Latest / Augstein & Blome / Ist die CDU eine schlechte Vorabendserie?
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- 0:03Hallo Augstein, hallo Blome. Ich habe jetzt mal eine private Frage.
- 0:06Ich bin nämlich im September auf eine Hochzeit in Südfrankreich eingeladen und
- 0:10Augstein, du bist ja da in der Gegend gerade. Wie sieht es denn da aus?
- 0:14Findet meine Hochzeit in Südfrankreich überhaupt statt? An einem gemütlichen Lagerfeuer.
- 0:18Keine Ahnung, ich bin hier jetzt gerade in Biarritz.
- 0:21Hier brennt es nicht, aber nördlich sind ja ganze Campingplätze evakuiert worden.
- 0:26Spiegel Online, Katastrophenmeldungen, ja wir konnten nur unseren Campingstuhl
- 0:31retten und unser Camper ist mit ausgefahrener Markise losgefahren.
- 0:35Also praktisch der Deutsche am Rand des Nervenzusammenbruchs.
- 0:38Hier, wo wir sind, überhaupt nicht. Aber die Feuer sind schon krass.
- 0:42Also das sollte man jetzt nicht veräppeln. Ich meine, da sind wirklich,
- 0:45glaube ich, weit über 100.000 Leute evakuiert worden und das zum Teil unter
- 0:48sehr hoppladihopp Umständen. Aber jetzt mal eine andere Frage.
- 0:53Ivy, eine Hochzeit in Frankreich. Heiraten da wenigstens Franzosen oder ist
- 0:56das eine von diesen Hochzeiten, die mittlerweile im Ausland stattfinden,
- 1:00weil es irgendwie cool ist, möglichst weit wegzufahren? Letzteres.
- 1:04Also es ist wirklich, und es ist nicht die einzige Auslandshochzeit,
- 1:08die ich jetzt dieses Jahr habe.
- 1:11Familiär nicht wirklich eine Verknüpfung zu Südfrankreich und das ist übrigens
- 1:14so Ecke Marseille, also da sind schon die Feuernäher dran.
- 1:18Die haben da ein Ferienhaus, schon immer, aber wirklich eine persönliche Beziehung,
- 1:23außer da immer Urlaub machen, ist dann nicht da.
- 1:26Entschuldige mal, das reicht doch. Außerdem ist doch total toll Blume,
- 1:29Sie müssen sich doch als alter Konservativer freuen, dass die jungen Leute heiraten,
- 1:32Familien gründen, irgendwie offensichtlich optimistisch in die Zukunft gucken.
- 1:37Ivy, ich gratuliere den Leuten zu ihrer Hochzeit, wünsche dir viel Spaß und bitte dich um das Intro.
- 2:03Lieber Kollege Blobe, herzlich willkommen, lieber Ivy, zu einer neuen Folge
- 2:07unseres kleinen Podcasts. Also, wenn am Atlantik der Pinienwald brennt,
- 2:13kann man ihn wenigstens löschen.
- 2:15Wenn der Campingplatz in Gefahr ist, kann man ihn wenigstens evakuieren.
- 2:19All das geht aber mit den Krisen in Berlin nicht. Oder müssten wir jetzt eigentlich
- 2:23das Kanzleramt evakuieren, Blobe? Was ist da los bei Ihnen in Berlin?
- 2:27Augstein, herzlich willkommen auch Ihnen.
- 2:29Vielleicht erinnern Sie sich, gar nicht so lange her,
- 2:33an dieses Scheidungspapier, Scheidungsstrategiepapier der FDP in der Ampel,
- 2:39wo die sich schon mal intern aufgeschrieben hatten, wie sie vorgehen wollen,
- 2:43um mehr oder minder gezielt und planmäßig die Ampelkoalition in die Luft zu jagen.
- 2:48Und die letzte Etappe, dieser vier, glaube ich, Etappen insgesamt,
- 2:52die dann zum Ziele der Regierungsauflösung, Regierungsbruch führen sollte,
- 2:56diese letzte Etappe hieß offene Feldschlacht.
- 3:00Und da ist die CDU jetzt angelangt, in der offenen Feldschlacht.
- 3:04Denn das Maß an Niggeligkeiten, öffentlich ausgetragener, ich quietsch dir in
- 3:11dein linkes Auge und dann trittst du mir vor mein Schienenbein,
- 3:14dick und doof, wir erinnern uns.
- 3:17Hat jetzt ein Ausmaß erreicht, dass es an die Autorität des Bundeskanzlers und
- 3:21Parteichefs Friedrich Merz geht.
- 3:23Das muss man am Ende dieser ungefähr zehn Tage nach dem Rücktritt,
- 3:2714 Tage nach dem Rücktritt von Jens Spahn einfach mal konstatieren.
- 3:32Einer der am meisten beschädigten Figuren in dieser Phase, am Ende dieser Phase,
- 3:38ist der Bundeskanzler selbst.
- 3:39Ja, beschädigt. Die Zeit hat ihren Titel, ihre Geschichte dazu überschrieben
- 3:44mit Da ist etwas zerbrochen.
- 3:46Das sei ein Zitat aus den CDU-Kreisen. Das Verhältnis zwischen Partei und ihrem
- 3:50Kanzler ist offensichtlich schlecht bis irreparabel.
- 3:54Was ich interessant finde daran, ich meine, wir werden gleich sicher ein bisschen
- 3:58reden über die Ursachen und die Fortgänge und so, aber das ist jetzt in kurzer
- 4:01Zeit der zweite Bundeskanzler,
- 4:05dem es irgendwie entgleitet nach einer langen, langen Zeit der Stabilität,
- 4:10die ich selber für ein Problem halte.
- 4:12Aber politanalytisch ist natürlich schon lustig, also bevor wir uns jetzt mit
- 4:16Merz ins Detail beschäftigen, einmal den Blick von Weitem zu haben.
- 4:20Angela Merkel, die für Stabilität stand, aber wo wir jetzt alle den Preis für
- 4:26ihr Nicht-Tun und ihr Nicht-Handeln zahlen, in vielen, vielen Bereichen Deutschland
- 4:32sozusagen jetzt Schlusslicht.
- 4:34Blieb aber 16 Jahre oder was im Amt.
- 4:36Weil die Leute sie dafür geliebt haben, für das Management des Nichtstuns.
- 4:41Olaf Scholz und Merz in ganz kurzer Zeit in Riesenkrisen geraten,
- 4:46weil sie beide versuchen mussten, irgendwas zu tun und das klappt dann halt nicht.
- 4:50Das finde ich erstmal so von Weitem als Draufsicht irgendwie interessant,
- 4:55aber auch ein bisschen beunruhigend und erschreckend.
