Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 5 - Von der verkleinernden Tugend
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04Unterkapitel 5 von der Verkleinernden Tugend
- 0:09Zarathustra ist von den glückseligen Inseln
- 0:11zurückgekehrt und wieder auf dem Festland angekommen, doch bevor
- 0:15er direkt zu seiner Höhle hoch oben im Gebirge geht, macht er
- 0:18viele Umwege. Er wandert durch die Gegend, um
- 0:22zu sehen, was sich in der Zwischenzeit bei den Menschen
- 0:24verändert hat. Er stellt sich dabei im Scherz
- 0:27als einen Fluss vor, der in vielen Kurven zurück zu seiner
- 0:30Quelle fließt. Auf seinem Weg sieht er
- 0:32plötzlich eine Reihe von neu gebauten Häusern, er wundert
- 0:36sich sehr über ihren Anblick, die Häuser sind winzig klein, er
- 0:40fragt sich, ob vielleicht ein dummes Kind diese Häuser aus
- 0:43einer Spielzeugschachtel genommen und hier aufgestellt
- 0:45hat, für ihn sehen sie aus wie Puppenhäuser aus Seide oder wie
- 0:50Verstecke für Kleine Naschkatzen, Zarathustra bleibt
- 0:53stehen und wird sehr traurig. Er erkennt ein tiefes
- 0:56philosophisches Problem, alles an den Menschen ist kleiner
- 1:00geworden. Er sieht, dass die Türen dieser
- 1:03Häuser so niedrig sind, dass ein Mensch von seiner Größe sich
- 1:05bücken muss, um überhaupt hindurchzugehen.
- 1:09Diese kleinen Häuser und niedrigen Türen stehen
- 1:11sinnbildlich für den Geist und die Moral der modernen Menschen.
- 1:15Nietzsche kritisiert hier die Gesellschaft seiner Zeit, die
- 1:18Menschen haben ihre wahre Größe, ihre Leidenschaft und ihre
- 1:22großen Ziele verloren. Sie sind zu sogenannten letzten
- 1:26Menschen geworden. Das ist ein wichtiger Begriff
- 1:29bei Nietzsche. Der letzte Mensch ist jemand,
- 1:32der kein Risiko mehr eingehen will, der nur noch
- 1:34Bequemlichkeit, Sicherheit und ein langes, angenehmes Leben
- 1:38sucht, Zarathustra, der den Weg zum Übermenschen lehrt, also zu
- 1:43einem Menschen, der über sich hinauswächst und Großes
- 1:46erschafft, leidet körperlich und seelisch darunter, dass er sich
- 1:49an diese Kleinheit anpassen und sich vor ihr bücken muss.
- 1:53Er sehnt sich nach seiner Heimat in den Bergen, wo er wieder
- 1:56aufrecht stehen kann und sich nicht mehr vor den kleinen
- 1:59bücken muss. Im zweiten Abschnitt dieses
- 2:02Unterkapitels beschreibt Zarathustra, wie er mit offenen
- 2:05Augen durch dieses Volk der kleinen Leute geht, er merkt,
- 2:09dass die Menschen ihm seine Haltung nicht verzeihen, sie
- 2:11sind wütend auf ihn, weil er nicht neidisch auf ihre
- 2:14sogenannten Tugenden ist. Er sagt ihnen offen ins Gesicht,
- 2:18für kleine Leute sind kleine Tugenden nötig.
- 2:21Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass diese kleinen
- 2:23Leute überhaupt notwendig sind. Er fühlt sich unter ihnen wie
- 2:27ein stolzer Hahn auf einem fremden Bauernhof, nachdem die
- 2:30fremden Hennen picken. Trotzdem versucht er höflich zu
- 2:34bleiben, er weiß, dass es keine gute Lebensweisheit ist, sich
- 2:38über jede kleine Unannehmlichkeit aufzuregen oder
- 2:41stachelig wie ein Igel zu reagieren, die Leute reden
- 2:44abends am Feuer über ihn, aber sie verstehen ihn nicht, sie
- 2:48denken nicht wirklich über seine Lehren nach.
