Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 220-221
Transcript
- 0:00Unterkapitel 220 das Jenseits in der Kunst in diesem Abschnitt
- 0:06beschäftigt sich Friedrich Nietzsche mit der Verbindung
- 0:09zwischen großer Kunst und religiösem Glauben.
- 0:12Er beginnt mit einem Gedanken, der für ihn selbst schmerzhaft
- 0:15ist. Er sagt, wir müssen uns
- 0:17eingestehen, dass die größten Künstler aller Zeiten ihre
- 0:20beeindruckendsten Werke oft auf Vorstellungen aufgebaut haben,
- 0:24die wir heute als falsch oder unwahr ansehen.
- 0:27Nietzsche meint damit, dass diese Künstler ihre Werke in
- 0:30eine Art himmlische oder göttliche Sphäre gehoben haben.
- 0:34Sie haben ihre Kunst benutzt, um religiöse und philosophische
- 0:37Irrtümer zu verherrlichen, mit Irrtümern meint Nietzsche hier
- 0:41religiöse Ideen, wie Götter den Himmel oder ein Leben nach dem
- 0:45Tod, an, die ein wissenschaftlich denkender
- 0:47Mensch nicht mehr glaubt. Diese Künstler hätten ihre Werke
- 0:51aber niemals so erschaffen können, wenn sie nicht fest an
- 0:53die absolute Wahrheit dieser religiösen Ideen geglaubt
- 0:56hätten. Wenn der Glaube an eine solche
- 0:58absolute Wahrheit schwindet, verliert auch die Kunst an
- 1:02Kraft. Nietzsche verwendet hier das
- 1:04Bild eines Regenbogens, er sagt, Wenn der Glaube an die Religion
- 1:08abnimmt, verblassen die Regenbogenfarben, die sich um
- 1:11die Grenzen unseres menschlichen Wissens und unserer
- 1:13Vorstellungen legen. Das bedeutet, dass die Kunst
- 1:16ihren geheimnisvollen und übernatürlichen Glanz verliert.
- 1:20Nietzsche nennt konkrete Beispiele für diese Art von
- 1:22Kunst, die den Glauben an eine höhere Ordnung voraussetzt.
- 1:26Er erwähnt die göttliche Komödie des Dichters Dante, die Gemälde
- 1:30von Raphael, die Wandmalereien von Michelangelo und die großen
- 1:34gotischen Kirchen, also die Münster.
- 1:37Diese Kunstwerke setzen nicht nur voraus, dass die
- 1:39dargestellten Dinge eine kosmische Bedeutung haben,
- 1:42sondern auch eine metaphysische Bedeutung.
- 1:45Metaphysik ist die Lehre von Dingen, die jenseits unserer
- 1:47Erfahrbaren, natürlichen Welt liegen, wie zum Beispiel Gott
- 1:51oder die Unsterblichkeit der Seele.
- 1:54Nietzsches Schlussfolgerung ist, dass eine solche Kunst nie
- 1:57wieder entstehen kann, wenn der Glaube daran fehlt, da sich die
- 2:00Menschheit weiterentwickelt und Dinge heute anders bewertet,
- 2:04wird diese Art der Kunst zu einer rührenden Sage aus der
- 2:07Vergangenheit, man wird sich daran erinnern, dass es einmal
- 2:11eine solche Kunst und einen solchen festen Glauben der
- 2:13Künstler gegeben hat, aber man wird sie nicht mehr neu
- 2:17erschaffen können, Unterkapitel 221.
- 2:22Die Revolution in der Poesie in diesem Abschnitt spricht
- 2:28Nietzsche über die Entwicklung der Dichtkunst und vergleicht
- 2:30alte, strenge Regeln mit der modernen Freiheit in der Kunst.
- 2:35Er beginnt mit einem Loblied auf den strengen Zwang.
- 2:38Er spricht von den französischen Dramatikern der Vergangenheit.
- 2:41Diese Autoren haben sich selbst sehr strenge Regeln auferlegt,
- 2:45sie mussten sich an die sogenannte Einheit der Handlung
- 2:48des Ortes und der Zeit halten, das bedeutet.
- 2:51Ein Theaterstück durfte nur an einem einzigen Ort spielen,
- 2:54musste in einem kurzen Zeitrahmen ablaufen und durfte
- 2:57nur eine Haupthandlung haben. Auch beim Stil, beim Aufbau der
- 3:01Sätze und bei der Wahl der Worte und Gedanken hielten sie sich an
- 3:05sehr feste Vorgaben. Nietzsche vergleicht diese
- 3:08strenge Schule mit dem Kontrapunkt in der Musik, der
- 3:11Kontrapunkt ist eine Kompositionstechnik, bei der
- 3:14mehrere unabhängige Stimmen nach festen Regeln gleichzeitig
- 3:17erklingen. Genauso vergleicht er es mit der
- 3:20griechischen Redekunst, die ebenfalls feste Figuren und
- 3:23Muster nutzte. Auf den ersten Blick mag es
- 3:26sinnlos wirken, sich selbst solche Fesseln anzulegen, aber
- 3:30Nietzsche erklärt, dass genau dieser Zwang das einzige Mittel
- 3:33ist, um nicht im im Naturalismus stecken zu bleiben.
