Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Fall Fabian - Der 9te Prozesstag
Transcript
- 0:00Hallo und herzlich Willkommen bei Gedankengang der Reihe für
- 0:03True Crime. Fakten und Analysen.
- 0:05Schön, dass du heute wieder dabei bist.
- 0:07Ja, Hallo auch von mir. Wir haben heute eine wirklich
- 0:11dichte und inhaltlich sehr komplexe Analyse vor uns.
- 0:14Genau. Wir machen heute nämlich einen
- 0:17Deepdive in den neunten Verhandlungstag vor dem
- 0:19Landgericht Wostock es geht um den Fall des getöteten Jungen
- 0:22Fabian. Und unser Ziel ist es heute,
- 0:25dich, also unseren Hörern. Durch einen der bisher ja
- 0:28schwersten und informationsdichtesten
- 0:30Prozesstage zu navigieren. Wir stützen uns dabei komplett
- 0:34auf Gerichtsberichte, Prozessprotokolle und
- 0:36Beobachtungen von Journalisten, die direkt vor Ort im Saal
- 0:39waren. Wir wollen sozusagen die
- 0:41forensischen Fakten von bloßen Spekulationen trennen.
- 0:44Richtig, es geht darum, die juristische Mechanik hinter
- 0:48diesem Prozess zu verstehen. Also wie baut sich so ne
- 0:51Indizienkette auf? Lass uns direkt reinspringen.
- 0:54Der Morgen im Saal 2002 die Atmosphäre war extrem
- 0:59angespannt. Absolut, das spürt man sofort an
- 1:02den Reaktionen der Beteiligten noch.
- 1:04Bevor es richtig losging, hat die Vertreterin der Nebenklage,
- 1:07Rechtsanwältin Heber, direkt einen Antrag gestellt.
- 1:11Sie wollte die Öffentlichkeit für die anstehenden
- 1:13rechtsmedizinischen Gutachten ausschließen lassen.
- 1:16Mit dem Argument, die postmortalen
- 1:17Persönlichkeitsrechte des Opfers zu schützen.
- 1:20Was menschlich absolut nachvollziehbar ist angesichts
- 1:23der Bilder, die da gezeigt werden sollten.
- 1:25Aber dann passierte etwas Interessantes.
- 1:27Sowohl die Staatsanwaltschaft, also Schley und Nowak, als auch
- 1:31die Verteidigung Löcker und Omey haben dem widersprochen.
- 1:34Ja, das war n wichtiger Moment. Und Richter Schütt hat den
- 1:37Antrag dann nach einer viertelstündigen Beratung auch
- 1:40abgelehnt. Da frag ich mich direkt aus
- 1:43analytischer Sicht. Warum stellt sich die
- 1:46Verteidigung gegen den Ausschluss der Öffentlichkeit,
- 1:49war dieser Antrag der Nebenklage juristisch gesehen ein Risiko?
- 1:53Das ist eine sehr gute Frage. Es ist tatsächlich eine
- 1:57juristische Gratwanderung, der Grundsatz der Öffentlichkeit ist
- 2:01einer der absolut wichtigsten Pfeiler in unserem
- 2:04Strafprozessrecht. OK, weil es um Transparenz geht.
- 2:08Genau, es soll Transparenz schaffen und geheime Prozesse
- 2:11verhindern. Ein Ausschluss ist nur unter
- 2:14ganz bestimmten engen Voraussetzungen möglich.
- 2:18Und wenn ein Gericht die Öffentlichkeit ausschließt und
- 2:20das später im Nachhinein als Fehler eingestuft?
- 2:23Wird dann also, wenn eine höhere Instanz feststellt, dass das
- 2:26ungerechtfertigt war, dann liefert das der Verteidigung
- 2:29einen sogenannten absoluten Revisionsgrund.
- 2:32Das heißt, ein einziges prozessuales Detail könnte das
- 2:36gesamte Verfahren kippen. Richtig, ein absoluter
- 2:39Revisionsgrund führt für den Bundesgerichtshof in der Regel
- 2:42dazu, dass das Urteil aufgehoben wird.
- 2:44Der gesamte Prozess müsste dann komplett neu aufgerollt werden.
