Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 2
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- 0:01Kapitel 2 der Ladestand 11% Niklas Roth sah auf das Display
- 0:08und das Display, sagte 11% und 11% waren der Unterschied
- 0:12zwischen einem Abend, der Geld brachte, und einem, der nichts
- 0:15brachte, als kalte Finger. Der Akku entschied das nicht er
- 0:19wenn das Telefon ausging ging die App aus.
- 0:21Und wenn die App ausging, gab es keine Routen mehr, keine
- 0:24Aufträge, kein Aufleuchten in der Dunkelheit, das ihm sagte,
- 0:28da Fahr dorthin, hol das, Bring es weg, dann gibt es ein paar
- 0:32Cent. Er hatte die Helligkeit ganz
- 0:34heruntergedreht, man lernte solche Tricks, man lernte, mit
- 0:3711% so umzugehen wie mit dem letzten Bargeld in der Tasche,
- 0:40dass man immer wieder anfasst, nur um zu spüren, dass es noch
- 0:43da ist. Die Stadt war nass und schwarz
- 0:46und über dem Asphalt lag dasselbe glänzen wie über allem
- 0:49in diesem Winter. Ein Glänzen, das aussah wie
- 0:52Wasser und sich anfühlte wie Eis.
- 0:54Er fuhr das Rad war billig, die Bremsen schlecht, der Rucksack
- 0:59auf seinem Rücken war eine warme Box mit 2 Pizzakartons darin und
- 1:02die Wärme der Box war die einzige Wärme an ihm, sie saß
- 1:05zwischen seinen Schulterblättern wie eine fremde Hand und gehörte
- 1:08einem anderen, er fror an den Füßen, an den Knien, an den
- 1:12Ohren. Der Hunger saß tiefer, der saß
- 1:15nicht im Magen, der saß irgendwo dahinter an einer Stelle, die
- 1:18kein Brot erreichte. Die App rechnete, sie rechnete
- 1:22immer, sie wusste, wo er war, auf den Meter genau, sie wusste,
- 1:26wie schnell er fuhr, sie wusste, wie lange er an jeder Tür stand,
- 1:30und aus all dem rechnete sie eine Zahl, und die Zahl war er
- 1:344,7 Sterne, wenn die Zahl fiel, fielen die Ruten, wenn die Ruten
- 1:40fielen, fiel alles. Er hatte 4,7 und er kämpfte um
- 1:43jedes Hundertstel. Und das Schlimme war nicht, dass
- 1:45die Zahl ihn beherrschte. Das Schlimme war, dass er sie
- 1:48verstand, sie war fair, sie log nicht, sie behandelte ihn
- 1:52genauso, wie er es verdiente, nach Sekunden, nach Metern, nach
- 1:56Treppen, und es gab niemanden, dem er die Schuld geben konnte,
- 1:59keinen Chef mit einem Gesicht, keine Stimme am Telefon, nur die
- 2:02Zahl, die er selber war 3. Stock, kein Aufzug.
- 2:06Er trug die Box hoch, 2 Stufen auf einmal, weil die App die
- 2:10Zeit nahm und oben öffnete ein Mann im Bademantel die Tür, sah
- 2:13ihn nicht an, nahm die Kartons, schloss die Tür.
- 2:16Kein Wort, Niklas stand noch eine Sekunde im Treppenhaus, das
- 2:20nach fremdem Essen roch und nach dem Putzmittel, mit dem man
- 2:23fremde Treppen putzt, und dann ging er wieder hinunter, 2
- 2:26Stufen auf einmal zurück in die Kälte, zurück aufs Rad und in
- 2:30seiner Tasche meldete das Telefon den nächsten Auftrag mit
- 2:32einem Zucken, das er im Oberschenkel spürte, bevor er es
- 2:35las. So ging das Stunde um Stunde.
- 2:39Er war nicht dumm, das sagten die Leute manchmal hinter seinem
- 2:42Rücken oder auch davor, der Niklas, na ja, und ließen den
- 2:45Satz hängen, aber er war nicht dumm, er war müde, das war ein
- 2:49Unterschied, den niemand sah, weil Müdigkeit von außen aussah
- 2:53wie Dummheit, langsame Augen, ein Mund, der zu spät
- 2:56antwortete, in ihm drin lief alles, nur eben gegen einen
- 3:00Widerstand, als wate man durch nasses Korn.
