Latest / Schwarze Akte - True Crime / #313 Per Anhalter in den Tod - Die Münsterland-Morde
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- Diese Episode enthält explizite Details über einen wahren Kriminalfall. Weitere Infos in der Folgenbeschreibung. Die Heizung summt leise im Wageninneren und füllt ihn mit Wärme. Vor der Windschutzscheibe liegt die Bundesstraße wie ein graues Band in der Dunkelheit. Links und rechts gibt es nur Felder. Vereinzelt nur ein paar Bäume. Und hin und wieder ein Hof, dessen Fenster für einen kurzen Moment im Licht der Scheinwerfer auftauchen. Es ist kalt an diesem Abend, Ende November 1971. Die meisten Menschen im Münsterland sind längst zu Hause oder liegen schon in ihren Betten. Auf der Straße ist um diese Uhrzeit kaum noch Verkehr. Die Frau am Steuer fährt allein durch die Dunkelheit. Das Autoradio läuft leise im Hintergrund. Gerade so laut, dass es das monotone Brumm des Motors überdeckt. Vor ihr liegt die nächste Kurve. Dahinter wieder nur Dunkelheit. Als plötzlich zwei Lichtpunkte im Rückspiegel auftauchen, richtet sie den Blick nach hinten. Das andere Fahrzeug ist noch ein gutes Stück entfernt, kommt aber schnell näher. Innerhalb weniger Sekunden werden aus den beiden kleinen Punkten helle Scheinwerfer. Das Auto schließt auf, bleibt kurz hinter ihr und zieht dann nach links auf die Gegenfahrbahn. Automatisch schaut sie rüber nach links. Als der Wagen neben ihr auftaucht, erkennt sie die typische Form eines VW-Käfers. Rundes Dach und runde Kotflügel. Einer von tausenden, die damals auf den deutschen Straßen unterwegs sind. Im Inneren des Wagen ist es dunkel. Den Fahrer kann sie so nicht erkennen. Ihr Blick bleibt an der Frau auf dem Beifahrersitz hängen. Sie sitzt dicht am Fenster, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Ihre dunklen Haare drücken sich gegen das Fenster. Für einen Moment wirkt es, als würde sie einfach nur nach draußen schauen. Dann kippt ihr Kopf langsam gegen die Seitenscheibe. So wie jemand, der plötzlich zu müde geworden ist, um ihn noch aufrechtzuhalten. Der VW-Käfer beschleunigt, die Reifen rauschen über den Asphalt. Nur wenige Augenblicke später zieht der Wagen an ihr vorbei und die Rücklichter davon. Der Käfer verschwindet hinter einer Biegung. Die Frau am Steuer blickt noch einen Moment auf die Stelle, wo der Wagen vor ihr in der Dunkelheit verschwunden ist. Wahrscheinlich denkt sie schon wenige Minuten später gar nicht mehr darüber nach. Warum auch? Sie hat weder den Fahrer erkannt, noch kennt sie die Frau auf dem Beifahrersitz. Und sie weiß nicht, dass die junge Frau neben dem Pfarrer noch in derselben Nacht tot aufgefunden wird. Schwarze Akte Und damit ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Schwarzen Akte, mir digital gegenüber mit Anne Lüppmann. Und mit Patrick Strohbusch. Hallo, schön, dass ihr heute wieder zuhört. Und für unseren heutigen Fall reisen wir in eine Zeit zurück, in der man Fremden deutlich mehr vertraut hat als heute. Wir befinden uns Anfang der 70er Jahre im Münsterland, in Deutschland. Werbung. Werbung Ende. Zwischen den Städten liegen Dörfer, Bauernhöfe und lange Landstraßen, die sich durch Felder und Wälder ziehen. Wer von Rheine nach Münster, von Nordhorn nach Osnabrück oder einfach nur ins Nachbardorf möchte, braucht entweder ein Auto oder Geduld. Denn Busse fahren noch nicht überall hin, vor allem nicht spät abends. Wer woanders hinfahren möchte, der hält deshalb oft einfach den Daumen raus. Trampen gehört quasi zum Alltag. Für viele junge Menschen ist das einfach die günstigste Art zu reisen. Einige fahren damit in den Urlaub, zur Arbeit oder zu Freunden. Es ist nichts Besonderes, am Straßenrand zu stehen und auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Niemand würde auf die Idee kommen, dass das ein großes Risiko mit sich bringen könnte. Wer jemanden erreichen will, der braucht ein Festnetztelefon oder Kleingeld für eine Telefonzelle. Es gibt noch keine Standortdaten, keine Messenger-Nachrichten und auch keine Möglichkeit, mal kurz Bescheid zu geben, wenn man später nach Hause kommt. Am Wochenende verbringen viele junge Leute die Abende in den Diskotheken der Region. Vor den Eingängen parken VW Käfer, Opel Kadett und vor Taunus. Drinnen wird getanzt, geflirtet und gefeiert bis tief in die Nacht. Wer nach Hause möchte, nimmt das eigene Auto, fährt mit Freunden mit oder hält eben den Daumen raus. Für die meisten Menschen funktioniert das lange problemlos. Fremde steigen zu Fremden ins Auto. Man fährt ein paar Kilometer gemeinsam und geht anschließend wieder seiner Wege. Doch manchmal genügt eine einzige dieser Begegnungen, um ein Leben für immer zu verändern. Für eine junge Frau beginnt eine solche Begegnung an einem kalten Novemberabend in Münster im Jahr 1971. Während die meisten Menschen um diese Uhrzeit längst zu Hause sind, steht sie noch draußen und arbeitet. Ihr Name ist Edeltraut. Kurz bevor die Autofahrerin aus dem Intro nachts die junge Frau mit den dunklen Haaren auf dem Beifahrersitz des VW Käfers sieht, steht die dunkelhaarige Edeltraut noch in Münster. Genauer gesagt in der Industriestraße. Dort, wo sich Anfang der 70er Jahre eine der wenigen bekannten Straßenstriche der Region befindet. Zwischen Werkstätten, Lagerhallen und Tankstellen warten Frauen hier auf Kundschaft. Autos rollen langsam vorbei, bremsen kurz ab und fahren weiter. Manchmal wird ein Fenster heruntergekurbelt. Das Gespräch dauert dann nur wenige Sekunden. Danach fällt eine Entscheidung. Einsteigen oder nicht? Auch an diesem Abend stehen mehrere Frauen an der Straße. Es ist Sonntag, der 21. November 1971. Die Temperatur liegt nur knapp über dem Gefrierpunkt. Und trotzdem stehen die Frauen hier draußen in der Kälte. Eine von ihnen ist Edeltraut. Edeltraut ist 23 Jahre alt, lebt in Münster und verdient hier ihr Geld. Warum genau sie auf dem Straßenstrich arbeitet, weiß bis heute niemand. Gegenüber ihrer Familie spricht sie nicht darüber. Vielleicht will sie Diskussionen vermeiden oder möchte ihr Privatleben und ihre Arbeit einfach voneinander trennen. Sicher ist nur, als Edeltraut an diesem Abend die Wohnung verlässt, ahnt niemand, dass sie nie wieder zurückkehren wird. Auf den wenigen Fotos, die es von ihr gibt, wirkt sie deutlich jünger als 23. Edeltraut ist 1,47 Meter groß, hat dunkle, schulterlange Haare und eine zierliche Statur. An diesem Abend trägt sie einen hellen Mantel, darunter einen Trägerrock. Dazu weiße Kniestrümpfe und schwarze Lackschuhe. Unter ihrem Arm klemmt ein roter Regenschirm. Eine schwarze Handtasche hat sie ebenfalls dabei. Es dürfte nicht besonders angenehm sein, an diesem Abend draußen zu stehen. Die Kälte kriecht durch Kleidung und Schuhe, während die Frauen vorbeifahrende Autos beobachten. Viele der Männer kommen nicht einmal aus Münster. Vergleichbare Straßenstriche gibt es in vielen Orten der Umgebung gar nicht. Wer eine Sexarbeiterin sucht, fährt also nach Münster. Deshalb rollen hier Fahrzeuge mit ganz unterschiedlichen Kennzeichen vorbei. Gegen 20.30 Uhr erscheint ein heller VW Käfer. Für die Frauen am Straßenrand ist das nichts Besonderes. Anfang der 70er Jahre gehört der Käfer ja zu den häufigsten Autos auf deutschen Straßen. Doch dieser Wagen hier fällt auf. Mehrere Frauen erinnern sich daran, dass er eine große Heckscheibe hat, also vermutlich zu den neueren Modellen gehört. Der Käfer hält direkt neben Edeltraut. Niemand hört, was gesprochen wird. Vielleicht geht es um die Bezahlung oder das Ziel der Fahrt. Edeltraut jedenfalls öffnet schließlich die Beifahrertür und steigt ein. Der Wagen fährt los, allerdings kommt er nicht weit. Nur wenige Meter entfernt bleibt der Käfer schon wieder stehen. Noch immer in Sichtweite der anderen Frauen. Dann passiert erstmal nichts. Minuten vergehen, andere Autos fahren vorbei und die Frauen warten weiter auf Kundschaft. Der Käfer steht immer noch einfach nur da. Fünf Minuten