- 2:48Wow, OK. Unabhängig davon, wie erdrücken
- 2:52die Beweislast sonst ist. Völlig unabhängig davon.
- 2:55Und genau deshalb hat sich Richter Schütt hier für die
- 2:57prozessuale Sicherheit entschieden.
- 3:00In dem die Öffentlichkeit im Saal bleibt, eliminiert er
- 3:02diesen potenziellen Angriffspunkt für die
- 3:04Verteidigung von vornherein. Verstehe das also reine
- 3:08strategisches Handwerkszeug des Gerichts.
- 3:10Mhm. Genau nach dieser juristischen
- 3:12Weichenstellung wurde der Saal dann abgedunkelt.
- 3:15Die Präsentation der Obduktionsbilder begann und
- 3:18allein die Tatsache, dass ein anwesender Journalist den Saal
- 3:21wegen Kreislaufproblemen verlassen musste, zeigt ja, wie
- 3:24schwer diese Beweisaufnahme war. Das unterstreicht die sachliche
- 3:27Schwere dieses Tages. Ja, im Zeugenstand war dann der
- 3:31Rechtsmediziner Doktor med. Johannes Manhart.
- 3:35Und er hat die forensischen Fakten dargelegt.
- 3:37Die Todesursache war massives Inneres Verbluten durch 6 Tiefe,
- 3:41frontal zugefügte Stichverletzungen.
- 3:44Richtig, es wurde mit solcher Wucht zugestochen, dass Rippen
- 3:48und das Brustbein durchtrennt wurden.
- 3:50Herz, Lunge und Leber wurden getroffen.
- 3:53Aber das wohl zentralste rechtsmedizinische Detail, das
- 3:57auch für die spätere juristische Bewertung wichtig wird, betraf
- 4:00gar nicht die Stiche, sondern die Atemwege des Jungen.
- 4:02Ja, das ist ein unumstößlicher Befund.
- 4:05In den Atemwegen wurde absolut kein Ruß gefunden.
- 4:09Und das bedeutet konkret? Während er Feuer oder Rauch
- 4:12ausgesetzt ist, dann inhaliert er winzige Rußpartikel, die sich
- 4:16tief in der Lunge ablagern. Auch wenn die Person schon
- 4:19bewusstlos wäre, oder? Genau solange der Atemreflex da
- 4:23ist, lagert sich Ruß ab. Das fehlen dieses Rußes ist also
- 4:28der forensische Beweis, dass der Junge bereits tot war.
- 4:31Der Kreislauf hatte bereits gestoppt.
- 4:33OK, das trennt die Tathandlung ja sehr scharf.
- 4:36Also erst die Tötung und dann offenbar um Spuren zu
- 4:40vernichten, die Brandstiftung. Exakt ein weiteres wichtiges
- 4:43Detail waren die Hände des Opfers.
- 4:46Die linke Hand war durch das Feuer leider zu stark verbrannt.
- 4:49Aber an der intakten rechten Hand gab es keinerlei
- 4:52Abwehrverletzungen. Das stützt dann wahrscheinlich
- 4:54den Vorwurf der Heimtücke, oder? Genau.
- 4:57Heimtücke bedeutet juristisch, dass der Täter die Arglosigkeit
- 5:00und Wehrlosigkeit des Opfers ausnutzt.
- 5:03Abwehrverletzungen entstehen ja instinktiv, wenn man die Arme
- 5:06Hochreißt, um sich vor einem Messer zu schützen.
- 5:08Und da diese Spuren fehlen, geht die Anklage davon aus, dass er
- 5:11den Angriff nicht kommen sah. Das ist zumindest ein sehr
- 5:15starkes Indiz dafür. In diesem Zusammenhang hat die
- 5:18Verteidigung, also Rechtsanwalt Löcker, eine sehr spezifische
- 5:21Frage gestellt. Er wollte wissen, ob eine Frau
- 5:24überhaupt die körperliche Kraft für solche tiefen Stiche habe,
- 5:28die ihr immerhin Knochen durchtrennt haben.
- 5:30Eine klassische Frage der Verteidigung in so einer
- 5:32Konstellation. Aber Doktor Mann hat das sehr
- 5:34sachlich eingeordnet. Er sagte, dass diese Kraft nicht
- 5:38zwingend geschlechtsspezifisch ist.
