Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 337-340
Transcript
- 0:00Unterkapitel 337 die zukünftige Menschlichkeit Nietzsche blickt
- 0:07hier aus der Perspektive einer fernen Zukunft auf den heutigen
- 0:10Menschen und findet an ihm etwas besonders merkwürdiges, seine
- 0:14einzigartige Tugend und Krankheit, die er der
- 0:17historische Sinn nennt. Was ist dieser historische Sinn?
- 0:22Es ist für Nietzsche der Beginn von etwas völlig neuem in der
- 0:24Geschichte, wenn man diesem Keim einige Jahrhunderte Zeit gibt.
- 0:29Könnte daraus eine wundervolle Pflanze mit einem wunderbaren
- 0:31Duft wachsen, die unsere Erde angenehmer zu bewohnen macht?
- 0:35Wir heutigen, so sagt er, beginnen gerade erst die
- 0:38Kettenglieder eines zukünftigen mächtigen Gefühls zu schmieden,
- 0:42ohne genau zu wissen, was wir tun, dieses neue Gefühl, der
- 0:46historische Sinn, fühlt sich zunächst arm und kalt an, viele
- 0:50Menschen empfinden ihn wie einen Frost, der sie noch ärmer und
- 0:53kälter macht, für andere ist er ein Zeichen des Alters.
- 0:57Sie sehen unseren Planeten als einen schwermütigen Kranken, der
- 1:00seine Jugendgeschichte aufschreibt, um die Gegenwart zu
- 1:02vergessen. Nietzsche erklärt dann, was
- 1:05dieser historische Sinn in seiner vollendeten Form wäre, es
- 1:09ist die Fähigkeit, die gesamte Geschichte der Menschheit als
- 1:12die eigene persönliche Geschichte zu fühlen, wer das
- 1:16kann, empfindet den Gram des Kranken, der an die Gesundheit
- 1:19denkt, des Greises, der an seine Jugend träumt, des Liebenden,
- 1:23der seine Geliebte verloren hat. Des Märtyrers, dessen Ideal
- 1:27zerbrochen ist, und des Helden nach einer verlorenen Schlacht.
- 1:31All diesen unermesslichen Schmerz in sich tragen zu können
- 1:34und dennoch ein Held zu sein, der am Morgen eines neuen
- 1:37Schlachttages die Morgenröte und sein Glück begrüßt, das ist die
- 1:42Vision, die Nietzsche beschreibt.
- 1:45Ein solcher Mensch wäre der Erbe allen vergangenen Geistes, der
- 1:48edelste aller edlen und zugleich der Vorreiter eines neuen Adels.
- 1:54Alles in einer Seele zu vereinen, das Älteste, das
- 1:57neueste, Verluste, Hoffnungen, Siege und alles in ein einziges
- 2:02Gefühl zusammenzudrängen das müsste ein Glück hervorbringen,
- 2:05das der Mensch bisher nicht kannte.
- 2:08Ein göttliches Glück voller Macht und liebevoller Tränen und
- 2:12lachen, dieses göttliche Gefühl, so schließt Nietzsche, würde
- 2:16dann Menschlichkeit heißen. Es ist also eine Vision einer
- 2:20zukünftigen, höheren Form von Menschlichkeit, die aus dem
- 2:23tiefen Verständnis und der Einfühlung in die gesamte
- 2:26menschliche Geschichte erwächst. Unterkapitel 338 der Wille zum
- 2:32Leiden und die Mitleidigen in diesem Abschnitt beschäftigt
- 2:38sich Nietzsche kritisch mit dem Konzept des Mitleids.
- 2:41Er stellt die Frage, ob es für uns selbst oder für die
- 2:43leidenden Menschen wirklich gut ist, wenn wir mitleidig sind.
- 2:47Nietzsche argumentiert, dass Mitleid das Leiden eines anderen
- 2:50Menschen oft verflacht und vereinfacht.
- 2:53Wenn wir jemanden leiden sehen, verstehen wir selten die tiefere
- 2:56persönliche Bedeutung dieses Leidens, wir sehen nur den
- 3:00äußeren Schmerz, aber nicht die komplexen inneren Zusammenhänge.
- 3:03Die gesamte Ökonomie der Seele, wie Nietzsche es nennt.