- 2:51Seine reine Anwesenheit macht sie unruhig, sie empfinden ihn
- 2:55wie eine dunkle Wolke, die eine Krankheit bringen könnte.
- 2:59Mütter reißen ihre Kinder von ihm weg, weil sie fürchten, dass
- 3:02allein sein Blick die Seelen der Kinder verbrennen könnte, wenn
- 3:06Zarathustra redet, Husten die Menschen, das Husten ist hier
- 3:10ein Bild für ihre Schwäche und ihre Abwehrhaltung gegen alles
- 3:13starke und Frische. Sie deuten ihr eigenes Husten
- 3:17als ein gutes Argument gegen den starken Wind, den Zarathustra
- 3:20bringt, selbst wenn sie ihn loben, tun sie es nur aus
- 3:24Berechnung. Sie wollen eigentlich, dass er
- 3:26sie im Gegenzug noch mehr lobt, sie versuchen ihn zu ihrer
- 3:30kleinen Tugend zu überreden, sie wollen, dass er in ihrem Takt
- 3:34mitläuft, ein Takt, der wie das Ticken einer Uhr klingt,
- 3:37mechanisch vorhersehbar und ohne echte Leidenschaft, Zarathustra
- 3:42aber erkennt. Die Menschen sind innerlich
- 3:44immer kleiner geworden und genau das ist der Ursprung ihrer Lehre
- 3:48von Glück und Tugend. Ihre Tugend ist die sogenannte
- 3:51verkleinernde Tugend, die diesem Kapitel den Namen gibt.
- 3:55Diese Tugend ist eigentlich nur Bescheidenheit und das Verlangen
- 3:58nach Bequemlichkeit, wer aber nur Bequemlichkeit will, der
- 4:02kann nur bescheidene kleine Tugenden haben, wahre Größe,
- 4:06Schmerz, Kampf oder Leidenschaft stören die Bequemlichkeit.
- 4:11Diese Menschen gehen mühsam und steif vorwärts und schauen dabei
- 4:15ängstlich zurück. Sie sind voller Lügen, denn Sie
- 4:18spielen das Gutsein, nur Nietzsche führt hier aus, dass
- 4:21diese Menschen die Männlichkeit und die wahre Stärke verloren
- 4:24haben, die Heuchelei ist überall, die schlimmste
- 4:28Heuchelei ist, wenn diejenigen, die eigentlich befehlen und
- 4:31herrschen sollten, so tun, als würden sie nur dienen, sie
- 4:34nennen ihre Schwäche und ihre Feigheit einfach Güte, sie
- 4:38wollen im Grunde nur eines. Niemand soll ihnen weh tun.
- 4:43Deshalb tun sie allen anderen wohl, um in Frieden gelassen zu
- 4:46werden. Das aber, so Zarathustra, ist
- 4:50keine echte Güte, sondern reine Feigheit, sie haben den wilden
- 4:54Wolf zum braven Hund gemacht und den Menschen zum besten Haustier
- 4:58des Menschen, sie setzen sich genau in die Mitte, abseits von
- 5:02allen Extremen, fernab von tiefem Schmerz, aber auch fernab
- 5:06von höchstem Glück, sie nennen das Mittelmäßigkeit.
- 5:10Und das ist in zarathustras Augen das Schlimmste überhaupt.
- 5:14Im dritten Abschnitt erzählt Zarathustra, dass er den Leuten
- 5:17manche tiefe Wahrheit hinwirft, aber sie können damit nichts
- 5:20anfangen, sie wundern sich, dass er nicht gekommen ist, um über
- 5:24ihre kleinen Freuden und Laster zu schimpfen, sie erwarten einen
- 5:28strengen Prediger, der Ihnen ihre Sünden vorhält, Zarathustra
- 5:32aber sagt, er sei nicht da, um vor Taschendieben zu warnen, er
- 5:36hat für ihre kleinkarierten Sünden nur Verachtung übrig.