- 5:40Sondern worauf kommt es dann an? Auf den sogenannten Impetus,
- 5:44also den inneren Antrieb, die Entschlossenheit, in so einer
- 5:48Ausnahmesituation. Wenn man diesen Impetus hat und
- 5:52dazu ein entsprechendes Tatwerkzeug und den Hebel des
- 5:55Arms nutzt, kann beinahe jede erwachsene Person diese Kraft
- 5:59aufbringen. Weißt du, ich finde, man kann
- 6:02diese Obduktion nach so einem Brand gut mit dem Versuch
- 6:05vergleichen, ein teilweise verbranntes Buch zu lesen.
- 6:09Manche Seiten, wie zum Beispiel die linke Hand, die fehlen
- 6:12einfach komplett das. Ist ein sehr gutes Bild, ja.
- 6:14Aber die Seiten, die noch erhalten sind, also der fehlende
- 6:18Ruß in der Lunge oder die intakte rechte Hand, die liefern
- 6:21uns Fakten, die man nicht ignorieren kann.
- 6:23Und da, wo die Rechtsmedizin an ihre Grenzen stößt, übernimmt
- 6:27dann die forensische Brandanalyse.
- 6:29Am Nachmittag kamen dann der Brandursachenermittler Holger
- 6:33Littke und der Experte für Bodenproben Dr. Siegert Kühn, zu
- 6:37Wort. Es gab ja dieses Zeugenfoto von
- 6:40einer Reiterin, das den Vollbrand zeigt.
- 6:43Ja, und an diesem Brandverlauf gab es etwas sehr auffälliges.
- 6:47Das Gesicht des Jungen war deutlich weniger verbrannt als
- 6:50der Rumpf. Was darauf hindeutet, dass der
- 6:52Brandbeschleuniger sehr gezielt auf den Körperstamm aufgetragen
- 6:56wurde. Richtig.
- 6:57Und an den chemischen Spuren am Tatort konnten die Experten
- 7:00Reste eines Petroleum Gemisches nachweisen.
- 7:03Das passte chemisch extrem gut zu einem flüssigen Grillanzünder
- 7:07der Marke, ja. Und das ist ja ein massives
- 7:09Indiz, weil genauso eine Flasche im Carport der Angeklagten Gina
- 7:12Hay gefunden wurde. Exakt.
- 7:14Und nicht nur das. Aus dieser sichergestellten
- 7:17Flasche fehlten schätzungsweise 500 bis 600 Milliliter.
- 7:21Das ist laut Gutachter genau die Menge, die man braucht, um ein
- 7:24Feuer von dieser Intensität überhaupt zu entfachen.
- 7:27Das klingt im ersten Moment nach einem perfekten Puzzleteil, aber
- 7:31es gab da diese eine Einschränkung bei den
- 7:34Beweismitteln, richtig? Ja, und das ist ein Punkt, den
- 7:37die Verteidigung natürlich stark macht auf den Schuhen und der
- 7:40Kleidung von Gina h. Wurden keine Spuren von diesem
- 7:43Brandbeschleuniger gefunden. Weil jemand, der einen halben
- 7:46Liter von dem Zeug versprüht, normalerweise etwas davon
- 7:49abbekommt. Genau.
- 7:51Allerdings, und das ist der Haken an der Sache, war ein
- 7:54Beweismittelbeutel mit der Kleidung der Angeklagten von der
- 7:58Polizei nicht luftdicht verschlossen worden.
- 8:00Oh. Das heißt, mögliche Spuren
- 8:03könnten einfach verdunstet sein. Richtig Petroleumgemische sind
- 8:07Hochflüchtig, wenn der Beutel nicht versiegelt ist,
- 8:10verflüchtigen sich die Gase innerhalb kurzer Zeit völlig
- 8:13rückstandslos. Wie geht ein Gericht mit so
- 8:15einem Fehler der Spurensicherung um?