- 4:59Ja, ich glaube nur, dass die Parallele zu Merkel nicht funktioniert und darum
- 5:04können wir aus der Zeit auch nicht viel lernen, denn Management des Nichtstuns,
- 5:08wir erinnern uns, Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise,
- 5:14das war ja nicht nichts und nicht nichts tun, auch wenn zu wenig in Autobahnbrücken
- 5:18investiert wurde, sag ich mal.
- 5:21Übrigens wäre 2018 fast wirklich um ein Haar CDU und CSU auseinandergebrochen
- 5:27wegen des Handlings Post-Flüchtlingskrise-Politik in der Migrationsfrage,
- 5:33da wäre sie fast auseinandergeflogen, da habe ich
- 5:35fast das einzige Mal in meinem beruflichen Leben einen Urlaub abbrechen müssen, um zurückzukommen,
- 5:40weil es so aussah, als würde Merkel
- 5:41und Seehofer endgültig jetzt den Bruch vollziehen. Also das gab es schon.
- 5:45Ich glaube der Unterschied oder das Wesensmerkmal jetzt ist,
- 5:51so leid es mir tut, die Qualität des Personals.
- 5:54Vielleicht ist das auch so eine Reminiscenz, früher war alles besser,
- 5:57die Typen waren härter und die Leute klüger, vielleicht stimmt das auch nicht.
- 6:00Aber irgendwie ist das zumindest die Erklärung, die sich mir am ehesten aufdrängt.
- 6:06Das Mimosenhafte, zum Beispiel der von einer Regierungsumbildung Betroffenen,
- 6:13die dann öffentlich sagen, das finde ich aber gemein.
- 6:18Oder aber öffentlich einfach erklären, das ist aber ein ganz schlechter Stil,
- 6:21dass ich hier rausgeschoben werde.
- 6:25Das gab es früher nicht diese Wehleidigkeit von Leuten die eine Bombenkarriere
- 6:29hingelegt haben und jetzt einen ersten Knick erleben,
- 6:34Wissend darum, dass sie die Autorität des Chefs damit beschädigen und der ohnehin
- 6:39ja schon wackelig dasteht.
- 6:41Das ist eine Unprofessionalität, die kannte ich ehrlich gesagt nicht.
- 6:45Aber das ist ja komisch, dass Sie jetzt sagen, die anderen seien unprofessionell.
- 6:49Aber da sind wir dann ja schon mitten in der Krise drin, weil viele Leute sagen,
- 6:54Merz verhalte sich unprofessionell.
- 6:56Es gibt ja das Zitat des Bremer CDU-Chefs, dessen Namen ich schon wieder vergessen
- 7:01habe, den vorher auch niemand kannte, der aber gesagt hat, sie leiten hier eine
- 7:04Partei und kein Unternehmen.
- 7:06Das ist ja interessant. Das zeigt also, dass dieser Mann, ich glaube er ist
- 7:09Strohmann oder so, genau Heiko Strohmann, der denkt, Unternehmen würden so geführt,
- 7:14dass man so von oben nach unten einfach so Hörer aufnimmt, sie sind entlassen,
- 7:19sie sind eingestellt und so.
- 7:20Die Wahrheit ist natürlich, wer heute.
- 7:25Ein Unternehmen so führt, weiß ich nicht, das klappt glaube ich gar nicht mehr
- 7:29so gut, das lässt sich keiner gefallen und produktiv ist das auch nicht.
- 7:32Sondern Unternehmen kommunizieren natürlich wahnsinnig viel nach innen und versuchen
- 7:36Sachen im Voraus zu klären und dann eine gute Sprachregelung nach außen zu finden.
- 7:42All das tut Merz offensichtlich nicht. Er kommuniziert viel zu wenig nach innen.
- 7:46Offensichtlich hat er auch keine guten Berater, offenbar auch keine guten Öffentlichkeitsberater.
- 7:52Es passieren ihm viel zu viele Fehler. Und dass dann die Leute sauer sind und
- 7:56das über WhatsApp teilen, wir leben nun mal im Zeitalter der sozialen Medien,
- 8:01das kann man ihnen eigentlich auch nicht so richtig vorwerfen.
- 8:03Und selbst wenn man es ihnen vorwirft, es ist halt Realität.
- 8:06Damit muss Merz umgehen können und das kann er eben nicht und deshalb kann er
- 8:10es nicht, wie man zu Merkels Zeiten sagte. Sie konnte es, er kann es nicht.
- 8:21Einen erschütternden Mangel an Professionalität im Vergleich,
- 8:24wie gesagt, zu März an den Tag legt, auch an so Laufruhe und Verfahrenssicherheit,
- 8:30da fehlt ihm einfach schlichtweg die Übung, der war halt 20 Jahre aus dem Geschäft.
- 8:34Und dennoch würde ich viel lieber in sein Umfeld gucken, also an die CDU-Landesverbände
- 8:39und die Leute in den Bundestagsfraktionen und so weiter, die jetzt so scharfe Kritik geübt haben.
- 8:43Und sie fragen, ey Leute, ihr wolltet einen, der durchgreift.
- 8:47Ihr wolltet einen, der die Bude führt wie ein Unternehmen, weil ihr glaubt,
- 8:52ein Unternehmen wird straff von oben nach unten geführt.
- 8:56Genau den wollt ihr. Dafür habt ihr ihn gewählt. Dafür ist er zweimal angetreten,
- 8:59zweimal durchgefahren. Und beim dritten Mal habt ihr ihn dann wirklich gewählt.
- 9:02Eure Basis wollte diesen Mann. Jetzt live with it. Also gewöhnt euch dran, der ist wie er ist.
- 9:10Anstatt zu sagen, Moment mal, wir wollten zwar einen anderen,
- 9:12aber jetzt hätten wir doch gerne Angela Merkel zurück.
- 9:14So läuft das einfach nicht. Ich glaube, das Problem der CDU ist die CDU selbst
- 9:17und weniger ihre Spitze. Aber das ist doch Quatsch.
- 9:19Es fängt doch damit an, dass er einen Verkehrsminister ablöst,
- 9:22der zugegebenermaßen nichts tut oder wenig tut.
- 9:25Das war aber bei allen Verkehrsministern vorher auch so.
- 9:27Und ich meine, der wirft seinem Mann das vor, was man ihm auch vorwirft,
- 9:32nämlich, dass er zu wenig Ergebnisse in zu kurzer Zeit bringt.
- 9:37Ja gut, das ist das Problem, da müsste er sich selber entlassen.
- 9:40Denn das Gefühl hat die deutsche Wirtschaft und die ganze deutsche Bevölkerung
- 9:43mit dem Bundeskanzler, das kann er dann dem armen Herrn Schnieder nicht vorwerfen.
- 9:46Erster Punkt. Zweiter Punkt, sein Nachfolgekandidat sagt erst zu und sagt dann ab.
- 9:51Und dann ist aber die ganze Kommunikation schon gelaufen. Und dann stehen da
- 9:55alle und gucken irgendwie bedröppelt aus der Wäsche, weil der Kollege aus Rheinland-Pfalz
- 10:00öffentlich düppiert wurde.
