Latest / LebensWert - das Jetzt versichern / Depressionen - ein Angehöriger berichtet
Transcript
- 0:00Das Leben wird irgendwie auf links gedreht.
- 0:02Und ... ja, du läufst auch in Pfeilen rein.
- 0:06Ganz klar.
- 0:07Es ist eine Krankheit ...
- 0:09Du musst ja immer wieder sagen, es ist eine Krankheit,
- 0:13obwohl du eben äußerlich nicht siehst.
- 0:15Du siehst also kein Gipsballen oder sonst irgendwas.
- 0:18Und ...
- 0:20mit guten Tipps muss man sich ein bisschen auch zurückhalten.
- 0:24Ja, das ... - Also auch ...
- 0:27Das ist mir mehrfach passiert, wo ich dann immer dachte,
- 0:31warum reagierst du jetzt so?
- 0:33Ich hab das doch nur gut gemeint.
- 0:35Mhm. - Aber es war nur gut gemeint.
- 0:37Hallo und herzlich willkommen bei "Lebenswert",
- 0:40das jetzt versichern.
- 0:41Mein Name ist Shilu Könke und ich bin Host in diesem Podcast.
- 0:45Ich freue mich, gemeinsam mit meinen Gästen
- 0:48Themen aus der Gesellschaft aufzugreifen,
- 0:50die direkten Einfluss auf unser Leben und die Lebensqualität haben.
- 0:54Wir sprechen über Fragen rund um mögliche Lebensrisiken,
- 0:57den Lebenswandel an sich,
- 0:59aber auch ganz persönliche Lebensgeschichten.
- 1:01Und darüber, uns das jetzt bewusst zu machen.
- 1:04Das jetzt, also genau diesen Moment,
- 1:07in dem sich alles gut und richtig anfühlt.
- 1:09Viel Spaß beim Zuhören.
- 1:11Heute sprechen wir mit einem Angehörigen
- 1:16von einem an Depressionen erkrankten Menschen.
- 1:19Wenn du selbst von Depressionen betroffen bist
- 1:21oder dich nicht gut fühlst,
- 1:23hör diese Folge bitte nicht alleine.
- 1:25In unseren Show-Notes findest du Anlaufstellen
- 1:27und hilfreiche Kontakte, an die du dich bei Problem wenden kannst.
- 1:31Und jetzt starten wir in unserer Gespräch,
- 1:33in dem uns Peter Jeschkeit von seinen Erfahrungen
- 1:36als Angehöriger berichtet.
- 1:38Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas gelingt es ihm,
- 1:41nicht nur anderen Angehörigen Mut zu machen,
- 1:43sondern uns dabei zu helfen,
- 1:45diese augenscheinlich nicht sichtbare Krankheit sichtbar zu machen.
- 1:48Hier bei "Lebenswert" ist uns die Aufklärung
- 1:51immer ein wichtiges Anliegen.
- 1:52Und zwar die Aufklärung über die wichtigsten Risiken auf das Leben.
- 1:57Und zu diesen Lebensrisiken gehört auch die Berufsunfähigkeit.
- 2:01Um eine umfängliche Aufklärung zu leisten,
- 2:05zählen natürlich die unterschiedlichsten Perspektiven dazu.
- 2:08Und wir haben schon mehrfach hier in diesem Podcast
- 2:13betont und herausgestellt,
- 2:15dass psychische Erkrankungen die Hauptursache
- 2:18für Berufsunfähigkeitsausfälle sind.
- 2:21Und haben aus dem Grund auch schon mehrere Gespräche
- 2:25mit Betroffenen geführt.
- 2:27Also mit Betroffenen oder ehemals Betroffenen
- 2:30von psychischen Erkrankungen.
- 2:32Heute haben wir die besondere Gelegenheit,
- 2:34mit einem Angehörigen zu sprechen.
- 2:36Denn natürlich ist auch die Sichtweise der Angehörigen
- 2:39ganz, ganz wichtig.
- 2:40Und wir schätzen das sehr, lieber Peter Jeschkeit,
- 2:43dass du heute hier bei mir im Gespräch sitzt
- 2:45und bereitwillig mit uns auch deine Geschichte teilst.
- 2:49Ich sage herzlich willkommen.
- 2:50Peter.
- 2:51Hallo, Shilu. Danke für die Einladung.
- 2:54Ja, sehr gerne.
- 2:55Und wie gesagt, es ist großartig,
- 2:57dass du dich bereit erklärt hast, uns hier zur Verfügung zu stehen.
- 3:01Denn es ist ja, das kann man sich sehr gut vorstellen,
- 3:04auch als Angehöriger, keine einfache Situation.
- 3:07Mit jemandem zusammenzuleben,
- 3:09der eben über einen langen Zeitraum
- 3:11von einer psychischen Erkrankung betroffen ist.
- 3:16Und wir wollen darüber sprechen, wie es dir damit ging,
- 3:19wie du dich gefühlt hast.
- 3:20Und auch, wie sich die Situation entwickelt hat.
- 3:25Ja, du erzählst heute.
- 3:28Es ist folgendes passiert.
- 3:29Deine Lebenspartnerin ist in eine depressive Phase gerutscht
- 3:34oder hatte eine, ist es psychisch erkrankt.
- 3:38Kannst du schildern, wie es dazu gekommen ist?
- 3:41Und vor allen Dingen auch,
- 3:43wie lange sich dieser Zeitraum hingezogen hat.
- 3:45Dem ersten Gefühl, dass es so sein könnte,
- 3:49bis zu der richtigen medizinischen Diagnose.
- 3:52Das ist ein langer Zeitraum.
- 3:54Und wenn ich darüber nachdenke,
- 3:56dann ist das bestimmt schon Jahrzehnte her,
- 3:59als die Basis dafür gelegt wurde.
- 4:02Also Kindheit, Beziehung, solche Sachen.
- 4:07Das erste Mal, dass es mir aufgefallen ist,
- 4:11dass irgendwas sich verändert hatte,
- 4:13das war 2017.
- 4:162017 mussten wir uns viel um eine Mutter kümmern.
- 4:21Wir mussten sie pflegen.
- 4:22Das war auch immer über einen ziemlichen Zeitraum.
- 4:27Es war sehr intensiv, es war nicht schön.
- 4:30Und das hat sie auch sehr belastet.
- 4:32Ich glaub, mehr belastet als mich.
- 4:34Und sie hat dann gesagt, ich kann nicht mehr schlafen.
- 4:38Ich bin auch so unruhig tagsüber.
- 4:41Ich kaufe mir mal in der Apotheke so ein leichtes Mittel.
- 4:45Und das tat doch eigentlich ganz gut.
- 4:47Vielleicht war es auch eine Kopfgeschichte,
- 4:49nach der Mutter, ich nehme was, das tut mir gut.
- 4:52Aber das waren die Anfänge, wo es mir aufgefallen ist.
- 4:56Und es ging die ganze Zeit so weiter.
- 4:59Es wurde nicht schlimmer, nein.
- 5:02Und dann gibt es immer den Auslöser,
- 5:04der das jetzt wirklich ins Rollen bringt.