- 8:17Es gibt ja den Grundsatz in dubio pro reo, also im Zweifel
- 8:20für die Angeklagte. Also das Gericht darf diesen
- 8:23fehlenden Beweis natürlich nicht zu Ungunsten der Angeklagten
- 8:26werten. Man kann nicht sagen, die Spuren
- 8:29wären bestimmt da gewesen, wenn der Beutel zu gewesen wäre.
- 8:32OK, das heißt, Das ist ein echter Punkt für die
- 8:34Verteidigung. Absolut.
- 8:36Die Faktenlage ist einfach, dass es keinen positiven Nachweis
- 8:39gibt. Die Anklage wird argumentieren,
- 8:42dass das Fehlen der Spuren wegen des offenen Beutels aber auch
- 8:45nicht zwingend ihre Unschuld beweist.
- 8:47Es ist ein offener Widerspruch, den das Gericht werten muss.
- 8:50Das zeigt, wie fragil solche Indizienketten sein können.
- 8:54Aber der Prozess stützt sich ja nicht nur auf physische Beweise.
- 8:57Wir kamen dann zu den Erkenntnissen aus der
- 8:59Telefonüberwachung, der sogenannten TKÜ.
- 9:01Ja, das war ein sehr entscheidender Teil des
- 9:04Verhandlungstages. Die Ermittler hatten Gina H.
- 9:07Schon wenige Tage nach dem Leichenfund im Visier, deshalb
- 9:10gab es einen richterlichen Beschluss, ihr Telefon
- 9:12abzuhören. Lass uns mal auf die
- 9:14spezifischen Gespräche schauen, da gab es dieses Telefonat vom
- 9:1817. Oktober mit ihrem Nachbarn Olaf
- 9:20K. Mhm, da beklagt sich Gina h.
- 9:24Über den Druck der Medien. Sie sagt sinngemäß, solange
- 9:28niemand gefunden wird, bin ich die Schuldige.
- 9:31Und Olaf K. Reagiert darauf auf eine sehr,
- 9:34ja proaktive Art. Es ging um mögliche Blutspuren
- 9:38auf einer Fußmatte in ihrem Auto, er sagt direkt, ich hab
- 9:41gesagt, dass er sich da irgendwann mal verletzt hatte.
- 9:44Das wirkt natürlich stark so, als würden hier präventiv
- 9:47Ausreden oder Erklärungen koordiniert werden.
- 9:50Falls die Polizei etwas im Auto findet.
- 9:53Aber der Moment, den die Staatsanwaltschaft als den
- 9:55bisher Belastendsten im ganzen Prozess bezeichnet, kam dann
- 9:58einen Tag später, am 18. Oktober.
- 10:01Richtig, in diesem abgehörten Gespräch sagt Gina H.
- 10:04Wirklich Scheiße. Ich hoffe, dass der
- 10:07Brandbeschleuniger nicht noch im Auto ist.
- 10:10Wenn der da drin ist, hängen die mir das an und die Brisanz an
- 10:13diesem Satz liegt in dem Zeitpunkt, oder?
- 10:15Genau zu diesem Zeitpunkt wusste die Öffentlichkeit zwar, dass
- 10:19die Leiche gefunden wurde, aber die Tatsache, dass ein
- 10:22Brandbeschleuniger verwendet wurde, war absolutes
- 10:25Täterwissen. Das hatte die Polizei strikt
- 10:28unter Verschluss gehalten. Da muss ich aber mal aus
- 10:31psychologischer Sicht einhaken. Wir kennen ja aus der Forschung
- 10:34zu falschen Geständnissen das Phänomen, dass Menschen unter
- 10:37extremem Stress oder in Panik absurde.
- 10:40Dinge sagen könnte das nicht einfach die panische Spekulation
- 10:43einer Frau sein, die Angst hat, unschuldig verurteilt zu werden?
- 10:47Das ist ein valider Gedanke in der Aussagepsychologie
- 10:51differenziert man da aber sehr genau zwischen genereller Panik
- 10:54und spezifischem Täterwissen. Wie sieht generelle Panik dann
- 10:58aus? Generelle Panik wäre zum
- 11:00Beispiel, wenn sie sagt, was ist, wenn sie meine Fußabdrücke
- 11:03im Wald finden. Ich geh da ja oft spazieren oder
- 11:07eben die Angst, dass etwas völlig alltägliches gegen sie
- 11:10verwendet wird. Verstehe und Täter wissen.