lang. Zehn Minuten. Zwanzig Minuten. Niemand steigt aus. Im Nachhinein klingt das vielleicht merkwürdig, aber in diesem Moment scheint es völlig normal. Autos halten ja ständig auf einem Straßenstrich. Einige Fahrer bleiben nur kurz, andere eben länger. Dann aber springt der Motor plötzlich wieder an. Der VW-Käfer wendet und fährt los. Und dabei fällt den anderen Frauen etwas auf. Der Wagen beschleunigt nämlich ungewöhnlich stark. Später wird ein Staatsanwalt sagen, dass solche Beschreibungen natürlich immer subjektiv sind. Aber den Frauen bleibt dieser Moment in Erinnerung. Der Käfer rollt nicht gemütlich davon. Er schießt förmlich los und verschwindet wenige Sekunden später in der Dunkelheit. Er hinterlässt nur eine Sache auf der Straße. Edeltrauts roten Regenschirm. Als die Polizei später mit den anderen Frauen spricht, versuchen sie sich an den Fahrer zu erinnern. Viel können sie nicht sagen. Die Beleuchtung war schlecht, aber trotzdem sind ein paar Details hängen geblieben. Der Mann soll Anfang bis Mitte 20 gewesen sein. Mit schmalem Gesicht und blonden oder dunkelblonden Haaren. Außerdem wissen die Zeuginnen noch Teile des Kennzeichens. Ein F und eine 8. Es sind nur winzige Hinweise, doch schon bald werden die Ermittler jeden Einzelnen davon brauchen. Etwa 45 Minuten später fährt derselbe VW Käfer über die Bundesstraße zwischen Nienberge und Altenberge, etwa 10 Kilometer außerhalb von Münster. Und hier ereignet sich die Begegnung vom Anfang aus dem Intro. Eine Autofahrerin sieht den Wagen im Rückspiegel auftauchen. Als er sie überholt, bemerkt sie auf dem Beifahrersitz eine junge Frau, deren Kopf gegen die Scheibe sackt. Erst später wird die Autofahrerin erfahren, dass sie möglicherweise eine der letzten Personen war, die Edeltraud lebend gesehen hat. Knapp zwei Stunden später fährt ein Landwirt über einen Feldweg im Kreis Steinfurt. Die Gegend liegt um die 40 Kilometer von Münster entfernt. Es ist kurz vor Mitternacht. Um diese Uhrzeit begegnet man hier normalerweise niemanden mehr. Die Scheinwerfer seines Fahrzeugs tasten sich durch die Dunkelheit, als plötzlich etwas am Wegesrand auftaucht. Zunächst erkennt er nur eine Gestalt. Dann wird ihm klar, dass dort ein Mensch liegt. Eine junge Frau. Sie ist teilweise entkleidet und liegt dort völlig regungslos. Auf einem kleinen Hügel neben dem Feldweg. Es handelt sich um Edeltraut. Nur kurze Zeit später treffen die ersten Polizeiwagen ein. Blaulicht erhält die umliegenden Felder auf eine unheimliche Art. Aber für Edeltraut kommt jede Hilfe zu spät. Sie ist tot. Und so ein Einsatz ist für die Beamten nicht alltäglich. Eine junge tote Frau, ausgerechnet hier in ihrer Gegend. Sie sichern Spuren, fotografieren den Fundort und versuchen herauszufinden, was passiert ist. Ihnen wird relativ schnell klar, dass Edeltraut nicht an dieser Stelle gestorben ist. Der Fundort ist also höchstwahrscheinlich nicht der Tatort. Dafür gibt es hierzu wenig Spuren. Jemand muss ihren Körper hierher gebracht und abgelegt haben. Bei der Obduktion wenig später stellen die Rechtsmediziner fest, dass Edeltraut erwürgt wurde. Die Polizei hat einen schlimmen Verdacht, denn Edeltraut wurde teilweise entkleidet aufgefunden. In der Rechtsmedizin gibt es allerdings Entwarnung, was das betrifft. Hinweise auf eine Vergewaltigung werden nicht gefunden. Aber die Obduktion bringt noch eine weitere Erkenntnis. Eine, die den Fall noch tragischer macht, wenn das überhaupt möglich ist. Edeltraut war schwanger. Im siebten Monat. Damit geht es nicht mehr nur um eine ermordete 23-Jährige. Mit ihr stirbt auch ihr ungeborenes Kind. Die Polizei will natürlich sofort die Angehörigen informieren. Aber wer der Vater ist, können die Ermittler nie zweifelsfrei klären. Natürlich stellt sich die Frage, ob er etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnte, aber diese Spur führt ins Leere. Stattdessen entdecken die Rechtsmediziner noch etwas anderes, eine Brandverletzung an einem von Edeltrauts Knöcheln. Und daraus entwickeln die Ermittler eine Theorie. Denn die Heizung eines VW-Käfers verläuft so, dass heiße Luft im Fußraum austreten kann. Wenn jemand längere Zeit regungslos dort sitzt, können genau solche Verletzungen entstehen. Normalerweise zieht man den Fuß bei der Hitze ja sofort weg. Aber Edeltraut hat das offenbar nicht getan. Für die Ermittler ergibt sich daraus eine beunruhigende Möglichkeit. Vielleicht war sie bereits bewusstlos, als der Käfer über die Bundesstraße gefahren ist. Vielleicht war sie sogar schon tot. Vielleicht sogar schon, als der Täter mit ihr über die Bundesstraße gerast und die Autofahrerin überholt hat. Damit geht der Fahrer natürlich ein großes Risiko ein. Denn wenn das stimmt, dann wäre er mit einer Leiche auf dem Beifahrersitz durch die Gegend gefahren, um sie schließlich an einem sehr offenen Ort abzulegen. Der Täter hat sie gar nicht erst versteckt, sondern einfach neben einen Feldweg gelegt, auch noch auf einen kleinen Hügel. Jeder, der da vorbeifährt, würde sie sofort sehen. Auch sonst wirft der Fundort eher Fragen auf. Zum Beispiel fehlt Edeltrauts schwarze Handtasche. Außerdem stellen die Ermittler fest, dass an ihrem Mantel ein Knopf abgerissen wurde. Das könnte über einem Gerangel passiert sein. Vielleicht aber auch, als der Täter sie am Feldweg abgelegt hat. Die verschwundene Handtasche lässt die Ermittler spekulieren, ob vielleicht Raub das Motiv gewesen sein könnte. Oder hat der Täter die Handtasche einfach so mitgenommen? Als eine Art Trophäe? Doch die Polizei findet darauf erstmal keine Antworten. Überhaupt besteht der Fall zu diesem Zeitpunkt fast nur aus offenen Fragen. Die Ermittler haben einen hellen VW-Käfer, einen jungen, blonden Fahrer, ein Kennzeichen mit einem F und einer 8 und eine ermordete Frau, die zuletzt auf einem Straßenstrich gesehen wurde. Mehr nicht. Deswegen beginnen sie, jeden in Frage kommenden VW-Käfer zu überprüfen. Aus der Gegend rund um Münster gibt es zwei Orte mit einem F im Kennzeichen. BF für Burgsteinfurt und WAF für Warendorf. Listen von VW Käfern in der Gegend werden abgearbeitet und unzählige Fahrzeughalter überprüft. Die Ermittler gehen bei jedem Autofahrer persönlich vorbei. Doch die Ermittlungen führen ins Nichts. Der Fahrer des gesuchten VW Käfers bleibt verschwunden. Vorerst. Für die Polizei ist Edeltrauts Tod ein schrecklicher Mordfall. Aber damals nur ein einzelner Mordfall. Allerdings wird sechs Monate später in einem Waldstück die Leiche einer weiteren Jungfrau gefunden. Der Morgen des 17. Mai 1972 beginnt für den Forstwirt in der Nähe von Schöppingen wie viele andere Arbeitstage auch. Die Gemeinde befindet sich eine halbe Stunde Autofahrt von Münster entfernt. Schöppingen liegt zwischen Feldern, Wiesen und kleinen Waldstücken. Eine der Landstraßen dort führt in ein Wäldchen, das in der Gegend einen ganz bestimmten Ruf hat. Nachts kommen nämlich junge Paare hierher, um ungestört zu sein. Wer sich von neugierigen Blicken verstecken will, fährt mit dem Auto raus aufs Land, stellt den Wagen zwischen den Bäumen ab und verbringt dort ein paar Stunden ungestört. Der Forstwirt, der an diesem Mittwoch unterwegs ist, kennt den Platz natürlich. Aber als er an diesem Morgen zwischen den Bäumen entlang fährt, macht er eine grauenvolle Entdeckung. Dort, im Unterholz, liegt eine Frau. Erst erkennt er nur eine Gestalt, dann werden einzelne Details sichtbar, als er näher kommt. Die Frau liegt auf dem Rücken. Die Arme sind vom Körper abgespreizt. Versteckt wurde sie jedenfalls nicht. Sie liegt einfach da. Wer den Weg entlang geht oder mit dem Auto vorbeifährt, kann sie sofort sehen. Erst ein halbes Jahr vorher ist in der Region Edeltraut ermordet worden. Und jetzt liegt hier wieder eine junge Frau tot in einem Waldstück. Als die ersten Beamten eintreffen, erinnert sie vieles an Edeltrauts Fall. Auch die zweite junge Frau wurde erwürgt. Auch sie wurde wahrscheinlich an einem anderen Ort getötet. Und auch bei ihr fehlen persönliche Gegenstände. Einer ihrer Schuhe ist verschwunden, ihre Handtasche ebenfalls. Später wird noch herauskommen, dass der Täter vermutlich auch ihre rote Jacke und ein weiß-rotes Kosmetiktäschchen mitgenommen hat. Bei der Obduktion erfahren die Ermittler noch mehr Details zur Tat. Die Frau hat sich nämlich heftig gewehrt. Die Rechtsmediziner finden Prellung und mehrere Verletzungen am Kopf der Toten. Am Hinterkopf befindet sich eine mehrere Zentimeter lange Platzwunder. Irgendwann vor ihrem Tod muss es also zu einem heftigen Kampf gekommen sein. Genau wie bei Edeltraut wurde die junge Frau zwar teilweise entblößt, doch Hinweise auf eine Vergewaltigung gibt es nicht. Noch spricht bei der Polizei niemand von einer Mordserie. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Fällen sind offensichtlich. Bevor die Ermittler herausfinden können, ob die Morde zusammenhängen, müssen sie zunächst verstehen, wer die Tote überhaupt ist. Und es dauert nicht lange, bis sie herausfinden, dass ihr Name Barbara ist. Barbara ist 20 Jahre alt und lebt im niedersächsischen Schittorf, nur wenige Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Bis nach Münster braucht man mit dem Auto etwa eine Stunde. Barbara verdient ihr Geld als Büglerin in einer Wäscherei. Wer sie kennt, beschreibt sie als lebenslustig, freiheitsliebend und manchmal auch ein wenig rebellisch. Auf Fotos trägt sie ihre langen schwarzen Haare mit Pony. So im Kleopatra-Stil, der Anfang der 70er Jahre modern ist. Mit ihren 1,68 und ihrer extrovertierten Persönlichkeit fällt Barbara auf. Sie gehört nicht zu den jungen Frauen, die jeden Abend zu Hause auf dem Sofa verbringen. Sie liebt Musik, Diskotheken und das Gefühl, dem Alltag für ein paar Stunden entkommen zu können. Sie fährt oft nach Rheine, die nächstgrößere Stadt, die gute 25 Minuten entfernt ist. Dort steht die Disco Tenne. Am Samstag, dem 13. Mai 1972, verlässt sie gegen 19.30 Uhr das Haus ihrer Eltern in Schüttdorf. Zeugen sehen noch, wie sie an der Straße ein Auto anhält und einsteigt. Per Anhalter unterwegs zu sein, ist für Barbara nichts Besonderes. Ihre Mutter erzählt der Polizei später, dass ihre Tochter häufig getrimmt ist. Wenig später erreicht Barbara Reine. In der Disco Tenne wird getanzt, getrunken und geflirtet. Aus den Lautsprechern schallen Schlager und Schmuse-Songs der damaligen Zeit, wie Vicky Leandros oder Roy Black. Barbara verbringt dort den Abend mit Freunden. Doch irgendwann verschwindet sie mit einem Mann. Zumindest gehen die Ermittler später davon aus. Sicher ist nur, dass als ihre Mutter am nächsten Morgen aufsteht, Barbara nicht nach Hause gekommen ist. Das löst zunächst erstmal keine Panik aus. Barbara ist erwachsen und bleibt häufiger über Nacht weg. Vielleicht hat sie bei Freunden übernachtet, jemanden kennengelernt oder wollte einfach noch nicht nach Hause. Genau das macht den Fall später so rätselhaft. Irgendwo zwischen Samstagabend und Sonntagabend hält sich Barbara fast einen ganzen Tag lang auf. Wo sie in dieser Zeit gewesen ist, das weiß bis heute niemand. Ob sie mit Freunden oder einem Mann unterwegs war oder wo sie übernachtet hat, kann die Polizei nicht herausfinden. Fest steht nur, dass Barbara am Sonntagabend wieder in der Disco auftaucht und alles ganz normal erscheint. Zumindest an ihrem Verhalten hat niemand etwas Auffälliges bemerkt. Barbara tanzt und unterhält sich. Am Montagmorgen erscheint sie aber nicht bei der Arbeit. Aber auch das sorgt erstmal nicht für große Aufregung. Barbara hasst ihren Job in der Wäscherei. Und auch, dass ihre Mutter seit Samstag nichts von ihr gehört hat, ist nicht ungewöhnlich genug, um sofort Alarm zu schlagen. Wo genau Barbara am Montag tagsüber unterwegs ist, wissen die Ermittler ebenfalls nicht. Aber dann passiert am Montagnachmittag etwas, das die Ermittler Jahrzehnte später noch beschäftigen wird. Eine junge Frau ruft bei einer Bank in Schüttdorf an. Sie stellt sich als Barbara vor und möchte wissen, ob ihr Gehalt schon auf dem Konto eingegangen ist. Die Bankangestellte kann ihr nicht helfen, denn Barbara kennt ihre Kontonummer nicht. Die zuständige Sachbearbeiterin ist schon nach Hause gegangen. Daher endet das Gespräch nur wenige Minuten später. Eigentlich wirkt dieser Anruf völlig belanglos, aber später fragt sich die Polizei natürlich, warum sich Barbara plötzlich für ihren Kontostand interessiert hat. Brauchte sie Geld? Hatte sie etwas geplant? Hat dieser Anruf überhaupt etwas mit ihrem Tod zu tun? Noch am selben Abend, am Montag, dem 15. Mai 1972, ist Barbara wieder in Rheine, in der Disco Tenne. Ihre Freunde sehen sie, aber ihnen fällt noch jemand anderes auf. Ein Mann. Niemand scheint ihn zu kennen. Zumindest gehört er nicht zum üblichen Freundeskreis oder den anderen Stammkunden der Disco. Immer wieder beobachten Barbaras Freunde, wie sie und der Mann miteinander sprechen. Die beiden verbringen einen großen Teil des Abends miteinander. Gegen 22.30 Uhr verlassen sie gemeinsam die Diskothek. Es ist das letzte Mal, dass Barbara lebend gesehen wird. Zwei Tage später wird sie tot aufgefunden. Zeugen aus der Disco liefern der Polizei eine erstaunlich genaue Beschreibung des Mannes. Er soll zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen sein. Etwa 1,80 bis 1,90 groß und schlank. Sein mittelblondes bis dunkelblondes Haar trägt er mit einem Mittelscheitel. Einige Zeugen glauben außerdem, Aknenarben in seinem Gesicht erkannt zu haben. Aus den Aussagen entsteht später ein Phantombild. Ihr könnt euch das Bild auch selbst über den Link in den Shownotes ansehen, den Beschreibungstext hier zur Folge. Allerdings meldet sich niemand mit einem entscheidenden Hinweis zu dem unbekannten Mann. Während die Polizei versucht herauszufinden, wer der Unbekannte aus der Tenne ist, fassen wir nochmal zusammen, wie ähnlich die beiden Fälle sind. Barbara ist jung, genauso wie Edeltraut. Sie gerät in die Hände eines fremden Mannes, genauso wie Edeltraut. Beide werden erwürgt. Bei beiden verschwinden persönliche Gegenstände. Beide werden in einem Waldgebiet nahe einer Straße gefunden. Und auch optisch sehen sich Edeltraud und Barbara recht ähnlich. Beide sind zierlich und haben dunkle Haare. Außerdem sind sie laut den Ermittlern beide klein. Die Morde sind natürlich auch außerhalb des Polizeireviers ein großes Thema. Vor allem in Barbaras Heimat Dortschüttoff sorgt der Mord für Angst. Überall in der Stadt hängen Fahndungsplakate. Darauf ein Bild von Barbara und eine große 5000. So viel D-Mark setzt die Polizei als Belohnung für Hinweise aus. Auch die regionalen Zeitungen berichten über den Fall. Doch mit jedem Monat, der vergeht, werden die Schlagzeilen weniger. Die Diskotheken hingegen bleiben voll und junge Frauen schwempen weiterhin durchs Münsterland. Irgendwann scheint es fast so, als wäre der Mörder verschwunden. Fast 14 Monate vergehen ohne neue Spur. Und dann kommt der Sommer 1973. Marlies ist eine 18 Jahre alte junge Frau. Sie lebt in Nordhorn, nahe der niederländischen Grenze. Bis nach Schüttdorf fährt man 20 Kilometer, bis nach Münster 80. Auf Fotos wirkt Marlies freundlich, offen und voller Energie. Sie trägt ihr dunkelblondes Haar schulterlang und ist 1,68 Meter groß, genauso wie Barbara. Persönlich hat Marlies aber wenig mit Edeltraut oder Barbara gemeinsam. Sie ist noch Schülerin und hat gerade Sommerferien. Vor ihr liegt etwas, worauf sie sich schon seit Wochen freut, nämlich eine Reise nach Wien. Gemeinsam mit ihrem Freund Peter will sie quer durch Deutschland und Österreich reisen. Sie packt einen Rucksack, steckt etwas Geld ein und los geht's. Ihre Eltern sehen die Reise mit gemischten Gefühlen. Während ihre Mutter die Reise für zu gefährlich hält, steckt der Vater ihr noch heimlich 100 Mark zu, als kleines Polster für unterwegs. Am Montag, dem 6. August 1973, brechen Marlies und Peter sehr früh am Morgen