- 3:03Das Lager war besser gewesen, das dachte er manchmal.
- 3:06Und dann erschrak er, dass er es dachte, denn das Lager war die
- 3:09Hölle gewesen. 3 Jahre Hölle aber es war eine Hölle mit
- 3:13Heizung gewesen, mit festen Stunden, mit einem Lohn, der
- 3:16jeden Monat am selben Tag kam. Am Handgelenk hatte er ein Band
- 3:21getragen, ein Armband aus Plastik mit einem kleinen
- 3:23Bildschirm, und das Armband hatte ihn gezählt, es zählte
- 3:27seine Schritte und. Seine Wege durch die Halle, die
- 3:29Sekunden, die er brauchte, um ein Paket aus einem Regal zu
- 3:32nehmen und in eine Kiste zu legen, 18 Sekunden, wenn er 19
- 3:37brauchte, leuchtete das Band rot, wenn es zu oft rot
- 3:41leuchtete, kam ein Gespräch, er hatte gelernt, in seinem Kopf
- 3:45mitzuzählen, 12 bis 18 er hatte im Schlaf gezählt, nachts neben
- 3:50einer Frau, die er damals noch hatte, hatte er gezählt, und sie
- 3:54hatte ihn geweckt, weil seine Lippen sich bewegten.
- 3:56Dann hatten sie die Anlage umgebaut.
- 3:58Roboter, die nicht zählen mussten, weil sie keine Sekunden
- 4:01verloren, weil sie nicht aufs Klo gingen und nicht krank
- 4:04wurden und nicht nachts neben jemandem lagen und zählten.
- 4:06Die Kündigung war ein Schreiben gewesen, ein einziges Blatt, und
- 4:10auf dem Blatt hatte gestanden, lieber Niklas, lieber Niklas,
- 4:14sie duzten ihn. 3 Jahre hatte er für sie die Hallen leergeräumt
- 4:19und am Ende duzten sie ihn, als wäre er ein Kind oder ein Hund.
- 4:23Lieber Niklas, Wir müssen uns leider von dir trennen und
- 4:26darunter eine Unterschrift, die keine Unterschrift war, nur ein
- 4:29gedruckter Name, eine Abteilung, ein Mensch, den es vielleicht
- 4:32gar nicht gab, er hatte das Blatt nicht zerrissen.
- 4:35Er hatte es gefaltet und in eine Schublade gelegt, und es lag
- 4:38immer noch dort. Und manchmal, wenn er etwas in
- 4:41der Schublade suchte, ein Ladekabel, ein Feuerzeug, kam
- 4:44seine Hand an dem Papier vorbei und dann zog er die Hand
- 4:47schneller weg, als hätte er etwas heißes berührt.
- 4:50Dabei war es kalt, Papier ist immer kalt, jetzt gab es keine
- 4:54Heizung mehr und keinen festen Tag im Monat, jetzt gab es die
- 4:58App und die Zahl und 11%. Er fuhr die letzte Route, eine
- 5:03Suppe und ein Brot an eine Tür, hinter der niemand danke sagte.
- 5:07Und als er fertig war, war der Akku bei 4% und 4% waren das
- 5:11Ende des Abends. Er stellte das Rad in einen
- 5:14Hauseingang und hockte sich auf die Stufe und sah auf das
- 5:17Telefon, das gleich sterben würde und für einen Moment war
- 5:20da nichts, kein Auftrag, kein Zucken, nur er und die Kälte und
- 5:24der Hunger hinter dem Magen und dann fiel ihm der Zettel ein.
- 5:28Der Zettel klebte seit Tagen an der Tür des Spätkaufs, an dem er
- 5:31jeden Abend vorbeikam. Ein Zettel mit ein paar Worten
- 5:33und einer Uhrzeit und einer Adresse, ein Raum nicht weit
- 5:37heute Abend und unten der Satz, der hängen geblieben war, nicht
- 5:40weil er klug war, sondern weil er warm war, komm vorbei, es
- 5:44gibt was zu essen, du bist nicht allein.
- 5:47Der der Raum lag im Hinterhof einer Straße, die er kannte und
- 5:50doch nie betreten hatte. Hinter einer Tür, über der
- 5:53einmal der Name eines Geschäfts gestanden hatte, das es nicht
- 5:56mehr gab. Man sah noch die helleren
- 5:58Stellen im Putz, wo die Buchstaben gewesen waren,
- 6:01Geister von Wörtern. Niklas blieb davor stehen und
- 6:05das Telefon in seiner Tasche war jetzt tot.