- 5:07Für mich ist das so wie der Tropfen,
- 5:09der das fast zum Überlaufen bringt.
- 5:11Das war eine Klasse, im Jahr 2020, 2021.
- 5:15Das hängt mit der Arbeit zusammen.
- 5:18Und zwar war das, das geht in Richtung Mobbing.
- 5:21Sie war Schulbegleitung.
- 5:23Und die Lehrerin sagte schon eine Woche nachdem,
- 5:27sie das Kind kennengelernt hatte,
- 5:30das Kind macht mir die ganze Klasse kaputt.
- 5:33Das muss raus.
- 5:35Und ein halbes Jahr später war das dann wirklich so weit.
- 5:39Das Mädchen soll keine Schulbegleitung mehr haben.
- 5:42Es wird zurückgestuft, ein Jahr.
- 5:44Und ja, du Schulbegleitung,
- 5:47wir brauchen dich jetzt nicht mehr.
- 5:49Was wäre die Aufgabe von deiner Lebenspartnerin gewesen?
- 5:52Oder was war die Aufgabe in dieser Rolle der Schulbegleiterin?
- 5:56Als Schulbegleitung kümmerst du dich um Kinder,
- 5:59die ein Handicap haben.
- 6:01Und bei dem Mädchen war es ganz speziell so.
- 6:05Durch die Flucht hat sie wahnsinnig viele Sachen gesehen.
- 6:09Sie konnte auch nicht richtig Deutsch.
- 6:12Sie musste in der Stunde auch immer motiviert werden,
- 6:16dass sie am Unterricht dabei bleibt.
- 6:19Also eine sehr verantwortungsvolle, menschlich verantwortungsvolle Rolle,
- 6:24auch die deine Partnerin da übernommen hat.
- 6:26Und trotzdem wurde sie dann Mobbing-Opfer.
- 6:29Ganz genau.
- 6:31Weil die Lehrerin hat da eben an sich gedacht.
- 6:34Und ich will das nicht mehr.
- 6:36Und damit war sie also vor der Situation in der Schule.
- 6:40Gibt es jetzt im Moment kein Kind,
- 6:42wofür ich tätig sein kann?
- 6:44Und jetzt bin ich erst mal im Bereitschaft.
- 6:48Bereitschaft bedeutet, du wartest darauf,
- 6:50dass morgens ein Anruf kommt.
- 6:53Und fahr mal in die und die Schule.
- 6:55Da ist jemand krank geworden.
- 6:57Und dann fährst du dahin und du weißt aber nicht, was erwartet dich da.
- 7:02Normalerweise stellst du dir vor, die müssten alle glücklich sein,
- 7:06dass du dich als Schulbegleitung nicht mehr auf die normalen Toiletten darfst.
- 7:10Sondern du musst dann auf die Schülertoilette.
- 7:13Das ist ganz schwer vorstellbar für mich, was du erzählt hast.
- 7:17Und sie hat dann zum Glück relativ schnell wieder
- 7:22ein neues Kind gekriegt zur Betreuung.
- 7:25Was auch bei uns im Ort war.
- 7:27Also an einer Art, die wir jetzt haben,
- 7:30die wir jetzt haben,
- 7:32was auch bei uns im Ort war.
- 7:34Also an einer anderen Schule.
- 7:36An einer anderen Schule, ganz genau.
- 7:38Und das war aber dann nur sowieso zeitlich befristet.
- 7:43Aber ja, sie hatte durch diese Mobbigeschichte,
- 7:47hatte sie schon, ich sag jetzt mal, überspitzen Knacks weg.
- 7:51Mhm.
- 7:53Ja.
- 7:55Und das war drei bis vier Jahre nachdem die Situation
- 7:58mit deiner oder mit eurer Mutter war,
- 8:00mit der Pflegesituation, das war ja sehr viel später.
- 8:03Ganz genau.
- 8:04Das war sehr viel später, wenn ich sie jetzt fragen würde,
- 8:08war die Situation mit meiner Mutter jetzt der Auslöser oder so lastend.
- 8:14Ich weiß nicht, was sie da sagen würde.
- 8:16Sie hatte damals immer gesagt,
- 8:18"Das ist für mich ganz normal, dass ich damit hinfahre
- 8:21und ich unterstütze."
- 8:22Das war überhaupt gar keine Frage.
- 8:25Aber auch das ist ihr ja sehr zu Herzen gegangen.
- 8:27Das hat sie sich ja sehr zu Herzen genommen,
- 8:30die Bedürftigkeit von deiner Mutter auch in der Pflegesituation.
- 8:34Mhm.
- 8:36Und sie hat dann also noch ein halbes Jahr bis dieses Kind
- 8:40eben die Grundschule verlassen hatte.
- 8:42So lange hat sie auch noch weitergearbeitet.
- 8:45Und sie merkte aber schon, dass ...
- 8:48Ja, sie wurde immer antriebsloser und auch zu Hause
- 8:53immer ruhiger eigentlich.
- 8:55Und sagt sie dann auch, mehr fällt das immer schwerer,
- 8:59um sich auch zu motivieren und aufzuraffen.
- 9:01Und ich warte mal jetzt noch die Sommerferien ab die sechs Wochen.
- 9:05Mhm. - Ob es sich dann bessert.
- 9:07Aber es besserte sich nicht.
- 9:10Und dann war also der Zeitpunkt da, wo sie zum Arzt gegangen ist.
- 9:14Bis dahin war auch das Wort Depression überhaupt nicht im Raum.
- 9:20Mhm. - Aber sie ist dann zum Hausarzt gegangen.
- 9:23Und hat mit dem Hausarzt geredet.
- 9:26Das ging relativ schnell, der stellte ein paar Fragen.
- 9:29Und ...
- 9:32nach zwei, drei Minuten hat er schon gesagt,
- 9:34"Das hört sich an wie eine Depression."
- 9:37Wann ist das gewesen?
- 9:402021 oder später? - Das war ...
- 9:42Das war 2021. - Mhm.
- 9:44Genau. - Mhm.
- 9:46Du hast beschrieben, dass sie, dass deine Lebenspartnerin
- 9:51für einen längeren Zeitraum dann aus der Rolle rausgenommen wurde.
- 9:55Und dass sie sozusagen in Bereitschaft war, in Rufbereitschaft war.
- 10:00Und das ist ja auch eine besondere Situation der Unsicherheit.
- 10:03Zum einen und zum anderen auch dieses ...
- 10:06Da wird jemand gerade nicht gebraucht.
- 10:08Also das Gefühl wird vermittelt,
- 10:10wir brauchen deine Dienste im Moment gar nicht.
- 10:13Das ist ja, wie ich gerade gesagt habe,
- 10:15vorher eine ganz wertvolle Aufgabe, die sie geleistet hat.
- 10:19Und die sie wahrscheinlich auch sehr gerne aus eigenem Antrieb geleistet hat.
- 10:23Kinder zu unterstützen in dieser Situation,
- 10:26die natürlich hier auch in der Gesellschaft erst einmal ihren Platz suchen
- 10:30und ankommen müssen.
