Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 2: Warum ich so klug bin. 9
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- 0:00Etzehomo wie man wird, was man ist.
- 0:03Kapitel 2 warum ich so klug bin Abschnitt 9 Nietzsche beginnt
- 0:12diesen Abschnitt damit, dass er nun endlich die wichtigste Frage
- 0:15beantworten muss. Diese Frage ist der Untertitel
- 0:18seines Buches, wie man wird, was man ist.
- 0:22Er nennt den Vorgang, zu sich selbst zu finden, das
- 0:25Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung.
- 0:28Er verwendet hierfür auch das Wort Selbstsucht.
- 0:31Normalerweise ist Selbstsucht ein negatives Wort für Egoismus,
- 0:36Nietzsche meint damit aber etwas Positives, es ist der Unbewusste
- 0:40und tiefe drang, sein eigenes, wahres inneres Wesen zu schützen
- 0:43und zu entfalten, damit man seine größte Lebensaufgabe
- 0:46erfüllen kann. Er erklärt, dass eine besonders
- 0:49große Aufgabe oder ein gewaltiges Schicksal eine große
- 0:53Gefahr mit sich bringt. Wenn diese Aufgabe weit über das
- 0:56normale Maß hinausgeht, bestünde die größte Gefahr darin, wenn
- 1:00man diese riesige Aufgabe schon früh in seinem Leben erkennen
- 1:03würde. Man könnte von der bloßen Größe
- 1:06dieser Aufgabe erdrückt werden, damit man also wirklich zu der
- 1:09Person heranwachsen kann, die man im tiefsten Inneren ist,
- 1:13darf man absolut keine Ahnung davon haben, was man eigentlich
- 1:16ist oder welches Ziel man hat, aus dieser Sichtweise heraus
- 1:20bekommen selbst die Fehler im Leben einen eigenen Sinn und
- 1:23einen eigenen Wert. Die scheinbaren Umwege, die
- 1:27Phasen der Zurückhaltung und Bescheidenheit und selbst die
- 1:30Zeit und der Ernst, die man auf völlig falsche Aufgaben
- 1:32verschwendet hat, waren wichtig. Es war eine große Klugheit des
- 1:36Unterbewusstseins, sich auf Dinge zu konzentrieren, die
- 1:39eigentlich weit abseits der wahren Lebensaufgabe lagen.
- 1:43Nietzsche verwendet hier den berühmten lateinischen Spruch
- 1:46nosche te ipsum, was auf Deutsch erkenne dich selbst bedeutet.
- 1:51Dieser Spruch wurde in der antiken Philosophie als höchstes
- 1:54Ideal angesehen. Nietzsche behauptet aber genau
- 1:57das Gegenteil, wenn er versucht hätte, sich selbst frühzeitig zu
- 2:01erkennen, wäre das ein Rezept für seinen Untergang gewesen,
- 2:05stattdessen war es für ihn die eigentliche Vernunft, sich
- 2:08selbst zu vergessen, sich selbst falsch zu verstehen, sich
- 2:12kleiner zu machen, als er war und sich in eine
- 2:14durchschnittliche Form zu pressen.
- 2:17Er drückt dies auch in moralischen Begriffen aus.
- 2:20Er sagt, dass die Liebe zum nächsten oder das Leben für
- 2:23andere Menschen eigentlich eine Schutzmaßnahme sein kann.
- 2:27Diese scheinbare Selbstlosigkeit schützt in Wirklichkeit den
- 2:30härtesten und wichtigsten Kern der eigenen Persönlichkeit vor
- 2:33der Außenwelt in diesem besonderen Ausnahmefall stellt
- 2:37sich Nietzsche sogar auf die Seite der selbstlosen Triebe,
- 2:40normalerweise lehnt er diese ab, aber hier erkennt er an, dass
- 2:44sie wie Diener arbeiten, um die eigene Selbstsucht und
- 2:46Selbstsucht zu beschützen. Also den Aufbau des eigenen
- 2:50Starken selbst. Man muss laut Nietzsche das
- 2:53Bewusstsein völlig freihalten von Großen geboten und strengen
- 2:56Lebensregeln. Er bezeichnet das Bewusstsein
- 2:59lediglich als eine oberflächliche Schicht des
- 3:01Geistes. Man muss extrem vorsichtig sein
- 3:04gegenüber großen Wörtern und dramatischen, angeberischen
- 3:08Haltungen, es besteht sonst immer die Gefahr, dass der
- 3:11innere Instinkt zu früh versteht, worum es eigentlich
- 3:14geht. Während das Bewusstsein also
- 3:16ahnungslos gehalten wird. Wächst tief im Verborgenen eine
- 3:19organisierende Idee heran? Diese Idee ist dazu berufen,
- 3:23später die Herrschaft über das Leben zu übernehmen, sie beginnt
- 3:27ganz langsam unbewusste Befehle zu erteilen, sie leitet den
- 3:31Menschen unmerklich von seinen Umwegen und falschen Pfaden
- 3:34zurück auf den richtigen Weg, sie bereitet nach und nach
- 3:38einzelne Fähigkeiten und Stärken vor, die später als Werkzeuge
- 3:41für das große Ganze absolut notwendig sein werden.
- 3:45Sie bildet all diese dienenden Fähigkeiten aus, noch bevor sie
- 3:48auch nur das Geringste über das wahre Ziel, den wahren Zweck
- 3:51oder den eigentlichen Sinn der Lebensaufgabe verrät.
- 3:54Wenn Nietzsche sein eigenes Leben aus diesem Blickwinkel
- 3:57betrachtet, findet er es einfach wundervoll, er spricht dann von
- 4:01seiner großen Lebensaufgabe, der sogenannten Umwertung aller
- 4:05Werte, dies ist ein zentraler Begriff in Nietzsches
- 4:09Philosophie, damit meint er den Prozess.