- 10:02Und das hatte man vorher irgendwie auch nicht richtig besprochen.
- 10:05Auch nicht mit seinem Bruder, der der Ministerpräsident ist,
- 10:07bla bla bla. Aber letztlich ist so eine Partei, so eine Partei ist auch nur
- 10:10eine Vorabendserie und er kann das halt nicht steuern.
- 10:13Sie glauben doch nicht, dass das bei Merkel anders war. Die hat einfach wahrscheinlich
- 10:16den ganzen Tag von morgens bis abends telefoniert und SMS geschickt.
- 10:19Das macht er offensichtlich nicht in ausreichendem Maß und seine Leute tun es
- 10:22auch nicht. Witzigerweise hat man Merkel vorgeworfen, dass sie das zu wenig
- 10:25tue im Vergleich zu Helmut Kohl, der das den ganzen halben Tag getan hätte. Ich weiß es nicht genau.
- 10:30Aber da geht es doch schon los. Sie haben es ja gerade aus Versehen selber erzählt.
- 10:34Da ist also der Verkehrsminister Patrick Schnieder entlassen worden.
- 10:38Ob zu Unrecht oder zu Recht, ist, wenn man so will, allein Sache des Bundeskanzlers. Tut mir leid.
- 10:46Und sein Bruder, Gordon Schnieder, immerhin erfolgreicher Wahlkämpfer,
- 10:50der hat nämlich gerade in Rheinland-Pfalz eine Landtagswahl gewonnen.
- 10:54Die machen daraus jetzt so eine Brüder-Vendetta, so eine Familienfehle derer
- 10:58zu Schnieders gegen die bösen Merz-Ultras in Berlin.
- 11:05Also der rausgeworfene Verkehrsminister sagt, das fand ich jetzt aber echt gemeinfriedig.
- 11:11Ich hole jetzt meinen großen Bruder und der wirft dich mit Sand.
- 11:15Und ist das das Niveau, das wir wollen? Ich hätte gerne ein paar Profis im Raum.
- 11:19Oder ich frage mich, gibt es irgendwie noch einen Erwachsenen im Raum?
- 11:22Das ist doch alles Ersin. Und das trägt natürlich zum Eindruck von Überforderung,
- 11:30Unernsthaftigkeit und,
- 11:32wie gesagt, noch einmal mangelnder Professionalität bei, sodass die Leute sich
- 11:36fragen, wenn ihr an sowas schon euch zerribbelt,
- 11:40was passiert denn, wenn wir mal ein richtiges Problem kriegen?
- 11:42Aber das richtige Problem ist doch da. Die CDU liegt irgendwie was bei,
- 11:46keine Ahnung, 21 Prozent, inzwischen abgeschlagen hinter der AfD.
- 11:50Und das, was wir da jetzt erleben, der Unmut sozusagen über das Handling dieser
- 11:54an sich ja nicht besonders wichtigen Kabinettsrohschade, läuft doch nur auf
- 12:00den viel tiefer liegenden Unmut hin, dass die Partei Angst hat,
- 12:03ihr entgleitet die Macht.
- 12:05Ich meine, sie haben sich diesen Kanzler gesucht, weil sie dachten,
- 12:08er werde der CDU und der Partei den Abgeordneten die Macht sichern.
- 12:15Und da kann er halt nicht liefern offensichtlich. Die Macht zerfließt ihnen
- 12:19zwischen den Fingern und das begründet jetzt diese Wut. Und das ist,
- 12:23finde ich ehrlich gesagt, ich meine, es ist halt ein hartes Geschäft und ich
- 12:26bin froh, dass ich kein Politiker bin und so.
- 12:28Aber denen jetzt vorzuwerfen, sie seien irgendwie so Kinder und werfen mit Sand,
- 12:32würde ich sagen, dann unterschätzen sie die Tragweite dessen, was da gerade passiert.
- 12:36Nein, überhaupt nicht. Es ist etwas zerbrochen, schrieb die Zeit.
- 12:43Ich habe ein paar Mal im Fernsehen gesagt, da ist was ins Rutschen geraten und
- 12:46das wird womöglich keiner mehr aufhalten können.
- 12:48Was nicht heißt, dass Friedrich Merz in der Sommerpause abgelöst wird,
- 12:51aber das ist jetzt möglicherweise an einem Kipppunkt gelangt und dahinter geht
- 12:56es leider nur noch mehr oder minder steil oder mehr oder minder schnell bergab.
- 13:00Sehe ich in der Analyse auch so. Es hat ganz stark mit der Basis zu tun.
- 13:05Und das ist der Unterschied in der Analyse zwischen uns beiden oder in der Meinung.
- 13:10Es ist offenkundig die Basis-Pott-Sauer, was übrigens die Landesverbände, die,
- 13:17Regionalverbände und so weiter und deren Chefs, also die mittlere bis gehobene
- 13:22Funktionärsriege der CDU, auch nicht mehr in den Griff kriegt.
- 13:27Denn Jens Spahn ist doch nicht rausgeflogen, weil die Fraktion gesagt hat,
- 13:30oh lieber Fraktionschef Jens Spahn, das geht aber so nicht.
- 13:33Oder weil der Bundeskanzler sofort geahnt hätte, heiliges Kanone,
- 13:36das können wir uns nicht leisten.
- 13:38Sondern, weil die Basis gesagt hat, in einer affenartigen Geschwindigkeit,
- 13:43in einer ungekannten Breite und Brandgeschwindigkeit.
- 13:48Das geht so nicht, das wollen wir nicht. Macht ihn weg da oben.
- 13:51Ja, interessante Beobachtung. Die CDU ist eine konservative Partei. Riesige Überraschung.
- 13:59Offensichtlich große Überraschung für die Führungsfiguren an der Spitze,
- 14:03die das vielleicht selber gar nicht mehr so ernst nehmen.
- 14:05Darüber haben wir ja letzte Woche geredet, wo ich ihnen gesagt habe,
- 14:08die haben das Gefühl für ihre Basis verloren, weil sie vielleicht selber Teil
- 14:13einer irgendwie städtischen, in Wahrheit eben liberalen Elite sind,
- 14:17die sozusagen dieses konservativ pochende Herz des durchschnittlichen CDU-Wählers
- 14:22gar nicht mehr richtig hören.
- 14:24Wie Sie sich denken können, ist mein Mitleid und es hält sich ehrlich gesagt
- 14:29in Grenzen dafür, aber ich beobachte das von der Seitenlinie mit einer gewissen
- 14:34Belustigung, dass die CDU-Führung viel liberaler ist als ihre Basis.
- 14:39Ja, lieber Kollege Augstein, jetzt natürlich die entscheidende Frage,
- 14:43wie geht es mit diesem Kanzler und dieser CDU weiter.