- 10:31Und dann so rausgekegelt zu sein und das Gefühl zu haben,
- 10:35wir wollen auf diese Dienste gar nicht zurückgreifen im Moment.
- 10:40Aus unterschiedlichen Gründen, die wir jetzt auch gar nicht genau kennen,
- 10:44ist ja wahrscheinlich eine ganz schwierige Situation.
- 10:46Habt ihr darüber gesprochen in der Zeit?
- 10:49Konnte sie damit dir noch drüber sprechen?
- 10:51Wir haben dann darüber gesprochen, ja,
- 10:53aber unsere Gespräche gingen eher in die Richtung,
- 10:56die Unsicherheit jeden Morgen, klingelt das Telefon, muss ich irgendwo hin?
- 11:01So, muss er nicht fertig machen und los oder nicht?
- 11:03Genau, oder klingelt das Telefon nicht und dann hab ich einen freien Tag.
- 11:07Also das waren die Gespräche.
- 11:10Und dieser Zeitraum dauerte aber zum Glück nur vier bis sechs Wochen.
- 11:14Mhm. - So ein Nimmdreh.
- 11:16Und kurz vor der Diagnose-Depression,
- 11:20hast du gerade eben erzählt,
- 11:22wurde sie immer ruhiger und zog sich immer mehr in sich zurück
- 11:26und hat eigentlich gar nicht mehr gesprochen?
- 11:28Oder wie? - Gar nicht, das wäre zu schlimm.
- 11:33Aber sie wurde dann ruhiger, wir haben weniger geredet.
- 11:37Bis zu dem Zeitpunkt lief auch immer Radio im Hintergrund.
- 11:41Mhm.
- 11:42Radio war dann auf einmal Tabu.
- 11:44Mhm. - Das sollte lieber auch sein.
- 11:47Also, dass es wirklich ruhig ist.
- 11:50Und in Farben gesprochen, würde ich sagen,
- 11:52die Welt war dann auf einmal nicht mehr farbig wie vorher,
- 11:56sondern sie ging runter ins Graue.
- 11:58Mhm. - Und hast du wahnsinnahle wahrgenommen in ihrer ...
- 12:04Ja, wie soll ich das sagen?
- 12:06In ihrem ganzen Verhalten, ansonsten noch.
- 12:09Also du hast jetzt gerade gesagt, es lief kein Radio mehr,
- 12:13sie hat sich immer mehr zurückgezogen.
- 12:15Ab wann kannst du dich noch daran erinnern?
- 12:18Wenn du selber für dich das Gefühl hattest,
- 12:21oder ist jetzt wirklich eine ernsthafte Geschichte,
- 12:26irgendwas stimmt jetzt wirklich ernsthaft nicht mehr.
- 12:29Hast du das angesprochen?
- 12:30Oder wie hast du dich verhalten in dieser Situation als Angehöriger?
- 12:35Das erste Problem war schon mal, zum Arzt zu gehen.
- 12:41Also sie macht in der Regel einen großen Burungum-Ärzte.
- 12:45Und sie hat Monate vorher ...
- 12:50ist sie schon mal wegen körperlicher Beschwerden,
- 12:53was ja auch oftmals ein Hinweis ist auf Depressionen.
- 12:56Körperliche Beschwerden,
- 12:58die jetzt wirklich nicht konkretisiert werden können,
- 13:01wo kein Grund für ermittelt werden kann,
- 13:03war sie bei einer Osteopathin.
- 13:05Und hat sich da damit behandeln lassen und noch mal behandeln lassen.
- 13:10Und die Osteopathin hat ja dann gesagt,
- 13:13"Mh, also für mein Empfinden, ich merke da auch nichts,
- 13:16ich finde da auch nichts."
- 13:18Sie sollten vielleicht mal mit jemandem reden
- 13:21über ihre Probleme, die sie so haben, was sie belastet.
- 13:25Und das hat sie denn als Nächstes gemacht.
- 13:28Das ist ja schon mal gut. - Das war dann keine Ärztin.
- 13:31War keine Ärztin, sondern es war ...
- 13:35Ja, es war jemand, der auch Gesprächsführung macht,
- 13:41Gesprächstherapeut, Lebensberatung in der Richtung.
- 13:44Und ja, dann ist sie da ein paar Mal hingegangen
- 13:48und es tat ja auch sehr gut.
- 13:51Sie kamen dann immer nach Hause und auch, das war eine tolle Stunde
- 13:55und wie wir uns da unterhalten haben.
- 13:57Aber irgendwann sagte die Frau dann,
- 14:00das übersteigt eigentlich das, was ich hier leisten kann.
- 14:04Sie müssten jetzt richtig in Behandlung gehen.
- 14:06Und erst dann ist sie zum Arzt gegangen,
- 14:09was war denn tatsächlich der Ausländer?
- 14:11Ich war da sehr froh drüber. - Ja.
- 14:13Das hat sie dann zum Arzt gegangen.
- 14:15Es ist auch schwierig als Angehöriger,
- 14:18kann ich mir vorstellen, so eine Idee zu unterbreiten und zu sagen,
- 14:21geh doch mal zum Arzt damit.
- 14:23Ja, du musst auch ganz vorsichtig sein.
- 14:25Genauso wie später im Laufe der Depression selber,
- 14:28wenn das erst mal diagnostiziert ist.
- 14:31Aber du kennst ja deinen Gegenüber
- 14:33und weißt ja, wie er reagiert, wie er tickt, sag ich mal.
- 14:38Und ja, insofern darf er vielmehr schon ein Stein vom Herzen.
- 14:41Und der Hausarzt sagte das dann
- 14:44und gab dann auch gleich den Tipp,
- 14:46vielleicht nur einen Schritt weiter zu gehen, zum Psychiater.
- 14:50Und das hat sie dann auch relativ zeitnah gemacht,
- 14:54mit dem gesprochen.
- 14:55Und der sagte auch gleich,
- 14:57Sie brauchen psychotherapeutische Behandlungen.
- 15:00Wenn wir noch mal einen Schritt zurückgehen zu dir als Angehöriger,
- 15:06da ist mir noch mal wichtig zu verstehen,
- 15:08hast du das Thema am Anfang so reflexartig,
- 15:12vielleicht auch ein bisschen von dir geschoben
- 15:14und hast gedacht, nee, das ist schon nichts Ernstes,
- 15:17da wird nichts sein.
- 15:18Jetzt ist mal eine Überbelastung da
- 15:20oder eine starke emotionale Beanspruchung, das kenne ich ja alles.
- 15:24Das habe ich ja auch mit meiner Partnerin besprochen.
- 15:27Hast du dich dagegen innerlich gewährt?
- 15:31Oder hast du relativ schnell akzeptieren können,
- 15:35dass es doch in Richtung psychischer Erkrankung Depression gehen könnte?
- 15:41Als Angehöriger habe ich erst mal ganz andere Gedankengänge gehabt
- 15:46als Partner.
- 15:47Ich dachte, wohin geht jetzt unsere Beziehung?
