Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 563-581
Transcript
- 0:00Unterkapitel. 563 leicht resigniert Resignation bedeutet,
- 0:07sich mit einem Schicksal abzufinden oder aufzugeben.
- 0:11Nietzsche erklärt, dass Menschen weniger darunter leiden, wenn
- 0:14ihre Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn sie ihre Fantasie
- 0:16benutzen, wenn man sich die Vergangenheit und das, was man
- 0:20wollte, verhässlicht, also sich einredet, dass es gar nicht so
- 0:25toll war, dann fällt der Verzicht leicht.
- 0:28Man manipuliert seine eigene Erinnerung, um den Schmerz des
- 0:31Verlustes zu lindern. Unterkapitel. 564 in Gefahr
- 0:39Nietzsche beschreibt hier ein Phänomen der Aufmerksamkeit.
- 0:43Man ist am meisten in Gefahr, überfahren zu werden, kurz
- 0:46nachdem man gerade einem Wagen ausgewichen ist.
- 0:48Der Grund? Ist psychologisch.
- 0:50Nach dem erfolgreichen Ausweichen lässt die
- 0:52Konzentration schlagartig nach. Man fühlt sich sicher und achtet
- 0:56nicht mehr auf die nächste Gefahr.
- 0:58Die größte Gefahr lauert also im Moment der scheinbaren
- 1:01Sicherheit. Unterkapitel. 565 je nach der
- 1:07Stimme die Rolle. Dieser Abschnitt handelt davon,
- 1:12wie äußere Umstände unseren Charakter oder unsere Rolle
- 1:15beeinflussen. Wenn jemand gezwungen ist,
- 1:17lauter zu sprechen als gewöhnlich, etwa weil er vor
- 1:20vielen Leuten spricht oder mit jemandem redet, der schwerhörig
- 1:23ist, dann übertreibt er meistens auch inhaltlich.
- 1:27Die laute Stimme verleitet dazu, Dinge drastischer darzustellen.
- 1:31Umgekehrt gilt. Jemand kann zum Verschwörer oder
- 1:34heimtückischen Menschen werden, nur weil seine Stimme sich
- 1:37besonders gut zum Flüstern eignet.
- 1:39Die physische Eigenschaft der Stimme bestimmt hier also das
- 1:42soziale Verhalten. Unterkapitel. 566 Liebe und Hass
- 1:51es gibt das Sprichwort Liebe macht blind.
- 1:54Nietzsche korrigiert dies. Er sagt, Liebe und Hass sind
- 1:58nicht blind, sie sehen durchaus etwas, aber sie sind geblendet
- 2:02von dem Feuer, das sie selbst in sich tragen.
- 2:04Das bedeutet, die starke Emotion, sei es Liebe oder Hass,
- 2:08strahlt so hell, dass sie die realen Eigenschaften des
- 2:11Gegenübers überstrahlt, man sieht den anderen nur noch im
- 2:14Licht der eigenen Leidenschaft. Unter Kapitel. 567 mit Vorteil
- 2:22angefeindet. Manche Menschen, die eigentlich
- 2:26große Talente oder Verdienste haben, diese aber der Welt nicht
- 2:29klar zeigen können, greifen zu einem Trick.
- 2:32Sie sorgen absichtlich dafür, dass sie angefeindet werden, Sie
- 2:36provozieren Feindschaft, warum tun sie das, weil sie sich dann
- 2:40damit trösten können, dass Ihre mangelnde Anerkennung nur an
- 2:43dieser Feindschaft liegt und nicht an ihrem mangelnden
- 2:45Können. Außerdem vermuten Außenstehende
- 2:48oft, dass jemand, der so viele Feinde hat, bedeutend sein muss,
- 2:52die Feindschaft dient also ihrem Ansehen.
- 2:56Unterkapitel. 568 Beichte Nietzsche beobachtet hier eine
- 3:02menschliche Eigenart im Umgang mit Schuld.
- 3:06Wenn wir jemandem ein Geheimnis oder eine Schuld beichten,
- 3:09neigen wir dazu, diese Schuld selbst zu vergessen, weil wir
- 3:12sie uns von der Seele geredet haben.
- 3:14Das Problem ist jedoch derjenige, dem wir es erzählt
- 3:17haben, vergisst es gewöhnlich nicht, die Last ist also nicht
- 3:21verschwunden. Sondern nur auf das Gedächtnis
- 3:23des anderen übertragen worden. Unter Kapitel. 569
- 3:31Selbstgenügsamkeit Selbstgenügsamkeit bedeutet, mit
- 3:35sich selbst zufrieden zu sein und keine Bestätigung von außen
- 3:39zu brauchen. Nietzsche nennt diese
- 3:41Eigenschaft ein goldenes Vlies, ein Bild aus der griechischen
- 3:45Mythologie für etwas sehr kostbares und schützendes.
- 3:48Diese Haltung schützt einen gegen Prügel.