- 14:46Nach der Sommerpause stehen ja riesengroße Reformen an Rentenreformen,
- 14:49Steuerreformen, Arbeitsmarktreformen, alles nicht so super populär.
- 14:55Man könnte sogar sagen, da wird es wieder kniest zwischen den beiden Koalitionspartnern
- 15:00CDU, CSU und SPD geben müssen, weil das einfach große Themen sind, die sind umstritten.
- 15:07Und so hat man so das Gefühl, wie kommt der da jetzt doch jemals wieder raus
- 15:10aus diesem Loch seiner persönlichen Umfragewerte und eben auch die CDU als Partei,
- 15:15die nun wirklich mindestens ein halbes Dutzend Prozentpunkte hinter der AfD liegt.
- 15:23Und ich verrate Ihnen nicht zu viel, da Sie ja in Südfrankreich weilen,
- 15:27bin ich in unserem kleinen Autoformat Gegenverkehr für RTL mit dem Kollegen
- 15:32Wolfram Weimar gefahren, kein Kollege, sondern der Kulturstaatsminister,
- 15:37und der hat dann immer gesagt, doch wartet ab,
- 15:39wir werden die Reformen machen und das wird dann sich irgendwie auch niederschlagen,
- 15:43das Land wird wieder vorankommen, in Schwung kommen und so weiter, die A-Note zählt.
- 15:48Glauben Sie da noch dran? Also glauben Sie noch, Was ich ja eigentlich auch glauben will,
- 15:54dass eine reale Politik, die die realen Verhältnisse tatsächlich dann zum Besseren
- 15:59wendet, auch belohnt wird und dass dieser Kanzler überhaupt noch so eine Belohnung
- 16:04erwarten darf, selbst wenn er es hinkriegt.
- 16:07Nein, das glaube ich natürlich nicht. Ich glaube, dass das Wunschdenken ist
- 16:10von einem alten System, was sich überlebt hat, was von vorgestern ist,
- 16:14wo die Vorstellung von Politik und Demokratie nach Begriffen läuft,
- 16:19die heute gar nicht mehr gelten.
- 16:20Und das Wolfram Weimar, das sagt, wundert mich aus verschiedenen Gründen nicht.
- 16:23Einmal, weil er den Job hat, den er hat und außerdem, weil er der ist,
- 16:26der er ist und das denkt, was er denkt.
- 16:28Ich halte das ehrlich gesagt für, wie soll ich sagen, zu kurz gedacht,
- 16:32zu simpel und auch zu optimistisch. die, was mich...
- 16:37Naja, aber so hat es ja all die Jahre und Jahrzehnte funktioniert, muss man ja schon sagen.
- 16:41Genau, ein Auto fährt so lange, bis es kaputt ist und Sachen funktionieren,
- 16:44bis sie nicht mehr funktionieren und dieses alte System funktioniert nicht mehr,
- 16:48es funktioniert in vielen westlichen Ländern bereits nicht mehr und jetzt ist
- 16:51Deutschland sozusagen auch erreicht,
- 16:54wir haben darüber hier schon ein paar Mal gesprochen, lieber Kollege Blum,
- 16:56mit der Aufstieg der AfD hängt damit unmittelbar zusammen, dass dieses alte
- 17:00politische System, so wie wir es kennen, dabei ist sozusagen sich vor unseren
- 17:04Augen aufzulösen Was ich aber spannend finde, ist.
- 17:08Und Merz ist offensichtlich ein Mann von vorgestern und ist dem überhaupt nicht gewachsen.
- 17:12Ich glaube übrigens, er wäre selbst dem alten Spiel nicht gewachsen, aber das weiß ich nicht.
- 17:16Aber dem neuen Spiel ist er ganz offensichtlich nicht gewachsen,
- 17:18denn sonst würde ihm sein Laden nicht in so kurzer Zeit so derartig auseinanderfliegen.
- 17:23Und was passiert dann? Wer soll das in der CDU übernehmen?
- 17:27Jemand, der zusammen mit den Grünen regiert, soll dann irgendwie in dieser öffentlichen
- 17:32Stimmung eine neue, das ist alles vollkommen unsicher nach vorne.
- 17:37Und also ich muss sagen, ich habe keine Ahnung. Ich finde Prognosen eh unseriös
- 17:42und unsinnig. Außerdem habe ich mich in meinem Leben schon so oft geirrt,
- 17:45wenn ich versucht habe, nach vorne zu gucken.
- 17:47Aber jetzt würde mir nicht mal mehr einfallen, was ich sehe,
- 17:50wenn ich nach vorne gucke. Aber das wäre vielleicht auch ganz okay.
- 17:52Nach vorne ist eben alles offen. Ist auch gut.
- 17:55Naja, so einfach ist es ja nicht. Das ist hier die drittgrößte Volkswirtschaft
- 17:58des Planeten. Und dann zu sagen, wir gucken mal, was wird. Immer drauf an, ganz kurz.
- 18:03Entschuldigung, es ist super wichtig. Ich weiß, das ist jetzt gleich eine Petitesse.
- 18:06Alle sagen immer, die drittgrößte Volkswirtschaft des Planeten und so.
- 18:10Das ist natürlich, wenn sie es nach interessanten anderen Kriterien berechnen,
- 18:15stimmt das einfach nicht.
- 18:16Das ist schon Teil sozusagen der deutschen Selbsttäuschung, über die wir vielleicht
- 18:19auch gleich nochmal reden. Die Deutschen denken immer, wir sind die dritte Volkswirtschaft,
- 18:22ich kann gar nicht gehen, so dicke Beine habe ich und so.
- 18:26Leute, es ist eine Selbsttäuschung. Pro Kopf ist unser Bruttosozialprodukt irgendwie
- 18:30so ferner liefen, nach Kaufkraft sind wir irgendwie auf dem fünften Platz und
- 18:35so. Also man kann sich die Dinge auch schönreden, Blume.
- 18:39Es geht nicht darum, es schön zu reden, das Wachstum ist ja nun denkbar gering
- 18:42auch, sondern es geht darum zu sagen,
- 18:45ein so großer Laden, und zwar unabhängig von der Frage, ob er gerade auf Hochtouren
- 18:50läuft oder mit drei Rädern im Morast steckt, ein so großer Laden,
- 18:54eine so große Karre, die können sie nicht sagen, lass sie doch mal laufen,
- 18:58mal gucken, wohin es geht.
- 18:59Das funktioniert so nicht. Das sollte nicht so funktionieren.
- 19:02Da bin ich ein absoluter konservativer Spießer.
- 19:06Ich wüsste schon ganz gerne, was diesem Land in den nächsten Jahren bevorsteht.
- 19:11Und nur zu sagen, das alte System ist nicht mehr da, dann gucken wir mal, was das Neue bringt.