- 15:51Hat das jetzt mit uns beiden als Partnerschaft zu tun,
- 15:57diese Veränderung?
- 15:58Oder an das Anderes habe ich in dem Moment noch gar nicht gedacht.
- 16:03Das brauchte dann erst mal einige Zeit,
- 16:06bis eben auch das andere mit reinkam.
- 16:09War ich persönlich natürlich zunächst mal sehr froh,
- 16:12dass du nicht der Auslöser warst, sozusagen.
- 16:15Dass nicht einander lag
- 16:17und dass sie das dann auch entsprechend in der Richtung angegangen ist.
- 16:21Aber das war meine ersten Gedanken dazu.
- 16:24Das finde ich ganz, ganz interessant, was du erzählst.
- 16:27Ich kann mir vorstellen, es ist eben,
- 16:29die Reaktionen sind ganz unterschiedlich,
- 16:31die Gefühle natürlich auch durch die Angehörige gehen,
- 16:34wenn sich bei dem Partner oder der Partnerin
- 16:38eine Erkrankung einstellt
- 16:41und die Situation immer schwieriger auch im Zusammenleben wird.
- 16:44Wie hast du dich selbst gegenüber der Lebenssituation
- 16:50abgegrenzt zu Hause?
- 16:52Hast du relativ schnell für dich gemerkt,
- 16:55ich muss mich jetzt selber stabilisieren,
- 16:57auch um eine Stütze zu Hause zu sein?
- 16:59Wie bist du damit umgegangen, als die Diagnose da war?
- 17:03Erst mal musst du natürlich damit klarkommen
- 17:06mit dieser Diagnose-Depression.
- 17:08Man weiß, es ist eine Krankheit.
- 17:12Und du musst dich dann aber ...
- 17:16Bei mir war es quasi das erste Mal im Leben,
- 17:19dass sie mich richtig damit überhaupt beschäftigen muss.
- 17:22Und ja, was ist das überhaupt?
- 17:24Wie äußert sich das?
- 17:26Und also was?
- 17:27Also das ist auf jeden Fall der erste Schritt gewesen.
- 17:31Und ansonsten ...
- 17:35Von den Gedankengängen war es dann so ...
- 17:38Ich kann ja jetzt nicht mein Leben so weiterleben,
- 17:41wie ich es gemacht habe.
- 17:43Ich kann ja jetzt nicht überall hingehen.
- 17:45Und ... - Deine Partnerin alleine lassen.
- 17:48Und die Partnerin bleibt alleine zu Hause.
- 17:50Also da hätte ich ein ganz schlechtes Gewissen gehabt.
- 17:54Und deshalb habe ich das auch nicht getan.
- 17:57Und ...
- 17:59Letzten Endes, so komisch wie es jetzt klingt,
- 18:03der Anstoß, was zu unternehmen, kam von meiner Partnerin.
- 18:07Mhm. - Die hat mich darauf hingewiesen ...
- 18:10Mensch ...
- 18:12Ich habe hier was gelesen von einer Selbsthilfegruppe,
- 18:15die gegründet werden soll.
- 18:16Selbsthilfegruppe für Angehörige von Depressiven.
- 18:19Wäre das nicht was.
- 18:21Und ... ja, ich habe dann auch erst mal überlegt.
- 18:26Und ...
- 18:27bin dann aber da auch relativ schnell
- 18:30zu einem Treffen auch mal hingefahren.
- 18:32Und ja, das tat mir gut. - Mhm.
- 18:35Also damit ging es dann eben los,
- 18:38dass ich da Leute hatte, mit denen ich reden konnte.
- 18:41Die das auch verstanden haben.
- 18:43Und wo ich dann auch gelernt habe ...
- 18:46Zum einen durch die Gruppe, zum anderen auch durch ...
- 18:51Informationen, die ich gelesen und gehört habe.
- 18:54Und ich habe dann auch mit dem Podcast zum Beispiel,
- 18:57dass ich mich auch um mich selbst kümmern muss.
- 18:59Ja. - Und das war also ganz, ganz wichtig.
- 19:02Und ...
- 19:03Ich habe das dann aber vorher eigentlich schon bemerkt,
- 19:09dass ich, wenn ich mit unserem Hund gegangen bin,
- 19:13die Spaziergänge mit dem Hund wurden länger.
- 19:17Wurden nicht bewusst länger, unbewusst wurden sie länger.
- 19:21Was vorher eine Dreiviertelstunde war,
- 19:23immer anderthalb Stunden.
- 19:25Wo ich denn für mich war in meiner kleinen Welt.
- 19:28Ja.
- 19:29Mhm. - Und so habe ich dann irgendwann angefangen,
- 19:33als das Wetter wieder schöner war,
- 19:35Fahrrad zu fahren. - Mhm.
- 19:37Ich habe mich wahnsinnig oft aufs Fahrrad gesetzt.
- 19:41Und bin für mich alleine ...
- 19:43zwei, drei Stunden Fahrrad gefahren.
- 19:46Das waren Sachen, die taten mir gut.
- 19:48Ist natürlich sehr schön, was du erzählt hast,
- 19:51dass du die Unterneinerverantwortung füreinander übernommen habt
- 19:54und deine Partnerin dich auf die Selbsthilfegruppe aufmerksam gemacht hat.
- 19:59Und du danach dann auch, als du gehört hast,
- 20:02musst diese Selbstfürsorge für dich auch betreiben,
- 20:05dir deinen Raum genommen hast und deinen Interessen nachgegangen bist.
- 20:08Oder, na ja, zuerst sozusagen gezwungenermaßen durch den Hund.
- 20:13Und später aber auch durch das Radfahren.
- 20:16Das ist, glaube ich, auch ganz, ganz wichtig.
- 20:19Wir wollen gar nicht so konkret auf das Thema Finanzen eingehen,
- 20:22aber wir haben im Vorfeld schon ein bisschen darüber gesprochen,
- 20:26dass wir durchaus mal Hinweise geben können,
- 20:29wie es eigentlich finanziell in einer solchen Situation auch ist,
- 20:33wie sich das auf die finanzielle Situation auswirkt.
- 20:37Gab es finanzielle Einbußen und habt ihr diese auffangen können?
- 20:42Die Einbußen gab es auf jeden Fall.
- 20:45Und zwar, als sie gearbeitet hat
- 20:48und dann krank wurde,
- 20:50dann ist sie ja erst mal in die Lohnvorzahlung reingekommen.
- 20:53Die sechs Wochen wurde dann eben das Gehalt voll weitergezahlt.
- 20:57Da merkst du noch nichts.
- 20:59Aber danach rutschst du denn rein in den Krankengeldbezug.
- 21:04Mhm.
- 21:05Der Krankengeldbezug, das ist schon spürbarer.
- 21:08Auch der Krankengeldbezug ist nicht lebenslang,
- 21:11solange du krankgeschrieben bist.
- 21:13Das ändert denn, hat geendet nach einer Teilhahn,
- 21:16und ihr Arbeitsverhältnis bestand noch,
- 21:19war ja irgendwie noch im Kopf weiterzuarbeiten.