- 11:13Täterwissen zeichnet sich dadurch aus, dass eine
- 11:16hochspezifische Information unaufgefordert genannt wird, die
- 11:21man aus den Medien oder vom Hörensagen gar nicht kennen
- 11:24kann. Dass sie von sich aus das Wort
- 11:27Brandbeschleuniger ins Spiel bringt, bevor das öffentlich
- 11:30bekannt war, das ist für die Anklage extrem belastend.
- 11:34Weil es eigentlich keinen logischen Grund gibt, warum sie
- 11:36genau dieses spezifische Detail erraten sollte.
- 11:39Richtig, die Wahrscheinlichkeit für so einen Zufallstreffer ist
- 11:42extrem gering. Trotz dieser starken Indizien
- 11:45bleiben aber offene Fragen im Raum, zum Beispiel der genaue
- 11:48Tatort. Es ist ja noch nicht
- 11:51abschließend geklärt, ob Fabian direkt an dem Tümpel getötet
- 11:54wurde, wo man ihn gefunden hat, oder ob die Leiche erst dorthin
- 11:58transportiert wurde. Mhm.
- 12:00Da spielen die Fußspuren eine Rolle, die in der Nähe gesichert
- 12:03wurden. Der Gutachter hat die als
- 12:05Kategorie 4 eingestuft. Kannst du das kurz einordnen?
- 12:08Was bedeutet Kategorie 4 bei Fußspuren?
- 12:11Also in der Spurenkunde gibt es verschiedene Kategorien.
- 12:14Kategorie 1 wäre ein absolut sicherer Identitätsnachweis,
- 12:18also wenn ein Schuh eine ganz individuelle Macke hat und genau
- 12:21dieser Abdruck gefunden wird. Und Kategorie 4?
- 12:24Kategorie 4 bedeutet, dass es eine mögliche Übereinstimmung in
- 12:28den Gruppenmerkmalen gibt. Also zum Beispiel die gleiche
- 12:31Schuhgröße und das gleiche Sohlenmuster des Herstellers.
- 12:34Es schließt die Person also nicht aus, beweist aber auch
- 12:37nicht zu 100%, dass sie es war. Genau, es ist nicht absolut
- 12:42sicher, aber diese Spuren deuten darauf hin, dass Fabian
- 12:47möglicherweise noch selbst bis zu diesem Tümpel gelaufen ist.
- 12:50Eine weitere offene Frage betrifft die Rolle der Zeugen,
- 12:53speziell diesen Nachbarn. Olaf K.
- 12:56Wie ordnet das Gericht diese Telefonate ein?
- 12:58Das ist schwierig. Diese Gespräche wirken schon so,
- 13:02als würde man Ausreden absprechen.
- 13:04Das Gericht muss jetzt herausfinden, ist er einfach nur
- 13:07ein loyaler Freund, der einer Frau helfen will, die er für
- 13:11unschuldig hält. Oder ist er ein Mitwisser, der
- 13:13aktiv an der Vertuschung beteiligt ist?
- 13:16Ja, das ist eine der Nuancen, die in den nächsten
- 13:18Verhandlungstagen noch intensiv beleuchtet werden müssen.
- 13:21Lass uns an dieser Stelle mal kurz innehalten und für dich als
- 13:24Hörer die Komplexität dieses. Tages zusammenfassen.
- 13:28Was sind so die wichtigsten Erkenntnisse, die wir heute aus
- 13:30dem Gerichtssaal mitnehmen? Also erstens haben wir die
- 13:33Todesursache. Fabian starb durch massives
- 13:36Inneres Verbluten, durch die 6 Stiche, nicht durch das Feuer.
- 13:39Zweitens der fehlende Ruß in der Lunge beweist, dass der Junge
- 13:43bereits tot war, als der Körper in Brand gesetzt wurde.
- 13:46Drittens das fehlen von Abwehrverletzungen an der
- 13:49intakten Hand. Das ist juristisch wichtig, weil
- 13:51es das Mordmerkmal der Heimtücke stützt.