auf. Die beiden kommen ganz gut voran und erreichen per Anhalter erstmal Bad Bentheim. Das liegt fast neben Schüttdorf, wo Barbara gelebt hat. Dort allerdings geht dann plötzlich gar nichts mehr. Alle Autos fahren vorbei, ohne anzuhalten. Vermutlich liegt es an den großen Rucksäcken. Zwei junge Leute mit viel Gepäck mitzunehmen, bedeutet weniger Platz im Auto. Irgendwann holen Marlies und Peter eine Karte heraus und beraten sich. Wenn sie getrennt weiter trampen, haben sie vielleicht bessere Chancen mitgenommen zu werden. Also vereinbaren sie einen Treffpunkt, die Kunsthalle in Düsseldorf. Dort wollen sie sich später wiedersehen. Kurz darauf hat Peter als erstes Glück. Ein Auto hält an und nimmt ihn mit. Seine Freundin Marlies bleibt an der Bundesstraße zurück. Es ist das letzte Mal, dass die beiden miteinander sprechen. Die Mitfahrgelegenheit bringt Peter eine Ortschaft weiter, bis nach Ochtrup an der Bundesstraße 54. Das ist genau die Straße, wo der VW Käfer mit Edeltraut auf dem Beifahrersitz nachts gesehen wird. Am Ortseingang steigt Peter aus und wartet auf das nächste Fahrzeug. Während er am Straßenrand steht, kommt ein Auto auf ihn zu. Es ist dunkelgrün oder schwarz und hat ein ausländisches Kennzeichen. Als der Wagen näher kommt, erkennt Peter plötzlich die Person auf dem Beifahrersitz. Denn dort sitzt seine Malis. Das hat ihn wahrscheinlich erstmal beruhigt. Endlich hat auch sie eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Peter winkt ihr zu. Er ruft und versucht auf sich aufmerksam zu machen. Doch Malis reagiert nicht. Sie schaut nicht zu ihm herüber, winkt nicht zurück und zeigt auch sonst keine Reaktion. Peter erzählt der Polizei, dass der Fahrer beschleunigt habe, als er ihn bemerkt hat. Viel mehr kann Peter leider nicht erkennen. Der Fahrer wirkt älter als die beiden und der Rücksitz scheint voller Gegenstände zu sein. Wenige Augenblicke später verschwindet das Auto auf der Bundesstraße. Peter selbst macht sich zu dem Zeitpunkt noch keine großen Sorgen. Vielleicht hat Marlies ihn einfach nicht gesehen. Vielleicht war sie an Gedanken oder in ein Gespräch vertieft. Vielleicht ist sie auch eingeschlafen. Also setzt Peter seine Reise fort. Er erreicht am Nachmittag die Kunsthalle in Düsseldorf. Dort wartet er auf Marlies. Eine Stunde vergeht, dann eine zweite und schließlich noch weitere Stunden. Doch Marlies kommt nicht. Sie müsste doch längst hier sein. Nach sechs Stunden warten ist die Sorge um sie so groß, dass Peter zur Polizei geht. Dort behandeln die Beamten den Fall als Vermissten-Sache. Vielleicht ist Marlies ja irgendwo gestrandet, bei Freunden untergekommen oder reist auf eigene Faust ohne Peter weiter. Doch während Tage und dann sogar Wochen vergehen, meldet sich Marlies bei niemandem. Weder bei ihrer Familie, noch bei Freunden, auch nicht bei ihrem Freund Peter. Der Sommer vergeht, dann der Herbst. Die Blätter fallen von den Bäumen, die Tage werden kürzer und irgendwann steht Weihnachten vor der Tür. Fast 20 Wochen nach dem Verschwinden von Malis spielen Kinder in einem Waldgebiet bei Dülm. Ein Ort, der über 80 Kilometer von Malis Startpunkt Nordhorn entfernt liegt. Dafür nur eine halbe Stunde von Münster. Das Gelände ist unübersichtlich und dicht bewachsen. Wer dort unterwegs ist, verlässt die Wege normalerweise nicht, um sich nicht zu verlaufen. Umso erschreckender ist die Entdeckung, die die Kinder kurz vor Weihnachten machen, am 22. Dezember 1973. Sie finden dort die sterblichen Überreste von Marlies. Die Leiche liegt bereits so lange im Wald, dass die Rechtsmedizin viele entscheidende Fragen nicht mehr beantworten kann. Eine genaue Todesursache lässt sich zum Beispiel nicht mehr feststellen. Auch mögliche Hinweise auf sexuelle Gewalt sind nicht mehr feststellbar. Die Ermittler gehen davon aus, dass Marlies schon am Tag ihres Verschwindens getötet wurde. Beweisen können sie das allerdings nicht. Trotzdem fällt sofort etwas auf. Der Täter ist diesmal anders vorgegangen. Während Edeltraut und Barbara vergleichsweise offen abgelegt worden sind, hat sich jemand bei Marlies ziemlich große Mühe gegeben, den Fundort versteckt zu wählen. Vom nächstgelegenen Fahrweg aus kann man die Stelle gar nicht mit dem Auto erreichen. Wer die Leiche dort ablegen will, muss sie also erst über einen Waldweg transportieren und dann noch ein gutes Stück durch das Gelände tragen. Das kostet Zeit, Kraft und erhöht sogar das Risiko, gesehen zu werden. Warum dieser Aufwand? Vielleicht hat der Täter Angst bekommen. Oder er hat aus den Ermittlungen zu den ersten beiden Morden gelernt. Oder ist am 6. August, am Tag von Marlies Verschwinden, etwas passiert, das ihn verunsichert hat? Vielleicht genau der Moment an der Bundesstraße, als Peter seine Freundin auf dem Beifahrersitz vorbeifahren sah? Vielleicht ist der Täter deswegen in Panik geraten. Dazu kommt ein weiteres Detail, das den Beamten am Fundort auffällt. Etwa 300 Meter von der Leiche entfernt wird Marlies Rucksack gefunden. Die meisten ihrer Sachen sind noch da. Was allerdings fehlt, sind ihr Reisepass und ihr Jugendherbergeausweis. Wieder verschwinden also persönliche Gegenstände des Opfers, wenn auch nicht alle. Trotzdem sehr ähnlich zu Edeltrauts und Barbaras Fall. Einerseits unterscheidet sich Marlies Fall deutlich von den beiden ersten Morden. Andererseits tauchen wieder dieselben Muster auf. Wieder verschwindet eine junge Frau nach einer Begegnung mit einem fremden Mann. Es fehlen persönliche Gegenstände und die Spur endet irgendwo im Münsterland. Wenn hinter allen drei Morden tatsächlich derselbe Mann steckt, wird er dann noch ein weiteres Mal zuschlagen? Die Antwort darauf lässt traurigerweise nicht lange auf sich warten. Zehn Monate, nachdem Malis Leiche gefunden wird, steht in Münster wieder eine junge Frau am Rande einer Straße und wartet auf eine Mitfahrgelegenheit. Ihr Name ist Erika. Die 22-Jährige kommt aus Nordhorn, wie auch Malis, und studiert in Münster, wo wiederum Edeltraut gearbeitet hat. Wer Erika kennt, beschreibt sie als organisierte, ehrgeizige und zuverlässige junge Frau. Während andere Studierende ihre Zeit lieber in Kneipen oder auf Partys verbringen, sitzt Erika häufig über ihren Büchern. In einer Dokumentation über den Fall wird sie als jemand beschrieben, der einen klaren Plan fürs Leben hat. Eine junge Frau, die genau weiß, wohin sie möchte. Sie setzt sich für den Frieden ein, Gerechtigkeit und eine bessere Welt. Erika gehört zu denjenigen, die nicht nur davon reden, sondern ihren Beitrag auch tatsächlich leisten wollen. Am Dienstag, dem 22. Oktober 1974, läuft für Erika eigentlich alles nach Plan. Sie besteht eine wichtige Zwischenprüfung an der Universität Münster mit der Note 2. Erika ist erleichtert. Nach der Prüfung telefoniert sie mit ihrer Mutter in Nordhorn. Sie erzählt von der bestandenen Prüfung und dass sie noch kurz in die Universitätsbibliothek gehen und danach in die Heimat fahren möchte. Per Anhalter. Auch für Erika ist das nichts Ungewöhnliches. Laut ihren Freundinnen ist sie dabei aber deutlich vorsichtiger als viele andere. Sie steigt zum Beispiel nicht in Lastwagen. Und sie steigt nicht in Autos mit Kennzeichen, die nicht aus der Gegend stammen. Nach dem Telefonat mit ihrer Mutter macht sich Erika auf den Weg zur Bibliothek. Dort leiht sie noch einige Bücher aus. Gegen 15 Uhr wird sie zum letzten Mal gesehen. Eine Sekretärin beobachtet sie am Straßenrand. Erika sucht dort nach einer Mitfahrgelegenheit. Die Zeugin erinnert sich später sogar daran, dass Erika kurz mit einem Autofahrer spricht, es so aussieht, als überlege sie einzusteigen, und sich dann doch dagegen entscheidet. Als die Sekretärin ihr Büro für kurze Zeit verlässt, steht Erika noch dort am Straßenrand. Als die Sekretärin zurückkommt, ist die junge Frau aber verschwunden. Als die vereinbarte Ankunftszeit verstreicht, macht sich Erikas Mutter große Sorgen. Während ihre Familie