- 21:23Also ist sie dann rein gerutscht in die Arbeitslosigkeit.
- 21:30Hat Arbeitslosengeld gekriegt, also noch mal ein Stück Ruhm.
- 21:34Das ist ein Einschnit dann.
- 21:36Und ja, wir sind also in der begnadeten Situation eigentlich,
- 21:40dass wir in einem Haus wohnen, was abbezahlt ist.
- 21:44Dass du eben diesen großen Faktor Miete nicht hast.
- 21:48Ja, was heißt, wo wir es gemerkt haben,
- 21:51wo wir gegen angesteuert sind, bei unserer Ernährung?
- 21:55Da kannst du auch eine Menge machen.
- 21:58Sie ist schon seit Jahrzehnten Vegetarierinnen.
- 22:02Seitdem wir uns kennengelernt haben,
- 22:05ich hab mich früher ganz normal ernährt.
- 22:07Und bin dann aber auch fast Vegetarier.
- 22:11Fast Vegetarier.
- 22:13Und ...
- 22:15Ja, wir ernähren uns entsprechend der Saison.
- 22:19Ja.
- 22:21Wenn eben Sachen reif sind, gerade auch bei uns reif sind.
- 22:25Denn essen wir das. Viele Gemüsesachen.
- 22:28Hört sich jetzt vielleicht erst mal ein bisschen komisch an.
- 22:33So hätte ich das früher auch empfunden.
- 22:36Nee, es hört sich gar nicht komisch an.
- 22:38Wenn ich die Spiele so bringe.
- 22:40Wir essen zum Beispiel Steckrüben eintopf.
- 22:43Steckrüben eintopf, wenn ich das früher gehört habe.
- 22:47Meine Eltern kamen aus Ostpreußen.
- 22:49Für mich war das ein reines Nachkriegessen.
- 22:52Erinnert mich auch an meine Oma.
- 22:54Und ... - Schmeckt trotzdem gut.
- 22:57Ja, schmeckt gut oder passt die Naken.
- 22:59Kennt dich früher auch nicht.
- 23:01Es ist auch lecker.
- 23:04Wenn das hier Saison hat, ist es auch günstig.
- 23:07Genau. Ich würde gerne noch mal auf deinen Freundeskreis zu sprechen kommen oder euren
- 23:10Freundeskreis. Ihr habt ja sicher auch einen gemeinsamen Freundeskreis vor der Diagnose-Depression
- 23:15gehabt. Wie hat sich das entwickelt in der Krankheitsphase? Wie ist euer Umfeld mit der
- 23:21Erkrankung umgegangen? Welche Erfahrungen hast du da gemacht?
- 23:25Zunächst mal, unser Freundeskreis ist nicht so groß gewesen. Respektiert mit Sicherheit
- 23:32auch daher, wir kommen beide aus den Anführungsstrichen gescheiterten Ehen, als wir uns kennengelernt
- 23:38haben. Dadurch reduziert sich der Freundeskreis ja auch schon automatisch. Und ja, erst mal
- 23:45ist natürlich die Sache, wenn du Sachen Einladungen immer wieder ablehnst, dann kommt das nicht
- 23:51so gut an. Und du brauchst auch einige Zeit, bevor du dich überhaupt überwindest, deinem
- 23:58Umfeld von deinen Depressionen zu erzählen. Ja, das kann ich verstehen.
- 24:01Das geht schon los innerhalb der Familie. Da möchtest du keinen belasten, möchtest
- 24:07du jetzt unbedingt deine Mutter belasten oder möchtest du deine Kinder belasten,
- 24:12die alle ja nicht mit dir zusammenleben, sondern dass du nur am Rande mitkriegen. Und mit Freunden
- 24:18geht es weiter. Und ich weiß zum Beispiel noch, als es losging, natürlich merkt das
- 24:25Umfeld, dass du nicht mehr regelmäßig zur Arbeit gehst. Und dann sagst du eben auch erst
- 24:31mal nur ganz allgemein, ich bin krank, mir geht es nicht so gut. Und bist du denn diesen
- 24:36Schritt machst, dass du dann eben auch dich wirklich denn autist und sagst, ja, ich habe
- 24:42Depression. Ja, wahrscheinlich, weil es dann zu lange dauert. Und dann ist es auch auffällig.
- 24:46Und dann muss man irgendwie raus mit der Wahrheit. Ganz genau, den Schritt machst du.
- 24:50Und bei Freunden ist es so ähnlich. Natürlich bei guten Freunden sagst du schon, aber du
- 24:56merkst dann auch relativ schnell, das ist ein Thema, was natürlich nicht andauernd auf
- 25:02die Tagesordnung kommen kann. Und es hat auch nicht jeder Verständnis dafür. Es gibt Leute
- 25:10im Freundeskreis, die haben vorher schon damit zu tun gehabt mit diesem Thema. Dass da eben
- 25:15in der Verwandtschaft eben auch schon Depression da war. Die können das nachvollziehen. Und
- 25:23die können auch nachvollziehen, dass eben diese ganzen sozialen Kontakte, dieses Aufrechterhalten
- 25:30von sozialen Kontakten, dass das weniger wird. Andere Leute können das nicht unbedingt nachvollziehen.
- 25:35Und hast du das Gefühl, dass diese Menschen, die es nicht nachvollziehen können, dann
- 25:40sehr stark urteilen? Oder dass sie es einfach nur nicht verstehen können, dass sie sich
- 25:45gar nicht rein denken können? Das ist eine Sache, da sprichst du gar nicht drüber. Das
- 25:48sprichst du gar nicht groß an. Und das lässt du dann irgendwann auslaufen, dass es immer
- 25:54weniger wird. Also es ist dann eine Vermeidungsstrategie einfach. Und vielleicht sind die Freunde
- 26:01auch wiederum denn halt nicht so wichtig gewesen. Ja genau, das würde ich auch so sehen. Das
- 26:07sind dann eben die Sachen, die vorkommen. Du hast vorher über die Selbsthilfegruppe
- 26:12gesprochen, auf die dich deine Partnerin aufmerksam gemacht hat. Hast du da ähnliche Geschichten
- 26:17gehört von den anderen Angehörigen oder Betroffenen? Das ist eine Selbsthilfegruppe
- 26:22für Angehörige. Nur für Angehörige. Wobei es gibt inzwischen auch dieses Wort "Zugehörige",
- 26:30was ich vorher nicht kannte. Und bei uns ist es eben so, Angehörige, das sind eben sowohl
- 26:37Familie, können genauso gut auch Freunde sein. Und hinter diesem Zugehörigen verbergen
- 26:43sich die Freunde. Und ich weiß noch damals, als ich dann in die Selbsthilfegruppe gegangen
- 26:49bin das erste Mal, ich dachte, oh ja, hier lernst du eben auch andere Leute kennen, wo
- 26:53eben auch der Partner von Betroffenen ist. War nicht. Es waren Leute da, da war eine
- 27:02Freundin von Betroffenen, ein Bruder von Betroffenen, eine Mutter von Betroffenen oder auch Kinder
- 27:10von Betroffenen. Und so ist das also bis jetzt noch, dass vor allem Eltern da sind, wo Kinder
- 27:19betroffen sind. Die Kinder im Alter zwischen 20 und 45 Jahren, wo das dann eben das Thema
- 27:28ist. Und am Anfang dachte ich dann immer, oh, ich möchte ganz gerne jemanden, mit dem
- 27:33ich mich über meine Situation austauschen kann. Das heißt, das hat dir nur bedingt geholfen.