- 19:16Nee, dazu sind wir zu groß, dazu geht es um zu viel für zu viele Menschen.
- 19:22Und trotzdem, weil sie ja auf Hendrik Wüst angespielt haben,
- 19:24also den CDU-Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, immerhin ein Bundesland
- 19:29mit 15 und mehr Millionen Menschen, also da gibt es auch eine Menge zu regieren,
- 19:34der macht das ja mit den Grünen gar nicht so schlecht und seine Werte sind Kilometer
- 19:40besser als die von Friedrich Merz persönlich und seiner CDU im Vergleich zur
- 19:45Bundes-CDU auch. Das heißt, jemand, der,
- 19:50Noch mehr von vorgestern ist in Ihrem Sinne als Friedrich Merz. Rejussiert da.
- 19:55Was sagt uns das denn? Also das System kann ja noch funktionieren,
- 19:59ist doch offenkundig die Botschaft, man muss es nur richtig bedienen.
- 20:01Und vielleicht ist Friedrich Merz der Falsche, es zu bedienen.
- 20:04Da bin ich mittlerweile langsam aber sicher auch der Meinung,
- 20:07das könnte sein. Dann müsste man aber darüber nachdenken, ihn in der Mitte der
- 20:11Legislaturperiode auszuwechseln und Herrn Wüst einzuwechseln.
- 20:16Ja, Blum, ich weiß nicht, also ehrlich gesagt, so wie im Moment die Stimmung
- 20:20im Land ist, wäre wahrscheinlich Dobrindt die bessere Wahl, also der Innenminister,
- 20:24der jetzt nach diesem wirklich schrecklichen, traurigen Anschlag auf den
- 20:28CSD oder an dem Rand des CSDs in Berlin ja sehr, sehr schnell reagiert hat,
- 20:32auf eine Art und Weise, wie man es sich als konservativer Wähler ja gar nicht
- 20:36schneller vorstellen kann.
- 20:38Der hat genau eben nicht den Fehler gemacht, zu denken, wir warten mal ab und
- 20:42gucken mal und so, sondern gleich gesagt, hier Riesenkrise, reiße ich alles an mich und so.
- 20:46Also so ein in der Wolle gewirkter CDU-Wähler, dessen Herz langsam immer mehr
- 20:50schlägt wie in den 80er Jahren oder so ein AfD-Deutschnationaler,
- 20:54der müsste sich doch in den Händen von Dobrindt viel, viel besser fühlen.
- 20:57Auf jeden Fall besser als in den
- 20:58Händen von so einem linksgrün versifften Softie-CDU-Typ wie Wüst aus NRW.
- 21:05So stelle ich mir das vor, aus meiner linken Ecke heraus betrachtet.
- 21:10Ich glaube, sie sind so weit in ihre linke Ecke gekommen und haben vor allem
- 21:13den Blick an die Wand derselben gerichtet und sind jetzt als Beobachter der
- 21:18Mitte der Republik jetzt vielleicht auch nicht mehr so tauglich.
- 21:22Wie gesagt, setzen Sie mal das Fernglas auf, schauen Sie sich nochmal in Ruhe die Lage an.
- 21:25Der Mann Dobrindt, Alexander Dobrindt, der Innenminister ist von der CSU und
- 21:29ich glaube jetzt nicht, dass die CDU einen CSU-Politiker als Kanzler einwechselt. I don't believe it.
- 21:36Außerdem würde sich vorher der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef,
- 21:42zumindest noch Chef, Markus Söder die Pulseilen aufmachen, wenn jemand an ihm
- 21:46vorbei aus der CSU-Kanzlei wurde, was er doch so gerne geworden wäre und vielleicht auch,
- 21:51hätte werden können, wenn es nicht ein bisschen anders gekommen ist.
- 21:54Dann lassen Sie uns aber doch nochmal über den CSD und diesen Anschlag etwas
- 22:01näher reden und ein paar mehr Details aufrufen.
- 22:06Zum Beispiel eben die Frage, warum der Attentäter, 20 oder 21 Jahre alt,
- 22:13nachweislich Islamist, mindestens mal gewesen.
- 22:20In einem Strafverfahren vor dem Amtsgericht in Berlin dann eine Bewährungsstrafe
- 22:28bekommt, dafür, dass er dem islamischen Staat beitreten wollte und für ihn kämpfen wollte.
- 22:35Kriegt er also eine Bewährungsstrafe und dann kommt er auf freien Fuß und unmittelbar
- 22:40darauf unternimmt er diesen Anschlag.
- 22:45Ich finde, man muss ungeheuer vorsichtig sein mit Richterschelte,
- 22:48weil das ist ein absolutes Wesensmerkmal von Autokratien, die Richter und damit
- 22:54die Justiz als Gewalt in gewaltengeteilten demokratischen Staat kaputt zu machen.
- 23:00Aber in diesem Fall müssen wir uns jetzt doch langsam fragen,
- 23:02ob irgendwas schief läuft, wenn,
- 23:08zu oft am unteren Ende des strafrechtlich Möglichen solche Menschen abgeurteilt
- 23:14werden, anstatt regelhaft ans obere Ende des Möglichen zu gehen.
- 23:20Oder darf man das nicht fragen? Blume, fragen können Sie natürlich,
- 23:22was Sie wollen. Ich weiß nicht, ob Ihnen dann die Antworten gefallen.
- 23:25Ich habe das natürlich auch verfolgt.
- 23:28Das Interessante an diesem Fall ist ja, dass dieser Mann ja von den Sicherheitsbehörden
- 23:33oder Polizei, Inlandsgeheimdienst, keine Ahnung, LKA, ja durchaus kontrolliert
- 23:39und überwacht wurde, selbst noch am Tag des Anschlags.
- 23:43Also hier kann man ja nicht sagen, dass einer irgendwie durch einen Rost oder
- 23:46durchs Gitter gefallen ist und man hat ihn jetzt halt nicht die ganze Zeit irgendwie
- 23:51so fixiert, sondern er hat sich frei bewegt und hat dann diesen Anschlag verübt.
- 23:56Das ist traurig und tragisch. Ich glaube, die sogenannten Sicherheitsbehörden
- 23:59haben sich in dem Fall hier nichts vorzuwerfen.
- 24:01Und das Gericht hat ihn rausgelassen.
- 24:04Auch das habe ich gründlich gelesen. Das Gericht hat alles richtig gemacht und
- 24:09trotzdem ist das Ergebnis furchtbar.
- 24:12Es gibt hier keine Verfahrensfehler, jedenfalls keine, von denen ich bisher
- 24:15erfahren habe, keine prozeduralen Sachen, die irgendwie,
- 24:19so, sondern die Einschätzung hat sich total gehalten an das,
- 24:24was üblich ist im Moment hier in diesem Land im Umgang mit Straftätern in diesem
- 24:30Alter oder sagen wir mal auch in Berlin üblich ist.
