Latest / Im Krisenmodus / Ukraine-Krieg: Sechs Frauen über Verantwortung an der Front und im Alltag
Transcript
- 0:00Was bedeutet es, im Krieg Verantwortung zu übernehmen?
- 0:03Als Abgeordnete, als Kampfsanitäterin, als Unternehmerin, als Wissenschaftlerin oder als Mutter?
- 0:09In der Ukraine haben Frauen während des Krieges Aufgaben übernommen,
- 0:12die früher oft Männern zugeschrieben wurden.
- 0:15Sie fahren Traktoren, führen Unternehmen, arbeiten in der Armee,
- 0:18helfen Verwundeten und kümmern sich um Familien, während viele Männer an der
- 0:22Front kämpfen. Eine von ihnen sagt...
- 0:27Ich glaube, der Wiederaufbau der Ukraine wird nach dem Krieg auf den Schultern der Frauen liegen.
- 0:46Anna Potowa ist Abgeordnete im ukrainischen Parlament. Sie arbeitet im Haushaltsausschuss.
- 0:51Seit Beginn der russischen Vollinvasion beschäftigt sie sich zusätzlich mit
- 0:54Veteranen, mit Kriegsversehrten und mit den Familien von Vermissten und Kriegsgefangenen.
- 0:59Ihre Einschätzung ist sicherlich eine politische Aussage, aber sie schreibt
- 1:03eben auch etwas, das in vielen persönlichen Geschichten zeigt.
- 1:06Frauen übernehmen im Krieg nicht nur neue Aufgaben, sie halten auf gleichzeitig
- 1:11mehrere Lebensbereiche zusammen.
- 1:13Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter
- 1:17für die Funke Mediengruppe.
- 1:19Ihr findet meinen Artikel in der NRZ, der WRZ, der Berliner Morgenpost im Hamburger
- 1:23Abendblatt und auf unseren Portalen.
- 1:25Für diese Folge habe ich mit sechs Frauen in der Ukraine gesprochen.
- 1:29Sie leben in der Hauptstadt Kiew, in der Nähe der Front oder im Süden des Landes,
- 1:33und ihre Aufgaben könnten unterschiedlicher kommen sein.
- 1:36Eine von ihnen arbeitet im Parlament und versucht Familien von Kriegsgefangenen
- 1:40zu helfen. Eine andere war als Kampfsanitäterin selber an der Front.
- 1:43Eine Professorin entwickelt orthopädische Schuhe für verwundete Soldaten.
- 1:47Eine Unternehmerin führt eine Kosmetikmarke durch den Krieg.
- 1:51Eine Ziegenfarmerin kämpft um ihre Tiere und ihre Kinder.
- 1:55Und eine Meeresbiologin berät Minenenschärfer im Schwarzen Meer.
- 2:00Ich möchte mit Anna Portova beginnen, weil sich an ihrer Arbeit besonders deutlich
- 2:04zeigt, wie der Krieg im Bereich hineinreicht, die auf den ersten Blick weit
- 2:07entfernt am Schlachtfeld liegen.
- 2:10Anna Portova ist 44 Jahre alt und stammt aus Njepro. Das ist eine Großstadt,
- 2:14im östlichen Zentrum der Ukraine.
- 2:17Sie ist Abgeordnete der Partei Diener des Volkes. Das ist die Partei,
- 2:20die sich um Volodymyr Zelensky gebildet hat, den Präsidenten,
- 2:23also auch die Regierungspartei.
- 2:26Sie arbeitet im Haushaltsausschuss des ukrainischen Parlaments.
- 2:29Vor ihrer politischen Tätigkeit hat sie Unternehmen beraten,
- 2:32vor allem bei Fragen der Digitalisierung.
- 2:35Seit der russischen Invasion kümmert sie sich zusätzlich um die Folgen des Krieges.
- 2:38Besonders beschäftigt sie der Umgang mit Menschen, die aus der Gefangenschaft
- 2:43zurückkommen, mit Verwundeten und mit den Angehörigen von Soldaten,
- 2:46deren Schicksal ungeklärt ist.
- 2:48Wenn Frauen oder Mütter sie fragen, ob sie weiß, wo ihre Männer und Söhne sind,
- 2:53kann sie oft keine Antwort geben.
- 2:54Russland bestätigt nach ukrainischen Angaben nicht zuverlässig,
- 2:58welche Soldaten sich in Gefangenschaft befinden.
- 3:00Internationale Organisationen haben nur einen geschränkten Zugang.
- 3:04Das haben wir auch immer wieder auf unseren Reisen gehört, wenn wir mit ehemaligen
- 3:07ukrainischen Kriegsgefangenen geredet haben.
- 3:11Entsprechende Folge können wir euch in die Shownotes reinpacken.
- 3:15Anna spricht deshalb nicht nur über einzelne Fälle, sie spricht über ein politisches
- 3:18System, das sein Schutzversprechen für die Kriegsgefangenen nicht einlöst.
- 3:24Wir haben viel Arbeit zu machen hier in der Lande. Wir müssen die Bescheinungen
- 3:29zu helfen, die Familien zu organisieren, die medizinische Unterstützung für sie und andere Dinge.
- 3:34Aber das ist die Arbeit, die wir uns selbst machen können.
- 3:38Wir versuchen alles zu organisieren. Für mich ist die größte Herausforderung,
- 3:42die mit internationalen Organisationen.
- 3:45Wir haben im Land noch viel zu tun. Wir müssen spezielle Gesetze verabschieden,
- 3:48um die Familien zu unterstützen, ihre medizinische Versorgung zu organisieren
- 3:52und andere Hilfen bereitzustellen.
- 3:54Das sind Aufgaben, die wir selbst erledigen können und wir versuchen, alles zu organisieren.
- 3:59Für mich besteht die größte Herausforderung darin, mit internationalen Organisationen
- 4:03und Partnern in anderen Ländern zusammenzuarbeiten.
- 4:06Weltweit glauben viele Menschen noch immer, dass die Genfer Konvention die Regeln
- 4:09dafür festlegen, wie Staaten mit Kriegsgefangenen umgehen.
- 4:13Aber diese Regeln funktionieren nicht mehr. Russland hat sie vor vielen Jahren
- 4:17unterzeichnet, aber wir sehen, dass es sich einfach nicht darum kümmert.