- 4:12Alle bisherigen moralischen Werte, insbesondere die der
- 4:15christlichen Religion wie Mitleid und Selbstaufgabe,
- 4:17radikal in Frage zu stellen und für ungültig zu erklären.
- 4:21Stattdessen fordert er neue Werte, die das irdische Leben,
- 4:24die Stärke und die Gesundheit bejahen, für diese gewaltige
- 4:29Aufgabe der Umwertung brauchte er wahrscheinlich mehr
- 4:31verschiedene geistige Fähigkeiten als je ein einzelner
- 4:34Mensch in sich vereint hat, vor allem brauchte er Fähigkeiten,
- 4:38die völlig gegensätzlich zueinander sind.
- 4:40Ohne dass sich diese Eigenschaften gegenseitig stören
- 4:43oder gar zerstören. Er brauchte eine klare
- 4:46Rangordnung seiner Talente, er brauchte innere Distanz und die
- 4:50Kunst, Dinge gedanklich voneinander zu trennen, ohne sie
- 4:53zu Feinden zu machen, er durfte nichts vermischen und nichts
- 4:57künstlich miteinander versöhnen, in ihm herrschte eine ungeheure
- 5:01Vielfalt, die aber trotzdem nicht chaotisch war, sondern
- 5:04durch seinen Instinkt perfekt geordnet wurde.
- 5:08Dies alles war die lange verborgene Arbeit seines
- 5:10Instinkts, der Schutz durch seinen Instinkt war so stark,
- 5:14dass er niemals auch nur erahnte, was in ihm heranwuchs.
- 5:18Das führte dazu, dass all seine Fähigkeiten eines Tages völlig
- 5:21ausgereift und in höchster Perfektion ganz plötzlich ans
- 5:25Licht sprangen. Nietzsche betont, dass er sich
- 5:28in seiner Erinnerung nie um etwas mühsam bemüht hat, er
- 5:31sagt, Es gibt in seinem Leben keinen Beweis für ein hartes
- 5:34Ringen oder kämpfen um ein Ziel. Er beschreibt sich selbst als
- 5:38das absolute Gegenteil einer heldenhaften Natur, die sich
- 5:42unter großen Opfern etwas erkämpfen muss.
- 5:44Etwas unbedingt wollen, nach etwas streben, einen bestimmten
- 5:48Zweck oder einen Wunsch im Kopf haben, all das kennt er aus
- 5:52seiner eigenen Erfahrung überhaupt nicht, selbst jetzt,
- 5:55während er dieses Buch schreibt, blickt er auf seine weite
- 5:58Zukunft wie auf ein vollkommen glattes, ruhiges Meer, es gibt
- 6:03dort kein Verlangen, das Wellen schlägt.
- 6:06Er möchte absolut nicht, dass irgendetwas anders wird, als es
- 6:09bereits ist. Er möchte auch sich selbst nicht
- 6:12verändern. Er sagt, er habe immer schon so
- 6:15gelebt, völlig wunschlos. Er ist sehr stolz darauf, dass
- 6:19er nach seinem 44. Lebensjahr sagen kann, dass er
- 6:22sich niemals um Ehrenauszeichnungen um Frauen
- 6:25oder um Geld bemüht hat, er fügt aber sofort hinzu, dass dies
- 6:29nicht bedeutet, dass ihm diese Dinge gefehlt hätten, sie
- 6:31ergaben sich einfach. Als Beweis dafür bringt er
- 6:35Beispiele aus seiner akademischen Laufbahn.
- 6:37Eines Tages wurde er Universitätsprofessor, obwohl er
- 6:41im Entferntesten nicht an so etwas gedacht hatte, er war zu
- 6:44diesem Zeitpunkt kaum 24 Jahre alt, schon 2 Jahre zuvor wurde
- 6:49er offiziell zum Philologen, die Philologie ist die sprach und
- 6:52Literaturwissenschaft, die sich besonders mit der Erforschung
- 6:55und Auslegung alter historischer Texte der Griechen und Römer
- 6:58beschäftigt, er wurde zu einem anerkannten Philologen in dem
- 7:02Moment. Als seine allererste
- 7:03wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht wurde sein
- 7:07damaliger Universitätsprofessor Friedrich-Wilhelm Ritschel
- 7:10verlangte von ihm, diese Arbeit für die Fachzeitschrift mit dem
- 7:13Namen Rheinisches Museum drucken zu lassen.
- 7:16Nietzsche spricht hier mit größter Verehrung von Ritschel
- 7:18und nennt ihn den einzigen genialen Wissenschaftler, den er
- 7:21bis zum heutigen Tag persönlich kennengelernt hat.
- 7:25Nietzsche beschreibt Ritschel als jemanden, der eine angenehme
- 7:28Verdorbenheit besaß. Das ist sehr ironisch und
- 7:31liebevoll gemeint. Er erklärt, dass diese
- 7:34Eigenschaft typisch für Menschen aus dem Bundesland Thüringen sei
- 7:37und dass sie selbst den sonst so steifen Deutschen sympathisch
- 7:40mache. Diese von ihm gelobte
- 7:42Verdorbenheit besteht laut Nietzsche darin, dass man, um
- 7:45zur Wahrheit zu gelangen, sehr gerne Schleichwege und
- 7:48versteckte Pfade benutzt, anstatt den direkten offiziellen
- 7:52Weg zu gehen. Abschließend merkt er an, dass
- 7:55er mit diesen lobenden Worten für seinen Lehrer auch seinen
- 7:58klugen Landsmann Leopold von Ranke.
- 8:00Einen extrem berühmten deutschen Geschichtsforscher keinesfalls
- 8:03abwerten möchte.