- 24:34Jetzt müssen wir dann vielleicht darüber reden, ob etwas anderes künftig üblich sein sollte.
- 24:39Aber Augstein, Sie haben das jetzt üblich und von wegen, das musste ja genau
- 24:45so zu diesem Urteil kommen, das bestreite ich.
- 24:49Also in Rede stand ja eine schwere, staatsgefährdende Straftat.
- 24:55Das ist nämlich der Versuch, sich dem IS anzuschließen, also dem islamischen
- 24:59Staat und irgendwie Leuten den Kopf abzuschlagen.
- 25:01Danach stand dem jungen Mann offenkundig der Sinn und der steht dann vor einem
- 25:05deutschen Richter, weil er nämlich im Libanon festgenommen worden ist und dann
- 25:09zurückgeschoben, ausgeliefert wurde an Deutschland.
- 25:12Dann saß er hier mehrere Monate in U-Haft und dann war die Frage,
- 25:15was kriegst du jetzt für diese Straftat, die ja vor nicht allzu langer Zeit,
- 25:19also ich glaube zehn Jahren erst, ins Strafrecht eingeführt worden ist,
- 25:23um genau diese Leute habhaft zu werden.
- 25:27Und die Antwort lautet, eine Bewährungsstrafe. Staatsanwalt hatte eine dreijährige Haftstrafe verlangt.
- 25:34Gut, manchmal geht das halt auseinander. Aber es ist wirklich nicht so,
- 25:38dass es automatisch und unausweichlich und überhaupt alternativlos auf eine
- 25:42Bewährungsstrafe dieser Höhe hinauslaufen musste.
- 25:46Und es ist noch nicht mal unausweichlich gewesen, es nach Jugendstrafrecht zu
- 25:51behandeln oder verhandeln.
- 25:54Als hätte der Richter die Richter anders machen können.
- 25:59Sie haben es aber nicht anders gemacht, weil tatsächlich die Regel ist,
- 26:03mit möglichst viel Resozialisierungsgedanken in so ein Verfahren zu gehen.
- 26:11Also im Zweifelsfall dafür zu optieren, naja, wir geben dem nochmal eine Chance.
- 26:15Das ist jetzt in meinen Worten zu sagen.
- 26:18Und womöglich ist das der Fehler. Womöglich ist das genau der Fehler.
- 26:22Zumindest bei dieser Klientel.
- 26:25Dann müsste sich das Mindset ändern. Ja, aber da bin ich ehrlich gesagt Ihrer
- 26:29Meinung. Da gibt es jetzt hier zwischen uns beiden gar keinen Dissens.
- 26:32Das Entscheidende ist natürlich, dass das Jugendstrafrecht setzt eben auf Resozialisierung
- 26:37und auf Erziehung und Besserung und nicht auf Abschreckung durch Strafe, Haft oder sowas.
- 26:44Weil man herausbekommen hat, dass die Haft die Leute nicht besser,
- 26:46sondern schlechter macht.
- 26:48Und weil es auf Dauer man sich dadurch nur noch richtige echte Berufskriminelle erzieht.
- 26:53Das ist der Grund, warum man junge Leute nicht in den Knast steckt und das nur
- 26:56nochmal zur Erinnerung. Das macht man nicht aus Menschenfreundlichkeit oder
- 26:59so, sondern weil es für die Gesellschaft besser und klüger ist, so damit umzugehen.
- 27:04Punkt Absatz. Und dann gibt es aber eben leider auch Leute, bei denen das offensichtlich
- 27:09schon zu spät ist und man das vielleicht früher hätte machen müssen mit der
- 27:12Erziehung und der sanften Einwirkung.
- 27:15Die müssen dann vielleicht tatsächlich aus Sicherungsgründen in Haft genommen
- 27:19werden. Also der Sicherungsaspekt der Gesellschaft steht dann vielleicht im Vordergrund.
- 27:24Es kann wie gesagt sein, dass die Richter dort das Mindset ändern müssen.
- 27:27Ich fürchte aber, lieber Blume,
- 27:29wir beide führen hier eine liberale Locken-auf-der-Glatze-Dreh-Debatte.
- 27:35Die Wahrheit wird natürlich ganz anders sein. Die Wahrheit ist natürlich,
- 27:38und deshalb jetzt nochmal zu Herrn Dobrindt zurück, wird natürlich ganz anders geführt.
- 27:43Der hat nicht gesagt irgendwie, ich finde die Richter müssen ihr Mindset ändern.
- 27:47Dobrindt als CDU Innenminister, sondern er hat gesagt, Fußfessel für Gefährder,
- 27:52Präventivhaft, keine Ahnung, der hat gleich die ganz großen Keulen rausgeholt
- 27:58und da wird mir natürlich Angst und Bange.
- 28:00Ich meine, mal zur Erinnerung, das wissen die meisten Leute wahrscheinlich gar nicht so aus dem FF.
- 28:05Es gibt das Instrument der Präventivhaft in der Bundesrepublik Deutschland schon,
- 28:09auf Landesebene ist das geregelt, in Berlin maximal zwei Tage, in Bayern zwei,
- 28:16Monate, das heißt sie können in Bayern eingelocht werden, ohne dass sie irgendetwas
- 28:20gemacht haben, weil die Polizei denkt, falsch.
- 28:24Kann sein, dass der morgen etwas macht. Naja, come on, also die Klimakleber,
- 28:28die man da eingelocht hat, was hatten die vorher gemacht? Die haben Klimakleberei
- 28:32gemacht, irgendwie schwere Straftaten, also alles klar.
- 28:35Sie sehen, wohin das führt. Zwei Monate in Knast, ohne Prozess,
- 28:38ohne alles. Dann nähern wir uns dann schon türkischen Verhältnissen in Bayern.
- 28:43Grüße gehen nach Bayern und an Herrn Dobrindt.
- 28:48Naja, das stimmt jetzt wirklich an mehreren Punkten gleich nicht mehr in der Darstellung.
- 28:54Was immer man von Präventivhaft hält, natürlich läuft es einem kalt den Rücken
- 28:57runter und man denkt an die Jahre 1933 fortfolgende, wenn allein das Wort fällt.
- 29:06Aber nur zum Verklaren, da geht es um Leute, die haben mehrfach eine Straftat
- 29:10begangen, sind mehrfach für diese Straftat belangt worden.
- 29:15Und ich erinnere mich noch an eine Reportage über eine Klimakleberin,
- 29:19glaube ich, die dann vom Gericht gefragt wurde in Bayern, wollen sie das nochmal machen?
- 29:24Wenn wir sie jetzt, sie kriegen jetzt hier, ich weiß nicht was,
- 29:28Tagessätze, also werden noch einmal verurteilt, wollen sie das wieder machen?
- 29:32Und dann sagte die Frau, oder der Klimakleber, Klimakleberin,
- 29:35ja, mache ich sofort wieder.