- 4:20Wir wissen noch immer nicht, wie viele Menschen in russischen Gefängnissen festgehalten werden.
- 4:24Russland nennt uns ihre Namen nicht. Nach den Genfer Regeln müsste Russland
- 4:28bestätigen, wie viele Gefangene es gibt und wer sie sind.
- 4:31Das geschieht nicht. Wir haben keinen Zugang, um ihre Situation und die Bedingungen
- 4:35in den Gefängnissen zu überprüfen.
- 4:37Wir müssen deshalb mit anderen Ländern, mit der Europäischen Union,
- 4:40den Vereinigten Staaten und internationalen Organisationen zusammenarbeiten,
- 4:44damit diese Regeln wieder funktionieren.
- 4:46We have this and we need to work together with other countries,
- 4:50with the European Union, United States and international authorities to change
- 4:55these old protocols and start them to work.
- 4:58Anna beschreibt damit ein sehr konkretes Problem.
- 5:00Russland nennt die Namen der Gefangenen nicht und bestätigt auch nicht,
- 5:03wie viele Menschen eigentlich in russischen Gefängnissen festgehalten werden.
- 5:07Das ist ein Riesenproblem, weil aktuell um die 100.000 ukrainische Soldatinnen
- 5:12und Soldaten als vermisst gelten und,
- 5:16natürlich die Angehörigen gerne wissen würden, wie es um deren Schicksal bestellt
- 5:19ist, wo die eigentlich abgeblieben sind, ob die als Leichen im Schlachtfeld
- 5:23liegen oder im russischen Kriegsgefangenen lagern sind.
- 5:27Die Genfer Konvention und das humanitäre Völkerrecht legen Mindeststandards
- 5:30für den Umgang mit Kriegsgefangenen fest.
- 5:32Dazu gehören eben auch die Erfassung von Kriegsgefangenen und der Zugang des
- 5:36internationalen Komitees vom Roten Kreuz.
- 5:39Wenn diese Regeln nicht durchgesetzt werden, entsteht für die Angehörigen eine
- 5:42doppelte Unsicherheit. Sie wissen, wie gesagt, nicht, ob ihre Familienmitglieder
- 5:46tot sind, ob sie verwundet wurden, ob sie in russischer Kriegsgefangenschaft festgehalten werden.
- 5:51Anna versucht auf nationaler Ebene zu helfen. Sie arbeitet an Gesetzen,
- 5:54an medizinischer Versorgung und an finanzieller Unterstützung für die betroffenen Familien.
- 6:00Gleichzeitig stößt sie international auf ein Problem, das sie kaum selbst beeinflussen kann.
- 6:05Die Regeln existieren, aber Russland missachtet sie. Und das gilt ja eben nicht nur für Russland.
- 6:10Auch in anderen Krisen- und Konfliktgebieten erleben wir das ja immer wieder,
- 6:14dass das internationale Völkerrecht mit Füßen getreten wird.
- 6:17Ob das Kriege, was es nicht in Afrika sind, ob das der Krieg in Gaza ist,
- 6:22ob der Krieg jetzt auch aktuell gegen den Iran ist, der Amerikaner,
- 6:26überall erodiert das Völkerrecht eben.
- 6:30Bei ihrer Arbeit begegnet sie auch Menschen, die im Krieg ihr Augenlicht verloren haben.
- 6:34Einer von ihnen, ein junger Mann namens Nikola, das war sozusagen die Initialzündung
- 6:39für ihre Tätigkeit, das hat sie mir erzählt, den hat sie relativ zu Beginn der
- 6:43russischen Invasion getroffen.
- 6:45Er ist also kurz nachdem er sich freiwillig gemeldet hat, schwer verwundet worden
- 6:50im Krieg, hat er beide Arme und sein Augenlicht verloren.
- 6:53Anna hat die Prothesen besorgt, aber sein Augenlicht, das kann sie ihm natürlich nicht zurückgeben.
- 6:57Aber sie versucht dafür zu sorgen, dass Menschen wie er nicht aus dem politischen
- 7:01Blickfeld verschwinden.
- 7:03Dann spricht Anna über die Rolle der Frauen. In der Ukraine dienen inzwischen
- 7:08zehntausende Frauen in den Streitkräften.
- 7:10Andere übernehmen Tätigkeiten in der Landwirtschaft, in Unternehmen oder in
- 7:15der Versorgung ihrer Familien.
- 7:17Es ist eine sehr große Herausforderung, weil die Männer ein tolles Job machen,
- 7:23um unser Land zu beschützen.
- 7:24Aber jetzt ist Ukraine der Nummer 1 in der Welt mit der Zahl der Frauen,
- 7:29die auch in Deutschland servieren.
- 7:32Frauen spielen heute eine sehr große Rolle, während die Männer unser Land schützen.
- 7:35Die Ukraine ist inzwischen das Land mit der weltweit größten Zahl an Frauen
- 7:39in den Streitkräften. Wir haben inzwischen mehr als 70.000 Frauen in der Armee.
- 7:43Frauen gründen und unterstützen Unternehmen und tragen zur Wirtschaft bei.
- 7:46Wir übernehmen viele Aufgaben, die wir vor dem Krieg nicht übernehmen mussten.
- 7:50Männer haben zum Beispiel als Klempner oder in der Landwirtschaft gearbeitet.
- 7:54Jetzt haben Frauen gelernt, diese Arbeiten selbst zu übernehmen.
- 7:57Gleichzeitig kümmern sich Frauen weiterhin um die Kinder, obwohl sie immer mehr arbeiten müssen.
- 8:01Und ich persönlich glaube, dass der Wiederaufbau und die Rekonstruktion der
- 8:04Ukraine nach dem Krieg auf den Schultern der Frauen liegen werden.
- 8:13Das ist natürlich keine Aussage darüber, dass Frauen grundsätzlich stärker sind als Männer.
- 8:17Es geht einfach um die Folgen des Krieges. Viele Männer kämpfen,
- 8:19sind verwundet, gefallen oder in Gefangenschaft.
- 8:22Und Frauen müssen deshalb Aufgaben übernehmen, die vorher häufig auf mehrere
- 8:25Menschen verteilt waren.
- 8:27Anna sagt, die Ukraine wird nach dem Krieg nicht nur Häuser,
- 8:30Straßen und Brücken wieder aufbauen müssen. Es geht auch um die Familien,
- 8:33um Unternehmen, um die Rückkehr von Veteranen und um die Integration von Menschen,
- 8:37die schwer verletzt wurden.