- 3:37Naturalismus bedeutet hier, dass man die Dinge einfach so
- 3:40darstellt, wie sie in der Natur vorkommen, ohne künstlerische
- 3:43Formung, also roh und ungefiltert.
- 3:48Wer sich zuerst auf das Allerstärkste einschränkt und
- 3:51sich Regeln unterwirft, lernt mit der Zeit, sich auch
- 3:54innerhalb dieser engen Grenzen mit Anmut zu bewegen.
- 3:57Nietzsche beschreibt das mit dem Bild auf schmalen Stegen über
- 4:00schwindelerregende Abgründe zu gehen.
- 4:03Wer das meistert, erreicht die höchste Geschmeidigkeit in der
- 4:06Bewegung. Als Beweis dafür nennt er die
- 4:08Geschichte der Musik, die durch strenge Regeln zu ihrer Größe
- 4:12gefunden hat. Nietzsche kritisiert dann die
- 4:14Entwicklung der modernen Dichtkunst.
- 4:16Er sagt. Hier gab es keine langsame
- 4:18Entwicklung, bei der man sich Schritt für Schritt von den
- 4:21Fesseln befreit hat. Stattdessen gab es einen Bruch.
- 4:24Der deutsche Dichter Lessing hat die strengen französischen
- 4:28Regeln verspottet, er hat stattdessen auf William
- 4:30Shakespeare verwiesen, Shakespeare hielt sich nicht an
- 4:34diese strengen klassischen Regeln, dadurch verloren die
- 4:37Dichter die Geduld und die Ausdauer für die langsame
- 4:39Entwicklung, sie machten einen Sprung zurück in den
- 4:42Naturalismus, also zurück zu den Anfängen der Kunst.
- 4:46Wo noch keine festen Regeln herrschten.
- 4:48Nietzsche nennt das eine Entfesselung, er erwähnt auch
- 4:52Goethe, den großen deutschen Dichter.
- 4:55Goethe versuchte, sich aus diesem formlosen Zustand zu
- 4:57retten, indem er sich immer wieder selbst neue Bindungen und
- 5:01Regeln auferlegte, auf ganz verschiedene Arten, aber selbst
- 5:05ein so begabter Künstler wie Goethe kam dadurch nur zu einem
- 5:08ständigen Experimentieren, der Faden der stetigen
- 5:11Weiterentwicklung war einmal abgerissen.
- 5:13Auch Schiller, ein weiterer großer Dichter, verdankte seine
- 5:16Sicherheit der Tatsache, dass er unbewusst immer noch die
- 5:19Vorbilder der strengen französischen Tragödie verehrte,
- 5:22auch wenn er das vielleicht leugnete und sich von Lessing
- 5:25beeinflussen ließ. Die Franzosen selbst verloren
- 5:28nach dem Dichter Voltaire ihre großen Talente, die die
- 5:31Entwicklung der Tragödie hätten weiterführen können, sie
- 5:34sprangen stattdessen, dem deutschen Vorbild folgend, in
- 5:37eine Art Naturzustand der Kunst zurück und begannen ebenfalls zu
- 5:41experimentieren. Nietzsche bedauert diesen
- 5:43Abbruch der Tradition. Voltaire war für ihn der letzte
- 5:47große Dramatiker, der seine vielseitige Seele durch
- 5:50griechisches Maß zügelte. Er war der letzte, der noch
- 5:53wusste, was künstlerische Disziplin bedeutet.
- 5:57Seitdem herrscht der Modern, der moderne Geist mit seiner Unruhe
- 6:00und seinem Hass auf alle Grenzen, dieser Geist will keine
- 6:04Regeln mehr, weder in der Kunst noch in der Logik.
- 6:08Zwar genießen wir heute die wilde, ursprüngliche Poesie
- 6:10aller Völker. Wir mögen das wunderliche und
- 6:13unregelmäßige, wie wir es bei Shakespeare finden, aber
- 6:17Nietzsche fragt, wie lange noch. Er glaubt, dass diese Flut von
- 6:21formloser Poesie langsam den Boden wegspült, auf dem eine
- 6:24Stille und verborgene Weiterentwicklung der Kunst
- 6:27möglich wäre. Alle Dichter werden zu
- 6:29experimentierenden Nachahmern, das Publikum verlernt es, die
- 6:33künstlerische Leistung zu schätzen, die darin liegt, eine
- 6:36Kraft zu bändigen und zu organisieren.
- 6:39Stattdessen schätzt man nur noch die Kraft an sich, die Farbe an
- 6:42sich oder den bloßen Einfall. Man will die Inspiration
- 6:46isoliert genießen und nicht mehr als Teil eines streng geformten
- 6:49Kunstwerks. Nietzsche schließt diesen
- 6:52Abschnitt mit einem Zitat von Lord Byron, einem englischen
- 6:55Dichter. Byron sagte, dass er und seine
- 6:58Zeitgenossen alle auf einem falschen Weg seien, weil sie
- 7:01einem revolutionären System folgen, das innerlich falsch
- 7:04ist. Byron betrachtete Shakespeare
- 7:07als das schlechteste Vorbild. Obwohl er ihn für den
- 7:09außergewöhnlichsten Dichter hielt.
- 7:12Damit meint er, dass Shakespeare zwar ein Genie war, aber als
- 7:15Vorbild gefährlich ist, weil er dazu verleitet, Form und Regeln
- 7:19zu missachten.