- 3:07Ein Unglück kann für einen Menschen auch eine Notwendigkeit
- 3:10sein, eine Chance zu wachsen, alte Wunden zu heilen oder neue
- 3:14Kraftquellen zu entdecken. Der Mitleidige, so Nietzsche,
- 3:18ignoriert all das. Er will nur schnell helfen und
- 3:21den Schmerz beseitigen, ohne zu verstehen, dass Schrecken,
- 3:24Entbehrungen und Wagnisse genauso zum Leben gehören wie
- 3:28ihr Gegenteil. Nietzsche nennt das Mitleid,
- 3:31daher eine Religion der Behaglichkeit wer dieser
- 3:34Religion folgt, empfindet Leid als etwas grundsätzlich böses,
- 3:38hässliches und Zerstörerisches, das um jeden Preis vermieden
- 3:42werden muss. Solche Menschen, argumentiert
- 3:45Nietzsche. Verstehen nichts vom wahren
- 3:47Glück des Menschen, denn Glück und Unglück sind wie
- 3:50Geschwister, die entweder zusammenwachsen oder zusammen
- 3:54klein bleiben. Er beschreibt dann, wie der
- 3:56Drang, anderen zu helfen, uns von unserem eigenen Weg
- 4:00abbringen kann. Es gibt, so sagt er, viele
- 4:03ehrenwerte und moralische Gründe, sich selbst zu
- 4:06verlieren, um für andere da zu sein.
- 4:09Die Moral des Mitleids predige sogar, dass dies der einzige
- 4:13richtige Weg sei. Nietzsche gibt zu, dass auch er
- 4:16dieser Verführung erliegt. Der Anblick echter Not mache
- 4:20auch ihn verloren, wenn ein Freund im Sterben läge und ihn
- 4:23bitten würde, mit ihm zu sterben, würde er es
- 4:26versprechen, doch am Ende stellt er dieser Moral des Mitleids
- 4:30seine eigene entgegen, seine Moral lautet Lebe im
- 4:34Verborgenen, damit du überhaupt leben kannst, halte dich fern
- 4:38vom Lärm der Kriege und Revolutionen deiner Zeit, wenn
- 4:41du hilfst, dann hilf nur deinen Freunden.
- 4:43Die mit dir ein gemeinsames Leid und eine gemeinsame Hoffnung
- 4:46teilen. Und hilf Ihnen nur so, wie du
- 4:49dir selbst hilfst, indem du sie mutiger, einfacher und
- 4:53fröhlicher machst. Anstatt des Mitleids, also des
- 4:57Mitleidens, fordert Nietzsche etwas, dass die meisten Prediger
- 5:00des Mitleids seiner Meinung nach nicht verstehen.
- 5:04Die Mitfreude es geht also nicht darum, das Leid mit anderen zu
- 5:08teilen, sondern die Freude Unterkapitel. 339 Vita Femina in
- 5:17diesem sehr kurzen, poetischen Kapitel vergleicht Nietzsche das
- 5:20Leben mit einer Frau. Der Titel Vita Femina ist
- 5:24lateinisch und bedeutet das weibliche Leben oder das Leben
- 5:27als Frau. Nietzsche beschreibt, dass man
- 5:30um die tiefsten Schönheiten eines Werkes oder des Lebens
- 5:33selbst zu erkennen, nicht nur wissen und guten Willen braucht,
- 5:37man benötigt auch seltene, glückliche Zufälle.
- 5:41Es ist, als ob ein Wolkenschleier von einem
- 5:43Berggipfel weichen muss, damit die Sonne darauf scheinen kann.
- 5:46Man muss nicht nur am richtigen Ort sein, sondern auch die
- 5:49eigene Seele muss bereit sein, diesen Schleier von sich zu
- 5:52ziehen, um die Schönheit zu empfangen.
- 5:55Diese perfekten Momente sind extrem selten, deshalb glaubt
- 5:58Nietzsche, dass die höchsten Höhen von allem, was gut ist,
- 6:01sei es ein Kunstwerk, eine Tat, ein Mensch oder die Natur
- 6:05selbst, für die meisten Menschen verborgen bleiben.
- 6:09Das, was sich uns offenbart, offenbart sich uns meist nur ein
- 6:12einziges Mal. Er erinnert an die alten
- 6:15Griechen, die beteten 2 und dreimal alles schöne.
