, es
- 3:08heute aber lieber abschaffen wollen.
- 3:11Unterkapitel 109 Gram ist Erkenntnis.
- 3:17In diesem Kapitel beschreibt Nietzsche einen tiefen inneren
- 3:20Konflikt des modernen, aufgeklärten Menschen.
- 3:23Es geht um den Widerspruch zwischen dem, was wir uns
- 3:25wünschen, und dem, was wir wissen.
- 3:28Nietzsche beginnt mit dem Gedanken, dass wir uns oft
- 3:30wünschen, die alten religiösen Behauptungen wären wahr, es wäre
- 3:35tröstlich zu glauben, dass es einen Gott gibt, der uns liebt,
- 3:38der alles sieht, was wir tun und der es im Grunde gut mit uns
- 3:41meint, auch wenn uns Unglück widerfährt.
- 3:44Solche Gedanken wären wie eine Medizin für die Seele.
- 3:47Beruhigend und wohltuend. Aber Nietzsche sagt ganz klar,
- 3:52diese Wahrheiten gibt es nicht, die Wissenschaft und die strenge
- 3:56Suche nach der Wahrheit haben gezeigt, dass diese religiösen
- 3:59Vorstellungen Irrtümer sind. Hier entsteht nun die
- 4:02eigentliche Tragödie für den modernen Menschen auf der einen
- 4:06Seite haben wir die Methode der Wahrheit und der Wissenschaft in
- 4:09unserem Kopf verankert, wir können nicht mehr einfach naiv
- 4:12glauben, was uns trösten würde, weil unser Verstand es als
- 4:16falsch erkennt. Auf der anderen Seite hat sich
- 4:19die Menschheit über Jahrtausende so entwickelt, dass sie sehr
- 4:22sensibel und leidensfähig geworden ist.
- 4:24Wir bräuchten eigentlich dringend diese Trostmittel der
- 4:27Religion, weil wir so zart und verletzlich sind.
- 4:30Das Ergebnis ist eine große Gefahr, der Mensch könnte an der
- 4:34Wahrheit verbluten, das bedeutet die Erkenntnis der harten
- 4:39Realität ohne den Trost der Religion könnte den Menschen
- 4:42innerlich zerstören. Nietzsche zitiert hier den
- 4:45englischen Dichter Lord Byron, der sagte, der Baum des Wissens
- 4:49ist nicht der Baum des Lebens. Damit ist gemeint, wissen macht
- 4:53nicht unbedingt glücklich oder lebendig, oft bringt wissen nur
- 4:57Traurigkeit, weil man die schmerzhafte Wahrheit erkennt.
- 5:00Doch Nietzsche wäre nicht Nietzsche, wenn er nicht einen
- 5:03Ausweg vorschlagen würde. Er fragt, was man gegen diesen
- 5:07tiefen Kummer tun kann, seine Antwort ist überraschend, er
- 5:11empfiehlt den Leichtsinn. Er bezieht sich auf den
- 5:14römischen Dichter Horas. Nietzsche meint, dass wir in den
- 5:18schlimmsten Stunden und bei tiefster Traurigkeit eine
- 5:21gewisse heitere Sorglosigkeit brauchen.
- 5:23Wir sollten die Dinge nicht immer so schwer und ernst
- 5:26nehmen, anstatt an der harten Wahrheit zu zerbrechen oder sich
- 5:29in die Vergangenheit zurückzusehnen, sollten wir
- 5:32fähig sein, auch mal über den Dingen zu stehen und das Leben
- 5:35leicht zu nehmen. Dieser feierliche Leichtsinn ist
- 5:39besser als eine schwermütige Rückkehr zu alten religiösen
- 5:41Vorstellungen, an die wir im Grunde unseres Herzens gar nicht
- 5:45mehr glauben können. Wichtige Begriffe, Erkenntnis,
- 5:49das wissen um die tatsächliche Beschaffenheit der Welt, befreit
- 5:52von Illusionen für Nietzsche ist diese Erkenntnis oft hart und
- 5:56ernüchternd, Leichtsinn hier nicht im negativen Sinne von
- 6:00Verantwortungslosigkeit gemeint, sondern als eine
- 6:02überlebenswichtige Fähigkeit, das Leben trotz seiner Härte.
- 6:06Spielerisch und nicht zu schwer zu nehmen.