- 8:39Was übrigens auch ganz spannend sein wird nach dem Krieg, ist die Frage,
- 8:42was passiert eigentlich, wenn die ganzen Menschen, die sich ins Ausland geflüchtet
- 8:46haben, also auch Frauen wie Männer, wie Kinder,
- 8:49wenn die zurückkommen in die Ukraine und da eben auf eine Gesellschaft treffen,
- 8:53die vier Jahre oder wahrscheinlich wesentlich mehr,
- 8:56Zeit im Krieg verbracht haben und wie die Gesellschaft dann,
- 9:01funktionieren wird und auch da werden sicherlich Frauen eine große Rolle spielen.
- 9:05Ich habe in der Vergangenheit immer wieder mal auch Psychologinnen,
- 9:08Psychiaterinnen getroffen und mit denen eben genau über dieses Problem gesprochen.
- 9:12Und ich glaube, das wird eine sehr herausfordernde Aufgabe für die gesamte Gesellschaft,
- 9:18aber vor allem auch für die Frauen in der Ukraine.
- 9:21Die nächste Frau, mit der ich gesprochen habe, arbeitet dort,
- 9:23wo Verletzungen jeden Tag unmittelbar sichtbar werden, bei der militärischen Ausbildung.
- 9:28Olena Dembitska nennt sich selbst Lena. Ihr Rufname beim Militär ist Lisa.
- 9:33Lisa steht für Füchschen.
- 9:36Sie ist Gefechtsmedizinerin in der 3. Kompanie der 31. Mechanisierten Brigade,
- 9:41bildet heute neue Soldatinnen und Soldaten in taktischer Medizin aus.
- 9:46Früher, hat sie erzählt, ist sie selbst auf die Position gegangen.
- 9:50Sie hat Verwundete versorgt und Menschen aus gefährlichen Situationen geborgen.
- 9:55Heute hat ihr Bataillonskommandeur entschieden, dass sie ihre Kampferfahrung
- 9:59an jüngere Kameradinnen und Kameraden weitergeben soll.
- 10:03Wir haben sie in der Nähe eines Ausbildungszentrums getroffen.
- 10:07Da hat sie uns erzählt über ihre Vergangenheit, warum sie sich eigentlich entschieden
- 10:11hat, zum Militär zu gehen. Das war für sie wohl immer eine Herausforderung,
- 10:14das hat sie uns erzählt im Vorgespräch, bevor wir dann die Audio aufgenommen haben.
- 10:20Und dass sie eigentlich auch immer fasziniert gewesen sei von Medizin.
- 10:24Und naja, dann hat sie sich irgendwann mal freiwillig gemeldet,
- 10:29hat aber auch ihren Mann kennengelernt.
- 10:31Der selber auch in der 31. Brigade ist. Und ja, dann hat sie,
- 10:37wie gesagt, erst mal als Kampfsanitäterin gearbeitet, da einige krasse Erfahrungen gemacht.
- 10:41Jetzt, weil ihr Bataillonskommandeur ihr gesagt hat, sie solle eben nicht mehr
- 10:45nach vorne gehen, unterrichtet sie nicht einfach nur nach festem Schema,
- 10:49sondern sie arbeitet mit dem March-Protokoll der taktischen Medizin,
- 10:53passt es aber auch an die Bedingungen an, die sie selbst in der Front erlebt hat.
- 11:02Früher war ich draußen an den Positionen, habe medizinische Hilfe geleistet und Menschen gerettet.
- 11:08Aber mein damaliger Bataillonskommandeur hat entschieden, dass ich genug geleistet
- 11:12habe und es Zeit ist, meine Kampferfahrung an die jüngeren Soldaten weiterzugeben.
- 11:17Ich unterrichte nicht nur streng nach dem March-Protokoll der taktischen Medizin.
- 11:22Ich beziehe auch meine eigenen Erfahrungen und was ich gelernt habe mit ein.
- 11:26Wo es nötig ist, nehme ich Anpassungen vor, damit die Ausbildung so nah wie
- 11:30möglich an den tatsächlichen Bedingungen an der Front ist.
- 11:34Lena betont, dass sich die Bedingungen ständig verändern. Neue Drohnen,
- 11:37neue Waffen, andere Wege zur Evakuierung.
- 11:40Was gestern funktioniert hat, kann heute schon nicht mehr ausreichen.
- 11:42Darüber haben wir auch schon oft in diesem Podcast gesprochen,
- 11:45was sich alles verändert hat an der Front, insbesondere durch die Drohnenkriegsführung.
- 11:49Auch da können wir entsprechende Folgen in die Shownotes packen.
- 11:53Zu ihrer Aufgabe gehört deshalb nicht nur die medizinische Ausbildung,
- 11:55sie versucht auch, die Soldatinnen und Soldaten mental auf ihren Einsatz vorzubereiten.
- 12:00Manche sind verängstigt, andere verdrängen die Gefahr, einige sagen offen,
- 12:03dass sie nicht kämpfen wollen.
- 12:05Genau das ärgert Lena, besonders dann, wenn mobilisierte Männer in ihre Ausbildung
- 12:09kommen und sagen, das ist nicht mein Krieg.
- 12:12Trotz ihrer Enttäuschung arbeitet sie aber weiter mit ihnen,
- 12:15denn sie weiß, dass ein solcher Soldat im Ernstfall nicht nur sich selbst gefährdet,
- 12:19wenn er nicht hilft, kann das für einen verwundeten Soldaten unter Umständen tödlich sein.
- 12:24Lena sagt auch, Frauen und Männer sollten im Krieg grundsätzlich die gleichen
- 12:28Rechte und Pflichten haben.
- 12:34Die Rolle von Mann und Frau, im Grunde sollten wir absolut gleiche Rechte und Pflichten haben.
- 12:39Es gibt hier keinen Unterschied zwischen einem Jungen und einem Mädchen.
- 12:43Frau zu sein bedeutet nicht, dass man nicht an die Positionen geht.
- 12:46Wenn die Aufgabe ist verlangt, dann geht man.
- 12:49Wenn ich den Männern helfen muss, auch den Männern aus meiner Einheit sie rausholen
- 12:53und retten muss, dann tue ich das.