- 27:40Insofern, dass du dich quasi verstanden gefühlt hast, grundsätzlich erstmal, aber die Probleme
- 27:46waren komplett anders gelagert. Einerseits anders gelagert, ja. Aber ich habe dann
- 27:52ziemlich schnell begriffen, eigentlich ist das ganz egal, ob das jetzt der Partner ist,
- 27:56der die Krankheit hat, ob es die Kinder sind, die die Krankheit haben oder die Mutter oder
- 28:02Freunde. Die Thematik ist gleich und du hast Leute, mit denen kannst du reden, mit denen
- 28:10kannst du ganz offen reden in einem, ich sag mal, behüteten Raum. Du weißt genau, nichts
- 28:16trinkt nach draußen und ja, jeder hat diese Probleme. Kannst du mit uns teilen, was die
- 28:25größten Sorgen von Angehörigen sind, also so übergreifend gesprochen? Ja, eine Sorge ist
- 28:33natürlich Suizidgefahr. Wir sind hier in Hannover. Region Hannover, Robert Enker hat jeder vor
- 28:43Augen. Und ja, das ist ein großes Thema. Gerade auch, wenn Kinder betroffen sind, wenn die gerade
- 28:52eine schwere Phase haben, wo sie sich eben abschotten und noch nicht mal mit den Eltern
- 28:56jetzt wirklich so viel zu tun haben wollen, dann denkst du immer, oh, was ist jetzt mit
- 29:03meinem Kind gerade? Und hoffentlich tut sich das Kind nichts an. Wenn es die Depression ist ja immer
- 29:10so eine Wellenbewegung. Es ist mal schwerer, dann wird es wieder ein bisschen abgeflacht und du
- 29:16hast Hoffnung, dass es dann eben so weitergeht, aber dann kommt womöglich wieder so eine schwere
- 29:20Phase. Bei leichteren Phasen, da machst du dann eben die Überlegung, wie schön könnte das Leben sein?
- 29:28Was verpasst der Betroffene durch diese Krankheit? Und das sind eigentlich so die Überlegungen,
- 29:38die bei jedem immer wieder auftauchen. Also diese positiven Gefühle, also das, was du gerade gesagt
- 29:47hast, darüber denke ich gerade nach, wie schön könnte das Leben sein? Das ist da jetzt zwar als
- 29:52Sorge aufgetreten in Richtung der Angehörigen oder der Betroffenen, dass sie das gar nicht so
- 29:57genießen können oder so. Ist es denn überhaupt selber möglich, zuversichtlich zu sein, dass sich
- 30:04die Situation wieder klärt, dass es sich bessert, dass man gemeinsam da durchgehen kann? Hast du
- 30:11immer wieder bei dir gemerkt, dass du aber im Grunde deines Herzens ganz viel Vertrauen hattest
- 30:18darauf, dass die Situation sich wieder verbessert? Ja auf jeden Fall. Und zwar, ich lebe ja jetzt mit
- 30:24dieser Situation, Partnerin mit Depression schon seit über drei Jahren und hätte ich dieses
- 30:34Vertrauen nicht, diese Hoffnung nicht, denn wären wir glaube ich nicht mehr zusammen, weil viele
- 30:40Partnerschaften zerbrechen ja in diesem Thema Depressionen. Ich habe auch neulich erst mal
- 30:45gehört, da war ich in einer sozial-psychiatrischen Beratungsstelle, um mir das mal anzugucken
- 30:52und sprach genau dieses Thema an. Ich komme in die Selbsthilfegruppe und dachte, sind vielleicht
- 31:00auch mehr Leute, wo der Partner erkrankt ist? Und die Frau guckte mich an und sagte nur zu mir,
- 31:07in einer Partnerschaft kann man sich trennen. Böse, aber es ist eine Menge Wahrheit dran,
- 31:15wenn du bedenkst, dass von den Zahlen her jede zweite Partnerschaft einfach zerbricht. Das heißt,
- 31:22deine Partnerin ist jetzt auch noch betroffen. Ja, sie ist also immer noch betroffen? Ja, seit drei
- 31:27Jahren. Ja. Du hast im Vorfeld bei einem Vorgespräch berichtet, dass du selber dich sehr engagierst
- 31:34für die Aufklärung rund um depressive Erkrankungen bzw. psychische Erkrankungen auch im Allgemeinen
- 31:41gesprochen und dass du auf Veranstaltungen in Infostand aufbaust, wo du auch Materialien
- 31:48verteilen möchtest und auch für Fragen persönlich zur Verfügung stehst und hast mir berichtet
- 31:54im Vorfeld, dass das gar nicht so aktiv genutzt wird von den anwesenden Leuten da vor Ort,
- 32:00sondern dass die eher einen Bogen um dich machen und damit eigentlich gar nicht so gerne in
- 32:06Berührung kommen bzw. wenn mal jemand da steht und vielleicht ein Katalog oder so durchblättet
- 32:12oder ein Flyer und du sprichst diese Person bewusst an, dass man dann doch merkt, ganz schnell
- 32:18da sind Widerstände und da möchte man nicht ins Gespräch kommen. Ist das deine Beobachtung
- 32:23generell, dass Menschen immer noch, obwohl wir in dieser Gesellschaft so aufgeklärt
- 32:30sind eigentlich und über alle Themen Bescheid wissen und auch wissen, dass es eine Erkrankung
- 32:35ist, ist das so, dass man immer noch diese Berührungsängste überall merkt? Also du merkst
- 32:43diese Berührungsängste schon, ja. Es ist nicht mehr so schlimm, wie es früher mal war,
- 32:47ich sag mal vor 20, 30, 40 Jahren, wo beim Thema Depressionen jeder immer vor Augen hatte
- 32:55dem Begriff "Klapse", das ist zum Glück nicht mehr so. Aber die Offenheit, dass du mit jemandem
- 33:04so im freien Raum darüber reden kannst, die ist nicht unbedingt da, weil du möchtest
- 33:09ja auch nicht unbedingt, dass ein Kollege oder eine Freundin das jetzt mitkriegt. Was
- 33:14habe ich für Probleme in meinem Verwandtenkreis, bekannten Kreis? Also als Beispiel kann ich
- 33:22jetzt noch sagen, ich war in diesem Jahr auf einem Gesundheitstag von einem großen Unternehmen,
- 33:28hatte da mein Tisch gestehen und ich saß dahinter, um für Fragen, für Gespräche zur Verfügung
- 33:35zu stehen. Da ist niemand gekommen, vielleicht mal vorbeigegangen und was liegt denn da und
- 33:42aber ansonsten nichts weiter. Und gerade wenn zwei Leute zusammen kamen, zwei Kollegen,
- 33:49Kolleginnen, da überhaupt nichts. Also da waren die Schritte eher noch schneller dran vorbeig.