- 6:07Ganz tot, ein schwarzer Stein und ohne das Telefon war er auf
- 6:10eine ungewohnte Weise frei, niemand konnte ihn orten,
- 6:13niemand rechnete ihn für ein paar Stunden war er keine Zahl,
- 6:17vielleicht ging er deshalb hinein.
- 6:19Vielleicht auch nur, weil von innen Licht kam.
- 6:21Warmes Licht, gelb, nicht das blaue der Bildschirme.
- 6:25Und weil der Geruch, der durch die angelehnte Tür kroch, der
- 6:28Geruch von Essen war von richtigem Essen, von etwas, das
- 6:32jemand gekocht hatte in einem Topf mit Zeit, drinnen war es
- 6:35voll und warm, so warm, dass ihm sofort die Ohren brannten, die
- 6:39vom Fahren taub gewesen waren und das brennen tat weh und war
- 6:42gut zugleich. Lange Tische, Bänke an der
- 6:45Stirnseite, eine Theke mit großen Töpfen, aus denen Dampf
- 6:48stieg. Es war ein Topf dick mit
- 6:51Fleisch, darin Erbsen und Kartoffeln und Wurst.
- 6:53Das Essen von Leuten, die satt werden wollen und nicht
- 6:56schmecken, ein Essen, das aus Töpfen kam, in die 20 Liter
- 6:59gingen und das nach Kelle und Menge roch und nicht nach
- 7:02jemandem. Seine Mutter kochte anders, der
- 7:06Gedanke kam Ungebeten und ging nicht wieder weg, bei ihr war es
- 7:09immer dünn, immer Suppe, weil Suppe sich strecken ließ und
- 7:13Fleisch nicht. Und sie stand dabei allein in
- 7:15einer Küche von der Größe eines Schranks und rechnete im Kopf,
- 7:19was bis Freitag reichen musste. Was hier in der Halle dampfte,
- 7:22war das Gegenteil davon, nicht wenig, das gestreckt wurde,
- 7:26sondern viel, das ausgeteilt wurde. 30 Jahre hatte seine
- 7:29Mutter aus nichts etwas gemacht, und niemand hatte ihr je einen
- 7:33Teller hingestellt. 3040 Leute, vielleicht normale Leute, nicht
- 7:38die, die er erwartet hatte, keine Glatzen, keine Stiefel,
- 7:42nichts von dem, was man im Fernsehen sah, sondern Männer in
- 7:45Arbeitsjacken wie seiner Frauen mit Kindern auf dem Schoß, ein
- 7:48paar alte, ein junger Kerl mit einer Mütze, der lachte über
- 7:52etwas, das sein Nachbar sagte, Es sah aus wie eine Kantine, es
- 7:56sah aus wie etwas, das es früher gegeben hatte in den Betrieben,
- 7:59von denen sein Vater erzählt hatte, bevor sein Vater gegangen
- 8:02war. Er stand an der Tür und er
- 8:04wusste, dass er an der Tür stand, wie einer, der gleich
- 8:06wieder geht, mit der Hand noch halb am Griff, den Rücken zum
- 8:10Ausgang und er hasste es, dass man ihm das ansah, dass man
- 8:14jedem ansah, der so stand, dass er nichts hatte und nichts
- 8:17erwartete. Er wollte sich schon umdrehen,
- 8:20da löste sich eine Frau von der Theke und kam auf ihn zu.
- 8:24Sie war vielleicht 40 mit einem Gesicht, das nichts Besonderes
- 8:28hatte und gerade dadurch auffiel, ein offenes, müdes,
- 8:31freundliches Gesicht, eine Schürze über dem Pullover, die
- 8:34Ärmel hochgekrempelt, und sie hatte einen Schöpflöffel in der
- 8:37Hand, als sei sie mitten aus der Arbeit gekommen, nur um zu ihm
- 8:41zu gehen. Sie blieb vor ihm stehen, sah
- 8:43ihn an, richtig an, nicht so wie der Mann im Bademantel ihn nicht
- 8:47angesehen hatte, nicht durch ihn hindurch, sondern auf ihn, und
- 8:50sie sagte. Du bist neu, setz dich, es ist
- 8:54genug da. Er sagte nichts, er hatte
- 8:57verlernt, wie man auf so etwas antwortete.