versucht herauszufinden, wo sie geblieben ist, erlebt ein Autofahrer 70 Kilometer weiter nordwestlich etwas Merkwürdiges. Es ist schon dunkel draußen, als der Mann auf einer Straße zwischen Schüttdorf und Salzbergen unterwegs ist. Ihr erinnert euch, Schüttdorf ist das Dorf, aus dem Barbara kommt. Vor dem Mann fährt eine dunkelgraue Limousine. Er glaubt, dass es ein Mercedes mit Heckflügeln gewesen ist. Nicht nur deswegen fährt ihm der Wagen auf. Das Fahrzeug fährt ungewöhnlich langsam, beinahe so als Suche der Fahrer etwas. Vielleicht eine bestimmte Einfahrt in den Wald. Schließlich biegt die Limousine aber vor ihm auf einen schmalen Feldweg ab, der in ein Waldgebiet führt. Es ist ein abgelegenes Gebiet, durchzogen von Waldwegen und Feldern. Der Zeuge kann beim Abbiegen noch einen Blick ins Innere des Fahrzeugs werfen. Auf dem Beifahrersitz kann er eine junge Frau erkennen. Oder genauer gesagt, sie sitzt dort, bewegt sich aber nicht. Ihr Kopf wirkt irgendwie reglos. Später wird der Mann der Polizei erzählen, dass die Frau auf ihn den Eindruck gemacht hat, als sei sie bewusstlos. Und noch etwas bleibt dem Zeugen in Erinnerung. Das Kennzeichen beginnt mit dem Buchstaben BF, das Kennzeichen für Burg Steinfurt. Das Detail kommt den Ermittlern doch sofort bekannt vor. Drei Jahre vorher haben sie ja schon mal nach einem Fahrzeug in genau diesem Kennzeichenbereich gesucht. Damals ging es um den hellen VW Käfer, in dem Edeltraut zuletzt gesehen wurde. Doch in dieser Nacht weiß niemand, welche Bedeutung diese Beobachtung noch bekommen wird. Denn Erika bleibt eine ganze Woche lang verschwunden. Erst dann fährt ein Landwirt durch das Waldgebiet und findet eine junge Frau. Sie liegt hinter einem Baum, nicht tief im Wald oder sorgfältig versteckt, sondern nur wenige Meter von einem Feldweg entfernt, der regelmäßig von den Landwirten genutzt wird. Es ist Erika. Sie liegt auf dem Rücken. Die Arme sind seitlich ausgestreckt. Mehrere Ermittler vergleichen die Haltung mit Jesus am Kreuz. Ihr Pullover ist hochgeschoben und die Scham entblößt. Die Rechtsmediziner stellen fest, dass Erika nicht nur erwürgt wurde. Anders als bei Edeltraud und Barbara scheint der Täter sie zunächst massiv misshandelt zu haben. Sie erlitt schwere Schädel- und Hirnverletzungen. Erst danach wurde sie erwürgt. An einer Wange befindet sich außerdem ein großes Loch. Die Gewalt übersteigt alles, was die Ermittler bisher in den Münsterlandfällen gesehen haben. Und dennoch tauchen die bekannten Muster wieder auf. Wieder fehlen Gegenstände, denn Erikas Umhängetasche verschwindet. Ebenso eine Plastiktüte mit Blumenmuster, in der sich die Bücher befinden, die sie aus der Bibliothek ausgeliehen hat. Einige Gegenstände werden später zufällig in der Nähe der Haddorfer Seen bei Rheine gefunden. Andere bleiben verschwunden. Bei der Obduktion gibt es eine weitere Parallele zu den Fällen davor. Wieder finden die Rechtsmediziner keine Hinweise auf einen sexuellen Übergriff. Vier Frauen. Edeltraut, Barbara, Marlies und Erika. Vier völlig unterschiedliche Lebenswege. Und trotzdem fallen die Gemeinsamkeiten inzwischen selbst Menschen auf, die mit den Ermittlungen nichts zu tun haben. Alle Opfer sind jung, schlank, haben dunkle oder dunkelblonde Haare und verschwinden nach einer Begegnung mit einem fremden Mann. Alle wurden vermutlich erwürgt. Und wir sagen vermutlich, weil bei Marlies die Todesursache nicht mehr feststellbar war. Alle wurden in Waldgebieten abgelegt und bei allen verschwinden persönliche Gegenstände. Spätestens nach dem vierten Mord an Erika spricht die Polizei offen über die Möglichkeit eines Serientäters. Die Ermittler suchen diesmal wieder gezielt nach einem Auto, dem Mercedes, den der Zeuge im Wald gesehen hat. Insgesamt gibt es 308 Fahrzeuge, die grundsätzlich in Frage kommen könnten. Doch anders als bei den VW-Käfern in Edeltrauts Fall fahren die Beamten nicht persönlich zu den Haltern, um sie zu befragen. Die Besitzer werden lediglich angeschrieben. Jahrzehnte später sorgt genau diese Entscheidung noch für Diskussion, denn viele dieser Personen wurden nie persönlich überprüft. Die Polizei ist selbst eigentlich gar nicht darauf vorbereitet, nach einem Serientäter zu suchen. Heute klingt das vielleicht erstaunlich, aber Anfang der 70er Jahre ist die Vorstellung eines Serienmörders in Deutschland für viele Ermittler etwas Außergewöhnliches. Die meisten Mordfälle haben einen klaren Hintergrund. Es sind Beziehungstaten, Familiendramen, Streitigkeiten oder Raubüberfälle. Dass ein einzelner Täter über Jahre hinweg immer wieder fremde Frauen töten könnte, gehört nicht zu den Szenarien, mit denen viele Kriminalbeamte regelmäßig konfrontiert werden. Hinzu kommt ein weiteres Problem. Die Ermittlungen verteilen sich auf zwei Bundesländer. Für den Mord an Erika ist die Polizei in Nordhorn zuständig, also Niedersachsen. Die anderen Fälle werden in Münster, in Nordrhein-Westfalen, bearbeitet. Unterschiedliche Dienststellen arbeiten an unterschiedlichen Akten. Computer gibt es praktisch nicht. Zentrale Datenbanken auch nicht. Informationen werden per Telefon ausgetauscht oder per Post verschickt. Vieles von dem, was heute innerhalb von Sekunden abgeglichen werden könnte, brauchte damals Tage oder Wochen. Deshalb dauert es vergleichsweise auch lange, bis das Bild eines möglichen Serienmörders überhaupt entsteht. Und selbst dann bleibt die entscheidende Frage offen. Wer ist dieser Mann? Die Zeugenbeschreibungen liefern zumindest einen groben Rahmen. Ein Mann zwischen Anfang 20 und Anfang 30. Er soll relativ groß sein, zwischen 1,80 und 1,90. Die Haare werden meist als mittelblond oder dunkelblond beschrieben, häufig mit einem Mittelscheitel. Nach dem Mord an Barbara entsteht ja sogar ein Phantombild. Und der Täter scheint mobil zu sein. Sehr mobil sogar. Immer wieder tauchen unterschiedliche Fahrzeuge auf. Der VW Käfer, ein dunkles Fahrzeug mit ausländischem Kennzeichen, und der Mercedes. Die Ermittler wollen herausfinden, wie ein einzelner Mann an so viele unterschiedliche Fahrzeuge kommt. Ein Mercedes gehört Anfang der 70er Jahre nämlich nicht zu den Autos, die sich ein durchschnittlicher junger Mann einfach so leisten kann. Gleichzeitig scheint auch die Mischung der Fahrzeuge irgendwie ungewöhnlich. Vielleicht besitzt der Täter sie aber auch gar nicht selbst. Oder er leiht sie sich aus. Vielleicht gehören sie Familienmitgliedern. Vielleicht arbeitet er in einem Beruf, bei dem er regelmäßig Zugriff auf unterschiedliche Fahrzeuge hat. Eine Theorie führt die Ermittler deshalb in die Textilbranche. In Münsterland und in der Grafschaft Bentheim sitzen damals zahlreiche Textilunternehmen. Die jeweiligen Vertreter verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit auf der Straße. Sie fahren von Ort zu Ort, kennen Landstraßen, Nebenwege und abgelegene Gegenden. Dazu passt die Beobachtung von Marlies Freund Peter. Als er seine Freundin im Auto vorbeifahren sieht, wirkt der Rücksitz komplett vollgepackt. Fast so, als würde jemand Waren oder Muster transportieren. Andere Ermittler haben ganz andere Theorien. Der Täter könnte in Münster studieren. Möglicherweise gehört er auch zur Bundeswehr oder zu amerikanischen Streitkräften und wird zwischen verschiedenen Standorten versetzt. Weil die Ermittlungen über Jahrzehnte ohne Ergebnis bleiben, werden die wenigen Hinweise immer wieder neu interpretiert. So entstehen zahlreiche Theorien. Auch die Frage nach dem Motiv bleibt offen. Obwohl die Ermittler die Taten als Sexualmorde einordnen, finden die Rechtsmediziner bei keinem der Opfer eindeutige Hinweise auf sexuelle Übergriffe. Genau deshalb beschäftigen sich die Beamten intensiv mit der Psyche des unbekannten Mannes. Geht es ihm um sexuelle Erregung, um Macht, um Kontrolle oder Demütigung? Oder liegt der eigentliche Reiz für ihn vielleicht erst im Töten selbst? Dazu kommen die verschwundenen Gegenstände, die Handtaschen, Ausweise, die Schuhe. Vielleicht nimmt der Täter sie als Trophäen mit und bewahrt sie irgendwo auf. Während die Polizei versucht, all diese Puzzleteile zusammenzusetzen, wächst der öffentliche Druck immer weiter. Deshalb landet der Fall schließlich dort, wo in den 70er Jahren viele Menschen auf Antworten hoffen. In der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst. Am 11. April 1975 wird die Mordserie aus dem Münsterland bundesweit ausgestrahlt. Drei Jahre nach dem ersten und ein Jahr nach dem letzten Mord. Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer sehen die Rekonstruktion der Taten. Die Belohnung für Hinweise steigt auf 13.000 D-Mark. Wenige Wochen später folgt dann eine weitere Sendung. Dort berichtet der Moderator von einem überraschenden Fund. Ein Schüler hat nämlich die Handtasche von Erika entdeckt. In der Nähe dieses Fundorts finden die Ermittler außerdem eine Feuerstelle mit verbrannten Kleidungsstücken. Unter den Resten befindet sich möglicherweise sogar ein Jackett des Täters. Für einen Moment scheint es, als könnte der entscheidende Durchbruch unmittelbar bevorstehen. Die Polizei erhält tausende Hinweise. Die Ermittler prüfen Spur für Spur, führen Gespräche, vergleichen Aussagen und arbeiten Aktenberge ab. Und trotzdem bleibt am Ende dieselbe Erkenntnis. Der Mann, den sie suchen, ist nicht dabei. Die Jahre vergehen, die Fälle rücken immer mehr in den Hintergrund, Fahndungsplakate verschwinden und Ermittler gehen in den Ruhestand. Doch die Geschichten der Frauen enden hier nicht. Jahrzehnte später holen Zeitungen wie die Westfälischen Nachrichten die Geschichten wieder auf die Titelseiten zurück. Plötzlich melden sich wieder Zeugen bei der Polizei. Und dann finden die neuen Ermittler etwas, das die Ermittlungen rund um die Mordfälle noch einmal in Bewegung bringt. Seit sich die Polizei wieder mit den Münsterlandmorden beschäftigt, sind bereits Jahrzehnte vergangen. Wir befinden uns mittlerweile im Jahr 2015. Jetzt stehen Computer auf jedem Schreibtisch, DNA-Analysen gehören zum Ermittlungsalltag und Smartphones hinterlassen digitale Spuren. Vieles von dem, was Anfang der 70er Jahre unmöglich war, gehört inzwischen zur Routine. Genau deshalb beginnen die Ermittler noch einmal von vorn. Besonders interessant ist ein Detail aus Barbaras Fall. Als ihre Leiche im Mai 1972 gefunden wurde, haben die Rechtsmediziner routinemäßig zahlreiche Spuren gesichert. Dazu gehörten auch ihre Fingernägel. Die abgeschnittenen Nägel wurden in Tütchen verpackt und eingelagert. Damals vor allem deshalb, weil Ermittler nach Fasern, Schmutzpartikeln oder anderen materiellen Hinweisen gesucht haben. Niemand denkt dabei damals an DNA-Analysen. Als die alten Asservate noch einmal untersucht werden, entdecken Kriminaltechniker unter einem Fingernagel von Barbara eine fremde männliche DNA. Für die Ermittler ist das eine Sensation. Zum ersten Mal besitzen sie etwas, das möglicherweise direkt vom Täter stammt. Allerdings liefert die DNA bei einem Abgleich in der Datenbank keinen Treffer. Das bedeutet, dass er entweder nie straffällig geworden ist oder seine DNA dort einfach nie gespeichert wurde. Tief in den alten Akten findet sich dann aber doch noch eine weitere Spur. Eine, die Jahrzehnte vorher schon einmal geprüft, aber dann verworfen wurde. In den Unterlagen trägt sie die Bezeichnung Spur 916. Hinter dieser Nummer verbirgt sich ein Mann aus der Grafschaft Bentheim. Dort liegt Nordhorn. Der Ort, aus dem Malis kommt und wo Erikas Mutter wohnt. Vier Jahre nach dem Mord an Erika geriet der Mann hinter Spur 916 wegen einer anderen schweren Straftat ins Visier der Polizei. Damals wurde er vernommen und die Beamten haben ihn auch auf die Münsterlandmorde angesprochen. Was die Ermittler damals stutzig gemacht hat, ist, dass der Mann für keine der Mordzeitpunkte ein Alibi hatte. Außerdem gibt es verschiedene Berührungspunkte zu den Fällen. Wohnorte, Wege, Aufenthaltsorte. Nichts davon beweist seine Schuld, aber es ist genug, um ihn eigentlich mal genauer anzuschauen. Trotzdem entscheiden sich die Ermittler damals gegen ihn. Der Mann kommt wieder auf freien Fuß. Jahrzehnte später lesen die neuen Ermittler das alte Vernehmungsprotokoll. Und je länger sie sich damit beschäftigen, desto mehr stellt sich die Frage, ob die Kollegen damals nicht einen Fehler gemacht haben. Das Problem ist nur, der Verdächtige lebt inzwischen nicht mehr. Er ist 2013 bei einem Verkehrsunfall gestorben. Einige Ermittler vermuten später, dass es möglicherweise sogar ein Suizid gewesen sein könnte. Das Fahrzeug ist gegen einen Baum gepreit, ohne Brems- oder Schleuderspuren. Trotzdem gibt es einen Weg, die Frage endlich zu beantworten. Wenn die DNA unter Barbaras Fingernägeln tatsächlich vom Täter stammt, dann müsste sie mit der DNA des verstorbenen Verdächtigen übereinstimmen. Die Ermittler beantragen deshalb eine Exhumierung. Juristisch ist das kompliziert. Gegen Tote darf nicht mehr ermittelt werden. Die Staatsanwaltschaft argumentiert deshalb anders. Es gehe nicht darum, einen Toten anzuklagen, sondern ihn als Verdächtigen auszuschließen oder zu bestätigen. Schließlich geben Richter und Staatsanwaltschaft grünes Licht. Im Morgengrauen an einem Dienstag im Jahr 2016 öffnen Friedhofs Mitarbeiter das Grab. Wenige Stunden später wird der Sack geöffnet und Gerichtsmediziner entnehmen DNA-Material. Danach wird alles wieder verschlossen. Wochenlang warten alle auf das Ergebnis. Dann endlich kommt die Nachricht. Kein Treffer. Die DNA des Mannes aus Spur 916 stimmt nicht mit der Spur unter Barbaras Fingernägeln überein. Für die Ermittler und für die Familien ist das natürlich ein herber Rückschlag. Nicht nur, weil eine vielversprechende Spur ins Leere geführt hat, sondern auch, weil sie damit wieder vor derselben Frage stehen wie schon in den 70er Jahren. Wenn es nicht dieser Mann war, wer dann? Je länger man sich mit den Münsterlandmorden beschäftigt, desto stärker drängt sich dabei ein Gedanke auf. Vier junge Frauen werden innerhalb von drei Jahren ermordet. Dann hört die Serie plötzlich auf. Fast so, als hätte jemand von einem Tag auf den anderen beschlossen, nie wieder zu töten. Doch genau das halten viele Ermittler für unwahrscheinlich. Serienmörder hören statistisch betrachtet nur selten einfach auf. Natürlich gibt es Ausnahmen. Doch wenn ein Täter über Jahre hinweg immer wieder tötet, dann endet eine solche Serie häufig aus einem von zwei Gründen. Entweder wird der Täter gestoppt oder er stirbt. Genau deshalb beschäftigt die Ermittler seit Jahrzehnten eine andere Möglichkeit. Was, wenn der Münsterlandmörder nie aufgehört hat? Was, wenn er einfach woanders weitergemacht hat? Tatsächlich fällt der Polizei schon früh etwas auf. Im April 1975 werden die Münsterland-Morde ja bei Aktenzeichen XY vorgestellt. Die Fälle erreichen so ein Millionenpublikum. Zum ersten Mal sieht praktisch die gesamte Bundesrepublik die Rekonstruktion der Taten. Der unbekannte Täter muss spätestens jetzt wissen, dass die Polizei die Zusammenhänge erkannt hat und bundesweit nach ihm sucht. Und dann passiert es. Im Münsterland endet die Serie. Fast zeitgleich beginnt aber mehrere hundert Kilometer weiter südlich eine andere. Ab September 1975 wurden im Raum Heidelberg innerhalb weniger Jahre vier weitere junge Frauen ermordet. Auch dort handelt es sich überwiegend um Anhalterinnen oder Mitfahrerinnen. Auch dort sind die Opfer jung. Auch dort scheinen sexuelle Motive eine Rolle zu spielen, ohne dass die Taten dem klassischen Bild eines Sexualmordes entsprechen. Wieder werden die Frauen von einem Fremden mitgenommen und wieder verschwinden sie spurlos. Aber es gibt Unterschiede. Die Heidelberger Fälle wirken teilweise brutaler und auch die Ablageorte unterscheiden sich. Einige Opfer werden zum Beispiel in Gewässern gefunden. Auch andere Details passen nicht exakt zu den Münsterlandmorden. Aber solche Unterschiede