- 29:37Dann sagte der Richter, Achtung, ich frage sie das jetzt gleich noch einmal
- 29:40und sage ihnen aber, wenn sie dann wieder mit Ja antworten, muss ich sie in Präventivhaft nehmen.
- 29:45Also, stellte er die Frage nochmal.
- 29:50Klimakleber, Kleberin, sagte, doch, in jedem Fall, ich gehe raus und klebe mich sofort wieder an.
- 29:54Dann sagte der Richter, Moment mal, ich stelle es jetzt ein allerletztes Mal.
- 29:57Blume, ja, wir haben die Pointe verstanden. Von hier. Oh, Blume.
- 30:01Wissen Sie was? Das ist so, wie jemand einen Witz erzählt und dann kommt er
- 30:04immer nicht zur Ponte. Aber weiß jemand schon, was die Ponte ist.
- 30:06Sie wollen sagen, selber schuld. Die Leute, die in Präventivhaft kommen,
- 30:10die haben sich das selber zuzuschreiben. Naja gut, so ist es halt und so.
- 30:13Letztlich der IS-Typ auch selber schuld und so.
- 30:15Das Problem bei der Präventivhaft ist nur, wenn dann die AfD den Innenminister
- 30:21stellt, dann kommen auch Leute wie Sie und ich in Präventivhaft und zwar Rucki,
- 30:25Zucki. Vielleicht Sie sogar noch länger als ich.
- 30:27Das sollte Ihnen schon auch klar sein. Das sollte auch Herr Dobrindt klar sein.
- 30:30Wer so ein Mittel, wer diese Pandora-Büchse öffnet, viel Späßchen damit dann,
- 30:36was dann die Kollegen vom rechten Rand später damit machen.
- 30:38Richtig. Was die Kollegen vom Rechtsaußenrand und jenseits desselben machen
- 30:42würden, entzieht sich sowieso der Gesetzgebung. Das heißt, dass sie dann Schindluder
- 30:46mit einem bestehenden Gesetz machen, das würde ich gar nicht mal glauben.
- 30:49Die machen dann ein neues und damit machen sie dann Schindluder.
- 30:52Worauf der Innenminister, Bundesinnenminister hinaus wollte,
- 30:55war die Vereinheitlichung.
- 30:57Der Präventivhaft, genauso wie Sie es beschrieben haben, zwei Tage hier,
- 31:01zwei Monate dort. Ich finde zwei Monate echt zu lang.
- 31:04Zwei Tage finde ich dann möglicherweise zu kurz. Was finden Sie denn?
- 31:07Noch einmal. Komm, erzähl mal, Blume, wie lange möchten Sie denn so Leute,
- 31:10die Ihnen nicht passen, wegstecken? Zwei Wochen? Ja, zwei Wochen Einzelhaft.
- 31:13Zwei Wochen, wo dann der Kollege aufpassen muss, wenn er sich in der Dusche
- 31:18nach der Seife bückt. Sie haben doch einen Knall. Das sind jetzt Ihre Bestrafungsfantasien,
- 31:22die dann mit Ihnen durchgehen. Sie sind der kleine Dobrin.
- 31:28Naja, ich könnte jetzt polemisch zurückfragen.
- 31:33Was wäre jetzt so schlimm gewesen, den Abdul Balut nicht zu einer Bewährungsstrafe,
- 31:42sondern zu einer Haftstrafe zu verurteilen? Womöglich zu einer Präventivhaftstrafe.
- 31:47Vielleicht hätten wir dann den Anschlag nicht erlebt. Mit Sicherheit hätten
- 31:50wir den Anschlag dann nicht erlebt.
- 31:51Und ich weiß, dass das eine sehr polemische Frage ist, aber sie ist nicht einmal
- 31:55halb so polemisch wie das, was Sie hier gerade abgezogen haben.
- 31:57Sie ist überhaupt nicht polemisch. Sie haben vollkommen recht.
- 31:58Ein kleiner Blick in die Zukunft hätte genügt, um herauszufinden,
- 32:02dass man diesen Mann besser in Präventivhaft hätte nehmen müssen. Sie haben völlig recht.
- 32:05Schade, dass die Richter diesen kleinen Blick in die Zukunft nicht getan haben.
- 32:10Nächstes Mal einfach kurz in
- 32:11die Zukunft. Vielleicht hätte auch ein langer Blick in die Vergangenheit
- 32:14des 20-, 21-Jährigen auch schon geholfen, der offenkundig schon in der Grundschule
- 32:19als Systemsprenger auffällig geworden ist, dessen Eltern sich dann aber jeder
- 32:23staatlichen Fürsorge, sozialstaatlichen Eingriffs entzogen haben,
- 32:27weil sie einfach keinen Bock darauf hatten.
- 32:28Ich nehme stark an, sollten sie von sozialstaatlichen Zuwendungen abgehängt
- 32:33haben, dass sie die dann doch genommen haben.
- 32:35Aber das ist nur meine private Meinung, mein Blick in eine mögliche Vergangenheit dieses Mannes.
- 32:41Das wird sich sicherlich alles noch einmal stärker erhellen.
- 32:44Wir kommen nur vom Thema ab. Die Frage war doch.
- 32:49Braucht es härteren Vollzug dessen, was schon möglich ist?
- 32:54Oder braucht es diese reflexhafte Diskussion um irgendwelche Gesetzesverschärfungen
- 33:00von Präventivhaft Vereinheitlichen bis hin eben,
- 33:04zum regelhaften Aburteilen von solchen Straftaten nach Erwachsenenstrafrecht?
- 33:11Und dann wäre der Abdul Balut direkt in den Bau gegangen, dann wäre er dort geblieben.
- 33:17Ich finde vor allem unbefriedigend, dass es rein um eine Sicherheitsdebatte
- 33:21geht und eben nicht darum, dass es strukturelle Queerfeindlichkeit gibt und,
- 33:25mangelnde Räume für Selbstorganisation besteht und dass daran nicht gearbeitet
- 33:30wird und auch von unserer Regierung, die sich jetzt hinstellt und sagt,
- 33:34ja, hier auch nochmal ernste Worte an die queere Community, meine Damen und Herren.
- 33:39Und du denkst dir schon als Teil der queeren Community, ja, super,
- 33:42gleich schon ins Fettnäpfchen getreten.
- 33:45Hört auf, Programme für Jugendliche zu streichen. Hier in Hamburg gibt es eine
- 33:50Anlaufstelle für Trans-Suchterkranke, die nicht mehr weitermachen kann,
- 33:54weil keine Förderung da ist und so. Also das ist auch Teil dieses Problems.
- 34:00Ivy, das ist gut, dass du das sagst, weil du davon mehr verstehst als wir.