- 12:55Und wie es dann am Ende ausgeht, ob es unsere Männer sind oder nicht,
- 12:58ist eine andere Frage. Wer sonst soll gehen?
- 13:06Also das hat Lena ohne große Geste formuliert. Also für sie ist die Frage nicht,
- 13:11ob eine Frau an die Front gehört. Die Frage ist, welche Aufgabe sie hat und
- 13:14ob sie diese Aufgabe erfüllen kann.
- 13:16Ihre Arbeit hat sich aber trotzdem verändert und merkte daran,
- 13:20dass das hat ihr nicht ganz gut gefallen,
- 13:23Das zu erzählen, also sie war lange im Dauereinsatz, hat mehr als 300 Verwundete,
- 13:27versorgt und wurde selbst durch einen Splitter am Knie verletzt und seitdem
- 13:32sagt sie, das ist eben auch einer der Gründe, warum ihr Bataillonskommandeur
- 13:35ihr gesagt hat, sie soll jetzt bitte nur noch Ausbildung machen,
- 13:38bekommt sie manchmal Panikattacken oder zumindest zittrige Hände.
- 13:42Und, naja, dann sagt sie, sie kann eben aufgrund dieses ganz offensichtlich
- 13:48posttraumatischen Belastungssyndroms nicht mehr vorne arbeiten.
- 13:52So ein Einsatz, von dem sie erzählt hat, das war der erste Einsatz,
- 13:57den sie mitgemacht hat, dass ihr Zugführer durch eine Schraubnell am Bein schwer verletzt worden ist.
- 14:01Sie hat sich dann unter Mörserbeschuss ganz nach vorne gearbeitet,
- 14:05hat ihn versorgt, hat ihn zurückgebracht und seitdem nennt er sie seine kleine Schwester.
- 14:09Und ein paar Monate später, also sie war knapp anderthalb Jahre wirklich hart
- 14:13im Gefecht drin, war sie dann eben in so einer Schlachtsituation bei Bukrovsk.
- 14:18Und das war wohl so heftig, weil einfach so viele Drohnen unterwegs waren und
- 14:23so viele Explosionen um sie herum waren, dass sie da eben offensichtlich ein
- 14:27mentales Trauma mitgenommen hat. Und wie gesagt, deswegen kann sie eben jetzt
- 14:31nicht mehr vorne arbeiten.
- 14:33Aber diese Einsätze, die sie da erlebt hat, das ist eben auch der Grund,
- 14:36warum sie ihre Kameradinnen und Kameraden nicht nach dem Lehrbuch ausbildet.
- 14:40Sie weiß, wie schnell sich eine medizinische Lage unter Beschuss verändert.
- 14:44Und gleichzeitig sagt sie, und das fand ich halt spannend, dass sie durch den
- 14:47Krieg offener und selbstbewusster geworden ist.
- 14:58Nun, natürlich verändert der Krieg jeden Menschen. Was mich betrifft,
- 15:01würde ich sagen, dass ich wahrscheinlich immer noch dieselbe Person bin wie
- 15:05früher, aber vielleicht bin ich offener und selbstbewusster geworden.
- 15:08Ich fühle mich mutiger und stärker. Ich fühle mich insgesamt viel besser in meiner Haut.
- 15:13Im zivilen Leben ist man ruhiger und gelassener. Hier kann man immer noch so
- 15:18sein, aber gleichzeitig stärker, härter und belastbarer und niemals Schwäche zeigen.
- 15:24Selbst wenn es schwer ist, wenn man keine Kraft mehr hat und denkt,
- 15:27ich kann das nicht, ich will das nicht, dann reißt man sich zusammen,
- 15:30atmet ein und aus und erinnert sich daran, dass es getan werden muss.
- 15:35Wenn es getan werden muss, dann muss es getan werden. Ich nehme die Hand und,
- 15:38nehme die Hand und nehme die Hand. Es braucht. Es braucht, es braucht.
- 15:44Natürlich ist das jetzt keine Verklärung des Krieges. Also Lena sagt nicht,
- 15:47dass die Angst verschwunden ist. Sie sagt, dass sie gelernt hat,
- 15:50trotz der Angst zu handeln. Heute besteht ihre Arbeit aus Ausbildung,
- 15:55Materialbeschaffung und Organisation.
- 15:58Nach den Lehrgängen fährt sie von einem Truppenstandort zum nächsten.
- 16:00Sie stellt medizinische Rucksäcke zusammen und versucht, zusätzliche Verbandsmittel zu bekommen.
- 16:05Dabei ist sie allerdings auch auf Freiwillige angewiesen.
- 16:09Ich versuche mit Freiwilligen in Kontakt zu bleiben, bitte um Hilfe und manchmal flehe ich fast darum.
- 16:15Sie helfen nach und nach, aber natürlich würde ich mir wünschen,
- 16:18dass unser Staat uns mit dem versorgt, was wir brauchen, anstatt dass wir ständig darum bitten müssen.
- 16:24Lina arbeitet also an einer Schnittstelle zwischen Front und Hinterland.
- 16:27Sie bildet Soldaten für den Einsatz aus, aber sie muss sich auch zugleich darum
- 16:31kümmern, dass diese Soldaten überhaupt ausreichend medizinisches Material mitnehmen können.
- 16:36Und eine ähnliche Verbindung zwischen Fachwissen und praktischer Hilfe gibt
- 16:41es bei Lilia Tchertenko in Kiew.
- 16:44Lilia ist außerordentliche Professorin am Lehrstuhl für Modetechnologie der
- 16:48Nationalen Universität für Technologien und Design.
- 16:51Sie forscht zu orthopädischen Schuhen.
- 16:54Seit Beginn des Krieges entwickelt und produziert sie Schuhe für Menschen,
- 16:57die durch Verletzung Teil ihrer Füße verloren haben. Auch das passiert natürlich
- 17:00immer wieder in diesem Krieg, dass Soldaten an der Front verletzt werden,
- 17:05dass sie ihre Gliedmaßen verlieren.
- 17:06Auch darüber haben wir schon in diesem Podcast öfter mal gesprochen.
- 17:09Auch da packen wir euch entsprechende Folgen in die Shownotes rein.
- 17:13Sie kümmert sich allerdings nicht um diejenigen, die Prothesen brauchen,
- 17:16also denen beispielsweise der
- 17:17komplette Fuß abgenommen worden ist oder das komplette Bein oder die Arme,
- 17:22sondern wenn Teile der Füße verloren gegangen sind und für die baut sie eben
- 17:27oder fertigt sie orthopädische Schuhe an.