- 33:54Mir ist dann aufgefallen, wenn ich mal von dem Tisch weggegangen bin und einfach nur jetzt
- 34:04verweist Darstand mit den ganzen Sachen drauf, dass dann schon Personen gekommen sind und sich
- 34:10das dann eben interessiert angeguckt haben. Wir sind stehen geblieben, haben sich dann auch mal
- 34:14ein Flyer genommen, um den durch zu blättern, was vorher nie passiert wäre. Und ich bin dann
- 34:20von der Seite drauf zugestoßen und habe dann gesagt, in Deutschland ist es eigentlich so,
- 34:27dass jeder von uns kennt jemanden mit Depressionen. Wir könnten jetzt darüber sprechen, wir hätten
- 34:35ein gemeinsames Thema. Und dann diese 1 zu 1 Gespräche, wenn keiner dabei war, du konntest
- 34:41dich ganz normal unterhalten. Wann toll. Die gingen relativ schnell sehr, sehr tief. Aber das sind
- 34:51Sachen, meine Erfahrung, dass sie eben wirklich nur in dieser 1 zu 1 Situation sind. Aber das
- 34:57haben wir hier von unseren anderen Gästen, die auch ehemals betroffen waren von psychischen
- 35:02Erkrankungen tatsächlich auch gehört. Dass wenn man das wirklich anspricht und in diese 1 zu 1
- 35:07Situation geht, man dann von ganz vielen Seiten hört, das hatte, was ich meine Schwester auch schon
- 35:13oder der oder diejenige war betroffen, das kenne ich und so. Also da kommt dann immer mehr und viele
- 35:19öffnen sich dann erst. Also wir sind offenbar als Gesellschaft schon nicht nur stärker betroffen,
- 35:26als wir vielleicht wissen, sondern wir sind dann auch in der Lage offen damit umzugehen. Das ist
- 35:32ja auch ein großes Ziel von uns, dass wir hier sozusagen dem Thema ein Raum bieten und dieses
- 35:39Tabu möglichst verringern mit unseren Gesprächen. Hast du zum Abschluss noch ein Tipp für Angehörige?
- 35:48Was können Angehörige tun oder hast du Handlungshinweise für Angehörige?
- 35:54Angehörige sollten sich auf jeden Fall auch um sich selbst kümmern. Ganz ganz wichtig und nicht
- 36:05den ganzen Tag nur danebensitzen oder Arbeiten abnehmen und dass sich die erkrankte Person,
- 36:11denn womöglich auch gar nicht mehr gebraucht vorkommt, kommt auch nicht so gut an. Also auf
- 36:17jeden Fall um sich selbst kümmern. Was bei mir eben wie gesagt ist, das ist das Fahrradfahren,
- 36:23das ist dieses viele auch draußen in der Natur sein, in der Bewegung sein. Ich habe jetzt vor
- 36:31kurzem angefangen mit Yoga. Ich bin eigentlich nicht der Yogatüme, absolut nicht, aber ich habe
- 36:39nach so einer Probestunde gemerkt, nach diesen anderthalb Stunden, das tat mir so gut. Ich war
- 36:44anderthalb Stunden in einer ganz anderen Welt. Und ja, solche Sachen, dass man eben Sachen für
- 36:50sich selbst macht, was dann eben auch ganz ganz wichtig ist, das ist sowohl für den Angehörigen
- 36:55als auch für den Betroffenen. Das ist das Reden. Der Betroffene redet ja in der Regel in der
- 37:02Selbsthilfegruppe oder in seiner Therapiestunde. Der Angehörige hat auch die Chance zu reden
- 37:08in der Selbsthilfegruppe oder mit Freunden halt auch. Und ja, ich persönlich habe eine
- 37:17super Situation, die mir also auch sehr, sehr gut tut, gut getan hat, immer noch gut tut.
- 37:23Das ist, ich muss jede Woche zweimal zur Physiotherapie. Und wenn du so einen Therapeuten
- 37:30schon über Jahre kennst, dann erzählst du dir eben auch ziemlich private Sachen. Und auch dieses
- 37:37Thema Depression mit meinem Therapeuten auch mal ansprechen zu können, durchsprechen. Der hat
- 37:42selbst in seiner Verwandtschaft, Bekanntschaft auch schon Erfahrungen gemacht. Von daher kann man
- 37:47auch da gut darüber reden. Also ganz, ganz wichtig. Und was dann noch wichtig ist,
- 37:55das ist, dass man sich eben auch untereinander noch weiter erzielt mit der Partnerin. Auch wenn
- 38:03es schwer fällt, aber dass man diese Stille durchbricht, weiterhin ins Gespräch kommt. Und
- 38:10wir haben es zum Beispiel auch gemacht. Es gibt ja zurzeit auch so Spiele, die du dir kaufen kannst
- 38:17mit Fragen drauf. Erzählt euch was. Das sind dann Fragestellungen oder Themen ganz kurz angerissen
- 38:25aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart, aus der Zukunft. Und darüber sprichst du daneben. Der eine
- 38:33beantwortet die Frage, der andere beantwortet die Frage. Das ist schön. Das ist glaube ich auch
- 38:37ein bisschen einfacher, wenn es so angeleitet ist sozusagen in diesem Spielszenario. Ganz genau.
- 38:42Dadurch kommst du uns reden, dadurch bleibst du beim Reden dabei. Und ganz ganz wichtig. Ja, toll.
- 38:48Das fand ich ganz ermutigend für andere Angehörige, die das jetzt hören, dass man eben auch so viel
- 38:54Positives daraus mitnimmt. Weil es ist ja wirklich eine dunkle, schwere, lange Zeit auch jetzt gewesen.
- 39:01Oder als es angefangen hat vor allen Dingen. Ja, das kommt auch immer wieder. Weil wir waren jetzt
- 39:10erst vor kurzem im Urlaub. Wir waren eine Woche auf Waldrum. Und Waldrum ist eine Insel, die kannte
- 39:16ich früher überhaupt nicht. Meine Freundin fährt da schon seit Jahrzehnten hin. Und das ist ihre
- 39:21Insel. Und dann packst du zusammen und am Vorabend kriegst du dann schon mit, dass die Stimme runtergeht.
- 39:31Und ich freue mich da gar nicht so richtig drauf. Diesen Reflex, obwohl ich natürlich weiß,
- 39:36dass es völlig falsch ist, aber ist es nicht trotz aller Geduld und trotz aller Zuversicht,
- 39:42die man aufbringen muss in dieser Situation und die du vor allen Dingen auch aufgebracht hast.