- 5:39Wenn er ruft, sie sollen ihre Feigheit ablegen, dann nennen
- 5:42sie ihn gottlos. Zarathustra nimmt diesen Titel
- 5:46stolz an, er nennt sich selbst Zarathustra, der Gottlose für
- 5:51ihn ist der Gott dieser kleinen Menschen, nur ein Symbol für
- 5:54deren Schwäche, er kocht jeden Zufall und jedes Schicksal in
- 5:58seinem eigenen Topf, er nimmt das Leben an, wie es ist und
- 6:02macht es sich zu eigen, anstatt sich einem Schicksal zu
- 6:05unterwerfen. Er schont diese Menschen nicht.
- 6:08Sondern ruft Ihnen zu, ihr werdet immer kleiner, ihr
- 6:11bröckelt ab, eure Nachgiebigkeit und euer ewiges Schonen führen
- 6:16in den Untergang, er benutzt das Bild eines Baumes, ein Baum, der
- 6:20wirklich groß werden will, muss seine Wurzeln um harte Felsen
- 6:23schlagen, nur durch Widerstand, Härte und Kampf entsteht wahre
- 6:28Größe, das Erdreich der modernen Menschen ist aber zu weich und
- 6:32schonend, ihre Moral ist wie ein Spinnennetz, in dem sie sich
- 6:36verfangen. Wenn sie jemandem etwas
- 6:38wegnehmen, nennen Sie es nicht stehlen, sondern eine Tugend.
- 6:42Sie predigen Ergebung, aber Zarathustra durchschaut Sie.
- 6:46Diese Ergebung nimmt dem Menschen seine wahre Natur
- 6:50Zarathustra ruft aus, dass er wünschte, die Menschen hätten
- 6:53wenigstens den Mut zu einem ganzen entschlossenen Willen,
- 6:57selbst wenn es der Wille zur reinen Trägheit wäre, wäre das
- 7:00besser als dieses halbe heuchlerische wollen.
- 7:03Er ruft Ihnen zu, liebt euren nächsten wie euch selbst.
- 7:07Aber werdet erst einmal Menschen, die sich selbst
- 7:09überhaupt lieben können. Man kann nur wirklich lieben,
- 7:13wenn man auch fähig ist, mit großer Leidenschaft zu
- 7:15verachten, wer alles nur ein bisschen mag, liebt in Wahrheit
- 7:19gar nichts, am Ende erkennt saratustra, dass es noch zu früh
- 7:23für ihn ist. Er ist sein eigener Vorläufer,
- 7:27die Menschen verstehen ihn noch nicht, er vergleicht sich mit
- 7:30dem Hahnenschrei, der vor dem eigentlichen Morgen ertönt.
- 7:33Aber er weiß, dass die Zeit der kleinen Leute ablaufen wird.
- 7:37Sie werden immer ärmer, kleiner und unfruchtbarer werden sie
- 7:42werden wie trockenes Gras in der Steppe sein und dann, so
- 7:46Zarathustra, wird die Stunde des Blitzes kommen, das trockene
- 7:49Gras wird brennen, dies ist eine Anspielung auf den großen
- 7:53Mittag, der große Mittag ist bei Nietzsche der Moment der
- 7:57höchsten Erkenntnis und der radikalen Entscheidung.
- 8:00Es ist der Moment, an dem der Mensch erkennt, dass er nur ein
- 8:03Übergang ist und dass er untergehen muss, um Platz für
- 8:06den Übermenschen zu machen. Zarathustra freut sich auf
- 8:10dieses reinigende Feuer, das aus diesen kleinen, bequemen
- 8:13Menschen endlich flammenzungen machen wird, die das Kommen der
- 8:17großen Zukunft verkünden.