- 17:29In ihrer Werkstatt stehen ein 3D-Scanner und eine Messplatte,
- 17:33auf der die Patientinnen und Patienten laufen. So kann Lilia genau erkennen,
- 17:37wie sich die Verletzung auf den Gang auswirkt.
- 17:40Daraus entstehen dann individuell angepasste Schuhe.
- 17:44Für einen Soldat mit einer Teilamputation beispielsweise waren ihre Schuhe die
- 17:47ersten, in denen er nicht ständig gerutscht ist.
- 17:50Für Lilia ist das also auch keine abstrakte Forschungsarbeit, die sie betreibt.
- 18:00Ich beschäftige mich mit der Erforschung orthopädischer Schuhe.
- 18:03Besonders verbunden fühle ich mich mit der Hilfe für Menschen,
- 18:06die ihre Gesundheit für die Ukraine geopfert haben.
- 18:08Deshalb versuche ich, Menschen zu unterstützen, die diese Hilfe brauchen,
- 18:12durch die Entwicklung und Herstellung orthopädischer Schuhe.
- 18:19Oder,
- 18:21orthopedischem zu erforschen.
- 18:29Wird, also biomechanische Prothesen,
- 18:33die mit den Gedanken gesteuert werden können und alles mögliche.
- 18:36Also das ist wirklich schon spannend, was da gerade entsteht,
- 18:40was es da mittlerweile für Möglichkeiten gibt, aber da wird immer auch sehr
- 18:43viel Geld reingepumpt, sehr viel geforscht, Das ist in dem Bereich,
- 18:46in dem Lilia arbeitet, nicht so.
- 18:48Und trotzdem ist es natürlich ganz wichtig, dass es eben diese orthopäische
- 18:52Schuhe gibt. Viele Verbundete brauchen eben einfach keine Prothese,
- 18:55sondern haben eben nur einen Teil des Fußes verloren, können aber in normalen
- 18:58Militärstiefeln nicht laufen und verlieren durch die Belastung weitere Gesundheit.
- 19:03Andere Soldaten wiederum bleiben an der Front tagelang in ihren Stiefeln.
- 19:06Auch darüber haben wir schon öfter mal gesprochen, dass es mittlerweile sehr,
- 19:09sehr schwierig ist für die Soldaten, ihre Position zu verlassen aufgrund der
- 19:13ganzen Drohnen, die in der Luft sind.
- 19:15Manche Soldaten sind dann eben 200 Tage in ihrer Position.
- 19:18Und da kann man sich ungefähr vorstellen, wenn die ihre Stiefel ausziehen,
- 19:22ist das etwas schwierig. Wenn du eine normale Stiefel anhast,
- 19:26kann es natürlich auch sein, dass der Fußteil schwer in Mitleidenschaft gezogen wird.
- 19:29Und Lilia forscht deshalb auch an Schuhen, die unter Extrembedingungen getragen werden können.
- 19:34Ihre Arbeit wird allerdings vom ukrainischen Staat bislang nur begrenzt unterstützt.
- 19:38Sie ist auf private Hilfe, ausländische Unterstützung und Fachleute angewiesen,
- 19:42die Material oder Schulung zur Verfügung stellen.
- 19:45Lilia sagt deshalb, dass kein Projekt allein entsteht.
- 19:55Ein einzelner Mensch kann in Wirklichkeit nicht viel erreichen.
- 19:58Weder eine Frau noch ein Mann. Aber gemeinsam sind wir stark.
- 20:01Durch gegenseitige Unterstützung und Kommunikation entstehen verschiedene Projekte,
- 20:05Form der Hilfe und Form der Zusammenarbeit.
- 20:08Durch diese Zusammenarbeit können wir unseren Beitrag zu unserem künftigen Sieg leisten.
- 20:20Lilia beschreibt damit nicht nur ihre eigene Arbeit. Sie beschreibt ein Netzwerk
- 20:24aus Menschen, das dort einspringt, wo staatliche Strukturen nicht ausreichen.
- 20:28Gleichzeitig ist sie Mutter, ihre Tochter ist jetzt neun Jahre alt und wegen
- 20:32der Drohnenangriffe schlafen die beiden in Kiew immer wieder im Korridor ihrer Wohnung.
- 20:36Der Korridor schützt nicht vor einem direkten Treffer.
- 20:39Er soll aber verhindern, dass Glassplitter durch die Druckwelle in den Raum
- 20:42geschleudert werden. Wie er sagt, Der Das ist, auf jeden Fall, auf alle ukrainien.
- 20:48Ich glaube, es ist alles anders.
- 20:51Frau, sie ist erst mal eine Mutter. Ich kann sagen, dass meine Hauptsache und
- 20:58meine Hauptsache ist. betrifft leider alle Ukrainerinnen und Ukrainer.
- 21:02Wahrscheinlich betrifft er Männer und Frauen unterschiedlich.
- 21:05Eine Frau ist in erster Linie Mutter und als Mutter kann ich sagen,
- 21:09meine wichtigste Aufgabe und meine größte Sorge ist mein Kind.
- 21:13Aber ich bin auch berufstätig. Deshalb versuche ich, an meinem Arbeitsplatz
- 21:16zu helfen und in der Zeit, die mir neben der Arbeit und der Betreuung meines
- 21:20Kindes bleibt, ebenfalls.
- 21:29Diese Sorge steht neben ihrer Arbeit, nicht an ihrer Stelle.
- 21:32Lilia hilft verwundeten Soldaten und versucht zugleich ihre Tochter durch einen
- 21:36Alltag zu bringen, in dem Drohnenangriffe zu Familienleben gehören.
- 21:40Ihr habt ja vielleicht auch in den vergangenen Tagen mitbekommen,
- 21:44dass Kiew gerade jetzt die letzten Wochen massiv angegriffen wird.
- 21:48Also wir waren im Juni zuletzt da, da haben wir eben auch Lilia getroffen und
- 21:53seitdem hat sich die Situation in Kiew sogar noch verschärft.