- 39:47Das hast du ja gerade sehr schön berichtet. Ist es nicht trotzdem ab und zu so, dass man so reflexartig
- 39:53denkt, jetzt möchte ich den anderen schütteln und sagen, jetzt wird alles wieder gut und jetzt reist
- 39:59ich zusammen. Jetzt lass uns irgendwie rausgehen und alles ist wieder gut. Ja, das ist eine Sache,
- 40:07da musst du reinwachsen und da wächst du auch rein als Angehöriger, wenn dir an der Partnerschaft
- 40:12zum Beispiel gelegen ist. Am Anfang ist es natürlich so, das Leben wird irgendwie auf links gedreht.
- 40:17Und ja, du läufst auch in Pfeilen rein, ganz klar. Es ist eine Krankheit. Du musst ja immer wieder sagen,
- 40:28es ist eine Krankheit, obwohl du eben äußerlich nicht siehst. Du siehst also kein Gipsbein oder
- 40:33sonst irgendwas. Und mit guten Tipps muss man sich ein bisschen auch zurückhalten. Also auch das ist
- 40:44mir mehrfach passiert, wo ich dann immer dachte, warum reagierst du jetzt so? Ich habe das doch nur
- 40:50gut gemeint. Aber es war nur gut gemeint, das war nicht wirklich gut. Aber man darf dann trotzdem
- 40:56nicht beleidigt reagieren und sich zurückziehen, sondern man muss ja dann auch in der Situation
- 41:01wieder Verständnis aufbringen. Also das meine ich damit. Es ist ein weniger Prozess, immer wieder
- 41:07sich selber zu stabilisieren und sich selbst zu motivieren, weiter mit einer verantwortlichen
- 41:15aufrechten Haltung da durchzugehen. Ja, du musst ja immer, weil ja vor Augen führen,
- 41:21das ist nicht dein Partner, der das sagt. Es ist die Krankheit, die mit dir spricht.
- 41:27Ja und das ist das große Problem. Du liebst deinen Partner, dein Partner liebt dich,
- 41:37nur es kann in dem Moment halt nicht so gezeigt werden. Wer hat dir das gesagt,
- 41:46diesen Satz, den du gerade gesagt hast, das ist die Krankheit, die da spricht und nicht dein
- 41:52Partner? Das habe ich, als ich mich mit der Krankheit beschäftigt habe, habe ich das
- 42:01das öfter in Büchern gelesen, in Podcast gehört und sehr weiter geholfen, hat mir gerade in der
- 42:09Anfangsphase bei den Spaziergängen mit meinem Hund habe ich immer Knöpfe um Ohr und ich habe da
- 42:17dann das Hörbuch gelesen, das Buch von Kurt Krömer. Ja, das ist ja auch so viel besprochen,
- 42:24ist auch sehr, sehr gut. Du darfst nicht glauben, was du denkst und er hat das ganz toll, wirklich,
- 42:32er hat das selber gelesen, das Buch ganz toll geschrieben und da tauchen solche Sachen immer
- 42:38wieder auf, dass das eben nicht der Mensch ist, dass es die Krankheit ist und das hat bei mir
- 42:46also sehr, sehr viel bewirkt und kann ich also auch nur jedem empfehlen. Das glaube ich. Ja, es hat
- 42:53vor allen Dingen, das hat er ja selber in verschiedenen Interviews hinterher gesagt,
- 42:56sehr viel bewirkt, weil er einer der ersten Männer waren, die so offen damit umgegangen sind und
- 43:04wir ja hier auch schon häufiger mal thematisiert hatten, dass es eben gerade für Männer, die eben
- 43:10vermeintlich stärker sind und keine Schwäche zeigen dürfen und so weiter, dass es da auch viel
- 43:16zu, zu, ja, Drucksituation führt, dass man selber sich das nicht zugestehen möchte oder dass man
- 43:23auch vor allen Dingen nicht gegenüber anderen sich mit diesem Thema öffnen möchte und sagen,
- 43:27ich bin von Depressionen betroffen oder ich bin von psychischen Erkrankungen betroffen. Ja,
- 43:33von den reinen Zahlen her leiden ja weniger Männer in Depressionen als Frauen. Weshalb sind
- 43:38die Zahlen so? Weil die Männer eben eine Hemmschwelle haben, entsprechend offen zu sein, offen
- 43:44zu sein, eben mit anderen darüber zu reden und auch zum Arzt zu gehen. Also deshalb wird das eben
- 43:51nicht so diagnostiziert und jetzt komme ich wieder zurück, ein Schwenk zur Angehörigengruppe. Auch da
- 43:59sind die Frauen in der Mehrheit. Weil sie sich eher Hilfe suchen. Ganz genau, dass sie eben offener
- 44:07mit dem Thema sind, darüber kommunizieren wollen und können. Auch da merkst du es. Also lieber Männer,
- 44:16denkt um. Ganz genau. Es tut nicht weh. Genau, gute Appell und ich muss auch wirklich sagen, ich
- 44:23habe es dir vorher schon mal gesagt, ich sage das hier aber gerne nochmal, es ringt mir wirklich
- 44:26höchsten Respekt, aber ich habe da große, große Anerkennung für dich als Partner, was du hier
- 44:33erzählst, wie du deine Lebenspartnerin begleitest seitdem die Diagnose gestellt wurde und dass du es
- 44:41schaffst, offensichtlich dich selber immer wieder so zu motivieren und zu stabilisieren, dass du den
- 44:48Halt geben kannst und dass du die Geduld aufbrechst und auch die Zuversicht aufbringst, dass es zu
- 44:56einer Besserheit führt, dass es wieder eine Verbesserung geben kann und das muss man glaube
- 45:00ich auch, aber ich kann mir so gut vorstellen, wie schwer das sein muss und ich weiß nicht,
- 45:06ob ich selber in der Lage wäre dazu. Ich finde es ganz, ganz toll. Also wirklich große, große
- 45:11Hochachtung davor. Muss ich wirklich sagen. Danke. Du musst ja auch mal vor Augen halten,
- 45:16der Partner oder sonstige Angehörige überhaupt die erkranken. Die haben ja nicht mit dem Finger
- 45:22geschnipst und haben gesagt, ich möchte jetzt die Depression haben. Ja, natürlich. Trotzdem ist es
- 45:28im Alltag wahnsinnig schwer. Also es ist für beide schwer, es ist für die Betroffenen schwer,
- 45:32aber es ist eben als Angehörige auch wahnsinnig schwer, finde ich, damit umzugehen und deswegen
- 45:37wirklich habe ich wahnsinnig viel Respekt davor, was du erzählt hast. Lieber Peter, ich danke dir
- 45:43ganz, ganz herzlich für deine ausführlichen Erzählungen und dass du mit uns deine Erfahrungen
- 45:48geteilt hast und natürlich auch deine Tipps und ich muss sagen, dass ich rausgehört habe,
- 45:54wie trotz aller Widerstände, durch die du mit deiner Partnerin jetzt gegangen bist,
- 45:59dass eure Beziehung da glaube ich sehr stabil ist und ich wünsche dir das auch weiterhin und
- 46:05freue mich sehr, dass du heute mein Gast warst. Vielen Dank für deine Offenheit. Danke Schülio.
- 46:11[Musik]