sind nicht zwangsläufig ein Gegenargument. Deshalb tauschen sich Ermittler aus Münster und Heidelberg aus. Beweisen lässt sich ein Zusammenhang allerdings nie, bis heute nicht. Und während die Ermittler weiter nach Antworten suchen, rückt ein anderer Name immer wieder in den Mittelpunkt der Diskussion. Ein Mann, der in Deutschland mit zahlreichen ungeklärten Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht wird. Ein Mann, dessen Geschichte auf erschreckende Weise zu einigen Details der Münsterlandmorde zu passen scheint. Sein Name ist Kurt Werner. Wer sich mit ungeklärten Mordserien in Deutschland beschäftigt, der stößt früher oder später auf diesen Namen. Kurt Werner stammt aus der Lüneburger Heide und steht im Zusammenhang mit den sogenannten Gördemorden. Über die haben wir auch schon eine Folge gemacht. Das ist Folge 235, die findet ihr auch in den Shownotes verlinkt. Als Ermittler Jahrzehnte später das ehemalige Grundstück von Kurt Werner durchsuchen, entdecken sie unter anderem Schuhe, Handtaschen, Kleidung und Schmuck von Frauen. Und Kurt Werner war zur Tatzeit im passenden Alter. Und er war mit seinen Autos in Norddeutschland unterwegs. Es gibt sogar Fotos von einer schwarzen Handtasche, die auf dem Grundstück gefunden wurde und der Zeichnung von Edeltrauts Handtasche schon sehr ähnlich sieht. Und die Familie von Kurt Werner hatte auch einen VW Käfer. Doch je genauer man hinschaut, desto schwieriger wird die Theorie. Es gibt keine DNA, die Kurt Werner mit den Münsterlandmorden verbindet. Die gesamte Theorie basiert letztlich auf Vermutungen. Deshalb bleibt er ein möglicher Verdächtiger, aber eben kein nachweisbarer Täter. Und dann bekommt die Geschichte noch einmal eine überraschende Wendung. Und zwar durch einen Anruf. Das passiert während den Arbeiten an der Dokumentation Akte Münsterlandmörder, die 2022 in die Kinos kommt. Während der Dreharbeiten hat tatsächlich jemand bei den Filmemachern angerufen. Der Mann am anderen Ende behauptet zwar nicht, der Täter zu sein, aber er glaubt zu wissen, wer es gewesen sein könnte. Der Anrufer erzählt, dass er mit diesem Mann aufgewachsen sei, im gleichen Dorf. Man habe sich gekannt, sei aber nicht befreundet gewesen. Schon damals habe er den Typen für seltsam gehalten. Jemand, der immer den Eindruck erwecken wollte, größer und wichtiger zu sein, als er tatsächlich war. Einer, der ständig geredet hat, gerne im Mittelpunkt stand und bei vielen Menschen nicht besonders beliebt gewesen sei. Vor allem nicht bei Frauen. Dieser Mann soll blond gewesen sein, etwa 1,80 groß, und er habe einen VW Käfer gefahren. Der Anrufer erzählt auch, dass der Verdächtige Anfang der 70er Jahre seinen Wehrdienst in der Münsterlandregion geleistet habe. Er sei bei einem Jagdbombergeschwader stationiert und oft unterwegs gewesen. Außerdem habe er die Gegend gekannt wie kaum ein anderer. Feldwege, Waldstücke, Abkürzungen und Privatwege. Und dann gibt es noch ein weiteres Detail. Jahrelang hatten sich die Beamten gefragt, wie derselbe Täter möglicherweise Zugriff auf so unterschiedliche Fahrzeuge haben konnte. Der Anrufer behauptet, auch dafür eine Erklärung zu kennen. Der Verdächtige selbst habe einen VW Käfer besessen. Ein angeheirateter Onkel habe ihm aber gelegentlich seinen Mercedes geliehen. Genau das Fahrzeugmodell, das ein Zeuge später mit dem Mord an Erika in Verbindung bringt. Und der Mann am Telefon erzählt noch mehr. Die Leute hätten damals schon hinter vorgehaltener Hand über diesen Mann gesprochen. Doch niemand ist damit zur Polizei gegangen. Niemand hatte etwas Handfestes. Es blieb einfach Dorfgerede. Irgendwann, Mitte der 70er Jahre, erzählt der Anrufer, habe der Mann allein in einer Kneipe gesessen und getrunken. Anschließend sei er zu seinem Auto gegangen, habe eine Jagdflinte aus dem Kofferraum geholt und sich erschossen. Der Anrufer ist überzeugt, dass genau dieser Tod erklären könnte, warum die Mordserie plötzlich endete. Ob das alles so stimmt, das weiß leider niemand. Wenn man die Doku Akte Münsterlandmörder schaut, dann könnte man denken, dass der Anrufer nur ein Stilmittel für den Film war. Aber der Regisseur bestätigt in Interviews, dass es den Anrufer tatsächlich gab. Er habe nicht nur mit ihm telefoniert, sondern sich sogar persönlich mit ihm getroffen. Der Zeuge habe ihm Fotos gezeigt und die Geschichte ausführlich erzählt. Die Informationen wurden anschließend auch an die Ermittler weitergegeben. Was daraus geworden ist, darüber sprechen Polizei und Staatsanwaltschaft öffentlich nicht. Sicher ist aber, der Anrufer war real. Die Frage ist nur, was man heute noch damit anfangen kann. Denn mittlerweile sind mehr als 50 Jahre seit den Morden vergangen. Trotzdem gibt es noch Hoffnung. Nach dem Mord an Erika hatte die Polizei ja eine Liste mit mehr als 300 Mercedes-Fahrern. Viele von ihnen wurden nie persönlich überprüft. Das könnte auch noch ein Ansatz für das Cold Case Team sein. Denn vielleicht lebt der Täter noch. Sollte das der Fall sein, dann wäre er heute vermutlich zwischen 70 und 80 Jahre alt, vielleicht auch älter. Vielleicht hat er das Münsterland irgendwann verlassen. Vielleicht war er später in Heidelberg. Vielleicht hat er nie wieder getötet. Aber vielleicht hat er einfach woanders weitergemacht. Was bleibt, sind vier junge Frauen. Edeltraut, Barbara, Malis und Erika. Vier Namen, die in den Ermittlungsakten oft hinter Spurnummern, Tatortfotos und Obduktionsberichten verschwinden. Dabei begann alles mit Menschen. Genau das ist der Grund, warum die Doku Akte Münsterlandmörder gedreht wurde. Nicht um den Täter berühmt zu machen, sondern damit die Opfer nicht vergessen werden. Und vielleicht sitzt heute noch irgendwo jemand, der damals etwas gesehen hat. Jemand, der sich an einen Namen erinnert. An einen VW Käfer oder an einen Mercedes. Falls das so ist, dann ist die Geschichte des Münsterlandmörders vielleicht noch nicht vorbei. Bevor wir in die Diskussion starten, erstmal vielen lieben Dank für den Vorschlag an Emil. Du hast uns den Fall hier für die schwarze Akte über Instagram vorgeschlagen. Vielen lieben Dank und ich würde sagen, damit starten wir rein. Was sind deine Takes zu dem Fall? Ich hätte so zwei Punkte, über die wir diskutieren könnten. Okay, dann starte du doch gleich mal. Was ist einer deiner Takes? Ich finde, darüber haben wir schon mal gesprochen, Thema Tramping. Wie stehst du allgemein zum Trampen? Würdest du woanders einsteigen? Wir haben es ja jetzt hier schon gehört, dass es früher deutlich beliebter war und heute eher weniger, was ich ehrlich gesagt auch ein bisschen schade finde. Aber aus einer Perspektive als Typ ist es immer leichter, sowas zu sagen, als Frau zu trampen ist nochmal was anderes. Deswegen kann ich mir schon vorstellen, was du jetzt sagst, aber wie stehst du zum Trampen? Ich habe das noch nie gemacht und ich würde es auch noch nie machen. Und ich finde es total interessant, dass in den 70er Jahren das ja total normal und gängig war, das zu machen und wir heute mit unseren Smartphones eigentlich ja ganz andere Sicherheitsmaßnahmen haben. Im Sinne von, wenn ich das tun würde, könnte ich jederzeit allen Freunden meinen Standort schicken, meinen Live-Standort und wäre ja sozusagen sicherer als damals in den 70ern. Und trotzdem glaube ich, dass das heute eher, also erst recht keine alltägliche Sache mehr ist, sondern eher was Besonderes, oder? Also wie unterschiedlich dieses Trampen einfach gehandhabt wurde. Nee, ich würde es nie tun, muss aber dazu sagen, dass ich früher, als ich noch studiert habe, öfter mal so Mitfahrgelegenheiten genutzt habe, die aber inseriert waren. Also da... Habe ich das schon in Anspruch genommen. Und im Grunde ist das ja eigentlich gar nichts anderes. Aber zumindest hatte ich da diese Anzeige mit der Telefonnummer und wusste, wie der Fahrer vermeintlich heißt. Aber ich weiß, dass meine Eltern das damals auch immer nicht so geil fanden, dass ich das gemacht habe. Bist du schon mal getrampt? Also ich bin noch nie getrampt, aber ich bin dem nicht ganz abgeneigt, um ehrlich zu sein. Aus mehreren Punkten. Also erstens, wir haben im Stream mal so. Videos geschaut, wo einer wirklich eine Worldtour macht, wo der mit 0 Dollar, das könnte auch safe was für dich sein, weil du magst ja auch The Race und so, das geht so ein bisschen in die Richtung, wo er mit 0 Dollar versucht, auf jeden Kontinent zu kommen. Und das macht er halt dann auch viel natürlich mit Tramping, dass er da halt viel durchfährt. Der erarbeitet sich dann auch viel Geld natürlich, aber das ist schon cool, keine Ahnung. Gleichzeitig muss ich sagen, bei den Preisen, wenn ich durch Deutschland fahre mit einem Zugticket, zum Glück gibt es sowas wie FlixTrain oder so, dass es halbwegs günstig geht oder Flixbus oder so. Aber ich glaube, deutsche Bahn zu bashen ist auch schon fast deutsches Kulturgut, aber das ist schon so mies teuer geworden, dass ich auch verstehe. Wer sagt, okay, ich würde jetzt lieber trampen, als das zu machen. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, das habe ich ja vorhin schon gesagt, als Typ ist es halt immer noch mal was anderes. Wiederum, was du gesagt hast, wenn man halt ständig seinen Standort teilen kann, ich meine, in Deutschland hat man nicht überall Internet und so, Klar, dann wird es auch nicht immer zu 100% safe sein. Ich merke, ich bin gerade so ein bisschen in so einer Bashing-Phase. Aber trotzdem kann man sich heutzutage viel, viel besser absichern, finde ich. Wer weiß, vielleicht kommt ja viel gerade zurück. Vielleicht ist ja auch Tramping so ein Thema. Zwar jetzt nicht unbedingt nach der Folge, die wir heute besprochen haben. Ich meine, bei den aktuellen Preisen könnte ich es mir schon gut vorstellen. Also ich finde auf jeden Fall, dass man den vier jungen Frauen da auf gar keinen Fall einen Vorwurf machen kann. Nee, gar nicht. Naja, selbst Schuld, wenn sie da einsteigen, finde ich überhaupt nicht. Einfach auch, weil die Zeit eine andere war. Das muss man ja immer im Hinterkopf behalten, dass das eben total gängig war zu trampen. Bei der einen Geschichte finde ich es ein bisschen... Ja, sagen wir mal seltsam, dass der Freund sich das erste Auto schnappt und die Freundin da noch stehen lässt. Also da denke ich mir, Bro, lass doch deine Freundin bitte zuerst einfahren. Aber trotzdem, auch dem kann man natürlich gar keinen Vorwurf machen, weil wer rechnet schon damit, dass der Fahrer ein Serientäter ist? Also das zum einen und ich muss sagen, ich habe dann auch so darüber nachgedacht, klar, das kommt erstmal komisch rüber, aber im Endeffekt, wie man es macht, macht man es falsch, oder? Weil dann hätte sie vielleicht das erste Auto bekommen, aber dann wäre sie ja auch sehr wahrscheinlich am finalen Standort als erstes angekommen und wäre da ja auch wieder alleine. Also deswegen habe ich so gedacht, okay, das ist jetzt nicht Gentleman-like, weil er ja nicht den Vortritt gegeben hat so, aber so aus dieser Sicherheitsperspektive, glaube ich, hätte man so oder so nur falsch machen können. Also das habe ich aber auch in dem Moment so gedacht, komische, komische Sache. Ja, und natürlich ist das auch super traurig, dass der Täter nie gefunden werden konnte. Und ihr wisst ja auch, dass wir in der schwarzen Akte gar nicht so oft über deutsche Fälle sprechen. Und ich gehe jetzt auch nicht davon aus, dass unsere Podcast-Folge da irgendwelche neuen Hinweise liefert. Aber vielleicht eben doch. Und deswegen ist es super wichtig, dass man die vier Frauen nicht vergisst, deren Geschichten nicht vergisst und, eben darüber spricht und vielleicht. Irgendwelche neuen Spuren und Hinweise noch auftauchen. Wer weiß, manchmal durch die Entwicklung der Technik sind doch neue Dinge möglich. Und ja, das ist natürlich die große Hoffnung, dass die Familien, vor allem die Familien, irgendwann noch eine Art Gewissheit bekommen, auch wenn das jetzt lange her ist, aber ja, so Trauer und Schmerz vergeht natürlich nicht. Also das wäre natürlich der größte Wunsch, dass da irgendwelche neuen Hinweise und Spuren auf den Täter zulaufen. Ich meine, wir haben ja auch die ein oder andere Nachricht bekommen zu unserer Folge 309, wo es um Rosemarie ging. Jetzt nicht Nachrichten mit so komplett neuen Hinweisen, aber trotzdem so ein paar Hintergrundinfos einfach. Und wie du schon sagst, es wäre natürlich ultra krass, wenn ihr da noch, wir haben es ja gerade gehört, so... Und bestimmte Inhalte sollen da ja hinter vorgehaltener Hand damals schon abgesprochen worden sein, die aber gar nicht an die Polizei herangetragen worden sind. Sowas wäre natürlich auch ultra interessant. Eine Sache, die ich dich noch fragen wollte, also klar, diese ganzen Theorien, ich glaube, da findet man jetzt nicht die Theorie, die es sein wird mit dem Wissen, das wir haben. Aber eine Sache vielleicht noch, meinst du, weil die Theorie ja auch im Raum stand, dass er nicht aufgehört hat zu morden, sondern einfach den Standort gewechselt hat, dass, das wirklich so gewesen ist, dass er dann halt seinen Standort geändert hat, weil es gab ja schon Parallelen dazu, nachdem halt diese Ausstrahlung im Fernsehen gewesen ist und so ein Millionenpublikum erreicht hat, ne? Ja, ganz schwierig. Fifty-fifty. Weil wir wissen ja eben aus anderen Fällen, dass Serientäter nicht einfach so aufhören, sondern das Bedürfnis haben, da einfach immer weiterzumachen. Deswegen kann es schon sein, dass er den Standort geändert hat und auch den Modus operandi und einfach anders vorgegangen ist. Das finde ich kann schon sein. Und dadurch, dass sich in dieser Zeit die Polizeistationen eben nicht so ausgetauscht haben, wie das heute möglich wäre, kann das ja auch mal easy passieren, dass da bestimmte Parallelen gar nicht erst erkannt werden. Wenn der danach nach Bayern weitergezogen ist und dann auf die Inseln in der Nordsee oder so, weiß ich jetzt nicht, ob sich die Polizeistationen da so connected haben. Also es kann schon sein, oder? Was glaubst du? Guter Punkt auf jeden Fall. Ich hatte so drüber nachgedacht, dass es auch, dadurch, dass es bei Aktenzeichen XY ausgestrahlt wird, so ein bisschen zu so einem Werter-Effekt führt, was ich auch wieder einen interessanten Diskussionspunkt finde, der jetzt hier aber vielleicht auch ein bisschen zu weit führt, dass es dann vielleicht auch eine Nachahmer einfach, dazu gebracht hat, Ähnliches zu verursachen. Aber wie gesagt, das führt jetzt, glaube ich, ein bisschen zu weit. Das können wir vielleicht irgendwann an einer anderen Stelle mal diskutieren. Deswegen würde ich sagen, hast du was für die Personalakte eigentlich? Für mich geht es tatsächlich jetzt die Tage wieder nach Rom. Gefühlt sage ich das irgendwie ganz oft, dass ich in Rom bin. So oft ist es gar nicht, aber da wohnt ein Teil der Familie meines Freundes. Deswegen sind wir für ein paar Tage wieder dort. Und genau, da steht bei mir die Tage so an. Wie ist es bei dir? Bei mir, ich würde mal so einen kleinen Cliffhanger draus machen, dass ihr das im Weekly Recap auf Instagram dann seht. Weil bei mir wird es auf jeden Fall in Urlaub gehen. Aber wohin, das lasse ich jetzt einfach mal offen. Das werdet ihr dann auf Instagram sehen. Sehr gut. Und damit schließen wir diese schwarze Akte und die Personalakte für heute. Schlagt uns gerne Fälle vor, über die wir hier in der schwarzen Akte mal sprechen sollen und schickt uns das gerne bei Instagram oder auf sämtlichen Podcast-Plattformen, wo ihr die schwarze Akte hört. Und dann freuen wir uns sehr, wenn ihr auch bei der nächsten Folge wieder mit dabei seid. Bis nächste Woche Dienstag. Wir sind eure Hosts Anne Luckmann und Patrick Strobusch. Redaktion Johanna Müßiger und wir. Schnitt Anne Luckmann. Produktion Nadine Lenfer-Unterweger und Lea Backes. Die schwarze Akte ist eine Produktion der Julep Studios. Besonderer Dank geht an Falco Schulte.