- 21:56Also es gibt jetzt ganz, ganz häufig Angriffe mit ballistischen Raketen,
- 22:01also mit schweren Geschossen,
- 22:03deren Sprenggriff zu hunderte Kilo schwer sind und die von der ukrainischen
- 22:07Luftabwehr, die ziemlich ausgedünnt ist, weil Patriot-Raketen fehlen,
- 22:10also die Luftabwehrraketen eben nicht abgefangen werden können.
- 22:13Und das führt natürlich dazu, dass es da.
- 22:18Wirklich sehr, sehr schwierige Nächte für die Menschen in Kiew gibt zurzeit.
- 22:21Auch Alina Maximenko kennt diese Verbindung von beruflicher Verantwortung und familiärer Sorge.
- 22:27Alina ist 38 Jahre alt und lebt im Stadtteil Solomjanka in Kiew.
- 22:31Gemeinsam mit einer Partnerin führt sie die Kosmetikmarke M2O.
- 22:35Das Unternehmen produziert Pflegeprodukte für Gesicht, Haare und Körper.
- 22:39Der Krieg hat das Geschäft zunächst beschleunigt. Viele Kundinnen und Kunden
- 22:42wollten Produkte unterstützen, die in der Ukraine hergestellt wurden.
- 22:47Das Unternehmen wuchs also entsprechend schnell. Aber 2023 traf Alina eine Entscheidung,
- 22:52die direkt mit dem Krieg zusammenhing.
- 22:55Die eigene Produktion sollte nicht weiter ausgebaut werden. Stattdessen lagerte
- 22:59das Unternehmen die Herstellung an Vertragsproduzenten aus.
- 23:03Das hat sie deswegen gemacht, weil sie eben in Sorge war, dass ihre Lager getroffen
- 23:07werden könnten und dann eben alles zerstört würde.
- 23:10Das ist ein Beispiel dafür, wie der Krieg wirtschaftliche Entscheidungen verändert.
- 23:14Wachstum ist möglich, aber Investitionen in eigene Produktionsstrukturen werden riskanter.
- 23:24Seit Anfang 2022 hat sich unser Geschäft stark beschleunigt,
- 23:28weil die Kundinnen und Kunden sehr loyal gegenüber allem waren,
- 23:32was in der Ukraine hergestellt wurde.
- 23:34Wir haben sehr hart gearbeitet und es gab ein sehr schnelles Wachstum.
- 23:38Aber 2023 haben wir unter dem Einfluss des Krieges entschieden,
- 23:43unsere eigene Produktion nicht weiter auszubauen, sondern die Herstellung der
- 23:48Kosmetik an Vertragsproduzenten auszulagern.
- 23:51Diese Entscheidung wurde direkt durch den Krieg beeinflusst.
- 23:58Aline erzählt aber nicht nur von wirtschaftlichen Entscheidungen.
- 24:02Zu Beginn der Vollinvasion ist sie mit ihrer Familie für einen Monat nach Beniza gegangen.
- 24:06Das ist eine Stadt, die im westlichen Zentrum der Ukraine liegt und eigentlich
- 24:11vom Krieg nicht wirklich krass betroffen ist. Auch da gibt es immer wieder mal
- 24:15Angriffe, aber eben bei Weitem nicht so viel wie in Kiew oder in Städten wie
- 24:19Odessa, Dnipro, Kharkiv und anderen.
- 24:22Sobald es möglich war, kehrte sie nach Kiew zurück.
- 24:26Heute lebt sie mit den Angriffen auf die Hauptstadt. Sie spricht von Tagen der
- 24:29Verzweiflung und davon, dass Menschen manchmal erst wieder Kraft sammeln müssen,
- 24:33bevor sie weitermachen können.
- 24:35Ich sehr viel und sehr schwer zu beurteilen den ersten Jahrzehnten im Jahr 2022 wir haben.
- 24:46Der Beginn der Vollinvasion im Jahr 2022 war für mich sehr schwer.
- 24:52Wir mussten für einen Monat nach Venezia gehen und ich wollte unbedingt nach
- 24:56Hause, nach Kiew zurück. Bei der ersten Gelegenheit haben wir das getan.
- 25:00Danach haben wir uns an die Bedingungen angepasst, die Angriffe auf Kiew,
- 25:04die sehr häufig und massiv sind.
- 25:07Wir machen uns alle große Sorgen. Es gibt Momente der Verzweiflung und Tage,
- 25:11an denen man sich erholen und Kraft sammeln muss, um weiterzumachen.
- 25:16Aber insgesamt kämpfen wir und glauben an eine bessere Zukunft.
- 25:20Wir glauben daran, dass wir alle Hindernisse überwinden und in einem friedlichen Land leben können.
- 25:30Aline erlebt den Krieg nicht nur als Unternehmerin. Vor kurzem ist eine Drohne
- 25:34in ihrem Wohnblock eingeschlagen, nur zwei Stockwerke über ihrer Wohnung.
- 25:38Sie hat sich schützend über einen zwölfjährigen Sohn geworfen und natürlich
- 25:42ist das schwierig für den Jungen. Sie hat gesagt, er kommt damit eigentlich
- 25:46ganz gut so ran, aber man hat ihr
- 25:48auch schon angemerkt, dass sie natürlich große Angst um den Jungen hat.
- 25:52Gleichzeitig versucht sie, ihr Unternehmen weiterzuführen. Sie sagt,
- 25:55Frauen trügen heute einen besonders großen Teil der Verantwortung im Hinterland.
- 26:01Ich fühle mich, dass Frauen jetzt sehr.
- 26:07Antworten für die, wie wir alle leben Ich habe das Gefühl, dass Frauen heute
- 26:13sehr stark dafür verantwortlich sind, wie wir alle hinter der Front leben.
- 26:17Viele Frauen dienen beim Militär und schützen uns ebenfalls.
- 26:21Aber wie sich ja alles entwickelt, die Unternehmen, die Betreuung unserer Kinder,
- 26:25die Pflege unserer Familien und unser emotionaler Einsatz, um die Lage hinter
- 26:30der Front zu stabilisieren, das liegt sehr stark auf den Schultern der Frauen.
- 26:35Das ist schwer, aber gleichzeitig gibt es uns auch Kraft, weil jede von uns
- 26:40die Aufgabe hat, alles zu tun, damit unser Land weiter existiert,
- 26:45aufblüht und sich nach dem Ende des Krieges entwickelt.