- 13:54Viertens. Haben wir diese chemische
- 13:56Verbindung der Brandbeschleuniger am Tatort
- 13:58weist eine sehr hohe Übereinstimmung mit dieser
- 14:01halbleeren Flasche Grillanzünder aus dem Haushalt der Angeklagten
- 14:04auf. Und Fünftens vielleicht das
- 14:06wichtigste Puzzleteil, das offenbarte Täterwissen.
- 14:10Die Angeklagte sprach am Telefon unaufgefordert von einem
- 14:14Brandbeschleuniger, bevor dieses Detail überhaupt öffentlich
- 14:17bekannt war. Wenn.
- 14:18Man sich das alles anhört, dieser ganze juristische
- 14:21Mechanismus, dann wird sehr deutlich, wieso ein
- 14:24Indizienprozess eigentlich funktioniert, ja.
- 14:27Es ist wichtig zu verstehen, dass kein einzelner Beweis hier
- 14:30für sich allein reicht, wie da die fehlenden 500 Milliliter
- 14:34Grillanzünder noch eine Fußspur der Kategorie. 4.
- 14:37Nicht einmal das Telefongespräch allein.
- 14:39Richtig. Es geht um die Verzahnung all
- 14:41dieser Elemente, Handydaten, Faserspuren, forensische Chemie
- 14:45und eben dieses Täterwissen. Das Gericht prüft, ob es noch
- 14:48eine andere, lebensnahe Erklärung für all diese Zufälle
- 14:52gibt. Und je mehr Indizien
- 14:54zusammenkommen, desto enger schnürt sich dieses Netz, bis
- 14:57aus Wahrscheinlichkeit juristische Gewissheit wird.
- 15:00Das bedeutet aber auch, dass die Verteidigung jetzt vor einer
- 15:03massiven Aufgabe steht. Die Anwälte Lücker und Ome
- 15:07müssen dieses abgehörte Telefonat über den
- 15:09Brandbeschleuniger irgendwie plausibel erklären, werden die
- 15:13eigene Sachverständige berufen. Das ist gut möglich.
- 15:16Sie werden sicherlich versuchen, alternative Erklärungsansätze
- 15:20für dieses Gespräch zu finden. Wir blicken da sehr gespannt auf
- 15:24die kommenden Tage. Zumal ja auch noch die Aussage
- 15:26des Zeugen Christian D. Ansteht.
- 15:28Das wird von vielen Prozessbeobachtern als ein
- 15:31möglicher Wendepunkt antizipiert und wir warten noch auf ein
- 15:35psychiatrisches Gutachten zur Schuldfähigkeit der Angeklagten.
- 15:38Da kommt also noch einiges an Analyse auf das Gericht zu.
- 15:42Weißt du, ich finde, dieser Fall zeigt einfach exemplarisch, wie
- 15:46extrem fein und methodisch die Arbeit in einem deutschen
- 15:49Rechtsstaat funktioniert. Es werden hier keine
- 15:51vorschnellen Urteile aufgrund von öffentlicher Empörung
- 15:54gefällt. Mhm.
- 15:56Gutachten wird gegen Gutachten abgewogen, Fakten werden
- 16:00geprüft. Und selbst Formfehler wie ein
- 16:02offener Asservatenbeutel fließen in die sachliche Bewertung ein.
- 16:06Es ist wie ein riesiges Puzzle, bei dem jedes Teil für sich
- 16:09isoliert betrachtet vielleicht harmlos wirken mag, ja, und da
- 16:12möchte ich dir als Hörer heute einen Gedanken mit auf den Weg
- 16:15geben. Ab wie vielen passenden
- 16:17Puzzleteilen wird aus Wahrscheinlichkeit eigentlich
- 16:19juristische Gewissheit? Und wie verhält sich eine Person
- 16:22auf der Anklagebank, wenn sie realisiert, dass die methodische
- 16:26Arbeit der Justiz gerade das letzte, entscheidende Teil
- 16:29gelegt hat? Eine sehr intensive Frage, über
- 16:32die man definitiv nachdenken sollte.
- 16:34Wir werden die weiteren Prozesstage für Dich im Auge
- 16:37behalten und die Fakten analysieren.
- 16:39Vielen Dank fürs Zuhören bei Gedankengang und bis zum
- 16:42nächsten Deepdive.