- 6:20Sie hatten verstanden, dass die Realität uns das Schöne selten
- 6:24oder nur ein einziges Mal schenkt.
- 6:26Nietzsche meint, die Welt sei zwar voller schöner Dinge, aber
- 6:29arm an den Momenten, in denen sich diese Schönheit wirklich
- 6:33zeigt. Genau darin liegt für ihn der
- 6:35größte Zauber des Lebens. Es liegt ein golddurchwirkter
- 6:39Schleier von schönen Möglichkeiten über dem Leben.
- 6:43Dieser Schleier ist verheißungsvoll, aber auch
- 6:45widerstrebend, Schamhaft spöttisch und verführerisch.
- 6:50Am Ende schließt er mit dem Satz ja, das Leben ist ein Weib,
- 6:54damit will er sagen, dass das Leben, genau wie er die Frau
- 6:58sieht, nicht einfach zu durchschauen ist.
- 7:01Es ist geheimnisvoll, voller Möglichkeiten, aber es gibt
- 7:04seine Geheimnisse nicht leicht preis, es ist schön.
- 7:08Aber auch widerspenstig und vielleicht sogar ein wenig
- 7:11grausam in seiner Unerreichbarkeit.
- 7:15Unterkapitel 340 der Sterbende Sokrates in diesem Kapitel
- 7:22interpretiert Nietzsche die berühmten letzten Worte des
- 7:24Philosophen Sokrates neu. Sokrates wurde in Athen zum Tode
- 7:28verurteilt und musste einen Becher mit Gift trinken, kurz
- 7:32bevor er starb, sagte er zu seinem Freund Kriton o Kriton.
- 7:36Ich bin dem Asklepios einen Hahn schuldig.
- 7:40Asklepios war der griechische Gott der Heilung.
- 7:43Traditionell wurde diese Aussage so verstanden, dass Sokrates dem
- 7:46Gott für die Heilung vom Leben durch den Tod danken wollte.
- 7:50Nietzsche bewundert zunächst die Tapferkeit und Weisheit von
- 7:53Sokrates, er beschreibt ihn als einen meisterhaften Rattenfänger
- 7:56Athens, der selbst die übermütigsten jungen Männer zum
- 7:59Nachdenken und zur Selbstreflexion bringen konnte.
- 8:02Er war nicht nur der weiseste Redner, sondern auch groß im
- 8:06Schweigen. Nietzsche wünscht sich, Sokrates
- 8:08wäre auch in seinem letzten Moment schweigsam geblieben,
- 8:11dann hätte er ihn in eine noch höhere Ordnung der Geister
- 8:14eingeordnet. Doch dann kommt Nietzsche auf
- 8:17die letzten Worte zu sprechen, für ihn sind sie lächerlich und
- 8:21furchtbar, wer Ohren hat zu hören, so Nietzsche, versteht,
- 8:26was Sokrates wirklich meinte, Oh kriton das Leben ist eine
- 8:30Krankheit. Diese Interpretation stellt das
- 8:33traditionelle Bild von Sokrates auf den Kopf.
- 8:36Ein Mann, der so heiter und wie ein Soldat gelebt hat, soll am
- 8:39Ende ein Pessimist gewesen sein. Nietzsche glaubt ja, er
- 8:43argumentiert, dass Sokrates sein Leben lang nur eine gute Miene
- 8:46zum bösen Spiel gemacht habe, sein wahres innerstes Urteil
- 8:50über das Leben habe er immer versteckt Sokrates, so
- 8:54Nietzsche, hat am Leben gelitten, mit seinen letzten
- 8:58Worten nahm er Rache dafür. Nietzsche stellt die rhetorische
- 9:02Frage, ob es einem so großen Mann wie Sokrates an Großmut
- 9:05fehlte. Dass er sich noch rächen musste.
- 9:08Am Ende ruft er aus. Ach, Freunde, wir müssen auch
- 9:12die Griechen überwinden. Damit meint er, dass wir uns von
- 9:15den traditionellen Idealen und Interpretationen der Antike
- 9:18lösen und sie neu und kritisch bewerten müssen.
- 9:21Selbst eine so verehrte Figur wie Sokrates.