- 34:05Ich hatte allerdings schon das Gefühl, dass die Kinder,
- 34:08Die grundsätzliche Sympathie für den Anschlag, für das Umfeld,
- 34:13für die Opfer sowieso, aber auch für die Welt, die da betroffen ist,
- 34:17sehr, sehr groß ist. Und die sofortige Reaktion war ja, das ist ein Angriff
- 34:21auf die gesamte Gesellschaft.
- 34:23Ich glaube, anders kann man das auch gar nicht sehen. Aber eine Sache,
- 34:26die du eben in einem Nebensatz gesagt hast, dass dann irgendwo.
- 34:30Gelder gestrichen werden für irgendwas und dadurch Strukturen wegfallen oder
- 34:35Leute nicht mehr aufgefangen sind oder sich gefährdet fühlen,
- 34:38das führt natürlich in die zentrale Richtung, über die würde ich eigentlich auch gerne reden.
- 34:44Ich weiß nicht, ob wir jetzt dafür Zeit haben. Ich glaube ja,
- 34:47die Großdebatte ist doch hier, wie ist es mit dem Sicherheitsgefühl der Gesamtgesellschaft
- 34:51angesichts solcher Bedrohungen, der Gesamtgesellschaft als solcher,
- 34:55aber auch der queeren Community. Also wie fühlen sich die Leute überhaupt?
- 34:58Und das Sicherheitsgefühl wird doch nicht nur und in erster Linie durch solche
- 35:02Anschläge gefährdet oder durch irgendwelche verrückten Islamisten,
- 35:05sondern ehrlich gesagt durch den großen,
- 35:07Abbau und den Rückzug des Staates aus der Fläche, weil der Staat viele Sachen
- 35:11nicht mehr bezahlen will, weil er sein Geld lieber für andere Sachen ausgibt.
- 35:15Das bedroht doch die Sicherheit der Leute in Wahrheit, auch tiefenpsychologisch
- 35:19sozusagen viel, viel mehr als einen Anschlag, weil sie das halt jeden Tag merken
- 35:25selber, würde ich so einschätzen.
- 35:27Ich finde man kann, lieber Augstein, lieber Ivy, über beides was ihr da aufgerufen
- 35:33habt diskutieren, aber ich finde es ist nicht der geeignete Zeitpunkt, es ist nicht dran.
- 35:39Dran ist die Frage, welche Antwort geben wir auf so einen islamistischen Anschlag,
- 35:46politisch, gesellschaftlich.
- 35:48Und das fängt halt mit dem Befund an und solange wir uns über den nicht richtig einig werden können,
- 35:53haben wir ein echtes Problem und mein Beispiel dafür ist die Partei Die Linke,
- 35:57die hier mit einem relativ prominenten Politiker in der Stadt,
- 36:01zunächst gesagt hatte, ja also diesen Anschlag muss man auf Konservative und
- 36:06Recht oder Rechtsaußen zurückführen, ihnen die Verantwortung dafür geben und
- 36:11dann gab es natürlich einen Aufschrei.
- 36:13Und er wurde, beziehungsweise seine Partei nochmal nachgefragt,
- 36:16meint ihr das wirklich? Das war doch ein Islamist.
- 36:18Und dann kam als Antwort zurück, ja das haben wir mit gemeint.
- 36:20Konservativ, das ist doch Islamist. Also alles was böse ist auf diesem Planeten,
- 36:23nennen die halt konservativ. Ja von mir aus.
- 36:25Aber das führt oder zeigt mir, dass wir beim Befund, auf dem wir nachher all
- 36:31unsere Schlussfolgerungen und Ableitungen und Wege nach vorn suchen müssen,
- 36:36noch nicht einmal da an diesem Punkt eine Einigung haben, eine Einheitlichkeit haben.
- 36:44Und das immerhin von einer Partei, die keine Splitterpartei in dieser Stadt
- 36:47ist, sondern alle Chancen hat, die nächste regierende Bürgermeisterin in dieser Stadt zu stellen.
- 36:52Und da wird Mitte gesagt Angst und Bange. Und das macht mir mehr Sorge,
- 36:55um den Kreis jetzt zu schließen, als die Kürzung an einem konkreten Projekt
- 36:59in Hamburg. Okay, Entschuldigung.
- 37:03Das ist echt lustig, Blume, weil.
- 37:07Da sind Sie jetzt echt in eine Definitions- und Begriffsfalle gefallen.
- 37:12Oder Herr Pantisano hat sich falsch ausgedrückt. Also Alfonso Pantisano ist
- 37:16der Berliner Queer-Beauftragte.
- 37:18Das heißt, er redet sozusagen für seine Leute im Namen seiner Leute,
- 37:22die da unmittelbar betroffen sind.
- 37:24Und was er natürlich meinte, und das können Sie jetzt missverstehen,
- 37:29wenn Sie das wollen, er meinte natürlich mit konservativ jetzt nicht Friedrich Merz,
- 37:35oder Sie, den Kollegen Blome, der sich immer gern als konservativ,
- 37:38sondern er meint natürlich ein im Prinzip faschistoides, rechtes,
- 37:42gewaltverliebtes, patriarchalisches Männerpolitik und Weltbild,
- 37:46was ja die Islamisten tatsächlich mit den Rechtsextremen oder,
- 37:50Oder mit ultraorthodoxen religiösen Gruppen anderer Couleur teilen.
- 37:55Diese Art von Mindset ist natürlich komplett identisch. Und das,
- 37:58nein, sorry, das meinte er halt.
- 38:01Naja, das ist halt so. Worauf er sozusagen hinaus will ist, dass der Islamist
- 38:04ist im Prinzip ein Faschist und muss ganz genauso behandelt werden von den Sicherheitsbehörden.
- 38:10Ich glaube nicht, dass sie da irgendwas dagegen haben könnten.
- 38:15Also, wie gesagt, schöne lange Rede, August Stein, jetzt haben wir uns alle
- 38:19dreimal im Kreis gedreht.
- 38:20Es gab zwei Möglichkeiten für den Herrn und seine Partei, die Sache beim Namen zu nennen.
- 38:27Man konnte sie konservativ nennen oder man konnte sagen Islamist.
- 38:31Die haben sich entschieden, konservativ zu sagen.
- 38:34Und jetzt wollen Sie mir erklären, das ist vollkommen okay, weil die Begriffe
- 38:37sind gleich, man muss nur lange noch darüber nachdenken. Ist es das,
- 38:40was Sie mir sagen wollen?
- 38:41Ach Blume, wissen Sie was, ich habe jetzt keine Lust mehr. Ich gehe jetzt hier
- 38:44schön an den Strand in Biarritz.
- 38:46Faschist, Islamist, du bist Buddhist. Ich sage Tschüss bis nächste Woche. Tschüss, Tschüss.
- 38:52Das ist genau richtig. Sie haben recht. Tschüss. Gehen Sie, gehen Sie Ihren Grollen mit.