- 3:51Also gegen grobe Schicksalsschläge oder massive
- 3:53Angriffe, weil man in sich ruht. Aber sie schützt nicht gegen
- 3:57Nadelstiche, also gegen kleine, feine Beleidigungen oder
- 4:01Irritationen, die die Eitelkeit. Treffen unterkapitel. 570
- 4:07Schatten in der Flamme Nietzsche verwendet hier eine Metapher,
- 4:13eine Flamme gibt Licht für andere, aber dort, wo sie selbst
- 4:16brennt, wirft sie einen Schatten, das bedeutet, sie
- 4:20leuchtet anderen. Ist aber sich selbst gegenüber
- 4:22dunkel, weniger hell. Nietzsche überträgt das auf den
- 4:25Weisen, ein weiser Mensch kann anderen Orientierung und
- 4:29Erkenntnis geben, aber über sich selbst hat er oft weniger
- 4:32Klarheit als über andere. Er ist sich selbst gegenüber ein
- 4:36Stück weit. Blind Unterkapitel. 571 eigene
- 4:42Meinungen. Hier geht es um die Frage, wie
- 4:46originell unsere Gedanken sind. Wenn wir plötzlich zu einem
- 4:50Thema befragt werden, fällt uns meistens zuerst gar nicht unsere
- 4:53eigene persönliche Meinung ein. Stattdessen reproduzieren wir
- 4:57das, was man so denkt, also die Meinung unserer sozialen
- 5:00Schicht, unseres Berufsstandes oder unserer Herkunft, unsere
- 5:05wirklichen eigenen Meinungen liegen tiefer und kommen selten
- 5:08sofort an die Oberfläche, sie schwimmen selten obenauf.
- 5:13Unter Kapitel. 572 Herkunft des Mutes.
- 5:20Zum Abschluss dieser Reihe analysiert Nietzsche den
- 5:22Unterschied zwischen dem Mut eines gewöhnlichen Menschen und
- 5:26dem eines Helden. Der gewöhnliche Mensch ist
- 5:29mutig, weil er die Gefahr gar nicht sieht, er ist blind für
- 5:32das Risiko und fühlt sich deshalb unverwundbar, sein Mut
- 5:36basiert auf Unwissenheit, der Held hingegen ist Anders,
- 5:41Nietzsche spielt hier auf den mythologischen Helden Siegfried
- 5:44an, der unverwundbar war, bis auf eine kleine Stelle am
- 5:47Rücken. Wo ein Lindenblatt hingefallen
- 5:49war. Der Held hat seine verwundbare
- 5:52Stelle dort, wo er keine Augen hat, also im Rücken.
- 5:57Das bedeutet? Der Held.
- 5:58Erkennt die Gefahr vor sich, ist aber dort verwundbar, wo er
- 6:02nicht hinsieht. Sein Mut ist sehend, aber nicht
- 6:06allwissend. Unterkapitel 5. 173 Gefahr im
- 6:12Arzte. Nietzsche spricht hier über den
- 6:16Beruf des Arztes und die psychische Belastung, die dieser
- 6:19mit sich bringt. Er sagt, dass ein Mensch
- 6:22wirklich für diesen Beruf geboren sein muss, das bedeutet,
- 6:25er muss eine natürliche Veranlagung und innere Stärke
- 6:27dafür besitzen, wenn jemand diese angeborene Eignung nicht
- 6:31hat, wird er an den ständigen Anforderungen, dem Leid und der
- 6:34Verantwortung, die der Arztberuf mit sich bringt, zugrunde gehen.
- 6:39Es ist also eine Warnung davor, diesen Beruf zu wählen, wenn man
- 6:42nicht die nötige psychische Widerstandskraft besitzt.
- 6:46Unterkapitel. 574 wunderliche Eitelkeit in diesem Abschnitt
- 6:53beschäftigt sich Nietzsche mit dem menschlichen Glauben an
- 6:56übersinnliche Fähigkeiten und unserer Eitelkeit.
- 6:59Er führt das Beispiel von jemandem an, der dreimal mutig
- 7:02das Wetter vorhersagt und zufällig Erfolg damit hat,
- 7:06anstatt dies als Zufall zu sehen, beginnt dieser Mensch
- 7:09tief im Inneren zu glauben, er habe tatsächlich eine
- 7:12prophetische Gabe. Nietzsche zeigt hier, wie unser
- 7:15Wunsch, etwas Besonderes zu sein, unsere Vernunft
- 7:18ausschaltet. Wir akzeptieren sogar wundersame
- 7:21oder unvernünftige Erklärungen, solange sie unserem
- 7:23Selbstwertgefühl schmeicheln und uns das Gefühl geben, bedeutend
- 7:27zu sein. Unterkapitel. 575 Beruf dies ist
- 7:35eine sehr kurze, aber prägnante Aussage.