- 9:00Ich bin Sandra, sagte sie und du und er sagte seinen Namen leise,
- 9:06weil er ihn schon lange nicht mehr laut gesagt hatte, weil
- 9:09niemand ihn gefragt hatte. Seit Wochen, seit Monaten,
- 9:12vielleicht niemand außer der App, und die App fragte nicht,
- 9:15die App wusste schon, Niklas, sagte er.
- 9:18Niklas sagte sie und sie sagte es noch einmal, als prüfe sie,
- 9:22ob es ihr passte, ob es ein guter Name sei.
- 9:25Und dann nickte sie, als sei das entschieden, als sei sein Name
- 9:28nun in der Welt an einem Ort hinterlegt, an dem er nicht
- 9:31verloren ging. Komm Niklas, Du siehst aus, als
- 9:35hättest du den ganzen Tag nichts Warmes gehabt, etwas in seinem
- 9:38Brustkorb gab nach eine Naht, von der er nicht gewusst hatte,
- 9:41dass sie unter Spannung stand, es war nichts Großes.
- 9:45Es war nur, dass jemand seinen Namen sagte und im selben
- 9:48Atemzug sah, dass er hungrig war.
- 9:51Beides zugleich, der Name und der Hunger, als gehörten sie
- 9:54zusammen, als wäre er ein ganzer Mensch und nicht eine Zahl mit
- 9:57einem Akkustand. Er folgte ihr zur Theke.
- 10:01Sie gab ihm einen tiefen Teller und in den Teller kam ein Topf
- 10:05dick mit Fleisch darin mehr Fleisch, als er sich selbst
- 10:08gegeben hätte, und ein Stück Brot dazu.
- 10:10Und sie sah, dass er auf das Fleisch sah, und sie tat noch
- 10:13einen Löffel dazu, ohne ein Wort, nur mit einem kleinen
- 10:16Heben der Augenbrauen, das hieß schon gut, nimm.
- 10:20Er setzte sich an das Ende einer Bank, und der junge Kerl mit der
- 10:22Mütze rückte ein Stück ganz selbstverständlich, machte
- 10:25Platz, als sei Platz etwas, das man teilte und nicht etwas, um
- 10:29das man kämpfte, Niklas aß. Er aß zu schnell, er wusste es,
- 10:34aber er konnte nicht anders. Die Wärme lief ihm die Kehle
- 10:37hinunter und in den Bauch und von dort in die Arme, in die
- 10:40Finger, die langsam auftauten und dabei schmerzten, und er
- 10:43hielt den Teller mit beiden Händen, weil die Hände die Wärme
- 10:46nicht loslassen wollten. Niemand sah ihn an, während er
- 10:49aß, und das war die zweite Freundlichkeit, größer als die
- 10:52erste, dass man ihn essen ließ wie ein hungriger, ist, ohne ihn
- 10:56dabei zu beobachten, ohne dieses Gesicht zu machen, dieses
- 10:59bestimmte Gesicht aus dem Amt, aus dem Jobcenter, aus den
- 11:02Schlangen, das Gesicht, das Mitleid und Verachtung in einem
- 11:05war und das einem das Essen Vergällte, noch bevor man den
- 11:08ersten Bissen genommen hatte, hier machte niemand das Gesicht,
- 11:11hier aß man, und andere aßen mit, und das war alles.
- 11:15Erst als der Teller leer war, hörte er, dass vorne jemand
- 11:18redete. Er hatte es vorher nicht
- 11:20wahrgenommen, weil der Hunger lauter gewesen war als jede
- 11:23Stimme jetzt satt mit der Wärme im Bauch und dem Blut, das
- 11:27langsam in die Glieder zurückkroch, hörte er hin, es
- 11:31war ein Mann, der redete, nicht laut, aber so, dass alle hörten.