- 26:49Und sie werden sich dann eine schöne Atmosphäre in einer Lande,
- 26:54die alles wieder weitergeht, um sich zu erzeugen und zu entwickeln,
- 26:59um sich zu erzeugen, um zu erzeugen.
- 27:01Alina spricht über das Hinterland nicht als ruhigen Gegenpol zur Front.
- 27:05Kiew wird angegriffen. Unternehmen müssen sich mit Stromausfällen,
- 27:07Luftalarmen und veränderten Lieferketten anpassen.
- 27:11Familien müssen mit Angst umgehen. Im Süden der Ukraine ist der wirtschaftliche
- 27:15Druck noch wesentlich unmittelbarer.
- 27:18Imuzi Kivka im Dorf in der Nähe von Kherson betreibt Tatjana Stramnova die Ziegenfarm Amalthea.
- 27:25Früher hat sie dort Ziegen gezüchtet, Käse hergestellt, Verkostung angeboten und Besucherempfang.
- 27:30Kherson, darüber haben wir auch schon mehrfach gesprochen in diesem Podcast,
- 27:34das ist eine Stadt, wie gesagt, im Süden der Ukraine, die ständig eben von den
- 27:40Russen angegriffen wird.
- 27:41Die liegen also direkt auf der anderen Seite des Flusses, der Kherson vom weiten
- 27:46südlichen Hinterland trennt.
- 27:48Und diese Stadt wird eben ständig attackiert. Mit Drohnen, mit Attlerie,
- 27:51mit allem Möglichen. Da sterben ständig auch Menschen, leider Gottes.
- 27:55Und dieses Dorf war ganz in der Nähe. Also wir haben auch immer wieder da Geschützdonner
- 28:01gehört, als wir da waren.
- 28:03Und ja, Tatjana hatte eben das Problem, dass inzwischen vieles von dem,
- 28:09was sie früher gemacht hat, schlicht nicht mehr möglich ist.
- 28:11Der Strom reicht nicht aus, um Käse zu produzieren. Sie kann das Futter für
- 28:14die Ziegen kaum noch bezahlen.
- 28:16Kunden und Touristen bleiben natürlich aus. Und Tatjanas Mann ist mobilisiert
- 28:20worden, heißt, er ist kürzlich eingezogen worden.
- 28:23Sie ist nun allein für die Farm, die Tiere und ihre beiden Kinder mit Behinderung verantwortlich.
- 28:32Wir befinden uns im Dorf Musikivka auf der Amalthea-Ziegenfarm.
- 28:36Mein Name ist Teriana Sramnova und ich bin die Eigentümerin und Gründerin dieser Farm.
- 28:40Wir beschäftigen uns mit der Ziegenzucht und der Käseproduktion.
- 28:44Früher haben wir auch Verkostungen, touristische Angebote und inklusive Programme organisiert.
- 28:49Im Moment konzentrieren wir uns jedoch ausschließlich auf die Ziegenzucht.
- 28:58Der Neonkis. Die Ziegen und der Käse waren Teil eines Geschäftsmodells,
- 29:06das Landwirtschaft mit Begegnung verbunden hat.
- 29:08Es gab unter anderem dabei auch Yoga-Kurse mit Ziegen.
- 29:13Da konnte man Yoga-Kurse machen, dann hat man so kleine, total süß,
- 29:17Kamerun-Ziegen, die offensichtlich sehr lieb sind und mit denen konnte man dann
- 29:20gemeinsam Yoga machen. Also das war schon irgendwie ganz...
- 29:24Sie hat da auch mit Begeisterung von erzählt und hat wirklich davon geschwärmt,
- 29:27was sie da früher gemacht hat.
- 29:29Der Krieg zerstört dieses Modell nicht mit einem einzigen Angriff.
- 29:32Er macht es Schritt für Schritt unmöglich. Durch Besatzung, fehlende Kunden,
- 29:36Stromprobleme, steigende Kosten und die Mobilisierung ihres Mannes.
- 29:47Es scheint vielleicht, als wären wir an einem ruhigen und friedlichen Ort.
- 29:50Aber vor dem Hintergrund dieser ganzen Aggression ist es hier nicht besonders fröhlich.
- 29:55Wir haben sehr ernste Probleme. Mit den Finanzen, mit dem Futter und mit allem anderen.
- 30:00Im Moment stellen wir keinen Käse her, weil wir nicht genügend Spannung im Stromnetz haben.
- 30:05Außerdem wurde mein Mann mobilisiert. Deshalb können wir die Produkte derzeit
- 30:08nicht ausliefern. Es gibt niemanden, der sie zu den Kunden bringt.
- 30:12Wir haben zwei Kinder mit Behinderungen und ich kann sie nicht alleine zu Hause lassen.
- 30:25Das ist der Punkt, an dem sich Krieg und Familienalltag direkt verbinden.
- 30:29Tatjana kann nicht einfach länger arbeiten, ihre Produkte weiter wegverkaufen
- 30:33oder die Kinder alleine lassen.
- 30:35Die Mobilisierung ihres Mannes verändert nicht nur die Familie,
- 30:39sie verändert auch die wirtschaftliche Existenz der Fahnen.
- 30:43Sie sagt in einem der Gespräche, dass sie Dinge tun muss, die früher Männer gemacht haben.
- 30:47Gleichzeitig ist sie nicht nur Landwirtin, sie ist Mutter, Unternehmerin und,
- 30:53Betreuerin ihrer Kinder.
- 30:55Tatianas Geschichte zeigt, wie der Krieg in einen landwirtschaftlichen Betrieb,
- 30:58und in eine Familie hineinwirkt.
- 31:00Bei Natalia Dicol verändert er dagegen den Zusammenhang, in dem sie ihren Beruf ausübt.
- 31:07Die Ozeanografin arbeitet heute nicht nur an Klimaforschung,
- 31:11sondern auch an den Gefahren, die der Krieg im Schwarzen Meer hinterlassen hat.
- 31:16Natalia Dicoul ist Ozeanografin am Antarctic Center of Ukraine.
- 31:22Sie forscht normalerweise auf dem Forschungsschiff NOSFERA zur Meeresströmung
- 31:26und zum Klimawandel im südlichen Ozean.
- 31:30Sie war zweimal in der Antarktis. Heute arbeitet sie zusätzlich als Beraterin
- 31:34des UNDP für die Unterwasserminenräumung.