- 7:38Nietzsche bezeichnet den Beruf als das Rückgrat des Lebens.
- 7:42Damit meint er, dass eine feste Aufgabe oder Arbeit dem Leben
- 7:45Stabilität und Haltung verleiht. Ähnlich wie die Wirbelsäule dem
- 7:49Körper. Ohne diese Struktur würde das
- 7:51Leben vielleicht in sich zusammenfallen oder formlos.
- 7:54Werden Unterkapitel. 576 Gefahr persönlichen Einflusses hier
- 8:04gibt Nietzsche einen Ratschlag für den Umgang mit Macht über
- 8:06andere Menschen. Wenn jemand spürt, dass er einen
- 8:10großen innerlichen Einfluss auf eine andere Person hat, sollte
- 8:13er dieser Person bewusst Freiraum lassen.
- 8:16Man muss es nicht nur erlauben, sondern sogar gutheißen, wenn
- 8:19der andere sich gelegentlich widersetzt oder eine andere
- 8:22Meinung hat, wenn man versucht, den anderen vollständig zu
- 8:25kontrollieren, wird aus dem Bewunderer oder Freund
- 8:28unvermeidlich ein Feind, da sich dieser gegen die totale
- 8:32Vereinnahmung wehren muss, um sein eigenes Ich zu bewahren.
- 8:38Unterkapitel. 577 den Erben gelten lassen Nietzsche
- 8:45unterscheidet hier zwischen 2 Arten von Schöpfern oder
- 8:48Gründern. Wer etwas Großes in einer
- 8:51selbstlosen Haltung aufgebaut hat, der sorgt auch dafür, dass
- 8:54es Nachfolger, also Erben, gibt, die das Werk fortführen können.
- 8:58Wer jedoch eine tyrannische und unedle Natur besitzt, sieht in
- 9:02jedem möglichen Nachfolger einen Rivalen oder Gegner.
- 9:05Ein solcher Mensch lebt in einem ständigen Verteidigungszustand,
- 9:08einer Art Notwehr gegen seine eigenen Erben, weil er sein Werk
- 9:12nicht loslassen oder teilen kann.
- 9:16Unterkapitel 5. 178 Halbwissen in diesem Abschnitt vergleicht
- 9:23Nietzsche das Halbwissen mit dem umfassenden Wissen, dem
- 9:26sogenannten Ganzwissen. Er stellt fest, dass das
- 9:30Halbwissen oft erfolgreicher ist als das vollständige Wissen.
- 9:34Der Grund dafür ist, dass das Halbwissen die Dinge
- 9:36vereinfacht. Es lässt die Welt simpler
- 9:39erscheinen als sie ist und macht dadurch eine Meinung
- 9:41verständlicher und überzeugender für andere.
- 9:45Das umfassende Wissen hingegen sieht die Komplexität.
- 9:47Und die? Widersprüche was oft
- 9:49verwirrender oder weniger attraktiv wirkt.
- 9:53Unter Kapitel. 579 nicht geeignet zum Parteimann.
- 10:01Nietzsche erklärt, warum Menschen, die viel nachdenken,
- 10:04nicht gut als langfristige Mitglieder einer politischen
- 10:06Partei geeignet sind. Wer viel denkt, durchschaut die
- 10:09Strukturen und Dogmen einer Partei zu schnell, er denkt sich
- 10:13sozusagen durch die Partei hindurch und erkennt ihre
- 10:16Begrenztheit, deshalb kann ein solcher Mensch nicht dauerhaft
- 10:20ein treuer Anhänger bleiben, da sein Geist sich nicht einsperren
- 10:24lässt. Unterkapitel 5. 180 schlechtes
- 10:29Gedächtnis. Hier gewinnt Nietzsche einer
- 10:33vermeintlichen Schwäche eine positive Seite ab.
- 10:36Er sagt, dass ein schlechtes Gedächtnis einen großen Vorteil
- 10:39hat, man kann dieselben guten Dinge wie zum Beispiel ein Buch
- 10:43oder ein Erlebnis mehrmals genießen, als wäre es das
- 10:46allererste Mal. Wer alles behält, verliert
- 10:49diesen Reiz des Neuen bei. Wiederholungen.
- 10:53Unterkapitel. 581 sich Schmerzen machen.
- 10:59Nietzsche spricht über die Rücksichtslosigkeit im Denken.
- 11:03Wenn jemand beim Nachdenken keine Rücksicht auf Gefühle
- 11:05nimmt, weder auf die eigenen noch auf die anderer, ist das
- 11:09oft ein Zeichen dafür, dass dieser Mensch innerlich unruhig
- 11:12oder unfriedlich ist. Diese Härte im Denken dient dann
- 11:15als eine Art Betäubung gegen das eigene innere Unwohlsein.
- 11:19Man macht sich oder anderen Schmerzen, um sich von einem
- 11:22anderen Leiden abzulenken.