- 11:35Er stand nicht auf einer Bühne, er stand einfach zwischen den
- 11:38Tischen, eine Tasse in der Hand, und er sprach von der Straße, in
- 11:41der sie saßen, von dem Spielplatz 3 Häuser weiter,
- 11:44dessen Schaukel seit 2 Jahren kaputt war, weil die Stadt kein
- 11:47Geld hatte, und davon, dass jetzt jemand komme und sie
- 11:50repariere, nächste Woche schon, das sei beschlossen, das sei
- 11:53zugesagt. Er sprach von dem Arzt, der
- 11:56weggegangen war, und davon, dass es bald wieder einen geben
- 11:59solle, kleine Dinge, eine Schaukel, ein Arzt, eine
- 12:03Buslinie. Keine großen Worte, keine
- 12:06Fahnen, keine Parolen, von denen Niklas im Fernsehen gehört
- 12:09hatte. Nur die Aufzählung dessen, was
- 12:11kaputt war und daneben ruhig das Versprechen, dass es jemand
- 12:14reparieren würde. Und Niklas, der den ganzen Tag
- 12:17durch eine Stadt gefahren war, in der alles kaputt war und
- 12:21niemand etwas reparierte, in der man verfiel wie das Telefon in
- 12:24seiner Tasche, Prozent um Prozent, bis man schwarz wurde
- 12:27und niemand es merkte, Niklas hörte zu und etwas in ihm, das
- 12:31seit langem flach gelegen hatte, leer wie ein Akku auf dem
- 12:34letzten Balken begann sich aufzuladen, ganz langsam, ein
- 12:37einziger Balken erst, aber er leuchtete, er wusste nicht, wer
- 12:40diese Leute waren, in diesem Moment war es ihm gleich.
- 12:44Er wusste nur, dass er warm war, dass er satt war, dass jemand
- 12:48seinen Namen gesagt hatte, ohne dafür bezahlt zu werden, und
- 12:52dass das mehr war, als ihm seit langem irgendjemand gegeben
- 12:55hatte. Als er später ging an der Tür,
- 12:58drückte Sandra ihm etwas in die Hand, es war kein Zettel, kein
- 13:01Flugblatt, es war ein Powerbank, Akku, Klein, schwarz, mit einem
- 13:05Kabel, damit du nicht im Dunkeln stehst, sagte sie, bring ihn
- 13:08wieder, wenn du das nächste Mal kommst, wenn sie sagte nicht
- 13:12falls. Sie sagte, wenn, als sei längst
- 13:14ausgemacht, dass er wiederkäme. Und er steckte den Akku ein und
- 13:18auf dem Heimweg durch die nasse schwarze Stadt spürte er das
- 13:21kleine Gewicht in seiner Tasche und es wog mehr als sein
- 13:24Gewicht, vielmehr erst sehr viel später, als von allem nichts
- 13:28mehr übrig war, würde Niklas begreifen, wie genau dieser Akku
- 13:31gewählt gewesen war, nicht ein Flugblatt, das man wegwirft,
- 13:35nicht ein Getränk, das man austrinkt, ein Gegenstand, den
- 13:38man zurückbringen muss. Er hatte an diesem Abend nichts
- 13:42unterschrieben und nichts versprochen und war trotzdem
- 13:44gebunden durch ein Kabel und ein schwarzes Kästchen im Wert von
- 13:488€ und das genaueste daran war, dass Sandra es nicht kalt getan
- 13:52hatte. Sie hatte es getan, weil sie
- 13:55wollte, dass er wiederkam und sie wollte es aufrichtig mit dem
- 13:58ganzen warmen Herzen, das sie hatte, sie hatte es nur eben
- 14:02auch gelernt, jemand hatte ihr irgendwann beigebracht.
- 14:06Dass man Menschen nicht mit Argumenten holt, sondern mit
- 14:08einem Grund zurückzukommen. Und sie hatte es sich zu eigen
- 14:11gemacht, so vollständig, dass sie selbst nicht mehr hätte
- 14:14sagen können, wo die Freundlichkeit aufhörte und das
- 14:17Handwerk anfing. Es gab diese Grenze nicht mehr,
- 14:20das war es, was sie so wirksam machte und was sie wie Niklas
- 14:24eines Tages verstehen würde, nicht entlastete, sondern
- 14:27schwerer belastete als jeden Schreihals, er kam wieder.