- 31:37Das Schwarze Meer ist durch Minen, nicht explodierte Munition und andere gefährliche
- 31:41Überreste des Krieges gelastet.
- 31:44Ich bin Natalia Dikul und arbeite als Ozeanografin am Antarctic Center of Ukraine.
- 31:49Außerdem bin ich als unabhängige Beraterin für das UNDP im Bereich der Unterwasserminenräumung tätig.
- 31:57Natalia arbeitet damit an zwei sehr unterschiedlichen Orten.
- 32:01In der Antarktis untersucht sie Strömungen und die Folgen des Klimawandels.
- 32:05Im Schwarzen Meer geht es um konkrete Gefahren für Menschen,
- 32:08Schiffe und Einsatzkräfte.
- 32:09Das war übrigens auch ganz spannend, als ich da mit ihr geredet habe und sie
- 32:12eben auch gefragt habe zu ihrer Arbeit in der Antarktis, wo die Ukraine übrigens
- 32:17nicht nur ein Forschungsschiff hat, sondern auch eine eigene Station,
- 32:21also eine Forschungsstation.
- 32:23Und ich habe sie dann eben gefragt, was sie da für Entdeckungen gemacht hat.
- 32:25Und sie hat da insbesondere an irgendwelchen Gletschern gearbeitet und sagt,
- 32:29wir seien jetzt, also was das Klima angeht, an einem Kipppunkt angelangt.
- 32:33Und eigentlich müsse man global handeln. Dann habe ich gesagt,
- 32:35naja, wir saßen eben auch am
- 32:36Ufer des Schwarzen Meeres in Odessa und war gerade wieder Luftanahmen und,
- 32:42ich habe dann auch gefragt, naja, also irgendwie saß doch eine globale Aufgabe
- 32:45und die müssen wir doch alle global angehen und es sei doch schon ziemlich schräg,
- 32:49dass wir uns als Menschen stattdessen die Köpfe einhauen,
- 32:52eben nicht nur in der Ukraine, sondern auch in so vielen anderen Ländern.
- 32:55Dann hat sie nur mit den Schultern gezogen und hat gesagt, naja,
- 32:58es ist möglicherweise auch deshalb, weil wir dumm sind.
- 33:02Die Arbeit der Minenschärfer, die ist besonders schwierig, weil die Sicht unter
- 33:06Wasser im Schwarzen Meer oft sehr schlecht ist.
- 33:08Natalia berät sie deswegen zu Strömungen und Wasserschichten.
- 33:12Sie hilft dabei, die Bedingungen zu verstehen, unter denen die Männer und Frauen unter Wasser arbeiten.
- 33:21Es gibt unterschiedliche Arten von Unterwasserexplosivstoffen und Landminen.
- 33:25Der Krieg hat mir ehrlich gesagt mehr Arbeit gegeben und viel mehr Verantwortung für diese Arbeit.
- 33:34Der Krieg hat ihre wissenschaftliche Arbeit also nicht ersetzt.
- 33:38Er hat sie in einen anderen Zusammenhang gestellt.
- 33:41Die Kenntnisse, die Natalia für die Meeresforschung braucht,
- 33:44werden jetzt auch für die Beseitigung von Kriegsgefahren eingesetzt.
- 33:48Sie sagt, das Schwarze Meer sei voller Gefahren, die man von der Oberfläche aus nicht sehen könne.
- 33:53Die Gefahr endet deshalb nicht mit dem Beschuss. Minen und nicht explodierte
- 33:56Munition bleiben auch dann eine Bedrohung, wenn es an der Oberfläche gerade ruhig ist.
- 34:02Natalia hat natürlich auch über die Rolle von Frauen im Krieg gesprochen.
- 34:08Der Krieg beeinflusst uns, weil wir ebenfalls im Krieg kämpfen und gleichzeitig
- 34:12das friedliche Leben unterstützen. Das sind zwei Aufgaben in einer.
- 34:17Diese sechs Frauen erzählen keine gemeinsame Geschichte. Sie kämpfen nicht alle
- 34:20an der Front, sie übernehmen nicht dieselben Aufgaben. Natürlich sind diese
- 34:25Geschichten auch nicht exemplarisch für alle Frauen in der Ukraine.
- 34:28Anna arbeitet für Familien von Vermissten und Kriegsgefangenen.
- 34:32Lena bildet Soldaten aus. Lilia hilft Verwundeten.
- 34:36Alina hält ein Unternehmen am Laufen.
- 34:38Tatjana kämpft um ihre Farm und ihre Kinder.
- 34:42Natalia setzt wissenschaftliches Wissen gegen die Gefahren des Krieges ein.
- 34:46Gemeinsam ist ihnen nicht, dass sie keine Angst haben. Gemeinsam ist ihnen,
- 34:50dass der Krieg ihre Verantwortung vergrößert hat und dass sie handeln,
- 34:54obwohl sie diese Verantwortung erschöpft.
- 34:57Anna Portova sagt, der Wiederaufbau werde auf den Schultern der Frauen liegen.
- 35:02Vielleicht ist das weniger eine Prognose als eine Beschreibung der Gegenwart,
- 35:06denn dieser Wiederaufbau hat längst begonnen in Parlamenten,
- 35:09Werkstätten, Unternehmen, Stellen und Laboren.
- 35:11Die offene Frage ist, ob Frauen nach dem Krieg aus diesen neuen Verantwortungsbereichen
- 35:15herausgedrängt werden oder ob sich die ukrainische Gesellschaft dadurch dauerhaft verändert.
- 35:21Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus.
- 35:25Dieser Podcast wurde produziert von Alexander Baumeis, der ist auch Journalist
- 35:28und arbeitet beim Radiosender der Funke Mediengruppe.
- 35:31Wenn euch dieser Podcast gefallen hat, liked und folgt uns, das hilft in jedem
- 35:35Fall, unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
- 35:37Schreibt mir auch gerne, wenn ihr einen Vorschlag für eine unserer Folgen habt,
- 35:40ihr erreicht uns unter krisenmodus.funkemedien.de Und vielleicht denkt ihr noch
- 35:46einmal über die Frage nach, welche Aufgaben Menschen übernehmen,
- 35:50wenn der Krieg ihre bisherigen Rollen verändert.
- 35:52Was bleibt von diesen Veränderungen, wenn der Krieg irgendwann endet?
- 35:57Passt auf euch auf, bis dann, ciao, ciao.