- 14:31Beim zweiten Mal brachte er den Akku zurück und beim dritten Mal
- 14:35brauchte er keinen Grund mehr. Es wurde einfester.in seiner
- 14:38Woche, der einzige dienstags und donnerstags, wenn die Töpfe
- 14:42dampften. Er kam früher als nötig,
- 14:46manchmal, wenn noch keiner da war, außer Sandra und 23
- 14:49anderen, die in der Küche schnippelten und einmal, ohne
- 14:52dass jemand ihn darum gebeten hatte, hatte er sich eine
- 14:55Schürze genommen und angefangen, die Bänke abzuwischen, einfach
- 14:58so, weil seine Hände etwas tun wollten und weil es gut war,
- 15:02etwas zu tun, das niemand zählte, für das keine Sekunde
- 15:05lief, kein Stern stieg oder fiel.
- 15:08Sandra hatte es gesehen und nichts gesagt, nur genickt.
- 15:11Dasselbe kleine Nicken wie beim ersten Mal.
- 15:13Das hieß gut, du gehörst dazu, du musst nichts beweisen.
- 15:17Er erfuhr Namen, der junge Kerl mit der Mütze hieß Tobi und fuhr
- 15:21Gabelstapler in einem Lager am anderen Ende der Stadt, nicht
- 15:24seinem alten, einem anderen, aber es war dasselbe Lager, es
- 15:28war überall dasselbe Lager. Eine Frau hieß Doreen und hatte
- 15:322 Kinder und keinen Mann mehr und arbeitete in der Pflege in
- 15:35Schichten, die kein Mensch aushielt.
- 15:37Und sie sagte das nicht klagend. Sie sagte es, wie man das Wetter
- 15:41sagt, es waren Leute wie er, das war es, was ihn hielt, mehr als
- 15:46das Essen, dass es Leute wie er waren, dass er zum ersten Mal
- 15:50seit dem Lager in einem Raum saß, in dem er nicht der Ärmste
- 15:53war, nicht der mit dem schlechtesten Rad und dem
- 15:56leersten Akku, sondern einer von vielen.
- 15:59Einer unter seinesgleichen. Und dann war da Mike Mike
- 16:03gehörte dazu und gehörte doch nicht zu den wärmenden, er stand
- 16:06meist hinten an der Wand, mit verschränkten Armen, ein Mann um
- 16:10die 35 durchtrainiert, auf die harte, freudlose Art mit
- 16:14kurzgeschorenem Haar und einem Blick, der den Raum abtastete,
- 16:18als zähle er, wer kam. Und wer ging, als führe er
- 16:21innerlich eine Liste. Er redete wenig, und wenn er
- 16:24redete, wurde es still. Niklas hatte ihn zuerst kaum
- 16:27bemerkt, weil Mike nichts tat, um bemerkt zu werden, und gerade
- 16:30das war es, was an ihm beunruhigte, dass er nichts
- 16:33brauchte. Sandra brauchte, dass es den
- 16:35Leuten gut ging, man sah es ihr an, sie blühte auf, wenn ein
- 16:39Teller leer wurde, Mike brauchte nichts dergleichen, Mike
- 16:42beobachtete einmal spät, als die meisten schon gegangen waren,
- 16:46hörte Niklas, wie Mike mit dem Mann sprach, der immer von der
- 16:49Schaukel und vom Arzt redete. Sie sprachen leise an der Theke
- 16:53und Niklas, der die Töpfe Schruppte, war nah genug, um
- 16:56Fetzen zu hören. Es ging um Listen, hörte er, um
- 17:00Leute, die man aufnehmen könne, und um andere, bei denen man
- 17:03vorsichtig sein müsse. Es ging um eine Wohnung, die
- 17:06frei werde, und darum, wer sie kriege und wer nicht, und Mike
- 17:10sagte einen Satz ruhig beiläufig beim Trinken aus seiner Tasse
- 17:15einen Satz, der Niklas im Nacken sitzen blieb, ohne dass er
- 17:18gewusst hätte, warum. Die richtigen zuerst, der Rest
- 17:22sortiert sich von selbst. Niklas verstand es nicht.
- 17:26Er verstand nicht, was die richtigen Waren und wer der Rest
- 17:28war. Und er dachte nicht weiter
- 17:30darüber nach, weil denken Kraft kostete und seine Kraft am Abend
- 17:34aufgebraucht war wie ein Akku. Er schob den Satz Weg, dahin, wo
- 17:38er die Kündigung hingeschoben hatte, und das Zählen im Lager
- 17:42an die Stelle, an die man die Dinge schiebt, die zu kalt sind,
- 17:45um sie anzufassen. Aber der Satz blieb so wie das
- 17:48Papier in der Schublade blieb. Manche Dinge waren kalt und
- 17:52blieben trotzdem. Es war Sandra, die ihm an jenem
- 17:55Abend die Aufgabe gab, und das machte den Unterschied, das
- 17:58machte, dass er ja sagte, ohne zu zögern, sie kam zu ihm an die
- 18:02Spüle, trocknete sich die Hände an der Schürze und sah ihn an
- 18:05mit diesem offenen, müden Gesicht.
- 18:08Niklas, Du hast doch ein Rad und du kennst die Stadt besser als
- 18:11jeder von uns, du fährst sie ja den ganzen Tag, geht so, sagte
- 18:15er. Aber es freute ihn, dass sie es
- 18:17sagte, dass sie etwas an ihm benannte, das er konnte, statt
- 18:20etwas, das ihm fehlte. Am Samstag bauen wir auf drüben
- 18:24am alten Sportplatz, Tische, Bänke, ein Zelt, eine Anlage, es
- 18:28muss Material hin und her, vom Lager hierher und wieder zurück,
- 18:32wir brauchen jemanden, der zuverlässig ist und sich nicht
- 18:35zu schade ist, jemanden, auf den man sich verlassen kann,
- 18:38verlassen, da war das Wort wieder, das Wort aus dem Radio,
- 18:42das Wort von den Bildschirmen. Verlässlichkeit nur, dass es aus
- 18:46sandras Mund nichts Bedrohliches hatte, nichts glattes, sondern
- 18:49warm war und auf ihn gemünzt, auf ihn ganz allein jemand, auf
- 18:53den man sich verlassen kann. Niemand hatte das je über ihn
- 18:56gesagt, das Lager hatte ihn gezählt, die App rechnete ihn,
- 19:00die Frau, die er einmal gehabt hatte, war gegangen, weil man
- 19:04sich auf ihn eben nicht hatte verlassen können oder weil sie
- 19:07es so gesagt hatte, am Ende mit müder Stimme.
- 19:10Und jetzt stand eine Frau vor ihm in einer Schürze und sagte
- 19:13das Gegenteil, sagte es, als sei es längst wahr, als müsse er es
- 19:17nur noch einlösen. Klar, sagte Niklas, Mach ich
- 19:21gut, sie lächelte, und dann gab sie ihm etwas einen Schlüssel an
- 19:25einem einfachen Ring ohne Anhänger, der ist fürs
- 19:28Materiallager, damit du nicht warten musst, bis einer
- 19:31aufschließt, du kommst ja eh früh.
- 19:34Er nahm den Schlüssel und der Schlüssel lag schwer und kalt in
- 19:37seiner Hand und wurde warm, während er ihn hielt er.
- 19:40Ein Schlüssel. Man gab niemandem einen
- 19:42Schlüssel, dem man nicht traute. Ein Schlüssel war Vertrauen, das
- 19:45man anfassen konnte, Vertrauen mit Gewicht und er schloss die
- 19:49Finger darum und in seinem Innern leuchtete der Balken
- 19:52jetzt heller, 2 Balken, 3 ein Display, das in der Dunkelheit
- 19:56anging und sagte du bist da, du wirst gebraucht, du gehörst.
- 20:02Hinten an der Wand stand Mike und sah zu, wie Sandra Niklas
- 20:05den Schlüssel gab und sein Gesicht veränderte sich nicht,
- 20:08aber sein Blick blieb einen Moment zu lang auf Niklas
- 20:11liegen. Taxierend Einordnend, als trage
- 20:14er ihn in eine Liste ein, in eine andere als die, in die
- 20:17Sandra ihn eintrug. Niklas bemerkte es nicht.
- 20:21Er sah nur den Schlüssel in seiner Hand und draußen war die
- 20:24Stadt kalt und schwarz, aber er hatte keine Angst mehr vor dem
- 20:27Heimweg. Zum ersten Mal seit langem, denn
- 20:30er trug jetzt etwas bei sich, das wärmer war als jede Box voll
- 20:33fremden Essens, einen Schlüssel, der ihm gehörte und einen Tag,
- 20:37an dem man ihn brauchte. Er wusste nicht, was er da in
- 20:40die Hand genommen hatte, er wusste nur, dass es sich
- 20:42anfühlte wie das Ende eines langen Frierens, und das war
- 20:46genug, um wiederzukommen, immer wieder, so oft sie ihn riefen.